Materialien-Knigge: Das ist Ihr Outdoor-Kleidungs-Guide

Stylisch und funktional: Die perfekte Outdoor-Jacke muss ein Alleskönner sein
Stylisch und funktional: Die perfekte Outdoor-Jacke muss ein Alleskönner sein

Beim Kauf von Outdoor-Kleidung wird man oft mit Angeboten und besonderen Eigenschaften der Klamotten überhäuft. Die Textilien werden heutzutage als Hochglanzprodukte teuer verkauft. Doch was bedeutet es eigentlich genau, wenn die neue Jacke waterproof ist? Wir klären Sie auf

Jeder kennt es: Man geht los, um sich eine neue Jacke zu kaufen. Das auserkorene Stück soll möglichst alles können: Gut aussehen, angenehm sitzen und jeder Wetterlage standhalten – und dabei noch nicht allzu teuer sein. Die Hersteller werben auf ihren Produkten mit "Waterproof-Jacket", "feinstes Softshell-Material" oder "ultra-starke Gore-Tex Membran". Doch was bedeuten diese ganzen Begriffe eigentlich und brauche ich das alles überhaupt? Hier kommt Ihr ultimativer Outdoor-Kleidungs-Guide:

Wasserdichte oder wasserabweisende Kleidung?

In erster Linie spielt natürlich die Optik eine Rolle bei der Kleidungswahl. Allerdings ist es auch nicht gerade unwichtig, was beispielsweise ihre neue Jacke auf funktioneller Ebene drauf hat. Schließlich macht es keinen Spaß, gut aussehend die Straße entlang zu schlendern und dabei aber völlig nass zu werden, weil die Jacke dem Regen nicht gut standhält. Und da wären wir auch schon beim Thema: Ab wann ist eine Jacke eigentlich wasserdicht? Oft heißt es auf dem Label entweder "waterproof" oder "water-resistant". "Grundsätzlich ist waterproof und water-resistant das Gleiche und bedeutet zumindest in der Theorie, dass etwas wasserdicht ist", erklärt Frank Wacker, Ausrüstungsredakteur beim Magazin "outdoor".

Nicht immer aber hält diese Kleidung in der Praxis wirklich dicht: "Laut DIN (Deutsches Institut für Normen) gilt ein Gewebe mit 800 mm bzw. 1300 mm Wassersäule als wasserdicht. Unsere Testerfahrungen aus über 20 Jahren zeigen aber, ein Material muss dauerhaft mindestens 4000 bis 5000 Millimeter Wassersäule bieten", sagt Wacker. Ist ein Kleidungsstück "water-repellent", ist es wasserabweisend. Das bedeutet, dass Regen zwar abperlt, jedoch durch Druck, wie dem Tragen eines Rucksacks, durchs Material dringen kann.  Allerdings ist der Übergang von wasserdicht zu wasserabweisend im wahrsten Sinne des Wortes fließend. Auch eine water-repellent-Jacke von guter Qualität kann Sie vor starkem Regen schützen. Wenn Sie aber komplett sicher gehen wollen, sollten Sie auf ein wasserdichtes Modell setzen.

Hardshell- und Softshell-Jacken haben verschiedene Vorteile
Hardshell- und Softshell-Jacken haben verschiedene Vorteile

Hardshell oder Softshell?

Als besonders wasserfestes Material gelten Hardshell-Textilien. Meist bestehen diese Kleidungsstücke aus zwei bis drei Lagen und bieten somit kein Durchkommen für jegliche Form von Feuchtigkeit. Trotz der mehreren Lagen sind Hardshell-Produkte atmungsaktiv. Das heißt sie lassen Wasserdampf leicht nach außen dringen und eignen sich somit sehr gut für sportliche Allwetter-Aktivitäten. Besonders gut kommt diese Wirkung bei geringeren Temperaturen zur Geltung. Je höher der Temperaturunterschied zwischen Innen- und Außenseite, desto besser dringt Schweiß in Form von Wasserdampf nach außen. Grundsätzlich ist Hardshell-Kleidung etwas weiter geschnitten.

Sie stehen eher auf den Slim-Fit-Style? Dann sind Sie der Softshell-Typ. Oft werden Softshell-Stücke mit Elasthan angemischt, was sie besonders elastisch und angenehm macht. "Gute Softshells tragen sich geschmeidiger als Hardshells und bieten ein besseres Klima", findet Wacker. "Ich persönlich bevorzuge körpernahe Schnitte, weil einen weniger Material umgibt. Gut geschnittene Jacken lassen trotz des athletischen Schnitts Bewegungsfreiheit." Der Vorteil: Die Kleidung passt sich an die Körperform an, sitzt daher sehr eng und bietet dennoch einen hohen Tragekomfort. Zudem sind Softshell-Produkte äußerst windabweisend und verhindern damit ein schnelles Auskühlen des Körpers. Dies geschieht durch die Unterbindung des Austausches von Körperwärme und der kalten Luft. Auch Softshell weist Wasser meistens gut ab, halten Starkregen aber nicht stand. "Wenn man plant, stundenlang im Regen draußen zu sein, brauche ich eine Hardshell. Bei windigem, kühlem Wetter, wenn es nur gelegentlich mal tröpfelt, empfiehlt sich ein Softshell", erklärt Wacker.

Stil- und outdoorsicher: Membrane geben Ihrer Kleidung Halt
Stil- und outdoorsicher: Membrane geben Ihrer Kleidung Halt

Beschichtung oder Membrane?

Oft kommt auch die Frage auf, ob es sinnvoller ist auf Schutzkleidung mit Beschichtung oder Membrane zu setzen. Hier kommt es darauf an, wie früh Sie mit der Imprägnierung anfangen wollen. Bei Kleidung mit Beschichtung unterscheidet man grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Varianten. Es gibt Kleidungsstücke, die erst nach der Fertigstellung flächig beschichtet werden und Kleidungsstücke, deren einzelne Fasern zuvor beschichtet wurden. Je nach Qualität der Imprägnierung können sich die wasserabweisenden Eigenschaften bei starker mechanischer Beanspruchung (z.B. Waschmaschine oder beim Tragen eines Rucksacks) nach einer gewissen Zeit abnutzen. Ist die Imprägnierung gut, perlt Wasser lange vom Oberstoff ab. Ein großer Unterschied zwischen beiden Varianten besteht aber nicht. Faserbeschichtete Kleidung ist in der Regel etwas atmungsaktiver und widerstandsfähiger als flächenbeschichtete Kleidung.

Wenn Sie es eher auf die bequeme Art haben, sollten Sie Klamotten mit einer Membrane wählen. Outdoor-Bekleidung mit einer mikroporösen Membrane bietet die größte Beständigkeit gegenüber dauerhafter mechanischer Beanspruchung. Die wasserdichten und atmungsaktiven Eigenschaften werden beibehalten. Wie immer im Leben hat aber auch hier Qualität seinen Preis: Kleidung mit Membrantechnologie ist meist etwas teurer als beschichtete Stücke. 

Beispiele für Membranen sind Gore-Tex (PTFE-Membran, eine Teflon-Art mit PU-Beschichtung zum Schutz vor Fetten, ist von außen wasserundurchlässig, von innen  dampfdiffusionsoffen), die Event-Membran (besteht ebenfalls aus einer Teflon-Art, allerdings mit erhöhter Atmungsaktivität, hat keine PU-Beschichtung, ist daher atmungsaktiver als GORE) und Sympatex (äußerst wasserdicht, winddicht, sehr dehnbar). "Es gibt sehr gute Membranen und Beschichtungen, die leistungsfähigsten Materialien besitzen Membranen", sagt Experte Wacker. "Manche Materialien sind Zwitter, die aus einer Membran mit einer zusätzlichen Beschichtung bestehen – das bringt aber keine Vorteile."

Hochwertige Kleidung bedarf auch einer hochwertigen Pflege
Hochwertige Kleidung bedarf auch einer hochwertigen Pflege

Wann braucht meine Kleidung eine Imprägnierung?

Nach einer gewissen Zeit benötigen selbst die qualitativ hochwertigsten Kleidungsstücke etwas Pflege. Wie lange das dauert, hängt davon ab welchen Strapazen Jacke, Hose & Co. ausgesetzt sind. Wenn Sie Ihre Jacke jeden Tag bei Wind und Wetter tragen, sollten Sie sie etwas intensiver pflegen. "Sobald das Obermaterial beginnt, Wasser aufzusaugen sollte man seine Kleidung reinigen und nachimprägnieren, da sonst die gesamte Atmungsaktivität beeinträchtigt wird", erklärt Kleidungspflege-Expertin Chrissy Dorn von Nikwax. "Schmutz, Öl und Körperfette ziehen Wasser an und schädigen zudem die bereits aufgetragene wasserabweisende Imprägnierung." Dorn empfiehlt daher, seine Kleidung generell zweimal im Jahr zu waschen und zu imprägnieren.

Ein besonders teures und als hochqualitativ vermarktetes Kleidungsstück zu kaufen, bedeutet übrigens nicht, nie wieder imprägnieren zu müssen. "Outdoorjacken sind keine Wunderwaffen, auch Gore-Tex und andere Membranen nicht", erklärt Dorn. "Man denkt immer, dass die Membran beschädigt ist, wenn die Jacke von außen nass geworden ist und dann die Feuchtigkeit von innen nicht mehr entweichen kann. Doch oft ist aufgrund von starken Verschmutzungen einfach nur die DWR (Durable Water Repellency)-Imprägnierung des Obermaterials nicht mehr intakt. Und nur mit intakter DWR kann die wasserdichte Membran oder Beschichtung optimal funktionieren und Feuchtigkeit von innen entweichen."

Wie imprägniere ich am besten?

Zunächst ist es wichtig, dass Sie Ihre Kleidung nicht im Haus, sondern nur im Freien imprägnieren. Schließlich sind alle Imprägniermittel in Alkohol oder anderen Lösemitteln gelöst. Beim Auftragen des Mittels sollten Sie darauf achten, dass Sie nicht gegen den Wind sprühen. Die Sprays enthalten u.a. brennbare Gase wie Butan und Propan und sollten daher nicht eingeatmet werden. Vor dem Imprägnieren sollten Sie Ihre Kleidung zunächst reinigen, um sie von Schmutz und Körperfetten zu befreien. Dann besprühen Sie Ihre Schuhe, Jacke etc. aus ca. 20-30cm Entfernung mit dem Imprägniermittel, bis alle Stellen abgedeckt sind. Probieren Sie die Imprägnierung bei teuren Kleidungsstücken immer erst an einer nicht sichtbaren Stelle aus. Schließlich können Lösungsmittel empfindliche Farben und Materialien beschädigen. Alternativ gibt es auch Imprägniermittel, die man dem Waschgang beifügen kann. Outdoorkleidung mit Membran kann in der Waschmaschine bereits bei 30°C imprägniert werden.

Ist PFC-freie Outdoor-Kleidung möglich?

Zur Imprägnierung von wetterfesten Textilien werden vom Hersteller meistens sogenannte perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien (PFC) verwendet. Leider sind diese nicht gerade umweltfreundlich und sind für uns Menschen und die Natur. "PFC jeglicher Art bauen sich in der Umwelt nicht mehr ab und sind bioakkumulativ. Das heißt, sie reichern sich in der Natur und auch im menschlichen Körper an", warnt Dorn. "Sie wurden nachweislich mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht, z.B. mit der Schwächung des Immunsystems bei Kindern oder der Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit bei Frauen und sogar mit Krebs. Daher setzt Nikwax bereits seit jeher auf PFC-freie Formeln. Auch in der Outdoor-Kleidungswelt gibt es mittlerweile Alternativen. Und die PFC-freie Kleidung ist leistungsmäßig sogar mit herkömmlichen Produkten vergleichbar."

Eine Studentin der Ingenieurswissenschaften mit Schwerpunkt Textilindustrie erhielt für ihre Masterarbeit über alternative, PFC-freie Ausrüstungen den Absolventenpreis der Gesellschaft der Förderer der HTW Berlin und des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Sie fand heraus, dass fluorfreie Produkte kombiniert mit einer Membran äußerst wasserdicht, winddicht und atmungsaktiv sein können. Und Beispiele aus der Industrie gibt es auch schon: Die schwedische Outdoor-Modemarke Fjäll Räven produziert verstärkt ohne PFC-haltige Imprägnierung, die deutsche Firma Maier-Sports verkauft seit 2014 PFC-freie Kleidung und will bis 2020 ausschließlich ohne PFC herstellen. PFC-freie Jacken sind bei Maier-Sports rund 100€ teurer als gewöhnliche Jacken.

Zudem war die britische Outdoorbekleidungsmarke Páramo das weltweit erste Outdoorunternehmen, das die Greenpeace-Detoxkampagne Anfang dieses Jahres unterzeichnet hat, deren Ziel es ist, bis spätestens 2020 PFC-frei zu sein. Namhafte Hersteller wie Adidas, Puma, H&M und Zara sind ebenfalls Teil dieser Kampagne. Páramo liefert bereits seit April 2016 nur noch PFC-freie Ware aus.

Hier geht's zum Men's Health Ausrüstungs-ABC: Das große Ausrüstungs-Lexikon

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