Die härteste zeit des Vaterdaseins: 7 effektive Erziehungsregeln für Teenager

Irgendwann entgleitet die Kontrolle
Teenager: einsilbig und grußlos

Dass 12 eine magische Zahl ist, signalisiert nicht nur die Filmfreigabe der FSK. Mit 12 Jahren ändert sich auch das Verhältnis von Sohn zu Vater. 7 effektive Regeln für die neuen Väter der neuen Teenager

Ich habe keinen Sohn. Jede Ähnlichkeit von Akteuren in diesem Aufsatz mit lebenden Personen, die meinen Familiennamen oder die Wohnung mit mir teilen, ist rein zufällig. Das sollte ich Ihnen vorweg sagen, rät mein Rechtsanwalt. Zu dieser Diskretion rät auch mein gesunder Menschenverstand – wenn ich das Verhältnis zu meinem Sohn betrachte. Nicht dass Sie meinen, dieses Verhältnis wäre gestört. Nein, es ist nur anders. Besonders, seit er zwölf ist.

Vorher gab es in unserem Leben Zeiten, in denen er mich kannte, meine Nähe suchte. Und es gab sogar Momente, in denen er mir zuhörte. Das war, bevor er zwölf wurde. Wobei, so generell kann man das nicht sagen. Er redet noch mit mir, besonders an regnerischen Tagen, wenn ich ihn mit dem Auto zur Schule fahren soll. Zirka 300 Meter vor dem Eingang wird die Szene dann einsilbig wie in einem Gangsterfilm aus den 30er Jahren: Der Wagen rollt noch, er springt raus, grußlos, ohne einen Blick zurück. Bei unserem letzten Sonntagsspaziergang an der Elbe – es war garantiert der letzte! – lief ich zehn Schritte hinter ihm her. Nicht, weil mir wegen des Tempos die Luft ausgegangen wäre. Nein, diese Distanz brauchte er für den aufrechten Gang. Um den Helden abzuhängen, dem er früher immer hinterher gerannt war.

Ich habe mit anderen Vätern gesprochen und dicke Bücher gewälzt. Ich erfuhr, dass der Buddhismus eine ideale Quelle für heitere Ruhe und Ausgeglichenheit ist. Besonders, wenn man lernen muss, Dinge zu akzeptieren, die man nicht ändern kann.

Als Vater eines neuen Teenagers und als Konsequenz daraus habe ich die Faustregeln auf den nächsten Seiten für mich entdeckt.

Manche Dinge können Kinder einfach besser
Manche Dinge kann Ihr Sohn einfach besser als Sie. Lassen Sie ihm auch das Gefühl, dass dies so ist.

Gefährliche Liebäugelei mit Jugendsportarten: Bleiben Sie Meister – auf Ihrem Gebiet

Sie wollen Vorbild sein, klar! Aber wählen Sie niemals den falschen Moment, um Ihre Fähigkeiten zu zeigen. Genauso wenig sollten Sie versuchen, Ihren Kindern auf deren Terrain Paroli zu bieten. Das wird peinlich

Regel Nummer 1: Akzeptieren Sie, dass alle Erfolge, die Sie in Ihrem Leben erreicht haben, Ihren Sohn eher schrecken denn erfreuen! Natürlich können Sie stolz auf sich sein. Im Job stehen Sie oben in der Pyramide. Beim Tennis sind Sie unschlagbar, jedenfalls, wenn Sie gegen die üblichen Luschen antreten. Und so schnell wie Sie durchpflügt niemand das Schwimmbad. Darauf soll er etwa stolz sein?

Um sich im Stillen einzugestehen, dass er langsamer schwimmt? Oder überhaupt keinen Bock hat, sich durch Job und Karriere korrumpieren zu lassen? Wenn er gerade anfängt, sich seinen eigenen Platz in der Welt zu erobern, braucht er keine hoch gesteckten Hürden, die ihn entmutigen. Und so wirken Ihre Erfolge nun einmal.

Regel Nummer 2: Überlassen Sie ihm die Meisterschaft in Bereichen, wo seine Talente größer sind als Ihre (der Umkehrschluss von Punkt 1). Die freudige Präsentation in einer Magazinausgabe, die den 55-jährigen Titus Dittmann auf dem Skateboard zeigt, löste bei meinem Sohn Alarm aus: "Das willst du doch nicht etwa auch machen, oder?"

Nein, Skateboard, Ramps, Slides, Fakies, Ollies und was es sonst noch alles gibt, sind nicht meine, sondern seine Welt. Von der sollte man ein wenig Ahnung haben, aber auch nicht zu viel. Denn es baut unheimlich auf, dem Vater mal etwas erklären zu können – und nicht immer nur von ihm zugetextet zu werden.

Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, Nähe per Kleidung zu suchen. Mal abgesehen davon, dass Smitty-Jeans, von erwachsenen Männern auf Hüfte getragen, mitnichten deren umfängliche Probleme beseitigen, wäre dies ein unzulässiges Eindringen in verbotene Welten. Die hippen Schlappen, die Ihr Sohn gern kaufen möchte, gehören nicht an Ihre Füße. "Das sind keine Schuhe für dich!" Ob man solche Sätze als Abfuhr oder Anerkennung wertet, bleibt jedem selbst überlassen.

Regel Nummer 3: Wechseln Sie die Location, wenn Sie mit ihm Zeit verbringen wollen. Wer verreist, lässt gewisse Probleme einfach hinter sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Annika Achterdiek aus der 6 B Ihrem Sohn ausgerechnet auf der Rue Chartreux in Brüssel in die Arme läuft, ist sehr gering. Das macht ihn vielleicht relaxter. Außerdem sieht ihn hier niemand in Ihrer Begleitung.

Dazu kommt: Wenn keiner die fremde Stadt kennt, haben alle gleiche Ausgangspositionen. Er bemerkt, wie Sie sich verlaufen. Er kann die Karte lesen, während Sie fahren. Und die beste Fastfood-Adresse finden Sie ja sogar vielleicht gemeinsam. Allerdings sollte man sich auch auf Reisen auf die seltsamen Paradoxien des Teenager-Lebens einstellen. Die Hormone fahren Achterbahn, lösen Energieschübe aus – oder destruktive Kräfte. Einen weiteren Knaben im ähnlichen Alter mit auf Reisen zu nehmen kann die halbe Arbeit sein. Oder die doppelte.

Fängst du schon wieder an zu meckern? LASS – MICH - IN - RUHE!
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Sie können nicht alles: Andere Leitbilder und positive Bestätigung

Schnüffler! Das haben Sie bestimmt auch schon einmal von Ihren Eltern gedacht. Machen Sie nicht den gleichen Fehler. Und gestehen Sie sich ein, dass Sie Ihren Kindern nicht alles beibringen können

Regel Nummer 4: Outsourcing ist das Gebot der Stunde. Nicht nur in der Wirtschaft. Wie perfekt Sie auch etwas beherrschen, wie umfassend Ihre Kenntnisse auch sein mögen, es gibt garantiert jemanden, der Ihrem Sohn die Matheaufgaben besser vermitteln kann als Sie. Ich jedenfalls habe das Segeln bei einem Kumpel gelernt, der vier Jahre älter war. Und meine erste Fahrstunde fand nicht im elterlichen Auto, sondern im kleinen, aber eigenen Fiat 500 meines Freundes Claus statt.

Wenn Sie erst gar keine Hürden (siehe Punkt 1) aufbauen wollen, fahren Sie mit ihm zum Tennisplatz, schlagen Sie ein paar Bälle und sagen Sie ihm, dass Sie gern mit ihm spielen, wann immer er Lust hat. Und dann heuern Sie einen Lehrer an, der es ihm richtig beibringt. So hat er die echte Chance, ein Tennis-Crack zu werden, statt seinem Vater nonverbal Dinge um die Ohren zu hauen, die eigentlich verbal ausgefochten werden müssten.

Regel Nummer 5: Positive Bestätigung ist der Schlüssel zu vielem. Jeder weiß das. Wenn man gelobt wird, weil man etwas gut gemacht hat, ist man viel aufgeschlossener. Manchmal, gerade bei Teenagern, muss man etwas länger suchen. ("Das war eine echt starke Konstruktion, wie Ihr mit den alten Silvesterböllern das Gartenhaus von Frau Kropp in die Luft gejagt habt.") Ich nehme mir jeden Tag fest vor, Lob stärker als ein Erziehungselement einzusetzen. Aber wie sagte schon der Philosoph Mike Tyson: "Alle haben einen Plan, bis sie einen auf die Nase bekommen."

"Danke, dass du dein Bett gemacht hast. Das ist sehr hilfreich." "Ich habe mein Bett nicht gemacht! Was tust du in meinem Zimmer? Willst du mich kontrollieren?" "Du hast nicht wirklich das Bett gemacht, aber die Laken gerade gezogen, das ist mehr, als du sonst tust, ein guter Anfang." "Was meinst du mit ,mehr, als du sonst tust‘? Fängst du schon wieder an zu meckern? Lass mich in Ruhe!"

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Regel Nummer 6: Erinnern Sie sich noch daran, dass die Welt dunkel, geheimnisvoll und kompliziert scheint, wenn man jung ist? Gehen Sie mal davon aus, dass Sie allenfalls einen Zipfel der Probleme und Empfindungen zu packen bekommen, mit denen sich Ihr Sohn herumschlägt. Egal, ob es nun vermeintliche oder echte Probleme sind. Dazu gehören Ereignisse auf dem Schulhof ebenso wie abendliche Abenteuer oder gefühlsmäßige Wallungen in Richtung Mädchen.

Ein Freundin fragte letztlich ihre 16-jährige Tochter, ob sie jemals Alkohol von zu Hause stibitzt habe. "Mutter, das war vor ungefähr zwei Jahren", sagte das Mädchen und überraschte ihre Mama mit der ausführlichen Beschreibung einer Party, die selbst Janis Joplin nicht verachtet hätte. Dabei ist diese Mutter im ständigen Dialog mit ihrem Kind.

Als Faustregel 6 A möchte ich einfügen: Es ist nicht so wichtig, was Sie sagen oder was er sagt, Hauptsache sie reden miteinander. Ich kenne eine Frau, deren leitendes Prinzip im Umgang mit ihren Kindern es ist, immer und immer wieder zu sagen: "Das ist sehr interessant, erzähl mir mehr darüber." Sogar, wenn die Kinder gerade ankündigen, sich der Symbionesischen Befreiungsarmee anzuschließen oder ohne Schulabschluss nach Palau auszuwandern. Nur glauben Sie nicht, dass Sie trotz solcher Gesprächsbereitschaft mehr als ein Fünftel dessen erfahren, was Ihren Sohn bewegt.

Regel Nummer 7: Unsere Generation hat alles gelernt, nur nicht zu scheitern. Wir wuchsen quasi mit einer Erfolgsgarantie auf. Wenn man nur wollte, einen klaren Kopf behielt und seine Anstrengungen bündelte, konnte man noch alles erreichen. So einfach funktioniert das mit einem Zwölfjährigen nicht. Man mag als Vater ja vieles wollen und muss doch am Ende mancher Tage mit der Tatsache leben, dass die Hausaufgaben mal wieder nicht gemacht sind, die gesunden Snacks nicht gegessen und die Fahrräder oder Skateboards nicht an ihren Platz geräumt wurden.

In solch schweren Stunden sollte man seinem Sohn vielleicht sagen: "Hey, du wirst mich nicht los. Denn ich bin für immer dein Partner. Wir mögen uns bekämpfen. Du magst mich verfluchen. Und ich mag an deinem Verhalten verzweifeln. Aber es gibt keine Kraft auf der Welt, die unsere Verbindung trennt."

Helfen Sie Ihrem Kind
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Suchtgefahren: Zeigefinger nützt nichts

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TV-Moderator Kai Pflaume engagiert sich für die Stiftung SehnSucht, die präventive Beratung gegen Sucht anbietet (stiftung-sehnsucht.de). Seine vier wichtigsten Tipps zum Umgang mit dem Thema:

  1. "Eltern sollten selbst über das Thema Sucht informiert sein – und es nicht kleinreden oder verdrängen. Nur wer informiert ist, kann auch qualifiziert mit seinen Kindern reden."
  2. "Der erhobene Zeigefinger bringt gar nichts. Wichtig ist, dass man den Kontakt mit den Kindern nicht verliert, dass wir sie nicht enttäuschen. Wir müssen wissen, was unsere Kinder bewegt."
  3. "Wir sollten die Augen offen halten und auch offen dafür sein, was in der Schule und im Freundeskreis passiert."
  4. "Wichtiger als die drastische Warnung vor den Folgen von Sucht ist es, den Kindern Hoffnung zu geben. Das macht sie stark. Falsch ist es, aus Angst vor gesellschaftlicher Reaktion ein Suchtproblem zu verschweigen. Eltern sollten wissen, dass sie mit solchen Fragen nicht alleine stehen – und professionelle Beratung bekommen können."
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