Forschungsthema Sportsucht: Sport darf nicht zum Zwang werden

Sportpsychologe und -wissenschaftler Professor Thomas Schack
Sportpsychologe Professor Thomas Schack

Sportpsychologe Professor Thomas Schack verrät, warum es künftig mehr Sportsüchtige geben wird und wie Sie sich schützen können

Herr Schack, seit wann ist die Sportsucht eigentlich ein bekanntes Krankheitsbild?
In den USA wurde dieses Phänomen bereits in den 70er-Jahren erkannt. Allerdings hat man es eher als eine Art positive Sucht eingestuft. Für gesundheitliche Probleme, die mit Sportsucht in Verbindung stehen, ist man in Deutschland vielleicht seit ungefähr zehn Jahren sensibilisiert.

Wird dieses Problem größer? Ist es vielleicht sogar ein Produkt der Leistungsgesellschaft?
Die Gesellschaft wird immer bewegungsärmer. Wir fahren mit dem Auto ins Büro und sitzen dann acht Stunden vorm Computer. Viele Menschen suchen den Ausgleich dafür im Sport. Dadurch können sie ihren Körper auf eine Art spüren, die ihnen sonst im Alltag verwehrt bleibt. Auf Grund dieses Phänomens wird es natürlich auch zu einer höheren Zahl an Sportsüchtigen kommen.

Wenn sich jemand durch unseren Test als gefährdet einstuft, an wen soll er sich wenden?
Das ist relativ problematisch. Weil es Sportsucht als wissenschaftliches Phänomen noch nicht so lange gibt, ist auch die Zahl der Experten auf dem Gebiet noch gering. Prinzipiell aber sind Sportpsychologen die richtigen Ansprechpartner. Eine Übersicht bietet www.bisp-sportpsychologie.de.

Gibt es Gruppen von Menschen, die relativ stark von der Sportsucht betroffen sind?
Sportsucht ist ein biopsychosoziales Phänomen, es hat also auch etwas mit Identität sowie mit sozialen und kulturellen Faktoren zu tun. So gibt es beispielsweise verstärkte Anfälligkeiten bei Männern im Alter zwischen 40 und 50, wenn die berufliche Karriere sich nicht mehr so entwickelt wie gewünscht. Gerade dann, wenn Männer beruflich viel erreicht haben, suchen sie nach einer neuen Herausforderung – aber auch dann, wenn sie zunehmend Frustrationen im Job erleben.

Kann man sich vor dieser Sucht schützen –
sollte man vielleicht weniger trainieren?

Ein Schutz vor dieser Art von Sucht ist natürlich schwieriger als in anderen Fällen, etwa vorm Rauchen. Nicht anzufangen ist ein Rat, den ich niemandem geben möchte. Weniger trainieren muss auch niemand. Diese Sucht definiert sich ja nicht über die Anzahl der Trainingsstunden. Vielmehr sollte man die Fragen des Selbsttests verinnerlichen, sich öfter prüfen und kritisch hinterfragen, ob der Sport noch freiwillig geschieht oder schon Zwang geworden ist.

Professor Thomas Schack ist Sportpsychologe und -wissenschaftler an der Uni Bielefeld, arbeitete früher als Leichtathletiktrainer. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Sportsucht.

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