Eisbautechnik: Ein Häuschen in Schweden – Campen im Iglu

Klare, eiskalte Luft, Einsamkeit, Ruhe, Stille – Natur

Jörg Spaniol, unser Mann für den Pol, hat sich einen Iglu gebaut. In Schweden. Er erzählt, wie es war

Auf halber Strecke zwischen Frankfurt am Main und dem Nordpol liegen die höchsten Berge Schwedens. Ein traumhaftes Skigebiet! Einen Haken hat die Sache allerdings: Man kommt nur zu Fuß hin. Und das Hotel muss man sich dort auch selbst bauen. Jörg Spaniol hat’s trotzdem gemacht.

Wo bin ich überhaupt?

Prolog
Die Sonnenterrasse einer Skihütte in Tirol, Anfang Januar, kurz nach Liftschluss. Wo Ruhe sein sollte, kreischt eine künstlich erregte Stimme durch die Außenlautsprecher. Sie fragt mich und die „partypeople all over the world“ zu etwa 100 beats per minute, ob ich mich alright fühle. Bumm, bumm, bumm. Und plärrt, ohne meine Antwort abzuwarten, eine unendlich verstümmelte Rock-Hymne durch die Berge: „I can’t get no satisfaction.“ Genau, denke ich, genau das: no satisfaction! Hier nicht. Laute Leute und eine weichgespülte Skikultur, die die Berge kastriert. Es muss auch anders gehen.

Wochen später und 3000 Kilometer nördlich

Einhundert Worte für Schnee: Auvik – Schnee, aus dem manIglus baut

Ein paar Wochen später und 3000 Kilometer nördlich der Tiroler Mixtur aus „Fun, Spaß und Gaudi“

Christoph, der Schweiger in unserem vierköpfigen Team, stochert mit einem dünnen Aluminiumrohr in der topfebenen Schneedecke des Talbodens Zieht es wieder heraus, runzelt die Stirn und sondiert die Schneedecke ein paar Meter weiter. Wenn er einen Schritt macht, knirscht die Oberfläche, als würde er Knäckebrot auf Parkettboden zertreten. Wieder und wieder sackt seine Sonde durch zu dünnen Windharsch. Etwa einhundert Worte für Schnee sollen die Eskimos verwenden, doch wir suchen nur eine Sorte: Auvik – den Schnee, aus dem man Iglus baut. Und weil es hier weder jemals Eskimos gab noch einer von uns Fräulein Smillas Gespür für Schnee hat, pulen wir eben mit dem Alu-Rohr Löcher ins Weiß. So lange, bis der Harschdeckel an einer Stelle mindestens 20 Zentimeter stark ist.

Wir sind angekommen. Etwa 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, in der Wildnis Nordschwedens. Hier wird das Iglu stehen, das Basislager für Skitouren auf die speckig glänzenden Berge rundum. Auf Berge, die im Winter niemand betritt. Sie heißen Adnjetjarro, Tjamuhas oder einfach nur 1892 m, enden gut einen vertikalen Kilometer über uns und sind garantiert frei von Liften, Schneebars und Partypeople in Skistiefeln. Am westlichen Horizont, schon drüben in Norwegen, ritzt der kantige Storstein an der dünnen Wolkendecke. „Der ist ziemlich beliebt“, hatte Carl, der Chef-Bergführer im Skiort Riksgränsen, abgewinkt, „er wird 10- bis 20-mal bestiegen!“ Pro Jahr, versteht sich. Also knapp zwei Menschen pro Monat – für die Verhältnisse jenseits des Polarkreises ein Getümmel.

Inzwischen hat Gerhard den Grundriss in den Schnee gekratzt. Einen simplen Kreis, gerade groß genug für vier Liegematten nebeneinander, und Christoph wühlt in den Tiefen seines Lastschlittens nach der Schneesäge. Er sollte sie tunlichst finden. Von der nächsten bewohnten Hütte trennt uns ein Tagesmarsch, und zur Straße sind es fast zwei. Die Säge schneidet die weiße Wüste in Platten und macht so das weite Schneefeld zu einem Steinbruch. Rechtwinklige Brocken, mindestens 20 Kilo schwer, formen wir zu einem ersten Drei-Meter-Ring. Als er geschlossen ist, wird es kurz still. Keiner sagt etwas. Dies ist das inoffizielle Richtfest. Nach einem anderthalbtägigem Marsch über dröhnend harten Schnee und 40 an der Hüfte zerrenden Kilo Schlittengewicht markiert der kleine Wall unmissverständlich den Beginn des unruhig erwarteten Ernstfalls: Wildnis. Hatten die schleifenden Skier nicht bei jedem Schritt „Iii“ gerufen und beim Aufsetzen mit einem „glu“ geendet? Das Ding muss einfach werden!

Iglus eher niedrig temperiert: So richtig warm wird´s nicht

Tatsächlich ist es in einem Iglu nicht ganz so warm, wie man es sich so vorstellt

Anstelle eines Richtspruchs schnurrt in der Erinnerung ein Dokumentarfilm von unserer Generalprobe los Keiner von uns hatte je ein Iglu gebaut, und so waren wir, drei Wochen vor dem Start zum Polarkreis, zu Oberbayerns abschmelzenden Schneeresten gepilgert, mit einem Bauplan aus dem Internet, Schaufel und Säge. Nach fünf Stunden harter Arbeit stand die Kuppel, innen fast zwei Meter hoch und schimmernd. Beinahe so wichtig wie die Zuversicht, das auch unter schweren Umständen zu schaffen, war eine andere Beobachtung: Trotz triefend nasser Handschuhe und Hosen hatte keiner geruht, bevor die Kuppel wirklich dicht war. Nicht schlecht für ein Team, das sich vorher kaum kannte!

Kauern im Kreis
Ungefähr vier Stunden später ist auch bei dem Ernstfall-Iglu der letzte Stein gesetzt. Vier von der Plackerei verschwitzte Hausbesitzer robben durch den Eingangstunnel in das Innere. Kauern im Kreis, Blicke prüfen die Wände. Ob das hält? Schwimmbadblau leuchten die transparenten Fugen der Mauer, die unsere vergängliche Kathedrale bildet. Ungefähr eine Tonne Schnee, mannshoch geschichtet. Schutz vor jedem denkbaren Wetter und ein klares Drinnen, abgegrenzt gegen die unendliche Menge an Draußen, die sich grell in der Sonne ausbreitet. Kein Baum, keine Höhle, kein Haus, das hier Schutz böte.

Keine Kinderspiel: So ein Iglubau dauert tatsächlich fünf Stunden
Kein Kinderspiel: So ein Iglubau dauert tatsächlich fünf Stunden

Sind Eisschränke innen warm
Feuchtfrostige Atemwolken stehen in dem Raum. Warm sollen es die Eskimos in ihren Profi-Schneehaufen haben, weiß die Legende, richtig kuschelig. Aber ist es im Kühlschrank warm? Ja, jedenfalls relativ. Sechs Grad, meistens. Wärmer als hier. Und solange draußen so stabil die Sonne scheint wie jetzt gerade, locken uns die Berge und nicht die Höhle.

Dem ersten Gipfel entgegen, Navigation nach Sicht. Die Talsohle, die kaum anders aussah als ein etwas breiteres Bachbett, scheint immer breiter zu werden. Seit einer halben Stunde rumpeln unsere Skier schon im Skating-Stil über Eisflächen und schmale Landstreifen. Dahin, wo ein Bergrücken gemächlich ansteigt, um rund 1000 Meter höher in einem namenlosen Gipfel zu enden. Schnee, Eis und wieder Eis. Distanzen, die in der klaren Luft trügerisch klein wirken. Als wir endlich die Steigfelle aufkleben, haben unsere Stahlkanten bereits sieben Kilometer glasierte Tundra verkratzt. Alpine Tourenskier sind nicht wirklich dafür gedacht, weite Flachstrecken zu bewältigen. Zu schwer, zu steif. Aber die » Wanderskier der Schweden sind noch weniger dafür gedacht, Eishänge runterzufräsen. Also lieber Blasen an den Füßen und Spaß bergab. Doch zunächst mal geht es aufwärts. Gleichmäßig schnaufend, jeder für sich, versunken in seinen Rhythmus. Mit gelegentlichem Blick nach oben, um die ideale Linie zu finden. Mit Blick nach hinten, wo selbst nach etwa acht Kilometern noch die weiße Iglu-Kuppel aus der Ebene aufragt. Kämen Wolken auf, Nebel oder ein Sturm, der schützende hohle Schneehaufen wäre in Sekundenschnelle unsichtbar. In Rainers Rucksack steckt deshalb ein GPS-Empfänger, dessen Chip die Koordinaten des Iglus kennt – er ist die einzige Orientierungshilfe im Whiteout, wenn Himmel und Erde zur weißen Hölle verschmelzen.

Keine Bergwacht: Weiter, höher und ganz vorsichtig

Es sind nicht die paar verirrten Bären oder Wölfe, warum sich einem das Nackenfell sträubt. Es ist die Wucht der Lawinen, mit der die Hänge die zerstampfen, die ihre Winterruhe stören

Mit wissenschaftlicher Akribie erstellte Lawinen-Lageberichte? Markierte Routen? Fehlanzeige. Wir sind auf unsere eigene Einschätzung angewiesen. Freiheit beinhaltet immer auch die Freiheit, Fehler zu machen. Keine Bergwacht, die patroulliert. Eine letzte Pistenkontrolle um 16.30 Uhr? Nein. Nächsten Sommer, vielleicht – falls sich dann jemand auf die Flanke des namenlosen Berges verirren sollte.

Das Innere eines Iglus sieht vielleicht heimelig aus – ins Schwitzen gerät man allerdings nicht dauerhaft
Das Innere eines Iglus sieht vielleicht heimelig aus – ins Schwitzen gerät man allerdings nicht dauerhaft

In der Fjällstation Abisko, unserem Startpunkt, hatte die Service-Maid gezögert, eine Notiz über unsere Marschrichtung und den geplanten Rückkehrtag aufzunehmen. „Wir schreiben das normalerweise nicht auf“, hatte sie gelächelt, „denn da kann euch sowieso keiner helfen.“ Auch das erdumspannende Handynetz hat hier eine große Luftmasche. Und so liegen die Telefone friedlich abgeschaltet in der Station. 100 Gramm gespart und wirklich draußen, wirklich im echten Leben, jenseits von „es war nicht so gemeint“.

Instantfutter und Getränke: Jägertopf "Schwarzwald"

Für Delikatessen ist kein Raum. Aber Nahrung soll schließlich nähren. Sonst nichts

So viel Echtwelt macht vorsichtig. Wir meiden die nordöstlichen Steilhänge mit ihren Wechten und dem lockenden Pulverschnee. Sicher ist sicher, aber wirklich sicher ist gar nichts. Stapfen weiter und hören da auf, wo die Kondition es befiehlt. Das ist noch vor dem Gipfel, und das wiederum ist egal.

Wer auf den Mont Blanc will, ist gescheitert, wenn er vorher umdreht. Wer auf den namenlosen Berg steigt, hört auf, wo die Abfahrt gut aussieht. Wartet, bis das Schnaufen sich verlangsamt und die Thermoskanne nicht mehr gluckert. Riecht den Instantkakao im Becher, als sei es ein erotisierendes Parfüm. Sieht hunderte namenloser oder unbekannter Berge um sich herum. Und hört: nichts. Endlich nichts. Keine Partypeople. Keine lustigen Klingeltöne. Höchstens seine eigenen Herzschläge. Oder das Brechen der verpressten Schneedecke unter den weiten Schwüngen abwärts. Wer will, der carvt eben eine 50-Meter-Kurve. Die Wahrscheinlichkeit, dabei in einen wartenden Skikurs zu donnern, ist in Prozenten schon nicht mehr auszudrücken.

Haute Cuisine gibt es zu Hause
Haute Cuisine gibt es zu Hause

Der Rückweg über die aufgefirnte Ebene hat Körner gekostet. Im bösen Fauchen der Benzinkocher sacken zerfließende Schneebrocken in die Töpfe. Heißes Wasser, Grundstoff für Instantfutter und Getränke. „Jägertopf Schwarzwald“ oder „Jogurtdessert mit Himbeeren“? Egal, Hauptsache viel. Wir essen schweigend. Noch wärmt die Sonne den Rücken, lässt die ausgebreiteten Klamotten » dampfen. Sonne und die Kälte im Schatten haben Lippen und Nasenlöcher ausfransen lassen wie detonierte Scherzzigarren. Als die Heizung hinter einem weiteren namenlosen Berg verschwindet, beginnt die Nacht am Iglu. Eisnadeln spreizen sich minutenschnell über einer vergessenen Teetasse. Wir robben in die türkis schimmernde Kuppel, wickeln uns in voller Montur in die Schlafsäcke.

Irgendwann in der Nacht tapsen neugierige Schneehühner ums Iglu. Ihr Gackern und Rufen klingt in der Stille klar und freundlich. Ich krieche nach draußen, laufe einen Abhang hoch. Hocke vermummt auf einem Stein und wünsche mir, dass er sich ganz langsam im Kreis dreht, um die Himmelsfarben rundum betrachten zu können. Waren tagsüber die Schatten intensiv blau, überstrahlt nun das Pink der Gipfel die Szenerie, bevor die Berghänge in sterilem Hellblau schweigen und der Himmel violett auf das Orange des Morgens wartet. Richtig dunkel wird’s hier schon Ende April nicht mehr. Regelmäßig plitscht Schmelzwasser von den Kanten der Schneeblöcke auf den Schlafsack. Am Morgen sind die so entstandenen Pfützchen gefroren.

Es ist der Morgen, an dem wir das Iglu den ungefiltert bohrenden Sonnenstrahlen und Schneehuhn, Elch oder Rentier überlassen. Die Schlitten, nach tagelangem Stillstand im Schnee festgebacken, starten mit einem Ruck. Oberschenkel und Füße schmerzen von den Touren der letzten Tage. Im Hotel in Riksgränsen, soll’s eine Sauna geben. Schon eine Dusche wäre ein Fortschritt. Der Weg zurück führt abwärts, und das ist gut so. Er führt dabei natürlich auch tiefer, und das ist weniger gut. Schon springen an den Südhängen die Knospen der Weidenbüsche auf, riechen die ersten Grasbüschel nass in der Sonne.

Doch wir brauchen Schnee, Eis, Kälte für den Weg zurück! Ein zugefrorener Fluss war unsere Autobahn einwärts. Jetzt liegt seine dicke Eisschicht geborsten da, unbegehbar. Der Frühling frisst sich bergan durch den Schnee. Wir müssen die schweren Schlitten in Skischuhen zerren, mogeln uns ausgelaugt von Schneefleck zu Eisrest, wuchten die Lasten steile Böschungen hoch, trampeln durch das Gehölz. Knochenarbeit statt Wintersport. Die Saison für Hobby-Eskimos ist spätestens dort beendet, wo der Schnee sie nicht mehr trägt. Oder, auf gut Eskimo: wo der weiche
Harsch namens Munnguktuk endgültig dem Schneematsch Aput Masamartuk weicht.

Reisedaten: Allgemeine Infos über Reisen nach Nordschweden

Okay, es war hart. dafür war´s aber auch extrem gut. Wenn sie nun auch los wollen, lesen Sie unsere Tipps für eine Reise nach Nordschweden

Eine einfache, aber zutreffende Einschätzung der dortigen Verhältnisse liefert die Faustformel „Alpen minus 1500 Meter“. Anders gesagt: Die Bedingungen im schwedischen Gebirge ähneln denen in den Alpen, wenn man 1500 Höhenmeter abzieht. Die Baumgrenze liegt bei etwa 700 Meter, Sträucher kommen bis auf 1000 Meter. Kurz darüber beginnen die ersten Gletscher.

Bedingungen wie in den Alpen
Bedingungen wie in den Alpen

Per SAS-Flieger (www.scandinavian.net) über Stockholm nach Kiruna. Tickets gibt’s ab etwa 500 Euro, fürs Skigepäck wird eine Extragebühr von 48 Euro fällig. Vom Flughafen aus gibt es in den Wintermonaten keinen Bus nach Kiruna, da heißt’s dann Taxi fahren (Reservierung unter Tel. +46 / 09 80 / 1 20 20). Und von Kiruna aus fahren jeden Tag und Bus nach Abisko und nach Riksgränsen (www.resplus.se; www.connex.se).

Was muss man über die Berge wissen?

Die Niederschlagsmengen in Schweden variieren stark. Während Abisko zu den trockensten Orten Schwedens zählt – dort regnet es weniger als
in Deutschland –, geht im lediglich 30 Kilometer entfernten Riksgränsen schon ein Vielfaches an Regen und Schnee nieder. Die besten Monate, um dort Skitouren zu unternehmen, sind März und April. Dann können die Temperaturen zwar unter minus 20 Grad Celsius fallen, doch sie übersteigen gelegentlich auch die Frostgrenze.

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