Selbsteinweisung: Die Depression erkennen

Talentsuche
Wichtig: die eigene Lebenssituation ins Visier nehmen

Männer neigen dazu, die psychischen Symptome zu verschweigen, obwohl sie ihre Depression erkennen

"Für viele Menschen ist es überraschend, dass die Depression auch eine körperliche Krankheit ist – aber Körper und Seele sind eng miteinander verbunden. Gerade Männer neigen dazu, die psychischen Symptome zu verschweigen", erklärt Unger. Denn die logische Folge ist eine Psychotherapie, und die ist in vielen Augen nur etwas für Irre. Nein, Männer wollen funktionieren und keinerlei Schwäche zeigen.

Tim erinnert sich: "Gerade die Heulerei passte nicht zu meinem Männlichkeitsbild." Bei den Eltern aber macht er Andeutungen. Sagt, dass er nicht mehr kann. Die Mutter macht sich Sorgen und steckt ihm einen Zeitungsartikel zu – irgendetwas von Depressionen steht da drin. Tims Vater zeigt wenig Verständnis und erhöht gar noch den Leistungsdruck. Er sagt Sätze wie: Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen. Er sagt: Du bringst das zu Ende. Und: Aufgeben kommt nicht in Frage. Und: Es gibt keinen Ausweg.

Die scharfe Klinge des Taschenmessers fühlt sich kalt an auf der dünnen Haut über den Pulsadern. Nur ein Schnitt, und das Leben, das Tim schon längst nicht mehr lebenswert scheint, würde langsam aus ihm rausfließen. "Ich hatte im Labor einige Plastikschläuche zerschnitten und plötzlich hielt ich mir das Messer ans Handgelenk", sagt Tim. In einer wachen Sekunde denkt er: Das bist du nicht! Was machst du da für einen Mist? Am Abend liest Tim den Artikel, den seine Mutter ihm gab. Die darin beschriebenen Symptome kennt er nur allzu gut. Also besorgt er sich die Telefonnummer des Autors, Dr. Hans-Peter Unger, und ruft ihn an. Noch während des Gesprächs entscheidet Tim sich gegen seine Forschungsfahrt, gegen die Pionierarbeit und gegen die Anforderungen des Vaters. Bereits am nächsten Tag verlässt Tim das Forschungszentrum in Richtung Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg, wo er die nächsten 4 Wochen verbringen wird. 4 Wochen, das sind 28 von insgesamt 11 Millionen Tagen Arbeitskraft, die unserer Volkswirtschaft jedes Jahr auf Grund der heimtückischen Krankheit fehlen.

4 Milliarden Euro Produktionsausfall

In einem Bericht der Bundesregierung ist die Rede von einem Produktionsausfall in Höhe von 4 Milliarden Euro. Die Gesundheitsverbände, Krankenkassen und Ärzte sollen künftig konsequent über die Symptome und die Behandlungsmöglichkeiten aufklären.

Hinter der Tür mit der Nummer 224 liegt ein schmaler Flur. An dessen Ende stehen ein runder Tisch und zwei Stühle, auf denen Tim nie sitzt. Daneben ein Fenster, mit Blick auf einen Park, den er nie betritt, und ein Kleiderschrank, den er nie öffnet. Wie alle Möbel hier ist auch das Bett aus heller Eiche. An der Wand darüber hängt ein Bild, auf dem zwei Blumen zu sehen sind. "Veilchen oder Vergissmeinnicht", sagt Tim. Genau weiß er es nicht. Tim ist schließlich Chemiker, kein Botaniker.

Wenn mit der Chemie im Kopf etwas nicht stimmt, dann helfen Medikamente. Die Ärzte kämpfen mit Chemiekeulen gegen Depressionen, mit Präparaten, die Citalopram oder Fluoxetin heißen. Auch Tim nimmt Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die seine Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen sollen – 20 Milligramm täglich. „Ohne diese Antidepressiva hätten die meisten Patienten keinerlei Chance auf Heilung. Entgegen der Befürchtung vieler Menschen machen diese Medikamente nicht abhängig“, erklärt Unger. "Vielmehr sorgen sie dafür, dass eine Psychotherapie überhaupt erst möglich wird."

In der ersten Woche liegt Tim einfach nur da. Und starrt. Und grübelt. Und weint. Fast den ganzen Tag lang. Das kleine Zimmer verlässt er nur, wenn er von Pflegern dazu aufgefordert wird. Ohne Antrieb, wie eine Nussschale im Pazifik, fühlt sich Tim finsteren Mächten ausgeliefert, die ihn in die Tiefe reißen.

Die Hilfe kommt tatsächlich

Nach 3 Tagen ohne Dusche, Rasur und frische Kleidung sieht man Tim den seelischen Zustand an. Die Kumpels können nicht verstehen, was mit ihm los ist. Es müsste ihm doch eigentlich gut gehen, schließlich hat er alles, was man sich wünscht. Aber am Glücklichsein hindert ihn das, was sich niemand wünscht. Die Freunde lernen zu verstehen und halten zu ihm. Das hilft. Aber die Ärzte machen Tim bald klar, dass auch er etwas tun muss, um gesund zu werden. So quält er sich irgendwann erst aus dem Bett, dann aus dem Zimmer. Nachts schleicht er manchmal über den Klinikflur, um sich Schlafmittel zu holen.

Der Gruppentherapieraum befindet sich im 2. Stock und sieht aus wie ein Konferenzraum ohne Tische. "Wenn alle Patienten sitzen, beginnt das so genannte Blitzlicht", so Chefarzt Unger. Dann kann jeder Patient sagen, wie es ihm geht, was ihn beschäftigt. Viele schauen auf ihren Schoß oder an die Decke. "Oft habe ich da angefangen und geradeheraus gesagt, dass es mir beschissen geht. Dann habe ich auf Hilfe gewartet", erzählt Tim.

Und Hilfe kommt tatsächlich. In Gruppen-, vor allem aber in den Einzelgesprächen mit Dr. Unger werden Tim Perspektiven und Möglichkeiten aufgezeigt, an die er gar nicht gedacht hatte. Nicht denken konnte. Und da ist dieser ältere Mann, der vor seiner Einweisung im Vorstand einer größeren Firma tätig war. Ein Mann, der in seinem Leben viel erreicht hat und das von seinem Sohn auch erwartete. Er habe seinen Jungen antreiben wollen, sagt er. Zum Schluss hat er ihn vertrieben. Tim redet oft mit dem Mann, sieht die Parallelen zu seinem Vater. Er beginnt zu verstehen, wie sein alter Herr tickt. Ihm wird klar, dass er richtig gehandelt hat.

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