Tabletten-Wahn: Brauchen Sie Vitaminpillen?

Immer wenn er Pillen nahm...
Vitamine und Mineralien gibt's in jedem Essen

Um sich mit Vitaminen und Mineralien zu versorgen, sind zusätzliche Pillen oft überflüssig oder schädlich

Sicher ist sicher. Mit diesem Gedanken werden in Deutschland täglich Vitamine und Mineralien im Wert von 3,3 Millionen Euro geschluckt. Doch der schnelle Nährstoffschub wird nun entzaubert: Eine groß angelegte Studie nach der anderen endet, ohne dass sich die gesundheitlichen Effekte gezeigt hätten, die man nachweisen wollte. „Keine konnte belegen, dass die vorbeugende Einnahme von Vitaminpillen Vorteile bringt“, sagt Dr. Gunter Frank, Vorstandsmitglied des Europäischen Instituts für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften in München (Eu.L.E.).

Vitamine enttäuschten
So senkt etwa eine Ernährung, die reich an Vitamin E ist, das Risiko von Krebs, Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Potenzstörungen und anderen Altersbeschwerden. Doch als Pille enttäuschte Vitamin E auf ganzer Linie. „Derzeit würde ich niemandem raten, es vorbeugend einzunehmen“, sagt I-Min Lee, Leiterin der Women’s-Health-Study an der Uniklinik Harvard, eine der umfangreichsten Studien zu diesem Thema. Auch die Vitamin-A-Vorläufer Beta-Karotin und Lycopin erwiesen sich als Pillen-Flops. Während karotinreiches Gemüse (etwa Tomaten) Schutz bietet, ließ der sich mit Tabletten trotz der größeren Konzentration nicht erreichen.

Ähnlich verhält es sich mit Vitamin C. Eine Auswertung der Uni Canberra von 55 Studien schlussfolgert, dass es in künstlicher Form keine Erkältungen verhindert und auch einen akuten Schnupfen kaum beeinflusst (die Krankheitsdauer verkürzt sich nur um wenige Stunden). Lediglich bei Extremsportlern war der Effekt größer, ihre Erkältungsrate reduzierte sich durch Vitamin-C-Gabe auf die Hälfte.

Nur Placebo-Wirkung?
Obwohl hinter diffusen Symptomen wie Müdigkeit, Leistungsabfall oder Vergesslichkeit fast nie ein Vitaminmangel steckt, glauben viele Menschen, dass es ihnen durch ihre tägliche Dosis besser geht. „Mineralien und Vitamine haben wegen ihres guten Rufes einen hohen Placebo-Effekt“, erklärt Mediziner Frank. Und selbst Ärzte können sich dem nicht entziehen, beobachtet Professor Edzard Ernst von der englischen Universität Exeter. Der Experte für alternative Heilmethoden fragt auf Tagungen Kollegen gern, wer vorbeugend Nahrungsergänzungsmittel einnimmt. Seine Feststellung: „Die Mehrheit schluckt etwas, nach dem Motto: Es schadet ja nicht.“

Das jedoch lässt sich nicht länger halten, denn immer mehr Studien zeigen, dass auch wasserlösliche Vitamine gefährlich werden können. Bislang hielt man sie für unbedenklich, weil die Überschüsse ausgeschieden werden, statt sich im Körper anzureichern. Eine fragwürdige Begründung, findet Udo Pollmer vom Eu.L.E. Die Wasserlöslichkeit einer Substanz sage nichts über ihre Giftigkeit aus – Zyankali sei ja auch wasserlöslich, schreibt Pollmer in seinem Buch „Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“ (Piper-Verlag). Er wundert sich, wie man überhaupt auf den Gedanken kommen kann, dass das Prinzip „Die Dosis macht das Gift“ ausgerechnet für Vitamine und Mineralien nicht gilt. Schließlich sind sie hochpotente Wirkstoffe.

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