Wann es gefährlich wird: Experten-Interview zur Depression

Depressive Männer werden oft verkannt

Eine Depression kann jeden Menschen treffen. Ein Experte rät, wie Sie die Krankheit erkennen und wie Sie Betroffene unterstützen

Draußen ist es gerade kalt, nass und dunkel. Da ist doch jeder mal schlecht drauf, oder? Etwas depri, im umgangssprachlichen Sinne, ist jeder mal. Das geschieht allerdings völlig unabhängig von der Jahreszeit. Solche Phasen der depressiven Verstimmung, wie Fachleute dazu sagen, gehören zum Leben genauso dazu wie zum Beispiel traurig oder verliebt zu sein.

Ab wann wird's gefährlich?
Professor Dr. Ulrich Hegerl:Wenn zwischen der depressiven Verstimmung und einer behandlungsbedürftigen Depression keine Grenzziehung vorgenommen wird. Denn geschieht dies nicht, werden die an Depression erkrankten Menschen in ihrem Leiden nicht ernst genommen. Die Konsequenzen in diesen Fällen können wirklich verheerend sein.

Was meinen Sie damit?
Depressionen werden oft unterschätzt. Dabei reden wir hier über eine sehr ernste und oft lebensbedrohliche Erkrankung, die mit einem größeren Leidensdruck verbunden ist als die meisten anderen Erkrankungen. Nicht selten erscheint Betroffenen die Lage so ausweglos, dass sie in ihrer Verzweiflung sogar darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen.

Wie viele Menschen setzen ihre Selbstmordgedanken denn tatsächlich in die Tat um?
Zwischen 10 und 15 Prozent der an schweren Depressionen leidenden Menschen nehmen sich das Leben. Bis zu 70 Prozent der jährlich annähernd 10 000 Suizide in Deutschland stehen in Zusammenhang mit Depressionen.

Sind Depressionen nur Frauensache?
Nein. Aber rein statistisch gesehen sind Frauen 2- bis 3-mal häufiger von Depressionen betroffen als Männer. Das liegt einerseits an den weiblichen Hormonschwankungen, andererseits gehen Frauen grundsätzlich etwa doppelt so häufig zum Arzt wie Männer. Entsprechend öfter können weibliche Depressionen natürlich erkannt werden und entsprechend häufiger tauchen sie dann auch in den Statistiken auf.

Wodurch unterscheiden sich Männer und Frauen bei einer Depression?
Die Kernsymptome sind dieselben. Die depressiven Themen, die im Rahmen der Erkrankung in den Vordergrund treten, weisen der Lebenssituation entsprechend bei Männern oft einen Bezug zum Beruf auf. Bei Frauen dagegen sind es öfter familiäre und gesundheitliche Sorgen.

Die Vorstellung, man könne Depressionen auch selbst heilen, ist weit verbreitet.
Leider. Aber wenn überhaupt ist es nur in ganz leichten Fällen von Depression möglich, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Allerdings ist auch dann therapeutische Hilfe von Vorteil. Die richtigen Ansprechpartner sind Psychiater oder Nervenärzte. Sie entscheiden zusammen mit dem Patienten, welche Therapie nötig ist.

Wie kann man erkennen, ob ein Freund oder Angehöriger an einer Depression leidet?
Ausgeprägt gedrückte Stimmung, die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, Kraftlosigkeit, eine Neigung zum Grübeln, Schlafstörungen, übertriebene Schuldgefühle – sind diese Symptome über einen Zeitraum von mindestens 2 Wochen feststellbar, deutet dies auf eine behandlungsbedürftige Depression hin. Allerdings können auch ganz bestimmte körperliche Beschwerden oder Appetitlosigkeit, einhergehend mit einem deutlichen Gewichtsverlust, durchaus Zeichen für eine Depression sein. Erste Einschätzungen
liefert ein Selbsttest (siehe www.deutsche-depressionshilfe.de).

Wie sollte man sich gegenüber depressiven Freunden und Angehörigen verhalten?
Eine Depression ist eine ernste Krankheit. Da sind Sätze wie "Stell dich doch nicht so an!" kontraproduktiv. Man darf nicht glauben, dass sie durch gutes Zureden verschwindet. Eine Blinddarmentzündung geht ja auch nicht durch nette Worte weg, sondern nur durch richtige Behandlung. Die beste Einstellung ist diese: Die Depression ist schlimm, aber sie geht auch wieder weg – jedenfalls dann, wenn sie rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt wird.

Professor Dr. Ulrich Hegerl ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig
Professor Dr. Ulrich Hegerl

Professor Dr. Ulrich Hegerl ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig. Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie ist darüber hinaus Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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