Leichtsinn: AIDS? Ich doch nicht!

Kondome können Leben retten
Kondome können Leben retten

Um keine Latex-Mütze anziehen zu müssen, lullen sich viele mit abenteuerlichen Beschwichtigungen ein, warum gerade sie sich nicht mit Aids beschäftigen müssen. Ein mächtiger Fehler

Sie nicht. Natürlich nicht. Sie wird es nicht erwischen. Das haben vermutlich alle gedacht, bevor sie das Ergebnis erfuhren: HIV-positiv. Ehe Sie also denken, Aids sei für Sie kein Thema, schauen Sie sich lieber die häufigsten Ausreden an. Ihre ist ganz bestimmt auch darunter!

Ich bin äußerst reinlich und achte auch bei anderen darauf
Das ehrt Sie, nur hat keine Geschlechtskrankheit etwas mit Sauberkeit zu tun, auch Aids nicht. Selbst wenn Sie vor und nach dem Sex gemeinsam mit Sagrotan duschen: Ihre Partnerin könnte infiziert sein – und wenn Sie sich nicht mit Kondomen schützen, Sie vielleicht auch bald.

Ich bestehe auf einem Test
Der bescheinigt nur, dass die untersuchte Person zwölf Wochen vor der Blutabnahme nicht infiziert war. So lange braucht der Körper, um Antikörper gegen das HI-Virus aufzubauen, nach denen der Test fahndet. Wer sicher sein will, dass er nicht infiziert ist, muss nach dem Test zwölf Wochen konsequent geschützt lieben und sich dann erneut testen lassen. Fällt auch das Ergebnis negativ aus, kann man den Sekt aufmachen.

Dennoch gibt es einen guten Grund, sich testen zu lassen: „Je früher man von der Erkrankung weiß, desto besser sind die Chancen bei der Behandlung“, sagt Dr. Annette Haberl von der HIV-Ambulanz in Frankfurt. Testen lassen können Sie sich zum Beispiel beim Gesundheitsamt, dort ist es kostenlos, anonym, und Beratung gibt es dazu.

Man kann doch schon sehen, ob einer Aids hat
Bis zum Ausbruch der Erkrankung können Jahre und sogar Jahrzehnte vergehen – in dieser Zeit bemerkt man von der HIV-Infek-tion auf keinen Fall etwas, oft wissen ja nicht einmal die Betroffenen selbst davon.
Und selbst wenn die Erkrankung ausgebrochen ist, muss man es nicht sehen. Die dunklen Flecken eines Kaposi-Sarkoms auf der Haut, die etwa Tom Hanks in „Philadelphia“ verraten haben, sind heute selten. Auch andere typische Begleiterkrankungen haben die Mediziner inzwischen besser im Griff. Kurz: Auch ein noch so intensiver Blick in die Augen verrät nicht, ob Ihr Flirt HIV-positiv oder bereits an Aids erkrankt ist.

Aids betrifft doch sowieso nur die Schwulen und die Fixer
Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts geht die Rate für heterosexuelle Ansteckung (derzeit bei 18 Prozent) nach oben, während der Anteil der Infektionen durch homo- oder bisexuelle Kontakte im Vergleich zu früher gesunken ist und seit zehn Jahren in etwa gleich bleibt. Auch die Zahl der Ansteckungen über infizierte Fixerbestecke nimmt ab.

Ich benutze immer Kondome – also, fast immer, eigentlich
Das kann gut gehen – genauso wie russisches Roulette: einmal ohne kann reichen. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit im Einzelfall gering ist, das ist nur Statistik. Und Sie haben nur ein einziges Leben.

Männer stecken sich nicht so leicht mit Aids an wie Frauen
Noch ein Fall von russischem Roulette, selbst wenn es stimmen würde. Doch die Experten sind sich nicht sicher. „Bei Studien in Industrieländern scheint es so zu sein, bei Studien in Afrika ist die Relation fast gleich, wenn nicht umgekehrt“, sagt Dr. Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut. „Das Infektionsrisiko wird von Faktoren beeinflusst, die wir noch nicht kennen.“

Meine Partnerin und ich sind uns seit eh und je absolut treu
Können Sie wirklich die Hand ins Feuer legen für Ihre Frau – oder für sich selbst? Auch wenn Alkohol im Spiel ist? Die Antwort kann nur nein lauten, alles andere ist gegen die menschliche Natur. Nicht der Seitensprung ist die Ausnahme, sondern wenn tatsächlich beide Partner über viele Jahre absolut monogam leben. „Alles wäre nicht so schlimm, wenn die Paare nur miteinander reden würden“, meint Jörg Korell von der Aids-Hilfe Hamburg.

„Viele, die bei unserer Telefonberatung anrufen, haben größere Angst, dem Partner den Fehltritt zu gestehen, als vor Aids.“ Reden ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma. Denn wenn Sie in einer monogamen Beziehung plötzlich mit Kondomen kommen, müssen Sie das ja erklären. Spielen Sie den GAU vorher zusammen durch. Wenn Sie wissen, dass Ihre Liebste nicht gleich die Koffer packen wird, sondern bei aller Verletztheit auch Ihr Verantwortungsgefühl zu schätzen weiß, fällt das Geständnis etwas leichter. Die Beichte können Sie sich ganz sparen, wenn Sie beim Seitensprung kühl genug bleiben, um ein Kondom zu benutzen.

Es gibt doch Medikamente
„Stimmt, aber das sind keine Smarties“, sagt Annette Haberl. Da sind die üblichen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Durchfall, Übelkeit, Hautausschläge etc. Mehr Sorgen machen den Ärzten aber langfristige Nebenwirkungen, von denen man viele bisher noch nicht mal kennt. Die Erfahrungen mit der Aids-Therapie sind einfach zu jung.

Deshalb weiß auch keiner, wie lange Medikamente die Viren in Schach halten können, wie alt jemand mit HIV im Blut werden kann. Und: Nicht bei jedem schlagen die Wirkstoffe überhaupt an. Impfungen? „Das ist Zukunftsmusik“, sagt Haberl. Die aktuelle Ansicht von Jugendlichen, die zu 63 Prozent Aids nicht als gefährliche Krankheit einstufen, ist also mehr als optimistisch.

Meine Abwehr ist absolut
Das ist eine typische Männer-Ausrede! Sie halten sich für stark, nichts kann sie umhauen. „Alle anderen kriegen Grippe, nur ich nicht“ – das ist für sie der Beweis ihrer Unverletzlichkeit. „Das Immunsystem war aber bei allen Infizierten mal ganz toll“, sagt Haberl. „Das Virus greift ja gerade die Zellen an, die den Körper vor Infektionen schützen sollen.“ Fazit: „Wie schnell man sich mit anderen Viruserkrankungen ansteckt, erlaubt keinerlei Rückschlüsse auf das Risiko, sich mit Aids anzustecken.“

Ich kenne keinen mit Aids
Mag sein. Kann aber genauso sein, dass Sie voll daneben liegen. Wer HIV-positiv ist, malt sich das nicht aufs T-Shirt. „Die meisten erzählen es nur im engsten Familien- und Freundeskreis“, sagt Jörg Korell. „Etwas anderes würde ich auch keinem raten.“ Denn obwohl sich die allgemeine Hysterie gelegt hat, ist Aids doch noch immer keine Krankheit wie jede andere.

Darum versuchen viele Infizierte, einfach nur ihre Medikamente zu nehmen, sorgsam mit ihrem Körper umzugehen und ansonsten ein normales Leben zu führen – ohne dass sich die Kollegen gleich bedeutungsvolle Blicke zuwerfen, wenn man mal einen Schnupfen hat.

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