Fernseher im Bauch: Videokapsel entdeckt unbekannte Krankheiten

Der Darm hat viele Aufgaben, nicht nur die Verdauung
Die Videokapsel durchquert auf ihrem Weg zum Ausgang alle wichtigen Stationen der Verdauung

Eine revolutionäre Videokapsel kommt unentdeckten Krankheiten im Darm auf die Schliche

Schwester Angelika hängt mir einen dicken, schwarzen Gurt mit Klettverschluss um. Dann klebt sie ein halbes Dutzend Elektroden auf meinen rasierten Bauch, schließt die Kabel an und verstaut die Akkus und einen blinkenden Datenrekorder sicher in der Gurttasche. Schließlich kommt der Moment, in dem die Kapsel und ich uns kennen lernen: Die M2A von Given-Imaging steckt wie ein winziges U-Boot in einer Schachtel. Schade, dass ein solches High-Tech-Wunder, nachdem es 60000 Aufnahmen gemacht haben wird, am Ziel der Reise in der Kanalisation verschwindet. Die M2A gleitet mir die Speiseröhre runter, wie ein Gummibär. Reisen Sie mit durch meinen (zum Glück gesunden) Körper!

1. In der Speiseröhre
Fünf Minuten benötigt die Aufnahmekapsel, um sich durch die etwa 25 Zentimeter lange Speiseröhre, eine Art Rutschbahn in den Magen, zu schieben. Am Mageneingang ist wichtig, dass der ringförmige Muskel sicher schließt, jedes Mal, wenn ein Stück Nahrung hindurchgeschlüpft ist. Bei einem schlaffen Muskel fließt saurer Mageninhalt immer wieder in die Speiseröhre zurück. Mit der Zeit entzündet sich dann die Schleimhaut und Sodbrennen entsteht. In einem solchen Fall würde die Videokapsel Bilder übermitteln, die eine rötlich-entzündete, unregelmäßige Schleimhaut darstellen.

2. Durch den Magen
Das große Nahrungs-Auffangbecken des Menschen durchquert die Kapsel in ungefähr 50 Minuten. Hier werden Mahlzeiten durch die Magensäure und die rhythmische Bewegung der Magenmuskulatur weiterverdaut. Außerdem bekämpft die Salzsäure im Magensaft mögliche Bakterien in der Nahrung. An dieser Station ihrer Reise bekommt die Videokapsel häufiger mal eine entzündete Magenschleimhaut zu sehen, die Gastritis. Eine Gastritis verursacht meistens keine Beschwerden und wird deshalb in vielen Fällen nur durch Zufall entdeckt. Ursache ist oft eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori. Aber auch Medikamente, wie zum Beispiel Antirheumatika, sowie Alkohol und andere Chemikalien können auslösende Faktoren sein.

3. Pförtner (Magenausgang)
Bevor die Darmkapsel den Magen verlassen kann, muss sie sich wie an der Fleischtheke in eine Schlange einreihen und eine Nummer ziehen. Vor ihr liegt jetzt nämlich der Magenausgang oder Pförtner, von Medizinern Pylorus genannt. Anatomisch gesehen ist der Pylorus ein Schließmuskel. Im Minutentakt öffnet sich der Ringmuskel auf eine Weite von ein bis vier Millimetern, um flüssigen Brei hindurchzulassen. So sorgt er dafür, dass jeweils nur kleine Portionen des halb verdauten Speisebreis in den Dünndarm gelangen. Grund für das Stop-and-go-Manöver ist der relativ hohe Säuregrad, den die Nahrung im Magen aufweist.

Im Dünndarm ist die Säure unerwünscht. Sie muss nach und nach neutralisiert werden. Die Schleimhaut im ersten Teil des Dünndarms, dem Zwölffingerdarm, verträgt den sauren Brei nur in kleinen Dosierungen. Große Mengen würden Schäden an der empfindlichen Schleimhaut verursachen.

4. Im Zwölffingerdarm
Durch den Pförtner schiebt sich die Aufnahmekapsel in den Zwölffingerdarm. Ist hier alles in Ordnung, zeigen die Aufnahmen ein faltiges Gewölbe mit glatten Wänden. Wenn der Patient allerdings unter einem Geschwür leidet, dann sind scharf begrenzte, tiefe Wunden in der Schleimhaut zu erkennen, die mitunter sogar bluten können. Die Ursache von Zwölffingerdarm-Geschwüren, die im Übrigen häufiger auftreten als Magengeschwüre, ist in den meisten Fällen ebenfalls eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori. Die Säure sowie die Verdauungs-Enzyme aus dem Magen machen diese Erkrankung noch schlimmer.

Typische Symptome sind dann dumpf brennende Schmerzen in der oberen Bauchmitte, die in den Rücken oder die Nabelgegend ausstrahlen können. Übelkeit und Erbrechen kommen oft hinzu.

5. Bulbus duodeni
Ein physiologisches Highlight auf der Reise durch den Darm ist der Ort, an dem die Gänge von Bauchspeicheldrüse und Galle in den Dünndarm münden. Er liegt in der wie ein C geformten Rundung des Zwölffingerdarms, im Anschluss an den Magen. Seine medizinische Bezeichnung ist Bulbus duodeni. Je nach dem Nahrungsvolumen gelangt durch die Gänge eine exakt bemessene Menge an Verdauungssäften in den Darm. Die Bauchspeicheldrüse gibt in erster Linie Enzyme in den Dünndarm ab, die Eiweiße und Kohlenhydrate in ihre kleinsten Bausteine aufspalten.

Nach diesem Vorgang können sie ins Blut aufgenommen werden. Gallenflüssigkeit entsteht in der Leber. Die Flüssigkeit sickert in den Dünndarm, um die Verdauung von Fetten durch spezielle Enzyme vorzubereiten.

6. Am unteren Dünndarm
Dieser Teil des Darms ist vier Meter lang, das Verdauungsorgan schlechthin und die Domäne der M2A-Kapsel. Mit Hilfe verschiedener Enzyme aus Bauchspeicheldrüse und Galle wird im Dünndarm die Nahrung weiter zerlegt. Wenn ein Enzym fehlt, können durch unverdaute Nahrungsmittel möglicherweise weit reichende Darmprobleme entstehen. Eine andere wichtige Aufgabe ist die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen in das Blut. Dazu ist die Oberfläche des Dünndarms stark vergrößert. Das Foto zeigt glatte Schleimhautfalten, von denen fingerförmige Ausstülpungen in den Darm ragen.

Diese Zotten maximieren die Oberfläche für die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen um Faktor 600. Erkrankungen, die durch die Videokapsel entdeckt werden, sind etwa Polypen oder Blutungen.

7. Am Blinddarm vorbei
Von einer Art Klappe getrennt, beginnt nach dem Dünndarm der Dickdarm. Und gleich die erste Station darin ist der wahrscheinlich bekannteste und zugleich der entbehrlichste Teil des ganzen Verdauungstrakts: der Blinddarm mit seinem Wurmfortsatz. Er ist gut vier Zentimeter lang und nichts weiter als ein Anhängsel – eine Funktion hat der Blinddarm nicht mehr. Äußerst problematisch allerdings wird es, wenn er sich entzündet. In so einem Fall muss sein Besitzer umgehend auf den Operationstisch, denn ein entzündeter Blinddarm kann aufbrechen. Dann ergießen sich zusammen mit dem Darminhalt große Mengen Bakterien in die Bauchhöhle, es besteht Lebensgefahr.

8. Durch den Dickdarm
Dem bis dahin sehr flüssigen Nahrungsbrei entzieht der Dickdarm jede Menge Wasser und lebenswichtige Mineralien. Nährstoffe gelangen von dem eineinhalb Meter langen Dickdarm aus nicht mehr in den Körper. Weil der Stuhl jetzt nur noch langsam vorgeschoben wird, wächst eine Vielzahl von Bakterien heran. Und das ist auch gut so, denn Bakterien wie beispielsweise Escherichia coli lockern den Stuhl auf und erleichtern dadurch wesentlich den Gang zur Toilette. Obwohl die Verdauung im Dickdarm im Schneckentempo verläuft, kann viel schief gehen. So kann es etwa zur Colitis ulcerosa kommen, einer geschwürigen Dickdarm-Entzündung, für die es weder eine eindeutige Erklärung noch eine Heilung gibt.

9. Enddarm und Anus
Was im Dickdarm nach und nach zu einer festen Masse eingedickt und durch fleißige Bakterien nach Kräften aufgelockert wurde, landet schließlich im Rektum, dem letzten Abschnitt des Verdauungstrakts – zur vorläufigen Aufbewahrung. Zum Stuhlgang kommt es nämlich erst dann, wenn der Bereich vom Übergang des Dickdarms zum Rektum durch einen ordentlichen Füllungszustand gedehnt wird. Der genaue Vorgang ist mit dem Prinzip einer Schleuse zu vergleichen: Der innere Schließmuskel am Anus erschlafft und der äußere spannt sich an.

Das Rektum ist zwar lediglich 15 Zentimeter lang, in der Liste der Todesursachen rangiert der dort auftretende Darmkrebs bei Männern allerdings an dritter Stelle. Eine rechtzeitige Entdeckung kann die Chancen erhöhen, nicht dazuzugehören. Deswegen umfasst jede Früherkennungs-Untersuchung auch eine Fingertast-Untersuchung des Rektums. Das ist zwar kein besonders tolles Erlebnis, bei dieser Untersuchung werden jedoch mehr als 60 Prozent aller Rektumstumoren entdeckt.

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