Übersetzungshilfe: Arbeitszeugnis richtig lesen

Anspruch auf ein Arbeitszeugnis?
Das Arbeitszeugnis ist das, was ein potenzieller Chef als erstes von Ihnen in der Hand hat

Nur wer den Geheim-Code der Chefs kennt, weiß wirklich, was im Arbeitszeugnis steht. Wir helfen Ihnen bei der Übersetzung

Wer glaubt, der Zeugnisstress sei mit dem Ende der Schulzeit vorbei, hat sich getäuscht. Denn wenn im Arbeitsleben die so genannte Leistungsbeurteilung mies ausfällt, kann das üblere Folgen haben als eine Ehrenrunde in der Penne. Laut Rainer Schmidt-Rudloff von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände spielen Arbeitszeugnisse eine große Rolle: "Sie sind das Erste, was man vom potenziellen Mitarbeiter in der Hand hat. Von ihnen hängt mit ab, ob jemand zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird." Das Zeugnis ist also eine Art Visitenkarte.

Der Schreibstil: Es hat sich ein typischer Stil entwickelt, der sich an dem Grundsatz der Rechtsprechung orientiert, dass Arbeitszeugnisse wahr und berufsförderlich zugleich sein sollen. Sie dürfen niemals vernichtend ausfallen. Bestimmten Worten oder Wortkombinationen kommt dabei eine spezielle Bedeutung zu.

Um seine Beurteilung wirklich verstehen zu können, muss man die Vokabeln der Zeugnissprache genau kennen. Ein Beispiel: Will der Chef die Leistungen seines Ex-Mitarbeiters mit einer glatten Eins bewerten, so gebraucht er Formulierungen, wie „stets zur vollsten Zufriedenheit“. Fehlt lediglich das Wörtchen stets, ist dies schon eine Note schlechter. Viele Personalchefs freuen sich, wenn man ihnen eine Vorlage liefert. Wegen der trickreichen Wortwahl sollten Sie sich bei einer Gewerkschaft oder durch einen Anwalt beraten lassen.

Geheimsprache Arbeitszeugnis –
Das Wörterbuch:

„stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“
sehr gute Leistungen

„voll und ganz zufriedenstellend“
gute Leistungen

„ausdauernd und gut belastbar“
gute Belastbarkeit

„zur vollen Zufriedenheit“
befriedigende Leistungen

„durchaus pflichtbewusst und zuverlässig“
Zuverlässigkeit befriedigend

„Verhalten war insgesamt einwandfrei“
Verhalten ausreichend

„zu unserer Zufriedenheit“
ausreichende Leistungen

„zeigte Belastbarkeit“
nur ausreichend belastbar

Rechtslage: Böse Worte
Diese Formulierungen sind unzulässig:

„Er bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden.“
Er hat versagt.

„Er hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten eingesetzt.“
ungenügende Leistungen

„Er war seinen Mitarbeitern jederzeit ein verständnisvoller Vorgesetzter.“
Führung ohne Autorität und Durchsetzungsvermögen

„Sein Verhalten gegenüber den Mitarbeitern war stets einwandfrei.“
… nicht aber gegenüber den Vorgesetzten.

„Bei Problemen war er stets kompromissbereit.“
Er war besonders nachgiebig.

„Für seine Mitarbeit bedanken wir uns.“
Besten Dank, nie wieder!

Buchtipp: Andrea Nasemann: „Arbeitszeugnisse“, Südwest Verlag; Auflage: 1., Aufl. (5. Juli 2005), EUR 9,95.

Jeder Zweite hält sich für unterbezahlt – so das Ergebnis unserer Video-Umfrage
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