Klamottenkauf: Der sitzt!

Expertin in Sachen Anzüge
Elisabetta Canali: Anzugkennerin mit Feingefühl

Wie findet man den perfekten Anzug? Ein Gespräch mit Elisabetta Canali (37) über Detail- und Gefühlsfragen

MH: Frau Canali, woran kann man einen guten Anzug erkennen?
Canali: Da gibt es viele Kleinigkeiten. Ich kann Ihnen aber einen Trick verraten. Greifen Sie mit Ihrer Hand ins Revers. Packen Sie den Stoff richtig an und drücken Sie ihn zwischen Handfläche und Fingerspitzen zusammen. Dann bewegen Sie die beiden Stoffschichten gegeneinander. Bei einem guten Anzug werden sich die Stoffschichten aufeinander bewegen lassen. Bei einem schlechten Anzug ist die Einlage mit den Stoffschichten verklebt.

MH: Aber ist beim Tragen nicht völlig wurscht, ob das Revers geklebt oder genäht wurde?
Canali: Erst mal ja. Aber nach einer Weile, vor allem nach ein paar Durchgängen in der Reinigung oder nach etwas Regen sehen Sie den Unterschied. Dann nämlich wird das geklebte Revers wellig, ungeschmeidig oder sogar hart. Das genähte Revers hingegen trocknet und fällt danach in seine Ausgangsposition zurück.

MH: Kann es nicht auch vorkommen, dass ein eigentlich schlechter Anzug ein genähtes Revers hat?
Canali: Nur theoretisch. Und genau deshalb empfehle ich Ihnen den Griff auch. Denn kein Hersteller wird sich die Mühe machen, die Revers zu nähen, wenn nicht auch der Rest stimmt. Das macht man nur, wenn man alles sauber verarbeitet und die Stoffqualität sehr gut ist.

MH: Worauf sollte man denn bei den Stoffen achten?
Canali: Ein perfekter Anzug besteht nur aus natürlichen Materialien. Da gibt es Wolle, bei unseren Anzügen in den Gewichtsklassen 120 bis 200, zudem Kaschmir, Leinen, Baumwolle, Seide und für die Einlagen Kamelhaar.

MH: Was muss man dann bei der Anprobe beachten?
Canali: Wenn das Sakko grundsätzlich sitzt, achten Sie als nächstes auf ein ausgewogenes Verhältnis von Oberkörper und Beinlänge. Wir nennen das Fitting. Ziehen Sie für diesen Test Ihre Schuhe wieder an. Bei den Proportionen kann man nämlich auch alles falsch machen: zu weites Oberteil zur engen Hose, zu kurze Jacke zur weiten Hose, plustrige Hose zum engen Sakko.

MH: Aber die Proportion lässt sich beim Kauf doch nicht mehr ändern?
Canali: Stimmt. Aber Sie müssen den Anzug ja nicht kaufen. Bei Canali haben wir fünf verschiedene Fittings für die verschiedenen Märkte in der Welt. Die Amerikaner etwa bekommen von uns eine Bundfalte mehr in der Hose, dafür engere Sakkos. Das steht den Italienern gar nicht – und erst recht keinem Japaner.

MH: Ist der Kauf eines perfekten Anzuges wirklich so schwierig ?
Canali: Absolut nicht. Das war nämlich bisher alles viel zu theoretisch. Viel schwieriger ist das Kombinieren.

MH: Warum?
Canali: Es gibt Männer, die können das. Die gehen in ein Geschäft, selektieren und greifen an den richtigen Stellen ins Regal. Die wissen, was wann wozu passt. Andere Männer brauchen Hilfe.Übrigens gibt es noch einen letzten Test, der Ihnen das ganze Prozedere beim Anzugkauf und Kombinieren fast erspart.

MH: Und den verraten Sie erst jetzt? Welcher Test ist das?
Canali: Fühlen Sie den Anzug mit dem ganzen Körper. Ziehen Sie ihn an, bewegen Sie sich. Der perfekte Anzug ist nicht zu spüren. Er ist zwar da, aber er ordnet sich Ihnen unter. Er ist nicht mal eine zweite Haut. Nur da.

ZUR PERSON
Elisabettas Großvater Giovanni gründete 1934 in der Nähe von Mailand die Schneiderei Canali. Heute ist das Unternehmen mit 1500 Mitarbeitern vor allem für seine in Italien handgefertigten, feinen Anzüge bekannt. Elisabetta Canali ist in der Firma Kommunikations-Chefin, verheiratet und hat eine Tochter.

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