Erfahrungsbericht eines Vaters: Wie Vaterdasein das Leben umkrempelt

Vater werden

Es gibt kaum ein Ereignis, das den Alltag eines Mannes so radikal umkrempelt: Sex, Gefühle oder Freizeit, alles wird anders. 

Wie Michael Jackson es erfahren hat, weiß ich nicht. Aber vermutlich nicht mittels der klassischen Ouvertüre: "Du, ich muss Dir etwas sagen." Wenn Frauen diesen Satz mit all seinen sprachlichen Höhen und Tiefen voran schieben, statt gleich loszureden wie sie es sonst immer tun, dann ist irgendetwas im Busch. Genaugenommen gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder hatte das neue Auto heftigen Kontakt mit einer Straßenlaterne oder die Liebste Kontakt mit einem Liebhaber, der "natürlich längst aus den Augen und dem Sinn ist" – oder es folgt der nicht minder inhaltsschwere Satz: "Ich glaube, ich bin schwanger."

Mütter mit Kinderwagen erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht
Mütter mit Kinderwagen erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht

Neues Bewusstsein: Der Blickwinkel verändert sich

Ein Kind gibt die neue Richtung für Ihr Leben vor. Die Entscheidungen treffen aber immer noch die Eltern. Und das kann ganz schön hart werden

Mein zweiter Anlauf zum Vater, etliche Jahre später und in anderer Konstellation, geschah viel bewusster, jedenfalls was die Konsequenzen anging. Plötzlich war der Punkt erreicht, wo man sich endgültig und unwiderruflich erwachsen fühlte. Die geheime Hintertür im Kopf, es ließe sich so oder aber auch ganz anders leben, fiel unüberhörbar zu.

Nun war eine Richtung vorgegeben. Konsequenterweise leiteten wir unsere ebenso feste wie glückliche Beziehung rasch in eine Ehe über. Wusste man bis zur entscheidenden Nachricht noch nicht, wie die nächste Woche aussehen würde, eröffneten sich nun Planperspektiven über die nächsten 18 Jahre. Gestaffelt in überschaubare Abschnitte: Geburt in acht Monaten, Kindergarten in drei Jahren, Grundschule ab sechs, Urlaub nur noch in den Schulferien etc. Es wurde irgendwie verdammt ernst, und das langfristig.

Neue Gleichberechtigung
Wer die frohe Nachricht an seine Eltern mit einem flapsigen "Hallo Oma, hallo Opa" weitergibt, zielt nicht nur auf den Überraschungseffekt, sondern markiert auch neue Grenzen, vollzieht den Generationswechsel. Denn Oma und Opa in dieser neuen Rolle verfügen nicht mehr über die gleiche Autorität wie zuvor in ihrer Eigenschaft als Vater und Mutter, in der Regel jedenfalls nicht, andernfalls gibt es Zoff.

Ihr Platz ist künftig am Sandkasten, die Entscheidungen aber fallen am Tisch der neuen Familie, die sich aus einem Paar plus Nachwuchs rekrutiert. Ich kenne Leute, die fanden erst nach der Geburt ihres Kindes ein vernünftiges, sprich gleichberechtigtes Verhältnis zu ihren Eltern.

Sein Gang verändert sich, er wird straffer
Der Frau sieht man die Schwangerschaft in den ersten drei Monaten nicht an, dem Mann hingegen schon. Sein Gang verändert sich, er wird straffer, und beiläufig lässt er bei allen möglichen Gelegenheiten mit stolz geschwellter Brust fallen: "Übrigens, ich werde Vater." Verfluchte er Kinderwagen in Einkaufspassagen bislang als überaus lästiges Verkehrshindernis, wirft der werdende Papa jetzt forschende Blicke auf Neugeborene. "Du, bei uns wird nicht mehr geraucht" zieht er bei der Skatrunde sein neuestes As aus dem Ärmel.

Langsam differenziert sich der Freundeskreis in schwangere und nichtschwangere Männer. Die letzteren geraten ins Hintertreffen, weil sie auf die entscheidende Frage nicht antworten können: "Und wann ist es bei Euch soweit?"

Vater werden
Genießen Sie die Schwangerschaft Ihrer Liebsten

Die darauf folgende Pause lässt sich nur notdürftig mit einem "Bist Du Dir ganz sicher?" überbrücken. Dumme Frage: Frauen sind sich in solchen Situationen meist sicher, haben in der Apotheke längst einen Schwangerschaftstest erstanden, eins und eins zusammengerechnet. Periode ausgeblieben, Test positiv, was gibt es da noch zu deuteln? Nun wollen sie eine Antwort, einen Ausbruch der Begeisterung, eine zärtliche Geste und glänzende Augen des Kindsvaters in spe. Wer reif dazu ist, Vater zu werden, liefert diese Reaktionen spontan. Bis er dann im Magen merkt, dass da noch mehr ist als bloße, pure Freude.

Glaubt man Wissenschaftlern wie dem Münchener Evolutionssychologen Andreas Hejj, ist jeder Mann darauf programmiert, seine Gene möglichst weiträumig zu verteilen, um das Überleben des wertvollen Erbgutes zu sichern. Darum schielt er nach breiten Becken, die unkomplizierte Geburten erwarten lassen. Deshalb faszinieren ihn große Busen, an denen die Nachkommen genährt werden können, machen ihn glänzende lange Haare verrückt, weil sie seinem Unterbewusstsein einen hohen Östrogenspiegel und gute Befruchtungschancen signalisieren. Wer Vater wird, hat eigentlich ein Lebensziel erreicht, was die Freude wissenschaftlich untermauert.

Dass daneben noch andere Gefühle eine Rolle spielen, hat etwas mit dem Kind im Manne zu tun. Als ich mich das erste Mal anschickte, Vater zu werden, war ich gerade 20 und hatte trotz (oder wegen) der Evolutionspsychologie diesen Entwicklungssprung nicht bewusst angesteuert. Dennoch waren wir damals Feuer und Flamme, bastelten unsere ersten Möbel aus Apfelsinenkisten vom Wochenmarkt und beschlossen, gemeinsam den Grundstein für eine neue Generation zu legen, die es besser machen würde als unsere Eltern mit deren verdammtem Krieg. Dass wir auf einmal selber Eltern wurden, erfassten wir nicht in der ganzen Tragweite der Bedeutung. Eltern waren Eltern, wir waren wir – und alles fing ganz von vorne an, quasi bei Stunde Null. Dachten wir und machten uns nicht viel Kopfzerbrechen um alles andere.

Nicht romantischer Hotspot, sondern mörderische Naturfalle
Nicht romantischer Hotspot, sondern mörderische Naturfalle

Wahrnehmungsverschiebung: Überall lauern Gefahren

Die absolute Selbstbestimmung wird abgelöst durch die neuen Rechte eines Dritten

Vom Überschwang der Gefühle profitiert auch das Sex-Leben. Präservative, die ein begrenztes Verfallsdatum haben, landen jetzt in der Mülltonne. Weg damit, brauchen wir nicht mehr. Liebe, auch die körperliche, kann einem Kind nie schaden, dachten wir – und der Frauenarzt meinte das auch. Dass die weiblichen Brüste noch an Umfang zunehmen, begrüßt man meist als angenehme Begleiterscheinung. Für kurze Zeit gewöhnungsbedürftig ist nur, wenn später ein Dritter beim schönsten Liebesspiel mitmischt – durch kräftiges Strampeln. Die Seitenlage in allen Variationen verschafft da Stabilität, fanden wir irgendwann für uns heraus.

Als die Erkenntnis reifte, dass in wenigen Monaten das grundgesetzlich verbriefte Selbstbestimmungsrecht vorübergehend außer Kraft gesetzt und durch das krähende Diktat eines Dritten abgelöst würde, flogen wir erst einmal in Urlaub, den letzten zu zweit auf absehbare Zeit (sollte bei einer normalen Schwangerschaft so um den 4. oder 5. Monat stattfinden, raten die Gynäkologen).

La Palma, die grünste aller kanarischen Inseln, bescherte neben Sonnenschein eine neue Erfahrung – die der Angst. Werdende Väter sehen an zerklüfteten vulkanischen Kraterrändern zuerst den Abgrund und dann erst die Naturschönheit. Wellen werden nicht mehr danach beurteilt, wie weit sie ein Surfbrett treiben, sondern wie hart sie auf den Mutterbauch aufprallen. Zur Beruhigung: Alles lief bestens. Wir haben sogar einen Orkan überstanden und seitdem eine spannende Schwangerschaftsgeschichte, die sich im Kreis zukünftiger Eltern schaurig ausmalen lässt.

Vorfreude des werdenden Vaters
Vorfreude auf den Nachwuchs

Die Diskussion darüber, wie das Kind denn nun heißen solle, kann junge Familien in die erste ernste Krise treiben. Denn die Namensfindung bekommt schnell einen programmatischen Charakter, projiziert Wünsche und Sehnsüchte. Beate oder Felix gelten als gutes Omen für Glück im späteren Leben. Hat die Erbtante mehrere Zinshäuser, kann Hulda für eine sorgenfreie Jugend stehen. Arg gebeutelt sind jene Ungeborenen, die namenstechnisch als Fürchtegott Herbert Wilhelm III. ein traditionsreiches Geschlecht fortsetzen sollen, ob sie es wollen oder nicht. Hilfreich ist in jedem Fall, sich an die eigene Kindergarten- oder Grundschulzeit zu erinnern: Wählen Sie nie einen Namen, der sich auf dem Pausenhof verballhornen lässt! Ach ja, bei uns sollte das Mädchen Stella heißen, Goethe lässt grüßen, und Felix der Junge. Und so heißt er nun auch.

Wenn Sie einen Hang zum Glücksspiel haben, sollten Sie sich unbedingt auf das Geschlechtsroulette einlassen, das heute jeder emanzipierte Vater spielt. Kraft höherer Einsicht ist es ihm zwar egal, ob er Vater eines Mädchens oder eines Jungen wird. Hauptsache gesund. Leider lässt sich dieses Spiel nur begrenzt durchhalten, denn irgendwann kann ein Arzt, der den Nachwuchs per Ultraschall scannt, die Klappe nicht halten. „Das ist aber deutlich“, schnaubt er dann vor Begeisterung und verrät so, dass er einen kleinen, aber wichtigen Unterschied bemerkt hat. Und nun wissen Sie’s, trotz höherer Einsicht.

Unangenehm ist dies Männern nicht. Zwar sind Mädchen nach allgemeiner Aussage und eigener Erfahrung pflegeleichter als Jungen und schneller in ihrer Entwicklung, aber sie geben Männern geringere Chancen, ihr Leben noch einmal von vorne anzufangen. Die Geburt eines Knaben ist so etwas wie die Wiedergeburt des Vaters. Alle Spiele, die er in seiner Kindheit nicht zu Ende gespielt hat, können nun neu aufgelegt werden. Längst verblichene Werte, vom Indianerehrenwort bis zum Piratenmut, werden aufpoliert. Vater zu werden, sei der „Königsweg zum Mannestum“, sagt der Psychiater Frank Pittmann. Das gilt natürlich auch für Mädchen, für Söhne aber im besonderen.

Geburt: dabei sein oder nicht?
Die alles entscheidende Frage eines werdenden Vaters: Soll ich bei der Geburt des Kindes dabei sein? Falls Sie sich sich nicht sicher sind, fragen Sie am besten Ihre Partnerin

Von Unterwassergeburt bis Nestbau: Neue Wertewelt

Auf den werdenden Vater wartet eine völlig neue Wertewelt, denn die Fragen, die sich ihm nun stellen sind bislang unbekannt: Will ich bei der Geburt dabei sein? Stimmt alles mir der Scheitel-Steiß-Länge bei meinem Baby?

Geburt: unter Wasser oder Gebärhocker
Warum noch kein Reisebüro einen Pauschal-Krankenhaus-Tourismus organisiert, überlegte ich nach der Besichtigung des dritten Kreißsaales. Wir trafen immer wieder dieselben Leute, die an geduldige Oberärzte und Oberhebammen immer die gleichen Fragen stellten – nach der sanften Geburt, der Entbindung unter Wasser oder auf einem Gebärhocker.

Männer neigen dazu, High-Tech-Kliniken zu bevorzugen, da im kritischen Fall gut ausgebildetes Personal mit allen Möglichkeiten der Apparatemedizin zur Verfügung steht. Frauen interessieren sich häufig mehr für die Tapetenmuster im Entbindungszimmer – getreu der nicht von der Hand zu weisenden Logik, eine Geburt sei schließlich keine Krankheit. Völlig unterbewertet werden nach meiner Erfahrung solche Auswahlkriterien wie: Ist in der Nähe des Kreißsaales ein Imbissstand? Ich jedenfalls bin während der etwas länger dauernden Geburt fast verhungert.

Geburt: dabei sein oder nicht
Die Frage, ob Männer an der Geburt teilnehmen sollen, ist heutzutage weitgehend entschieden. Sie sollen! Die Frauen wollen es und die meisten Männer auch. Nur das Krankenhauspersonal ist manchmal zwiespältiger Meinung. Wahrscheinlich, weil Männer entweder den starken Max markieren und überall reinreden – oder schlappmachen. Jedenfalls mangelt es nicht an guten Ratschlägen, wie Mann seinen Kreislauf stabilisiert, da die Hebamme während der Niederkunft alle Hände voll zu tun habe und sich nicht noch um die Wiederbelebung ohnmächtiger Väter kümmern könne.

CTG: keine neue Software für den Computer

Haben Sie U2 bisher für eine irische Rockband gehalten? Und vermuten hinter dem Kürzel SSL entweder die Südschleswiger Lotterie oder ein neues Modell von Daimler Benz? Dann haben Sie noch keinen Schwangerschaftskurs absolviert. Sonst wüssten Sie, dass die zweite Untersuchung des Säuglings nach der Geburt U2 heißt und die Scheitel-Steiß-Länge mit SSL abgekürzt wird.

CTG ist keine neue Software für den Computer, sondern der Herzton-Wehen-Schreiber. Schwangerschaftskurse haben neben ihrem Erkenntnis- auch einen hohen Unterhaltungswert. Zum Beispiel können Sie dort versuchen, ihre Scheidenmuskulatur anzuspannen, was Männern naturgemäß etwas schwer fällt. Oder Sie lernen, Ihren Beckenboden zu trainieren, was im späteren Leben durchaus von Nutzen sein kann. Wirklich wichtig ist die Atemtechnik, auch wenn man sie bei der Geburt meist vor Aufregung wieder vergisst.

Nestbau
Baumärkte schienen mir lange Zeit letzte Zufluchtstätten für frustrierte Männer zu sein, deren Leben sich im Bermuda-Dreieck von DIN-Schrauben, Vierkanthölzern und Terpentinersatz abspielt

Die Schwangerschaft verändert die Sichtweise total. Spätestens im sechsten Monat setzt der männliche Nestbau-Trieb ein. Dann wird die Wickelplatte auf der Erbkommode installiert, sorgen neue Rollos für gedämpftes Licht im künftigen Kinderzimmer oder wird Ausschau nach einer größeren Wohnung gehalten. Spätestens dann, wenn man Freunde beim Nestbau zur Hilfe holt, stellt sich heraus, dass der gepriesene Königsweg zum Mannestum einfach durch Baumärkte führt.

Ein neues Leben: Der Geburtshelfer

Hilflosigkeit mischt sich mit Stolz, den man in die Welt hinausschreien möchte

Meine Frau sagt, ich hätte die Geburt ziemlich cool überstanden und wäre eine echte Hilfe gewesen. Das meiste habe ich schon wieder vergessen – nur den Augenblick nicht, als mir die Hebamme den kleinen Wurm mit den Worten in dem Arm drückte: "Baden Sie ihn mal."

Da steht man nun, ist Vater geworden und wagt sich kaum an das noch glitschige, zerbrechliche Etwas. Wischt vorsichtig das winzige Gesicht sauber und hält kleine krumme Beine ins Wasser. Spürt die Wärme, wird sich der Verantwortung bewusst und fühlt sich auf einmal ebenso nackt wie das Neugeborene. Hilflosigkeit mischt sich mit Stolz, den man in die Welt hinausschreien möchte: Seht her, das ist mein Sohn! Jetzt fängt ein neues Leben an!

Nach der Geburt des Kindes: Der stolze Vater fühlt sich nackt wie sein Kind
Ihr Nachwuchs kurz nach der Geburt

Stundenlang sitzt man später in Gedanken versunken an der Wiege und betrachtet den eigenen Nachwuchs, lauscht auf den noch schwachen Atem, registriert die kleinste Regung und das Lächeln im Schlaf. Bis sich die ersten Konflikte der postnatalen Phase anbahnen: Junior hat direkten Zugang zur Frau seiner Träume und deren Brüsten, Senior oft das Nachsehen. Mit Sex sieht es ein paar Wochen oder gar Monate nach der Geburt nicht sonderlich üppig aus, Kabale und Liebe auf engstem Raum. Die Geliebte ist in erster Linie Mutter, die Nächte sind kurz, die Nerven liegen manchmal blank, und die dunklen Ringe unter den Augen haben einen ganz anderen Ursprung als früher.

Es gibt Stunden, da möchte man ausbrechen aus der Welt der Windeln, Breichen, Bäuerchen und schlaflosen Nächte, zurückkehren in die alten wilden Zeiten, in denen Flüssigkeiten nicht aus Nuckelflaschen, sondern aus großen Gläsern getrunken wurden. Nicht mehr bäuchlings auf dem Boden herumkriechen, sondern aufrecht an einer Theke stehen. Machen Sie das ruhig, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Ein kleines, nur aus vier Buchstaben bestehendes Wort holt Sie wieder zurück: „Papa“. Ein erwartungsvoller Blick, eine Hand, die an Ihrer Hose zupft und Sie spüren, ein Abenteuer der anderen Art beginnt: Vater für jeden Tag zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

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