Mit dem Hausboot unterwegs: Bootstour in Irland

Sind sie seefest?

Steuermann Jens Clasen und seine beiden Kumpels sind auf Bootstour in Irland. Sie schippern mit einem Hausboot über Flüsse und durch Kanäle

Die Welt ist größer geworden, seit wir an Bord sind. Zu zwei Dritteln besteht sie aus Wasser – und das gehört nun uns. Wir dümpeln auf einem Arm des River Shannon an Irlands grünen Wiesen entlang. An Bord wächst die Welt, auch weil wir nur langsam vom Fleck kommen. Die Landschaft zieht gemächlich vorbei und verändert sich doch ständig. Bei Höchsttempo, zirka 15 km/h, schnauft und röhrt der Dieselmotor, als zöge er einen Wal einen Berg hoch. Deshalb fahren wir lieber etwas geruhsamer und werden öfter von Opas auf Fahrrädern überholt, die an Land neben den Flüssen und Kanälen vorbeischleichen.

Sind sie seefest?
Die Drei vom Boot. Wird es gutgehen?

Nach einem Tag auf dem Wasser haben wir das Gefühl, halb Irland durchquert zu haben, dabei waren es nur zwölf Kilometer. Nach einer Woche fühlt sich die Fahrt über Flüsse und Seen an wie eine Weltreise – und doch haben wir uns lediglich in einem Radius von 20 Kilometern bewegt. Wir haben die Welt gesehen, die Welt ist klein und groß zugleich. Aus der Bordanlage tönt Coldplay. Die Musik schmiegt sich in die Landschaft wie ein Kind in die Arme seiner Mutter. Wer auf einem Hausboot reist, der ist in der ganzen Welt zu Hause.

Wasser-Fahrschule

Schleusen sind wie Stau nach Feierabend – sie verlangen volle Konzentration. 

Anfangs denken wir, das Lenken sei schwer, weil der Kahn immer macht, was er will, erst zu spät reagiert und dann zu heftig. Als es leichter von der Hand geht, glauben wir, am härtesten seien die Schleusen – Wasser raus, Schleusentore auf, Boot rein, Tore zu, Wasser rein, Tore auf, Boot raus – das schlaucht! Aber nach drei Schleusen sehen wir’s gelassener, wollen uns auf einem See eine Pause gönnen. Mal anhalten, Beine vom Oberdeck baumeln lassen. Wir erkennen: Anhalten ist schwer!

Lagebesprechung
Einsatzbesprechung vor der Havarie

An die Kette gelegt

Jetzt zeigt sich, ob die drei Landratten wirklich mit allen Wassern gewaschen sind.

Der Anker fällt, aber er findet keinen Halt. Die unsichtbare Strömung treibt uns auf die Böschung zu. Maschine an, voller Schub zurück. Wo ist die Bremse? „Es gibt keine Bremse“, presst Andi zwischen den Zähnen hervor. Ein Boot ist immer in Bewegung. Es ist ein Teil der Bewegung des Wassers, auf dem es gerade schwimmt. Steuern, Gas geben, Leinen anlegen, wieder losmachen – alles hilflose Gesten. Das Boot ist im Wasser gefangen wie der Mensch in der Zeit. Ein aussichtsloser Kampf, Siege sind nie von Dauer. Wir können nur beeinflussen, wie stark die Bewegung ausfällt oder in welche Richtung sie geht. Zum Anhalten muss der Anker greifen.

Auch das ist nur ein vorgetäuschtes Manöver, ein vages Auf-den-Punkt-Bringen. Denn ein ankerndes Boot dümpelt und rotiert um die Ankerkette. Zuerst greift der Anker nicht, er fällt ins Leere, bis das Ende der Kette erreicht ist. Als er schließlich im flacheren Gewässer auf Grund stößt, heißt das noch lange nicht „stopp!“. Wir ziehen ihn hinter uns her wie ein Schlossgespenst seine rostige Kette. Ein Spuk ist es auch, als das Boot schließlich anhält, die Maschine sich gegen ein unsichtbares Hindernis bäumt. Alle schwitzen und sind erleichtert. Wir liegen in unserem Boot wie in einer riesigen Badewanne. Und ich bin der Kapitän.

Die Kombüse ist winzig
Der Smutje kann sich immerhin drehen

Wohnwagen-Atmosphäre mit Seeblick

In Ballinamore, etwa 150 Kilometer landeinwärts von Dublin, haben wir unser Hausboot bezogen. Es ist für ein Boot sehr geräumig – und doch etwas ganz anderes als eine hanseatische Altbauwohnung. Zwei kleine Kabinen im Heck, die sich einen mittig gelegenen Kleiderschrank teilen, ein Duschraum mit WC backbords davor, mittschiffs ein Aufenthaltsraum, wo sich eine Eckbank um einen Tisch wickelt.

Wohnwagen-Atmosphäre, aber stets mit Seeblick. Das ist also unser Versammlungsraum, die Offiziersmesse. Steuerbords vom Tisch ist das Innenruder, ein großes Silberrad; links davon geht es drei Stufen hinunter in die Kombüse, dahinter liegen noch ein weiterer Duschraum und eine dritte, etwas größere Kabine.

Beim Landgang Proviant besorgt
Beim Landgang wird der Proviant aufgefüllt

Versorgt wird sich hier selbst

Die Duschen speisen sich aus dem Tank mit 700 Litern frischem Trinkwasser.

Die WCs werden mit Handpumpen gespült, mit frischem Flusswasser. In der Kombüse wird jedes bisschen Platz als Stauraum genutzt, es gibt dutzende Ecken und Fächer und eine große Kühlbox. Obwohl wir gerade im Supermarkt einen Einkaufswagen voller Vorräte gekauft haben, bekommen wir alles verstaut.

Am Bug weht die Totenkopfflagge, wir haben den Kahn mit einer Dose Bier auf den Namen „MS St. Pauli“ getauft. Drei Mann in einem Boot – reloaded. Weiter geht’s. Die Vorratskammern sind voll, zudem warten Millionen Fische in Irlands Gewässern darauf, von uns gebraten zu werden.

Schleusen: Wasser-Fahrschule

Schleusen sind wie Stau nach Feierabend – sie verlangen volle Konzentration

Nicht die einfachste Übung, aber nach drei Schleusen sehen wir's gelassener

Anfangs denken wir, das Lenken sei schwer, weil der Kahn immer macht, was er will, erst zu spät reagiert und dann zu heftig. Als es leichter von der Hand geht, glauben wir, am härtesten seien die Schleusen – Wasser raus, Schleusentore auf, Boot rein, Tore zu, Wasser rein, Tore auf, Boot raus – das schlaucht! Aber nach drei Schleusen sehen wir’s gelassener, wollen uns auf einem See eine Pause gönnen. Mal anhalten, Beine vom Oberdeck baumeln lassen. Wir erkennen: Anhalten ist schwer!

Reifeprüfung: An die Kette gelegt

Jetzt zeigt sich, ob die drei Landratten wirklich mit allen Wassern gewaschen sind

Der Anker fällt, aber er findet keinen Halt. Die unsichtbare Strömung treibt uns auf die Böschung zu. Maschine an, voller Schub zurück. Wo ist die Bremse? „Es gibt keine Bremse“, presst Andi zwischen den Zähnen hervor. Ein Boot ist immer in Bewegung. Es ist ein Teil der Bewegung des Wassers, auf dem es gerade schwimmt. Steuern, Gas geben, Leinen anlegen, wieder losmachen – alles hilflose Gesten. Das Boot ist im Wasser gefangen wie der Mensch in der Zeit. Ein aussichtsloser Kampf, Siege sind nie von Dauer. Wir können nur beeinflussen, wie stark die Bewegung ausfällt oder in welche Richtung sie geht. Zum Anhalten muss der Anker greifen.

Lagebesprechung
Einsatzbesprechung vor der Havarie

Auch das ist nur ein vorgetäuschtes Manöver, ein vages Auf-den-Punkt-Bringen. Denn ein ankerndes Boot dümpelt und rotiert um die Ankerkette. Zuerst greift der Anker nicht, er fällt ins Leere, bis das Ende der Kette erreicht ist. Als er schließlich im flacheren Gewässer auf Grund stößt, heißt das noch lange nicht „stopp!“. Wir ziehen ihn hinter uns her wie ein Schlossgespenst seine rostige Kette. Ein Spuk ist es auch, als das Boot schließlich anhält, die Maschine sich gegen ein unsichtbares Hindernis bäumt. Alle schwitzen und sind erleichtert. Wir liegen in unserem Boot wie in einer riesigen Badewanne. Und ich bin der Kapitän.

Raumverteilung: Wohnwagen-Atmosphäre mit Seeblick

Das Hausboot hat drei Kabinen und zwei Badezimmer – Luxus pur

In Ballinamore, etwa 150 Kilometer landeinwärts von Dublin, haben wir unser Hausboot bezogen. Es ist für ein Boot sehr geräumig – und doch etwas ganz anderes als eine hanseatische Altbauwohnung. Zwei kleine Kabinen im Heck, die sich einen mittig gelegenen Kleiderschrank teilen, ein Duschraum mit WC backbords davor, mittschiffs ein Aufenthaltsraum, wo sich eine Eckbank um einen Tisch wickelt.

Die Kombüse ist winzig
Der Smutje kann sich immerhin drehen

Wohnwagen-Atmosphäre, aber stets mit Seeblick. Das ist also unser Versammlungsraum, die Offiziersmesse. Steuerbords vom Tisch ist das Innenruder, ein großes Silberrad; links davon geht es drei Stufen hinunter in die Kombüse, dahinter liegen noch ein weiterer Duschraum und eine dritte, etwas größere Kabine.

Bootstour in Irland: Selbst versorgen

Die Duschen speisen sich aus dem Tank mit 700 Litern frischem Trinkwasser

Die WCs werden mit Handpumpen gespült, mit frischem Flusswasser. In der Kombüse wird jedes bisschen Platz als Stauraum genutzt, es gibt dutzende Ecken und Fächer und eine große Kühlbox. Obwohl wir gerade im Supermarkt einen Einkaufswagen voller Vorräte gekauft haben, bekommen wir alles verstaut.

Beim Landgang Proviant besorgt
Der Proviant wird aufgefüllt

Am Bug weht die Totenkopfflagge, wir haben den Kahn mit einer Dose Bier auf den Namen „MS St. Pauli“ getauft. Drei Mann in einem Boot – reloaded. Weiter geht’s. Die Vorratskammern sind voll, zudem warten Millionen Fische in Irlands Gewässern darauf, von uns gebraten zu werden.

Teil 2: Bootstour in Irland – Die Fortsetzung

Ein guter Fang!

So wie wir angeln auch Kinder, von Brücken aus, mit Stöcken und Schnürsenkeln.

Die Jungs blinkern und posen. Die Sonne malt ihnen die Schatten ihrer Angeln als flirrende Streifen ins Gesicht. Ihr zufriedenes Lächeln ist durch nichts zu erschüttern, auch wenn sie nur Schilfknäuel fangen. Beim Blinkern zieht der Angler einen künstlichen Fisch wie einen Schleppanker durchs Wasser. Andi holt den Blinker ein, zupft Grünzeug vom Haken und wirft die Angel wieder aus. Das Surren und Platschen wiederholt sich fortwährend, ein Geräusch wie aus versteckten Lautsprechern, als hätte die Seenplatte einen Sprung.

Ein häufiges Ende von Fischen
Wenn alle satt sind, geht´s ans Lagerfeuer

Die Pose hängt an einem Schwimmer unbewacht im Wasser, die dazugehörige Angel liegt achtlos über der Reling. Die Pose ist ein einzelner Haken mit einem Köder – einer roten Made aus dem Anglershop. Der Verkäufer sagte „A second, please!“ und verschwand hinterm Haus. Als er wiederkam, gab er uns eine Dose. Der Deckel hatte Luftlöcher. Als Andi die Dose öffnete, wehte uns fauliger Gestank entgegen. Im Innern wimmelte es vor weißen und roten Maden. Eine davon hängt jetzt an unserem Haken. Der See liegt ruhig und behält seine Geheimnisse für sich. Nur ein paar Wellen lassen das Boot leicht schaukeln.

Angelglück – Die Männer und das Meer

Auch Amateurangler können erfolgreich sein – sie müssen nur Geduld haben. 

„Der orangefarbene Schwimmer könnte gleich mal zucken“, sagt Andi ins Blaue. Alle nicken träge. Keiner glaubt wirklich daran, dass wir etwas fangen. Das Orange verschwindet mit einem Ruck ganz im Wasser. „Biss“, ruft Andi, lässt den Blinker fallen, springt vor zur Angel an die Reling. „Biss“, schreit Matze im selben Moment und ist sofort bei ihm. Andi zieht an der Angel, aber die Rolle gibt unkontrolliert Schnur. Der Fisch kämpft um sein Leben und verschafft sich eine längere Leine.

Matze greift nach der Sehne, bekommt sie zu fassen. Er zieht, rafft Sehne nach, packt wieder zu, zieht. Andi kurbelt, es klingt fast so, als würde er einen Wecker aufziehen. Der Schwimmer kommt aus dem Wasser. Darunter sind noch ungefähr zwei Meter mit Blei beschwerte Schnur im Wasser. Matze zieht weiter, Bleigewicht für Bleigewicht entreißt er dem See eines seiner Geheimnisse. Einmal noch nachfassen, dann stößt etwas silbrig Weißes an die Oberfläche, spritzt heraus und zuckt ins Sonnenlicht: Ein Barsch, so groß wie mein Unterarm, zappelt am Haken.

Anglerglück
Dem See einen Schatz entrissen

Dem See einen Schatz entrissen

Auf dem kleinen irischen See Lough Scur fallen in diesem Sommer Ostern, Weihnachten und die Geburtstage dreier Amateur-Skipper zusammen. Am Ende des Tages verspeisen wir unseren Fang, in einer Mehlkruste gebraten, außerdem gibt’s Kartoffeln in irischer Butter und ein kühles Harp Lager. Wir fühlen uns, als hätten wir auf den Grund des Sees geblickt und einen Teil des Schatzes gestohlen.

Land in Sicht!

Nach ein paar Tagen auf kleinstem Raum bekommt man Lust auf Bewegung.

Die Wege an Bord sind kurz, aber schmal. Man kann nicht einfach aneinander vorbeigehen, und aus dem Weg gehen kann man sich schon gar nicht. Als der Bordkoller einsetzt, bleiben nur die drei Quadratmeter Kabine. Nachts sind die bequem – mollige Schlafschachteln mit Seeblick. Aber tagsüber auf der Fläche eines Gäste-WCs eingepfercht zu sein, fühlt sich nicht nach Reisen an. Nach ein paar Tagen stellt sich das Gefühl einer Dauerumarmung ein. Nicht etwa, dass es unschön wäre, aber kein Mensch kann immer nur still dasitzen. Dort draußen wartet ein ganzes, grünes Land nur darauf entdeckt zu werden.

Größter Mangel an Bord: Bewegung
Größter Mangel an Bord: Bewegung

Bewegungsunfreiheit

Die Crew verständigt sich stumm: Los geht’s, Landgang! Der Wind bläst mir ins Gesicht, wie um mich zu warnen: Halt, nicht so schnell! Aber die Geschwindigkeit ist es gerade, die mich antreibt. Ich trete in die Pedale wie Lance Armstrong – taktak, taktak – besonders, wenn es einen der Hügel hinaufgeht. Wir haben beschlossen, die mitgenommenen Fahrräder auch einmal zu benutzen, und ich strampele wie ein Besessener. Es kommt mir so vor, als träten meine Beine von selbst und nähmen mich nur mit, weil wir nun einmal durch die Hüfte miteinander verbunden sind.

Größter Mangel, der an Bord herrscht, ist der an Bewegung. Und jetzt, wo die Beine dürfen, wie sie wollen, machen sie, was sie müssen. Am Ortsschild von Drumshanbo haben mich die anderen eingeholt. „Na, Bewegungsdrang?“ fragt Matze, und ich zeige ihm mein durchgeschwitztes T-Shirt. „Na, dann müssen wir wohl mal nachfüllen“, sagt Andi und bestellt im Pub drei Bier. Männerferien – großartig!

Die Ruhe nach dem Sturm

Wenn man auf dem Boot einen festeren Stand hat als auf dem Land, darf man sich Matrose nennen.

Zurück radeln wir nur langsam, auf dem Steg wackeln die müden Knie. Aber kaum haben wir wieder den schwankenden Fluss unter den Füßen, werden unsere Schritte sicherer. Offenbar haben wir uns schon nach kurzer Zeit an das Leben auf dem Wasser gewöhnt. Als die Sonne sich schwer und feuerrot zum täglichen Untergang senkt, fahren Andi, Matze und ich noch einmal mit den Angeln im Beiboot, Dingi genannt, auf den See. Das Dingi ist klein und schaukelt beträchtlich.

Wer sich Bord besser fühlt als an Land, darf sich Seemann nennen
Wer sich Bord besser fühlt als an Land, darf sich Seemann nennen

Echte Seemänner!

In geduckter Haltung verteilen wir uns gleichmäßig in der Nussschale, rücken hin und her auf den schmalen Sitzbänken, bis das Schaukeln sanfter wird. Matze paddelt uns in die Mitte des Sees. Als er das Dingi zum Stehen bringt, kann ich von meinem Platz am Bug aus Andi am Heck nur noch als Schatten in der Dämmerung erkennen. Der Schatten wirft die Angeln aus und reicht dann eine kleine Flasche herum. Ich habe keine Ahnung, was da drin ist, aber der eine Schluck, den ich daraus nehme, ist wie ein Lagerfeuer im Bauch: warm und holzig.

Wir sitzen schweigend und zufrieden in unserem kleinen Boot und blicken in verschiedene Richtungen. Der See ist glatt wie ein Spiegel. Wenn es nicht schon zu dunkel wäre, um darin irgendetwas zu erkennen, könnten wir in unseren Gesichtern wohl kleine Grinsegrübchen sehen. Die Welt ist von diesem Bötchen aus noch größer, doch wir fühlen uns keineswegs klein. Niemand sagt ein Wort. Bessere Gespräche gibt es nicht.

Angelglück: Die Männer und das Meer

Auch Amateurangler können erfolgreich sein – sie müssen nur Geduld haben

„Der orangefarbene Schwimmer könnte gleich mal zucken“, sagt Andi ins Blaue. Alle nicken träge. Keiner glaubt wirklich daran, dass wir etwas fangen. Das Orange verschwindet mit einem Ruck ganz im Wasser. „Biss“, ruft Andi, lässt den Blinker fallen, springt vor zur Angel an die Reling. „Biss“, schreit Matze im selben Moment und ist sofort bei ihm. Andi zieht an der Angel, aber die Rolle gibt unkontrolliert Schnur. Der Fisch kämpft um sein Leben und verschafft sich eine längere Leine.

Matze greift nach der Sehne, bekommt sie zu fassen. Er zieht, rafft Sehne nach, packt wieder zu, zieht. Andi kurbelt, es klingt fast so, als würde er einen Wecker aufziehen. Der Schwimmer kommt aus dem Wasser. Darunter sind noch ungefähr zwei Meter mit Blei beschwerte Schnur im Wasser. Matze zieht weiter, Bleigewicht für Bleigewicht entreißt er dem See eines seiner Geheimnisse. Einmal noch nachfassen, dann stößt etwas silbrig Weißes an die Oberfläche, spritzt heraus und zuckt ins Sonnenlicht: Ein Barsch, so groß wie mein Unterarm, zappelt am Haken.

Anglerglück
Dem See einen Schatz entrissen

Auf dem kleinen irischen See Lough Scur fallen in diesem Sommer Ostern, Weihnachten und die Geburtstage dreier Amateur-Skipper zusammen. Am Ende des Tages verspeisen wir unseren Fang, in einer Mehlkruste gebraten, außerdem gibt’s Kartoffeln in irischer Butter und ein kühles Harp Lager. Wir fühlen uns, als hätten wir auf den Grund des Sees geblickt und einen Teil des Schatzes gestohlen.

Bewegungsunfreiheit: Land in Sicht

Nach ein paar Tagen auf kleinstem Raum bekommt man Lust auf Bewegung

Die Wege an Bord sind kurz, aber schmal. Man kann nicht einfach aneinander vorbeigehen, und aus dem Weg gehen kann man sich schon gar nicht. Als der Bordkoller einsetzt, bleiben nur die drei Quadratmeter Kabine. Nachts sind die bequem – mollige Schlafschachteln mit Seeblick. Aber tagsüber auf der Fläche eines Gäste-WCs eingepfercht zu sein, fühlt sich nicht nach Reisen an. Nach ein paar Tagen stellt sich das Gefühl einer Dauerumarmung ein. Nicht etwa, dass es unschön wäre, aber kein Mensch kann immer nur still dasitzen. Dort draußen wartet ein ganzes, grünes Land nur darauf entdeckt zu werden.

Größter Mangel an Bord: Bewegung
Größter Mangel an Bord: Bewegung

Die Crew verständigt sich stumm: Los geht’s, Landgang! Der Wind bläst mir ins Gesicht, wie um mich zu warnen: Halt, nicht so schnell! Aber die Geschwindigkeit ist es gerade, die mich antreibt. Ich trete in die Pedale wie Lance Armstrong – taktak, taktak – besonders, wenn es einen der Hügel hinaufgeht. Wir haben beschlossen, die mitgenommenen Fahrräder auch einmal zu benutzen, und ich strampele wie ein Besessener. Es kommt mir so vor, als träten meine Beine von selbst und nähmen mich nur mit, weil wir nun einmal durch die Hüfte miteinander verbunden sind.

Größter Mangel, der an Bord herrscht, ist der an Bewegung. Und jetzt, wo die Beine dürfen, wie sie wollen, machen sie, was sie müssen. Am Ortsschild von Drumshanbo haben mich die anderen eingeholt. „Na, Bewegungsdrang?“ fragt Matze, und ich zeige ihm mein durchgeschwitztes T-Shirt. „Na, dann müssen wir wohl mal nachfüllen“, sagt Andi und bestellt im Pub drei Bier. Männerferien – großartig!

Bordgefühl: Die Ruhe nach dem Sturm

Wenn man auf dem Boot einen festeren Stand hat als auf dem Land, darf man sich Matrose nennen

Zurück radeln wir nur langsam, auf dem Steg wackeln die müden Knie. Aber kaum haben wir wieder den schwankenden Fluss unter den Füßen, werden unsere Schritte sicherer. Offenbar haben wir uns schon nach kurzer Zeit an das Leben auf dem Wasser gewöhnt. Als die Sonne sich schwer und feuerrot zum täglichen Untergang senkt, fahren Andi, Matze und ich noch einmal mit den Angeln im Beiboot, Dingi genannt, auf den See. Das Dingi ist klein und schaukelt beträchtlich.

Wer sich Bord besser fühlt als an Land, darf sich Seemann nennen
Wer sich Bord besser fühlt als an Land, darf sich Seemann nennen

In geduckter Haltung verteilen wir uns gleichmäßig in der Nussschale, rücken hin und her auf den schmalen Sitzbänken, bis das Schaukeln sanfter wird. Matze paddelt uns in die Mitte des Sees. Als er das Dingi zum Stehen bringt, kann ich von meinem Platz am Bug aus Andi am Heck nur noch als Schatten in der Dämmerung erkennen. Der Schatten wirft die Angeln aus und reicht dann eine kleine Flasche herum. Ich habe keine Ahnung, was da drin ist, aber der eine Schluck, den ich daraus nehme, ist wie ein Lagerfeuer im Bauch: warm und holzig.

Wir sitzen schweigend und zufrieden in unserem kleinen Boot und blicken in verschiedene Richtungen. Der See ist glatt wie ein Spiegel. Wenn es nicht schon zu dunkel wäre, um darin irgendetwas zu erkennen, könnten wir in unseren Gesichtern wohl kleine Grinsegrübchen sehen. Die Welt ist von diesem Bötchen aus noch größer, doch wir fühlen uns keineswegs klein. Niemand sagt ein Wort. Bessere Gespräche gibt es nicht.

Reisehandbuch: Tipps zum Angeln

Wer Irland vom Wasser aus entdeckt, sieht mehr als alte Gemäuer und dunkle Pubs

Spinnfischen ist die beste Art Raubfische zu fangen – und davon gibt es viele in Irland. Das Wort ist vom englischen „to spin“ abgeleitet: Der Köder rotiert, wenn Sie ihn durch das Wasser ziehen. So wirkt er auf den Fisch wie ein flüchtendes Beutetier. Kunstköder für das Spinnfischen heißen beispielsweise Wobbler (1), Blinker (2,3) oder Twister (4). Den Köder zehn bis 30 Meter weit ins Wasser werfen, danach in wechselndem Tempo mit der Rolle einziehen.

Anglerzubehör: Wobbler (1), Blinker (2,3) und Twister (4)
Wobbler (1), Blinker (2,3) und Twister (4)

Im Süßwasser sind Hecht, Barsch, Wels, Forelle und Zander die häufigsten Raubfische. Scharfe Zähne haben alle, sie beißen so normale Angelschnüre durch. Vor allem auf Hechte sollten Sie mit Stahlvorfach angeln, einem geflochtenen Stück Stahldraht zwischen Haken und Schnur.

Reisehandbuch: Tipps für die Schleuse

Vorsicht, auf den Flüssen gilt kein Linksverkehr wie an Land!

1. Legen Sie frühzeitig fest, wer an der Schleuse welche Rolle einnimmt, damit andere Skipper nicht auf Sie warten müssen. Einer bleibt am Steuerstand, einer geht an Land, um die Schleusentore zu bedienen. Alle Übrigen halten das Boot mit den Leinen an der Schleusenwand, stoßen es, wenn es weitergeht, mit Stangen ab (befinden sich an Bord des Bootes).

2. Schleusenautomaten erklären sich von selbst. Tipp: Wenn Sie gegen die Strömung fahren (Wasser in die Schleuse lassen), aktivieren Sie den Wasserstrom hinten zuerst – per Knopfdruck. Später können Sie sich mit dem vorderen schon in eine gute Ablegeposition bringen.

3. Stoßen Sie sich auf keinen Fall mit den Händen oder den Füßen ab, denn so ein Hausboot hat ein Gewicht von mehreren Tonnen!

4. Die Seile nie zu stramm halten. Sonst kann es passieren, dass das Boot an der Wand entlangschleift.

Auch in Schleusen kann es eng werden
Auch in Schleusen kann es eng werde

Das ist Schiebung!
Manche Schleusen werden vom Wärter per Körperkraft geöffnet. Wer helfen will, wartet auf das Signal des Wärters und stemmt sich dann mit dem Rücken gegen den großen Hebel, der das Tor bewegt. Unser Tipp: aus den Beinen heraus schieben, so, als würden Sie ein Klavier in einen Lkw laden. Ungefähr so schwer ist es auch.

Reisetipps: In der grünen Wasserwelt

Interesse an einem Boots-Törn in Irland? Hier gibt`s die Infos

Anreise: Die meisten Airlines fliegen Dublin an. Abhängig vom Reisetermin sind Preise unter 20 Euro (ohne Gebühren) möglich. Mehr Infos gibt’s hier: www.ryanair.com, www.hlx.com und www.aerlingus.com. Den Transfer vom Flughafen zur Anlegestelle können Sie beim Bootsverleih buchen.

Boote: Penichette-Boote vermietet die Firma Loca-boat. Buchungsformulare & Infos gibt’s telefonisch unter 07 61 / 20 73 70 oder übers Internet: www.locaboat.de (E-Mail: info@locaboat.de). Eine Penichette 1160 FB (siehe unten) kostet für eine Woche zwischen 1700 und 2750 Euro (März bis Oktober). Die Firma Carrickcraft vermietet Boote anderer Bauart, Infos im Netz unter www.carrickcraft.com (Mail: carrick@carrickcraft.com).

Bootsführerschein: Das langsame Befahren von ruhigen Gewässern (Cruising) ist in Irland führerscheinfrei. Sie erhalten vor Ort eine Einweisung in die Funktionsweise des Bootes, sehen sich ein Sicherheitsvideo an, und schon können Sie starten.

Penichette 1160 FB
Raumaufteilung einer Penichette 1160 FB

Buchtipp
3 Männer im Boot: Von Jerome K. Jerome (Piper-Verlag, um 9 Euro)
Die Vorlage für den bekannten Heinz-Erhardt-Film ist ein britischer Roman von 1889.
drei Männer, von Berufs- und Eheleben genervt, begeben sich auf eine Flussfahrt die Themse hinunter. Die damaligen Sorgen der Männer haben frappierende Ähnlichkeit mit den heutigen.

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