Couch-Surfing in Manhattan: Unser Filmtipp "Inside Llewyn Davis"

Im neuen Film der Coen-Brüder schnorrt sich ein erfolgloser Folksänger Anfang der 60er durch die Wohnzimmer seiner Bekannten. „Inside Llewyn Davis“ ist trist, komisch und ein Kino-Highlight des Jahres

Ein Film über angestaubte Folkmusik? Über volkstümliche Kleinbürger mit Vollbärten und Gitarre auf dem Schoß? Zum Glück nicht. Es geht in Inside Llewyn Davis nicht einmal um Bob Dylan, der in den 60ern den Folk mit der Protestbewegung in den USA zum Massenphänomen machte. Die Gebrüder Joel und Ethan Coen (No Country For Old Men, 2007) schicken in ihrem neusten Film stattdessen einen talentierten aber erfolglosen Folksänger auf Schnorrtour durch die Wohnzimmer Manhattans, auf der Suche nach einem Schlafplatz auf der Couch, ein paar Dollar fürs Essen oder dem ersehnten Durchbruch in der Musik-Branche. Das Problem: Llewyn Davis’ Musik ist weder angepasst noch bahnbrechend – damit ist seine Karriere zum Scheitern verdammt. Das klingt zwar schön trist, ist aber auch urkomisch inszeniert – und ähnlich wie O Brother, Where Art Thou? (2000) eine grandiose Hommage an die Popmusik.

Llewyn Davis (Oscar Isaac) und sein Spießer-Kumpel Jim (Justin Timberlake)
Llewyn Davis (Oscar Isaac) nimmt mit seinem Kumpel Jim (Justin Timberlake) eine Kommerzplatte auf

Darum geht’s in Inside Llewyn Davis: Llewyn Davis (Oscar Isaac) lebt von Tag zu Tag, schnorrt sich von Couch zu Couch. Er besitzt weder Winterjacke noch Wohnung. Mit Gitarrenkoffer tingelt der erfolglose Folksänger Anfang 1961 durchs Greenwich Village in New York. Sein Pech: Kein Mensch interessiert sich für seine Art von Folkmusik. Das Publikum und die Plattenfirmen stehen eher auf Spießer mit Rollkragenpullover und geregeltem Leben, wie sein Kumpel Jim (Justin Timberlake), nicht auf abgerissene Typen, die sich dem schnellen Kommerz versperren. Wenn Llewyn nicht bei reichen Bekannten Obdach findet, schlägt er bei Jim und dessen Freundin Jean (Carey Mulligan) auf. Weiteres Problem: Llewyn hatte eine Affäre mit Jean und die ist jetzt schwanger. Und zu allem Überfluss verbummelt er auch noch die Katze seines wichtigsten Unterstützers.

Llewyn Davis (Oscar Issac) mit Katze Odysseus auf seiner Odyssee durch New York
Llewyn Davis (Oscar Issac) mit Katze Odysseus auf seiner Odyssee durch New York

Odyssee mit Katze
Inside Llewyn Davis
spielt zwar kurz vor dem großen Boom der Folkmusik, der Anfang der 60er mit Bob Dylan in New York ausbricht. Dennoch ist Davis kein Gewinnertyp, sondern ein Verlierer mit Idealen: bloß nicht kommerzialisieren lassen. Und so folgen wir dem sympathischen Nichtsnutz und seiner ihm zugelaufenen Katze namens Odysseus auf eine tragikomische und sehr sehenswerte Odyssee von Enttäuschung zu Enttäuschung durchs bitterkalte New York.

Fazit: Folkrock mag nicht jedermanns Sache sein, dieser Film schon. Inside Llewyn Davis ist ein atmosphärischer Musikfilm mit grandioser Situationskomik.

Inside Lllewyn Davis (USA, Frankreich 2013)
Regie:
Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Justin Timberlake
Länge: 105 Minuten
Start: 5. Dezember 2013

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