Outdoor-Vierkampf: Abenteuersport in Norwegen

Mit dem Kanu auf dem längsten und tiefsten Fjord der Welt unterwegs

Unser Autor erfand den norwegischen Vierkampf. Gletscherwandern, Fliegenfischen, Mountainbiking, Kajaking

Mein erster Gedanke: Das muss ein Irrtum sein. Das geht gar nicht. Irgendwer hat die Notbremse gezogen. Der Zug hat einen Platten. Was weiß ich. Ich weiß nur, es sieht kalt aus draußen. Kalt und kahl. Man möchte einfach nicht aussteigen. Aber Arne drängelt: „Komm jetzt, Kollege, wir müssen raus!“ Und drückt mir sein kleines Aquarium in die Hand. Stimmt, da steht’s: Finse. Das norwegische Nichts – oder Nordeuropas höchstgelegener Bahnhof. Drumherum dreieinhalb Holzhäuser und ein Hotel. Oder besser: Saloon. Als sei man aus Versehen in einen Western geraten. Noch dazu als Böser.

Fotograf Arne schießt bereits mit seiner Kamera wild um sich. High Noon in der Hardangervidda, der größten Hochebene Europas. Und sämtliche Einwohner sind bereits in Deckung gegangen. Fehlt nur Gary Cooper, der uns zum Teufel wünscht: „Haut ab, Fremde! Außer blauen Bohnen und ein paar Beulen ist hier für euch nix zu holen.“

Vor allem Frostbeulen, denke ich. Wirklich verdammt frisch hier oben, dafür, dass laut Kalender Sommer ist. Doch man war gewarnt: Auf der Internetseite von Finse stand etwas von extremen Witterungsbedingungen: „Ein Tag, der mit blauem Himmel beginnt, kann bald in einen Tag mit Schneesturm übergehen.“ Ideal als Trainingsgebiet für Polar-Expeditionen, stand da außerdem. Weltberühmte Polar-Forscher wie Robert Falcon Scott und Roald Amundsen, Fridtjof Nansen und Ernest Henry Shackleton haben sich hier in dieser Gegend auf ihre Fahrten vorbereitet.

Disziplin 2: Mountainbiken durch die Kulissen von Star Wars V

Und jetzt wir, Arne und ich. Auch wir wollen expedieren, zu Land, zu Wasser und auf Eis. Eine Art Freestyle-Vierkampf: Gletscherwandern, Mountainbiken, Fliegenfischen, Kajakfahren. Unser Expeditionsleiter Magnus wartet bereits im Saloon oder besser: im Hotel Finse auf uns. Ein waschechter Wikinger, nur freundlicher: schneeweiße Haare, Augen wie Gletscherbonbons. Er wird uns morgen auf den Gletscher bringen. Und hoffentlich heil wieder runter. Um uns Mut zu machen, erzählt er von einem Italiener, der sich kürzlich das Bein gebrochen hat. Ein Hubschrauber musste ihn aus dem Eis holen – Happy End. Im Krankenhaus schwärmte der Mann: Zwei seiner größten Wünsche seien endlich in Erfüllung gegangen, Gletscherbesteigung und Helikopterflug – beides am selben Tag!

Abenteuer: Gletscherwandern
Abenteuer: Gletscherwandern

Disziplin 1: Abenteuer Gletscherwandern

Am nächsten Morgen sind wir sieben Leute. Die glorreichen Sieben beim Gletscherwandern

Auf dem Weg zum Hardangerjøkulen, Norwegens fünftgrößtem Gletscher. Das Wetter meint es gut mit uns. Heldenwetter, genau genommen. Thermowäsche hätten wir uns sparen können. Wenn nicht müssen. Aber Magnus mahnt noch einmal, das könne sich hier oben jederzeit blitzschnell ändern. Er wartet mit der nächsten Gruselgeschichte auf. Erst letztes Jahr seien zwei Dänen in kurzen Hosen erfroren. Seitdem gäbe es diese Berghütte da drüben, um rechtzeitig Schutz zu finden. Gut zu wissen.
Nach zwei Stunden strammen Wanderns stehen wir am Fuße des Gletschers. Magnus verteilt die Ausrüstung und kontrolliert, ob alles sitzt: Geschirr, Knoten, Helme, Schekel und diese Eiskrallen unter den Schuhen, die schwer nach Folterinstrumenten aussehen. Fakir-Sandalen! Jeder bekommt noch einen Eispickel in die Hand gedrückt. Dann werden wir auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden. Wie eine Sträflingskolonne. Als sollten die glorreichen Sieben abgeführt werden.

In Wahrheit beginnt ein einzigartiger Aufstieg. Wie ein Vierzehnfüßler schlängeln wir uns über den Buckel des Gletschers. In einer Art anspruchsvoller Polar-Polonaise. Damit keiner aus der Reihe tanzt, dreht Magnus an kritischen Stellen, etwa an Schneebrücken, zur Sicherung der Gruppe Schrauben ins Eis. So kann es passieren, dass man auf schmalen Eisgraden stoppt, die man am liebsten nicht oder nur im Laufschritt passieren möchte.

Links und rechts unserer Füße werden die Spalten tiefer. Jeder Tritt sollte sitzen. Tut er aber nicht. Kollege Knips alias Arne erwischt es als Ersten. Er will gerade ein Foto machen und gerät dabei ins Glitschen. Seine Kamera landet in frischer Gletschermilch, und kurz darauf entfleucht ihm als Zugabe auch noch sein Handy aus der Jacke. Wie ferngesteuert und in Zeitlupe gleitet es in die nächstgelegene Gletscherspalte. Halb so schlimm, trösten wir ihn. Anrufen kann man ihn ja noch, nur rangehen ist schlecht. Erst in ein paar tausend Jahren wieder, sagt Magnus. Und fragt Arne, ob er denn die Mailbox angestellt hat.

Abenteuer: Gletscherwandern
Um mich herum herrlichste Blautöne. Gefrorene Geschichte

Adrenalin pur!

Obwohl: Snowdown trifft es eigentlich besser. Wenig später stehe ich mit dem Rücken zu einer ausgewachsenen Schlucht aus scharfem Eis, etwa 20 bis 30 Meter tief. Ein gähnendes Monster mit eisigem Atem. Jetzt muss ich mich, sagt Magnus, „nur noch“ rückwärts ins Seil fallen lassen. Verstand, Instinkte und Selbsterhaltungstrieb meinen aber etwas ganz anderes, nämlich: Lass es sein, du Depp! SOS, klopft das Herz empört. Und eine gut gemeinte Portion Adrenalin schwappt durch die Blutbahn. Ist es Ohnmacht? Ist es Absicht? Ich weiß nur, dass ich rückwärts in das Seil falle, ungefähr 1500 Jahre tief. In den Schlund des Gletschers. Allemal eine mulmige, aber magische Erfahrung. Am Mittelalter vorbei. Um mich herum herrlichste Blautöne. Gefrorene Geschichte.

Abends sitzen wir im Saloon mit Blick auf den Hardangerjøkulen, der sich im See spiegelt. Ein dreidimensionales Gemälde in Grün und Blau. Ich selbst mittendrin. Die einzig erkennbare Bewegung geht von einigen Forellen aus, die sich hier im Synchronspringen üben. Offenbar wimmelt das Wasser von Fischen. Voller Vorfreude denke ich an unsere übernächste Disziplin, das Fliegenfischen. Vorher fischen wir uns aber noch ein Mountainbike.

Einer der steilsten Gleisstrecken der Welt folgen: dem Rallarvegen

Disziplin 2: Downhillbiking

Von Finse aus ist Flåm 56 Kilometer entfernt. Die Strecke ist weltberühmt.

Der so genannte Rallarvegen führt an dem alten Transportweg entlang, der vor gut einhundert Jahren für den Bau der Bergensbahn angelegt wurde. Heute ist er ein beliebtes, weil befahrbares Kulturdenkmal. Und das Beste, finden jedenfalls Arne und ich: Sechs Siebtel der Strecke führen mehr oder weniger steil bergab. Es geht vorbei an Gebirgsseen und ganzjährigen Schneefeldern, an dramatischen Schluchten, beeindruckenden Wasserfällen und verlassenen Bahnwärterhäuschen. Genauer gesagt: mitten durch die Kulissen von George Lucas’ „Star Wars V – Das Imperium schlägt zurück“ – die Schlacht um den Eisplaneten Hoth wurde vor gut 25 Jahren in dieser Gegend gedreht.

Vorbei an Seen, Schluchten und Wasserfällen

Einziges Problem dabei ist, dass man vor lauter Begeisterung für die Landschaft noch die Piste im Auge behalten sollte. Man muss schon sehr großes Glück haben, um in dieser Felswüste ausgerechnet in einem Bach oder Moosbett zu landen. Und Arne, ein BMX-Veteran, gibt mächtig Gas. Es handelt sich mehr um Fahrradfliegen als Fahrradfahren, man gerät auf dieser Strecke schnell in eine Art Geschwindigkeitsrausch. Die Landschaft verändert sich wie im Zeitraffer, Bäume und Berge schießen aus dem Boden. Es wird merklich wärmer, und wir riechen frisch gemähtes Gras. Das letzte Stück nach Flåm gerät dann zum Landeanflug. Nach rund fünf Stunden sind die Wolken nicht mehr unter, sondern über uns.

Die Königsdisziplin unter Anglern: Fliegenfischen
Das Fliegenfischen hat seinen Namen von seinem Köder, der einer Fliege ähnelt.

Disziplin 3: Fliegenfischen

Tags drauf holt uns Eric, unser Angelcoach, in Flåm an der Rezeption vom Hotel Fretheim ab. Auf geht's zum Fliegenfischen

Ursprünglich war das Anwesen mal eine Farm, die seit Ende des 18. Jahrhunderts von englischen Lords zum Lachsangeln genutzt wurde. Fliegenfischen ist die Königsdisziplin unter Anglern. Allerdings nicht ganz einfach, sagt Eric. So eine Art Lassowerfen mit Haken. Er will uns die Basics erklären. Das fängt beispielsweise bei der Hose an: Orange sei schon mal nicht so gut, meint er und sieht kritisch an mir herab. Davon würden die Fische ja farbenblind. Will sagen, meine Hose ist zu auffällig. Da hilft auch die beste Technik nichts.

Wir machen Trockenübungen auf einer Wiese. Erstens: Handgelenk absolut steif halten, wie beim Tennis. Zweitens: Unterarm samt Rute kaum bewegen, von der Zehn-Uhr-Stellung über High Noon (da haben wir es wieder!) bis maximal halb zwei. Ansonsten geht die gesamte Energie verloren, und die Fliege schlingert wie besoffen, erklärt Eric. Drittens: Man bekommt sie nicht dahin, wo sie hin soll.
Der Rest ist dann reine Übungssache. Und zudem nicht so ganz ungefährlich. „Hier“, sagt Eric und drückt mir die Rute in die Hand.

Aller Anfang ist schwer!

Neben uns rauscht der Fluss. Viel lauter allerdings ist die Leine, die mir haarscharf am Kopf vorbeipeitscht.

Scheint so, als wollte ich mich selbst kasteien. Wenn man dabei nicht höllisch aufpasst, hat man schnell die falsche Fliege als plüschiges Piercing im Ohr. Noch häufiger bleibt sie in Büschen, Grasbüscheln und Ästen hängen, also überall dort, wo sich auch die richtigen Insekten verstecken würden, wenn sie verfüttert werden sollen. Schon nach kurzer Zeit habe ich einen Angelarm. Und erste Erfolge. Die Leine macht grob das, was ich will. Und nicht umgekehrt. Ohne die orangefarbene Hose könnte ich den Haken weit genug werfen, um möglicherweise etwas zu fangen. „Versuch’s einfach mal“, sagt Eric und geht in Deckung.

Arne steht mit Kamera und seinem Aquarium (damit will er halb Über-, halb Unterwasserbilder machen) nicht nur im Wasser, sondern auch in Wurfrichtung. Mutig, der Mann! Mein Arm bewegt sich wie bei einem Verkehrspolizisten mechanisch auf und ab. Allen Spöttern zum Trotz fange ich meinen ersten Fisch, eine Lachsforelle aus der Krabbelgruppe. Verboten klein und darum nicht ganz stubenrein. Jedenfalls wehrt sie sich in meiner Hand auf ihre Art.

Insgesamt aber entwickelt sich die Angelpartie nicht wie gewünscht. Statt wie erhofft gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen, finden wir uns abends am Büfett wieder. Statt Wild- gibt es nur Zuchtlachs, und statt des Trapper- bleibt uns nur das Touristengefühl. Aber egal, schließlich müssen wir uns stärken für die letzte Disziplin unseres norwegischen Vierkampfes: eine Kajaktour auf dem Sognefjord, dem längsten und tiefsten Fjord der Welt.

Der Sognefjord ist so groß und vor allem so tief, dass man sogar mit ausgewachsenen Kreuzfahrtschiffen rechnen muss

Disziplin 4: Kajaking

Am nächsten Morgen ist das Wetter komplett gekippt. Doch es gibt ja wasserfeste Kleidung

Und eine Kulisse, die mit oder ohne Regen erhaben ist. Leise gleiten wir im Kajak durch eine großartige Natur. Neben uns klettern die Felswände bis in den Himmel. Schäumende Wasserfälle stürzen sich ins Meer. Alles bestes Trinkwasser. Irgendwie wirkt diese Welt hier richtiger als anderswo. Da kann man glatt ins Schwärmen kommen. Besser noch, man lässt es sein und denkt sich seinen Teil. Ganz im Sinne unseres Vierkampfes: Reden ist Silber, schweigen (und selber paddeln) ist Gold.

Norwegen: Reise-Infos: Der Ruf des Nordens

Beste Reisezeit ist Juli bis September. Kalt ist’s so weit nördlich auch dann

Anreise: Mit Scandinavian Airlines (SAS) von allen größeren Flughäfen nach Bergen (ab 200 Euro), weiter mit dem Zug (175 Kilometer) nach Flåm. Von dort geht’s per Bahn nach Finse (hin/zurück 30 Euro).
Unterkunft: Flam: Hotel Fretheim (www-hotel-fretheim.no), Doppelzimmer ab 80 Euro; Finse: Hotel Finse 1222 (www.finse1222.no), Doppelzimmer ab 100 Euro.
Gletschertouren: Geführte, 6- bis 7-stündige Wanderungen gibt’s von Juli bis September täglich ab Finse für etwa 40Euro inklusive Ausrüstung (www.joklagutane.no).
Mountainbiking, Fliegenfischen, Paddeln: Fjordtours (www.fjordtours.com) bietet individuelle Pakete an – inklusive Fahrrad, Boot und Ausrüstung. Beispiel: sehr gutes Leih-Mountainbike für drei Tage, zirka 140 Euro.
Infos: www.visitflam.no

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