Alternde Organe: Ersatzteile für den Körper

Nicht jedes Körperteil hat die gleiche Lebensdauer

So manches Körperteil gibt bereits lange vor Ablauf des Verfallsdatums seinen Geist auf. Es ist an der Zeit, sich mal mit der Ersatzteilfrage zu beschäftigen

Die Zeiten, als jedes körperliche Handicap die Aufgabe des Berufes oder den Verzicht auf Sport bedeutete, sind vorbei. Weder Schwerhörigkeit noch Kreuzbandriss, weder Herzrhythmusstörungen noch Beinamputation sind heutzutage echte Gründe, nicht aktiv zu sein. Die besten (künstlichen) Ersatzteile.

Meniskus
Die für Ballsportarten typischen Stop-and-go-Bewegungen übersteht auf Dauer kaum ein Meniskus. Weil der kleine Knorpelhalbmond im Kniegelenk aber verhindert, dass sich Gelenkflächen von Ober- und Unterschenkel aneinander reiben, wird er nur entfernt, wenn die Zerstörung irreparabel ist. Fehlt der Meniskus ganz, muss ein Spendermeniskus aus der Pathologie her.

Lässt sich ein Rest erhalten, nähen die Ärzte körperähnliches Material (Kollagen) an. „Nach der Operation hat man weniger Schmerzen, ist voll belastbar und kann uneingeschränkt Sport treiben“, sagt Professor Hans H. Pässler, Unfallchirurg im Atos-Klinikzentrum in Heidelberg. Komplikationen treten fast nie auf. Die 3500 Euro für den Eingriff sind also gut inverstiert. Krankenkassen übernehmen die Kosten leider nur in seltenen Fällen.

Herz
Schlägt das Herz zu langsam oder kommt es ständig aus dem Takt, wird der Körper nicht optimal durchblutet. Schwindel und Leistungsknick sind die Folgen. Ein unter die Brusthaut implantierter Schrittmacher kann das Problem beheben. Moderne Geräte lassen sich sogar so programmieren, dass sie erst dann in Aktion treten, wenn der Eigenrhythmus des Herzens nicht mehr stimmt.

Beim Sport reagieren Sensoren auf die beschleunigte Atmung, das Gerät erhöht die Zahl der Pulsschläge. Notwendige Anpassungen führen Ärzte von außen mit spezieller Software durch. Rund zehn Jahre liefern Lithium-Ionen-Batterien Saft, dann muss das Gerät ausgetauscht werden (Eingriff von wenigen Minuten). Für das Gerät inklusive aller Serviceleistungen kommt die Kasse auf.

Bandscheibe
Nicht jeder Bandscheibenvorfall kommt sofort unters Skalpell. Erst wenn Schmerz und Nervenausfälle allen Behandlungsversuchen trotzen, muss operiert werden. Wenn sich dabei herausstellt, dass eine Bandscheibe zerstört ist, musste früher die Wirbelsäule an dieser Stelle versteift werden, was die Bewegungsfreiheit deutlich einschränkte. Heute kann stattdessen eine Bandscheibe aus Kunststoff und Metall eingesetzt werden.

„Die Patienten sind nach der Operation voll berufstauglich, haben keine Schmerzen und können Sport treiben“, sagt Dr. Karin Büttner-Janz, Doppel-Olympiasiegerin im Turnen 1972 und Chefärztin der Abteilung für Orthopädie im Vivantes-Klinikum Hellersdorf. Lediglich das Heben schwerer Lasten ist tabu. Rund 15 Jahre Erfahrung lassen die Vermutung zu, dass die Ersatzscheiben ein Leben lang wartungsfrei halten. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Kreuzband
Wenn es nach den Kreuzbändern im Knie ginge, würden Fußball und Skifahren ersatzlos von der Liste der Freizeitvergnügen gestrichen. „Bei einem Sturz oder bei ungünstigen Bewegungen kann eine Hebelkraft auf das Kniegelenk wirken, die die sonst recht stabilen Bänder reißen lässt wie Bindfäden“, sagt Dr. Thomas Möller, Orthopäde und Sportmediziner aus Speyer. Betroffen ist zumeist das vordere Band.

Mit Hilfe eines Endoskops und spezieller Instrumente entnimmt der Operateur Teile aus der Kniescheibensehne, schneidet sie passend zu und verankert sie (mit Schrauben oder durch Einpressen in einen vorgebohrten Kanal) an der Stelle des kaputten Bandes. Sport ist meist nach drei Monaten wieder möglich, später oft ohne Einschränkungen. „Unerlässlich für ein gutes Langzeitergebnis ist konsequente Krankengymnastik nach der Operation.“

Zahn
Zahnimplantate aus gewebeverträglichem Titan sind der optimale Lückenfüller. Sie ersetzen die natürliche Zahnwurzel und verhindern, dass sich der Kieferknochen zurückbildet. Weiterer Vorteil: Allergien sind praktisch ausgeschlossen, das „Gefühl des eigenen Zahns“ bleibt.

So geht’s: Zuerst pflanzt der Zahnarzt den Implantatkörper in den Kieferknochen. Erst wenn dieser fest eingewachsen ist (nach etwa vier Monaten), lässt sich der neue Zahn darin verankern. Bei guter Pflege halten Implantate ein Leben lang. Der Eigenanteil beträgt bis zu 2500 Euro pro Zahn.

Auge
Die häufigsten Ursachen für den Verlust eines Augapfels sind Entzündungen und Tumore in der Augenhöhle. „Noch vor Jahren wurde in solchen Fällen ein Glasauge eingesetzt“, sagt Dr. Georg Mehrle, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte. Die Augenhöhle sank tief ein und machte das künstliche Auge so schon auf den ersten Blick erkennbar.

Heute werden Implantate aus porösem Silikon-Kautschuk eingepflanzt. „Das körpereigene Gewebe durchwächst das Implantat“, so Professor Rudolf Guthoff, Direktor der Uni-Augenklinik Rostock. „Dadurch kann das künstliche Auge bewegt werden, es sieht so viel natürlicher aus.“ Dieses Implantat ist gut verträglich, bleibt ein Leben lang in der Augenhöhle. Die Kosten trägt die Kasse.

Stimmbänder
Bei Kehlkopfkrebs wird nicht bloß der Kehlkopf entfernt. Verloren geht auch die Stimme. Noch vor kurzem bekamen Betroffene eine Art Mikrofon, mit dem sich aber nur eine kaum verständliche Roboterstimme hervorquälen ließ. „Heute setzt man Ventil-Shunts ein, auch Stimmbandprothesen genannt“, sagt HNO-Arzt Lutz Michael Schäfer.

Nach Entfernung des Kehlkopfes werden Rachen und Speiseröhre mit einem Kunststoffventil verbunden. Beim Schlucken bleibt es geschlossen, dann kann keine Flüssigkeit in die Lunge gelangen. Beim Ausatmen öffnet es sich, so dass die Atemluft den Rachen durchströmt und dort Stimmlaute produziert. Die Prothese hält lebenslang, kann bei Entzündungen ausgewechselt werden – und alles auf Kosten der Krankenkasse.

Nasenscheidewand
„Eine künstliche Scheidewand kann erforderlich sein, wenn die Nase durch einen Unfall oder aggressive Sportarten wie Boxen oder Eishockey sehr stark geschädigt wurde“, so der HNO-Arzt und plastische Chirurg Lutz Michael Schäfer. Je nach Zerstörungsgrad kommen dann Modelle aus Keramik oder Silikon zum Einsatz.

Wenn keinerlei Komplikationen auftreten, hält das Implantat ein Leben lang. Sportarten, bei denen es was auf die Nase gibt, sind aber tabu, denn die neue Nasenscheidewand kann bis zu 2000 Euro kosten. Und die Krankenkassen zahlen nur, wenn die medizinische Notwendigkeit für den Austausch gegeben ist.

Organ-Transplantationen: Für und Wider für ein neues Körperwerkzeug

In einem Interview erzählt der Transplantations-Koordinator Bernd Salz wie Organspenden verlaufen

Bernd Salz, 38, ist ärztlicher Transplantations-Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) an der Universitäts-Klinik Bonn.

Frage: Was passiert, wenn in Ihrer Region bei einem Menschen der Hirntod festgestellt wird?

Salz: Dieser Mensch ist deshalb ja nicht automatisch ein Organspender. Dazu braucht es auch die Einwilligung zur Organentnahme, entweder in Form eines Organspendeausweises oder indem die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen entscheiden. Oft ist das Gespräch mit den Verwandten meine Aufgabe. Ich fahre in das Krankenhaus, das den potentiellen Spender gemeldet hat, spreche mit dem behandelnden Arzt, schaue mir die Krankenakte an und spreche dann mit den Angehörigen. Das ist schon eine schwierige Situation. Der Diagnose Hirntod geht ja meist kein langer Krankheitsweg voraus, die Menschen werden mitten aus dem Leben gerissen. Damit müssen die Angehörigen erst mal klarkommen. Oft sind sie völlig durcheinander.


Frage: Verstehen sie das Phänomen des Hirntods?

Salz: Auf Anhieb nicht, denn ein Hirntoter sieht eben nicht aus wie ein Toter, nach unserem traditionellen Verständnis. Er ist nicht kalt, nicht leichenblass, das Herz schlägt und sogar sein Brustkorb hebt und senkt sich. Vom Gefühl her ist dieser Mensch für seine Angehörigen nicht tot. Da ist es wichtig, mit den richtigen Worten zu erklären, dass Maschinen die Körperfunktionen übernommen haben und der Kreislauf nur künstlich aufrecht erhalten wird. Manchmal "bewegen" sich Hirntote sogar. Das sind zwar reine Muskelreflexe, die nichts mit der Hirntätigkeit zu tun haben, doch es wirkt selbst auf Ärzte und Pflegepersonal gespenstisch.

Frage: Wie erklären Sie das den Angehörigen?

Salz: Ich höre mir alle Fragen und Vorbehalte genau an, und auf alle gibt es eine offene und klare Antwort. Wichtig ist, dass die Angehörigen das Diagnoseschema verstehen, das ja den Hirntod auf mehrere Arten nachweist, zur Sicherheit von zwei Fachmedizinern, die die Untersuchung unabhängig voneinander durchführen. Es gibt Fälle, in denen die Angehörigen bei der Diagnose dabei sein wollen. Wenn sie psychisch dazu in der Lage sind, spricht nichts dagegen. Doch das kann auch sehr belastend sein, das muss man von Fall zu Fall ausloten. Manchmal sind die Angehörigen aber auch zu durcheinander und geschockt für eine Entscheidung. Dann versuche ich, einen Zeitaufschub zu bekommen. Sonst gilt: Keine Entscheidung heißt auch keine Organspende.

Frage: Empfinden Sie es als Niederlage, wenn jemand trotz Ihrer Erklärungen keine Einwilligung geben?

Salz: Keinesfalls, das Ergebnis des Gesprächs ist zu jedem Zeitpunkt offen. Schließlich müssen die Angehörigen fortan mit dieser Entscheidung leben. Ist sie nicht ausgereift, können sich daraus große seelische Probleme. So hatte beispielsweise ein Ehepaar einander versprochen, sich im Tod die Hand zu halten, bis diese kalt wird. Obwohl sich der Mann zu Lebzeiten für eine Organspende ausgesprochen hatte, kam es nicht dazu, weil es der Frau so wichtig war, dieses Versprechen einzulösen. Ich habe sie in diesem Entschluss bestärkt. Man darf den Trauernden nicht auch noch ein schlechtes Gewissen machen.

Frage: Wie groß ist der Anteil der Zustimmungen?

Salz: Um die 60 Prozent. Bei Kindern stimmen die Eltern sogar noch häufiger zu.

Frage: Wie geht es weiter, wenn die Einwilligung erteilt worden ist?

Salz: Dann geht die Routinearbeit los: Ich gebe die Daten des Spenders – Alter, Gewicht, Größe, Blutgruppe und Gewebemerkmale – an Eurotransplant weiter und organisiere den kompletten Operationsablauf. Manchmal kommen mehrere Entnahmeteams, das muss alles reibungslos klappen. Außerdem bin ich bei der Entnahme dabei und achte darauf, dass dem Toten mit dem nötigen Respekt begegnet und der Leichnam nach der Organentnahme würdevoll versorgt wird. Schließlich stehe ich bei den Angehörigen im Wort. Ich bin der letzte, der den Leichnam verläßt.

Frage: Hören Sie jemals wieder etwas von den Angehörigen?

Salz: Sehr oft. Ich mache ihnen immer das Angebot, sie über den Erfolg der Transplantation zu informieren. Natürlich ohne die Identität der Empfänger preiszugeben. Die Angehörigen erfahren dann zum Beispiel, dass die Leber"einem jungen Mann in Süddeutschland das Leben retten konnte". Viele Angehörige rufen teilweise noch nach Jahren an, um sich zu erkundigen, ob die gespendeten Organe noch "laufen".

Frage: Schöpfen die Verwandten Trost aus der Organspende?

Salz: Trost schöpfen sie vor allem aus dem Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Vielen erscheint der Tod weniger sinnlos, wenn dadurch noch anderen Menschen geholfen werden kann.

Frage: Manchen die Menschen Unterschiede zwischen den einzelnen Organen?

Salz: Oh ja, das Herz als Symbol der Gefühle und die Augen als Spiegel der Seele – da haben viele Menschen Schwierigkeiten, einer Entnahme zuzustimmen. Diese Organe werden am häufigsten von einer Spende ausgeschlossen.

Frage: Wie halten Sie es aus, ständig mit fassungslosen Hinterbliebenen konfrontiert zu werden?

Salz: Indem ich mir immer wieder vor Augen halte, dass ich diesen Menschen in einer Krisensituation helfe. Das ist zwar anstrengend, denn ich leide immer ein Stückchen mit, aber eben auch motivierend, wenn ich sehe, dass Angehörige durch meine Unterstützung besser mit der Situation zurecht kommen. Nach jedem Gespräch suche ich mir eine ruhige Ecke, um zehn Minuten nachzudenken. Einfach um zu reflektieren, ob ich richtig mit den Menschen umgegangen bin. Der schlimmste Gedanke ist für mich, ich würde abstumpfen und nur noch mechanisch mein Programm abspulen. 

Frage: Was empfinden Sie als am schwierigsten an Ihrem Job?

Salz: Es ist eine Arbeit, bei der man sich ständig selbst motivieren muss. Man heilt ja nicht direkt. Den Patienten, der ein Herz oder eine Leber von einem "meiner" Organspender bekommt, den sehe ich ja nicht. Immerhin: ich bin hier an der Uniklinik oft in Kontakt mit Patienten, denen ein Organ eingepflanzt wurde und bekomme so von der Freude und dem neuen Lebensmut der Empfänger einiges mit. Dann weiß ich, dass sich dafür jede Mühe lohnt.

Unter www.bzga.de/organ/ausweis.htm kann man Organspendeausweise bestellen.

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