Elektroautos: Der Nissan Leaf im Lifestyle-Test

Nissan Leaf
Mag äußerlich nicht protzen: der Nissan Leaf

Wir haben das Elektroauto Nissan LEAF auf seinen Lifestyle-Faktor getestet. Ergebnis: Das Auffälligste ist seine distinguierte Unauffälligkeit

Ein Hingucker ist der Nissan Leaf nicht. Nicht dass er unansehnlich wäre, aber die meisten Menschen dürften denken: "ein Mittelklasse-Japaner eben!" Dabei ist der Leaf (englisch für Blatt) das am häufigsten verkaufte Elektroauto der Welt: Mehr als 50.000-mal hat Nissan die erste Version des Leaf bereits an den Mann gebracht – recht respektabel für ein Auto, das um die 30.000 Euro kostet und mit einer Reichweite von weniger als 200 Kilometern. Wir haben den Leaf der zweiten Generation getestet.

Fahrgefühl und Lifestyle-Faktor
"Hoppla", denkt sich der an mäßig motorisierte Japaner gewöhnte Fahrer, "der geht ja ab!" Tatsächlich sprintet der Leaf wie die meisten Elektroautos ziemlich sportlich los. Das kostet zwar reichlich Strom, macht aber Spaß und röhrt auch nicht so proletig wie bei einem Verbrennungsmotor. Stattdessen zieht die Landschaft leise surrend am voll entspannten Fahrer vorbei, der sich im Ausstattungsmodell Tekna in schwarzen Ledersitzen rekelt.

Edle Ausstattung und sportive Beschleunigung lassen die Damen am Wegesrand allerdings kalt: Bewundernde Blicke für den Fahrer? Fehlanzeige! Und auch Technik-verliebten Zeitgenossen bleibt keineswegs der Mund offen stehen. Der Leaf ist einfach zu unauffällig, um eine Zukunftsvision rüberzubringen. Womöglich ist aber genau das der entscheidende Pluspunkt. Die Leaf-Käufer wollen statt Aufmerksamkeit einfach ein durchdachtes und funktionierendes Elektroauto.

Nissan Leaf
Nissan Leaf 19 Bilder

Elektroantriebund Batteriekapazität
Der Elektromotor bewegt den Leaf mit seinen 109 PS (80 KW) kraftvoll über die Straße. Vor allem aus dem Stand bis etwa 60 km/h macht sich die sportliche Beschleunigung launig bemerkbar. Wer zu viel sprintet, wird allerdings kaum auf die knapp 200 Kilometer Regelreichweite kommen, ebenso derjenige, der den Leaf ständig auf seine 144 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit treibt. Wer Strom sparen will (oder muss), kann aber vor der Ampel oder bei Gefälle Energie zurückgewinnen. Wer den Wagen nämlich rollen lässt, füllt per Elektro-Motorbremse die Batterie, ohne bis zu einem bestimmten Grad die mechanischen Bremsen abzunutzen.

Äußeres Design
Der Leaf ist ein auffällig unauffälliges Auto. Als markant lassen sich vielleicht die aus den Flanken ragenden Scheinwerfer bezeichnen. Ansonsten wird der Leaf kaum eine Karriere als Sinnbild verwegener Roadmovie-Romantik machen.

Der Blick nach innen
Schwarze Ledersitze, sanft geschwungene Linien, übersichtliche und moderne Armaturen: Der Leaf Tekna, Top-Modell unter den 3 Ausstattungsvarianten, ist ein gelungener Innen-Design-Entwurf, der allzu futuristisches Gehabe vermeidet. Allein beim Schalthebel versagt Haptik und Praktikabilität. Er ist nicht intuitiv zu bedienen und nicht selten rutscht die Hand über ihn hinweg, ohne dass er tut, was er soll. Zieht man ihn nach hinten, geht's vorwärts – und umgekehrt. Okay, in Japan gibt es Linksverkehr, aber rückwärts fährt man auch dort nicht, um vorwärts zu kommen.

Der in der Mittel-Konsole eingelassene Touchscreen-Monitor ist übersichtlich und steuert die elektrischen Funktionen des Leaf, darunter Sprachsteuerung, Radio/Audio und eine Rückfahrkamera fürs Einparken. Sieht stylisch und hochwertig aus.

Aufladen der Batterie
Stromladeklappe an der Front öffnen, Ladekabel verbinden, aufladen, acht Stunden später weiterfahren. Die Technik ist einfach, ein Strommtankstelle zu finden schon schwieriger (siehe Kasten). Wer es eilig hat, benutzt eine von 600 Schnelllade-Stationen (CHAdeMO) europaweit, oder die knapp 40 (!) in Deutschland. Diese laden die Batterie Nissan-Angaben zufolge nach 30 Minuten zu 80 Prozent wieder auf. Zum Vergleich: Allein in Deutschland gibt es über 14.000 herkömmliche Tankstellen.

Fazit: Der Leaf ist ein rundum gelungenes Elektroauto ohne Schnickschnack und seine äußerliche Unauffälligkeit zeigt uns bereits heute, wie normal sich eines Tages solche Autos ins Straßenbild einfügen werden. Seine Reichweite von 200 Kilometern ist im Vergleich mit Verbrennungsmotoren nicht konkurrenzfähig, was aber vor allem an den derzeit noch zu wenigen Schnelllade-Stromtankstellen liegt. Wer posen will, muss Porsche fahren, wer mehr Wert auf (nachhaltiges) Sein als Schein legt – vielleicht den Leaf.

 

Hintergrund: In Großstädten wie Hamburg finden sich zahlreiche Stromzapfsäulen, deren reservierte Parkplätze mangels Nachfrage in der Regel verfügbar sind. Hier heißt es: Strom-Karte an die Säule halten, Kabel verbinden, nach Hause laufen (denn wer hat schon eine Säule direkt vor der Haustür stehen?). Hört sich bis aufs nach-Hause-Laufen bequem an, ist es aber nicht immer. Um sein Auto zu laden, benötigt der Elektroautofahrer einen Vertrag mit dem Anbieter, der in seiner Umgebung die Stromzapfsäulen unterhält. In Hamburg ist das beispielsweise Vattenfall, in Köln RWE. Bedeutet: Mit der falschen Anbieter-Karte gibt es keinen Elektro-Saft. Wer also eine Reise unvorbereitet in ein anderes Strom-Anbieter-Revier wagt, bleibt unter Umständen liegen.

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