Die Veränderung: Der Weg in die Depression

Gehasster Wochenauftakt
Zukunftspläne weichen Panikattacken

Irgendwann beginnt die elende Grübelei, die alles noch schlimmer macht

Die schlimmste Zeit in Tims Leben beginnt mit einer guten Nachricht. Da ist er 24 und studiert Chemie in Jena. Im Rahmen seiner Diplomarbeit (Thema: Quecksilber-Wechselwirkungen) kommt er für 9 Monate in einem staatlichen Forschungszentrum bei Hamburg unter. Tim freut sich auf die bevorstehende Forschungsfahrt und auf Feldmessungen mit neuen Apparaturen. "Ich hätte Pionierarbeit leisten können", sagt Tim. Hätte. Können.

Seine Freude teilt Tims damalige Freundin nicht. Keine Lust auf eine Fernbeziehung, sagt die junge Frau, neben der Tim 3 Jahre zuvor das erste Mal aufgewacht war. Er geht trotzdem. "Mir war klar, dass sie nur einen Grund suchte, um eine Beziehung zu beenden, die aus ihrer Sicht schon lange vorher keine Zukunft mehr hatte." Weh tut es trotzdem.

Im Labor läuft es von Anfang an nicht gut. Tim kommt wochenlang zu keinen schlüssigen Ergebnissen. Er hinterfragt das Projekt, sieht darin schon bald keinen tieferen Sinn mehr. Und dann beginnt diese elende Grübelei, die alles schlimmer macht: Wird das hier genügen für eine akzeptable Note – keine 3, keine 2? Er denkt an seinen Vater, selbst Akademiker, der erwartet, dass Tim das akkurat durchzieht. Wie damals in der Schule: "Wenn ich da irgendetwas nicht konnte, wurde ich zusammengefaltet. Mein alter Herr konnte das gut", sagt Tim. Und dann ist da immer noch diese junge Frau in seinem Kopf, neben der er so gerne wieder einschlafen möchte. Überhaupt möchte Tim gern wieder schlafen. Denn nachts liegt er wach. Starrt. Grübelt. Und weint. Tagsüber verkneift er sich wenigstens die Tränen. Reißt sich stattdessen unbewusst Haare aus und kratzt sich die Stirn blutig.

Das Forschungszentrum liegt irgendwo in der Pampa, nur 5 von 20 Gästezimmern sind belegt. Mit keinem Bewohner kann Tim was anfangen – sich eingeschlossen. Jeden Tag fällt es ihm schwerer, sich zu konzentrieren. Bis zur Forschungsfahrt müssen die Laborversuche stehen, aber die Zeit rennt, obwohl sie in all der Bewegungslosigkeit stehen zu bleiben scheint. Der graue Vorhang in seinem Kopf zieht sich langsam zu, wirkt wie Scheuklappen, die ihn die Übersicht über die Forschung verlieren lassen. Und über sein Leben.

Appetitlosigkeit lässt Tim 10 Kilo abnehmen. Dazu kommen Panikattacken, die ihm Brust und Kehle zuschnüren, sein Herz zum Rasen bringen. Es folgen Schweißausbrüche, Atemnot, Schwindel und Zittern. Und dann diese Angstgefühle, schwarz und zäh wie Öl, die über Geist und Seele kriechen. Tim wird von der Angst beherrscht. Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Angst, keine gute Note zu erhalten. Vor allem jedoch Angst, zu versagen, es dem Vater nicht recht machen zu können.

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