Bewusster Essen: Das bringt eine 14-tägige Mayr-Fastenkur in Österreich

Das bringt eine Mayr-Fastenkur wirklich
Ganz leer bleibt der Teller bei einer Mayr-Kur nicht, aber ... naja, lassen Sie sich überraschen. Wir verraten das "Menü" im Verlauf des Textes

"Kann ich wirklich von Wasser und Brot leben?", fragte sich Women's Health-Publisher Wolfgang Melcher und machte 14 Tage lang eine Mayr-Fastenkur in Österreich

Berge. Felsige und bewaldete. Mit und ohne Schnee. In der Natur und auf dem Teller. Berge waren für mich als Kind Synonym für Urlaub. Die ersten 13 Jahre meines Sommerlebens verbrachte ich in den österreichischen Alpen. Tagsüber erkämpfte ich mit meinem Vater das goldene Wanderabzeichen, abends kämpfte ich mich durch Berge von Pommes frites (unter Wiener Schnitzel) und Nuss-Palatschinken (unter Schokosoße).

Nach 13 Jahren war Schluss, ich fuhr ans Meer, auf Inseln, in Metropolen. Hauptsache flach. Jetzt bin ich wieder zurück. Die Berge erscheinen mir immer noch schroff und verlockend zugleich. Und doch ist diesmal alles anders. Ich bin nämlich nicht zum Wandern hier. Und zum Schlemmen schon gar nicht. Ich will die nächsten 14 Tage fasten.

MH-Chefredakteur Wolfgang Melcher unterwegs auf Österreichs Almen
MH-Chefredakteur Wolgang Melcher sucht Ruhe auf Österreichs Almen

Nach 13 Jahren war Schluss, ich fuhr ans Meer, auf Inseln, in Metropolen. Hauptsache flach. Jetzt bin ich wieder zurück. Die Berge erscheinen mir immer noch schroff und verlockend zugleich. Und doch ist diesmal alles anders. Ich bin nämlich nicht zum Wandern hier. Und zum Schlemmen schon gar nicht. Ich will die nächsten 14 Tage fasten.

Bewusst verzichten mit der Mayr-Kur

Würden Sie mich näher kennen, fragten Sie sich spätestens jetzt, ob Höhenluft die geistige Zurechnungsfähigkeit herabsetzt. Denn eigentlich genieße ich es zu essen – ein Tag ohne ausgiebiges Frühstück ist für mich so undenkbar wie ein gutes Essen ohne Dessert. Dazu einen guten Wein oder das eine und das andere Bier, danke, gerne noch den Espresso, aber nicht die Schokolade dazu vergessen!

Und ich kann es mir sogar leisten. Bei 1,81 Meter komme ich auf 70 Kilo, mehr oder weniger, je nach Tagesform und Sichtachse auf die Waagenskala. Ergibt einen BMI von 21,4, alles im grünen Bereich. Je nach Sichtachse auf meinen Bauch zeigen sich dort in letzter Zeit allerdings auch mehr oder weniger straffe Stellen – genau genommen eher weniger.

"Ich will wissen, wie stark mein Wille ist"

Grund genug, dass ich mir über meine Ernährung Gedanken mache: In letzter Zeit ist aus dem reinen Essgenuss immer häufiger reine Nahrungsaufnahme geworden, gerne vor der Glotze oder hinter der Zeitung. Aber Gedankenmachen allein reicht mir nicht – ich will wissen, wie stark mein Wille ist. Ich will einfach mal nicht das machen, worauf ich Lust habe, sondern bewusst verzichten. Und mich dadurch selbst noch besser kennenlernen.

Weil ich meine Fähigkeit zur Selbstkasteiung für nicht allzu ausgeprägt halte, steht rasch fest, dass klassisches Fasten, also tagelang nur Tee und Brühe, ausscheidet. Wenn ich mich schon durchbeißen muss, dann bitte mit etwas zum Kauen zwischen den Zähnen!

Ein Freund empfiehlt mir die F.-X.-Mayr-Kur, grob verkürzt: alte Semmeln und Milch. Mein Hausarzt rät zu einer modernen Variante: alte Semmeln und Milch – ergänzt durch kleine, leichte Gerichte. Und im Internet stoße ich auf das Gesundheitszentrum Rickatschwende in Dornbirn: alte Semmeln, Milch, kleine Gerichte, ein großes Sportangebot, intensive ärztliche Betreuung und dazu eine wunderschöne Umgebung, in der ersten Bergreihe am österreichischen Ufer des Bodensees.

Hört sich entspannend an, muss man sich allerdings hart erarbeiten. Damit nämlich die Mayr-Kur in nur zwei Wochen wirken kann, fängt der Verzicht schon zu Hause an: null Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten, Kaffee und Tee. Kein Problem, denke ich mir. Geraucht habe ich nie wirklich, getrunken und genascht nie wirklich viel, und von Kaffee kann man nun wirklich nicht abhängig werden.

Oder doch? In meiner ersten koffeinfreien Woche komme ich morgens nicht in die Gänge, meine Kopfschmerzen dafür jedoch umso besser – Entzugssymptome. Erst nach zehn Tagen fühle ich mich ein wenig fitter, die erste Hürde scheint genommen. Her mit den alten Semmeln!

Der Beginn meiner Fastenkur

Von wegen Semmeln! Am ersten Morgen im Kur-Restaurant wartet auf meinem Teller ein flaches, dünnes Papp-Frisbee, das sich bei näherem Hinsehen als Dinkelfladen entpuppt. Und sich nach längerem Kauen als ziemlich zäh erweist.

„Gründlich kauen, jeden Bissen mindestens 30-mal“, erklärt mir Anni, meine Bedienung, Beraterin, Motivationshilfe und mein Kummerkasten für die nächsten 14 Tage. „Sie müssen’s gründlich einspeicheln, Herr Wolfgang.“ Einspeicheln, na Mahlzeit! Durch den Hüttenkäse, den ich löffelchenweise zumischen darf, wird das immerhin erleichtert. Passenderweise gibt’s dazu noch eine Schale warmen Haferschleim – den hätte ich meiner Mutter früher selbst in krankem Zustand vor die Füße geschüttet. Insgesamt frühstücke ich so länger als eine halbe Stunde – fast wie zu Hause, nur leider ohne Nutella und Ei.

„Die trockene Kursemmel dient vor allem der Kauschulung“, erklärt Dr. Annette Meissner, meine Mayr-Ärztin, bei der Eingangsuntersuchung. Viele Menschen hätten verlernt, richtig zu kauen, schlängen ihr Essen einfach nur runter. Was bei der zäh-staubtrockenen Konsistenz des Fladens schon aus physikalischen Gründen unmöglich ist. „Dazu gibt es eine Eiweißquelle, also Hüttenkäse, Quark, aber auch Putenschinken oder Tofu.“ Wobei die Betonung auf oder liegt, denn während der Kur gibt’s Tag für Tag das Gleiche. Einmal Hüttenkäse, immer Hütttenkäse – Eintönigkeit wird zum Regenerationsprinzip.

„Schließlich geht’s bei der Mayr-Kur nicht ums Abnehmen, sondern vor allem darum, den Verdauungsapparat zu schonen, ihn wieder ins natürliche Gleichgewicht zu bringen.“ Erfunden hat’s ein Österreicher, Franz Xaver Mayr, Kurarzt in der Steiermark.

Der glaubte, dass eine Vielzahl gesundheitlicher Störungen mit dem Darm zusammenhängt. Wenn der durch Ablagerungen oder Schlacken verunreinigt oder entzündet und der Körper übersäuert ist, mache das den Menschen früher alt, krank und hässlich. Die Mayr-Kur soll nicht nur bei Verdauungsbeschwerden anschlagen, sondern auch bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Migräne oder Infektanfälligkeit.

Bauchmassagen – die Hände vom wirken Wunder
Bauchmassagen – die Hände von Kurarzt Dr. Wolfgang Moosburger wirken Wunder

Na schön – dafür verzichte ich jetzt also auf Alkohol, Zucker und Koffein. Dafür trinke ich täglich mindestens drei Liter Wasser und dünn aufgebrühte Kräutertees. Dafür starte ich jeden Morgen um 6.50 Uhr mit einem Gläschen in lauwarmem Wasser aufgelöstem Bittersalz, was meine Gedärme so richtig durchspülen soll. Und dafür lasse ich mir täglich den Bauch massieren, um die Entgiftung zu beschleunigen, Verhärtungen zu lockern. „Ein gesunder Bauch soll sich anfühlen wie gut gegangener Germknödel-Teig“, sagt Frau Doktor.

„Germknödel, lecker!“, denke ich. Überhaupt kreisen meine Gedanken in den ersten drei Fastentagen oft ums Essen. In der zweiten Nacht träume ich von einer Geburtstagsparty mit riesigem Kuchenbüfett, und ich probiere natürlich von allen. Hungrig bin ich tagsüber kaum. Kann ich auch nicht sein, mein Magen ist mit Flüssigem gut gefüllt. Und überraschenderweise auch mit fester Nahrung: Mittags gibt’s eine „milde Ableitungsdiät“ – vollwertige Schonkost, leicht verdauliches Gemüse mit gekochten Kartoffeln oder Getreide, und einmal die Woche auch Fisch und Fleisch.

Abends steht Gemüsesuppe mit – die Schonung, Sie erinnern sich – Fladen und Hüttenkäse auf dem Speiseplan. Und weil ich wenig auf den Rippen habe, also nicht zu stark abnehmen darf, muss ich überall noch einen Esslöffel Oliven- oder Leinöl drüberkippen – was die anderen Kurgäste doch ganz schön neidisch macht.

Eine Hürde ist genommen: Erste Erfolge

Die ersten fünf Tage sind hart, nicht nur wegen der Torten-Träume. Ich fühle mich schlapp, würde am liebsten im Bett bleiben. Gut, dass mein Tagesprogramm das nicht zulässt: Morgengymnastik in der Gruppe, Kneippen im neuen Wellness-Bereich, Massagen, Rückentherapie, Heuwickel, Sprechstunde beim Kurarzt etc. Und als Krönung: viel Natur, frische Luft, Berge.

Die beginnen direkt hinter dem Gebäude, und zwar mächtig. Für meine neue Hausrunde muss ich erst mal knapp 200 Höhenmeter überwinden, bevor ich mit einem unglaublichen Blick über den Bodensee belohnt werde. 20 Minuten brauche ich anfangs, mein Atem rasselt fast so laut, wie der Bergbach neben mir rauscht. Ich kämpfe mich mehr nach oben, als dass ich zügig gehe.

Nach fünf Tagen schaltet mein Körper merklich einen Gang höher, verändert sich meine Stimmung. Euphorie, von der ich in Artikeln über das Fasten gelesen habe, würde ich das zwar nicht nennen. Aber es geht mir definitiv besser. Und trotz der Schwach-Kost fühle ich mich stark. In 14 Minuten schaffe ich jetzt den Anstieg – Zeit für größere Touren, Gipfel gibt es hier ja genug. Stimmt schon, es entspannt ungemein, in der Sonne am Strand zu liegen. Und wenn man durch exotische Städte streift, denkt man keine Minute an den Job. Aber ich hatte völlig vergessen, wie glücklich es macht, einen Berg zu bezwingen.

Wie unwichtig der Alltagsärger wird. Wie gut frische Luft riecht. Nicht überall riecht es jedoch nur nach Berg. An Kurtag zehn schlägt unserer kleinen Mayr-Wandergruppe kurz vor dem Gipfel des Hochälpeles in 1450 Metern der Duft von Sauerkraut und Geselchtem entgegen – Schlachttag auf der Berghütte. Lecker! Dazu jetzt ein kühles Bier, danach die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, und vor dem Abstieg noch einen Kaiserschmarren.

Halt! Ich geb’s zu, in diesem Augenblick wäre ich fast schwach geworden. Doch das hätte alles kaputt gemacht. Ich hätte umsonst verzichtet, mich umsonst durch die schweren ersten Tage gekämpft. Vor allem jedoch hätte ich mir dann eingestehen müssen, dass eine Zehn-Kilo-Dose Sauerkraut stärker ist als mein Wille. Kein Thema also!

Bei einer Mayr-Kur fastet man äußerst geschmackvoll
Ein eingespieltes Team: Wasser, Brot und Wolfgang Melcher

Ende der Kur: Weniger Gewicht und mehr Energie

Jetzt, wo die Mayr-Kur fast zu Ende ist, habe ich mich an sie gewöhnt. Ich freue mich morgens auf meinen Hüttenkäse. Ich mache an einem Tag so viel Sport wie sonst in einer Woche nicht. Ich genieße die Abendstunden in der Sauna mit Blick auf das Alpenpanorama des Säntis.

Die Abschlussuntersuchung bestätigt mein Körpergefühl: Meine inneren Organe haben ihr Gleichgewicht offenbar wieder, trotz zusätzlicher Ölzufuhr fehlen zwei Kilo und drei Zentimeter Bauchumfang, mein Körperfettanteil ist auf elf Prozent gesunken. Dabei hatte ich am ersten Tag noch über den Hinweis in der Haus-Info gelacht: „Eine Gürtelzange bekommen Sie an der Rezeption.“

Bereits im Vorfeld hatte ich mich beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung schlau gemacht. „Die Mayr-Kur ist eine relativ große Anstrengung für den Stoffwechsel“, sagte mir Dr. Gisela Olias. „Außerdem gibt es so etwas wie Schlacken gar nicht, und auch von Übersäuerung kann nicht die Rede sein. Unser Körper hat gute Puffersysteme, das allein zu regulieren.“

Alles Quatsch also? Selbst wenn, ist mir egal! Denn es geht mir so gut wie lange nicht. Und das Beste: Die Wirkung hält Monate an. Ich habe mehr Energie, ignoriere die nächsten Erkältungswellen. Bis heute sind weitere zwei Kilo weg, der Bauch ist mehr oder weniger straff, diesmal aber eher mehr. Ich trinke mittlerweile wieder Alkohol und Kaffee, esse aber immer noch Haferschleim, freiwillig. Und ich nerve meine Kollegen, weil ich mittags ewig brauche – selbst wenn man nur 15-mal kaut, verschlingt das eben Zeit.

Ich weiß jetzt, dass ich, wenn ich will, auf Essen weitgehend verzichten kann. Ich kann Essen darum umso mehr genießen. Und ich weiß, dass ich wiederkommen werde. Dann aber wieder für die doppelte Portion Berge – die in der Natur und die auf meinem Teller!

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