Die moderne Form der Macht ist Einfluss

Interview mit Edgar K. Geffroy, Unternehmensberater und Bestsellerautor ("Machtschock"), über Macht, Machthunger und Hierarchien. Und: Die Top-Fünfzig der mächtigsten Deutschen.

Rodale-Motor-Presse: Was bedeutet Macht?

Edgar K. Geffroy: Die klassische Form der Macht bedeutet, dass Sie besitzen, bestimmen, befehlen. Früher gab es eine Gewaltmacht, dann eine Geldmacht und heute setzen Institutionen und Unternehmen Einfluss als zentrales Machtinstrument ein. Gerade dieser Einfluss wird in der Netzwirtschaft, in die wir hineinkommen, immer entscheidender.

Siehe Computerbranche: Bill Gates steht für Macht, Linus Torvald für Einfluss?

Gutes Beispiel. Durch die Monopolisierung seines Windows-Betriebssystems ist Bill Gates natürlich zu maximaler Macht gekommen. Aber durch die weltweite und kostenlose Freigabe seines Linux-Betriebssytems hat sich Linus Torvald die Chance eröffnet, gegen Bill Gates anzutreten und seinen eigenen Einfluss zu erhöhen. Der Clou bei dem frei kopierbaren Betriebssystem ist, dass es nicht mehr verhindert werden kann.

Wie werden zukünftige Machtstrukturen aussehen?

Die Formel "Besitz = Macht" wird ihre Gültigkeit verlieren. Benutzen statt besitzen lautet das Zauberwort. Man wird Unternehmen in Zukunft nach dem Wert, nicht nach dem Besitz beurteilen. Der Sportartikelhersteller Nike zum Beispiel besitzt keine einzige Fabrik mehr. Es wird immer mehr mit Partnerschaftsmodellen gearbeitet, die in keinem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Also werden auch autoritäre Führungsstile immer weniger funktionieren. Statt in Hierarchien wird in Netzwerken gearbeitet. Das erfordert Kooperations- und Wandlungsfähigkeit sowie soziale Kompetenz – von Mitarbeitern und Chefs.

Woran erkennt man einen mächtigen Menschen?

Früher erkannte jeder einen mächtigen Mann an seinen Insignien. Heute ist
das schwieriger, weil viele Menschen nicht als mächtig erkannt werden wollen. Würde man sie nicht aus der Zeitung kennen, würde man sich auf der Straße garantiert nicht nach ihnen umdrehen. Die meisten sehr einflussreichen Menschen machen eher einen bescheidenen, zurückhaltenden, ich möchte fast sagen blassen Eindruck. Es ist nichts
Extrovertiertes an ihnen festzustellen.

Zum Beispiel?

Jemand, der mich seit jeher fasziniert, ist Hans-Dietrich Genscher. Er war zu seiner Zeit ein mächtiger Mann und hat auch heute noch – was viele nicht wissen – sehr viel Einfluss. Letzten Endes kam die Idee mit der Kanzlerkandidatur Westerwelles von ihm.

Auch Genschers Parteifreund Jürgen Möllemann war Bundesminister, stürzte dann jäh ab und drängte wieder nach oben. Was ist dran an dem viel zitierten Machthunger?

Gerade Politikern unterstellt man, dass ihre Hauptantriebskraft ihre Macht und damit der Machterhalt sei – siehe 16 Jahre Bundeskanzler Kohl. Es ist sicherlich so, dass Macht dazu führt, dass man wieder an die Macht will. Das ist ein Jahrtausende alter Mechanismus.

Ein typisch männlicher Mechanismus?

Erwiesenermaßen sind es vor allem Männer, die ein extremes Dominanzstreben haben, die Führungs- und damit Machtpositionen für sich beanspruchen. Das wird einem mit Sicherheit zum großen Teil in die Wiege gelegt und durch Lernerfahrungen verstärkt. Macht lässt sich eher männlichen Attributen zuordnen. Frauen verfügen häufig über eine sehr viel subtilere Form von Macht – ihren Einfluss. Schauen Sie nur einmal, hinter wie vielen mächtigen Männern noch einflussreichere Frauen stehen.

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