Alte Route, neue Ziele: Eine Fahrradtour durch Frankreich

Ein Ziel der Fahrradtour: Bonnieux

Gero Günther wiederholt eine Fahrradtour durch Frankreich. Statt dem Drang nach Freiheit treibt ihn nun die Lust auf Luxus

Hier irgendwo haben wir damals übernachtet – hinter einer der grauen Natursteinmauern zwischen Olivenbäumen und Oleanderbüschen. Haben bei wildfremden Leuten geklingelt und gefragt, ob wir auf Ihrem Grundstück zelten dürfen. 16 Jahre alt waren wir damals, drei Milchgesichter auf ihrer ersten großen Radtour. Schlechtes Schulfranzösisch, verwaschene Shorts und verschwitzte Batik-T-Shirts. Die Frau, in deren Garten wir kampierten, hatte eine leckere Suppe für uns gekocht, mit Butter drin. Das weiß ich noch.

Damals: mehr Zeit und weniger Geld

Mehr als 20 Jahre ist das her, „La Boum 2“ lief gerade in den Kinos – und heute stehe ich wieder in den Pedalen und strample den Berg nach Gordes hinauf. Die Gepäcktaschen sind viel leichter als damals. Schließlich brauche ich keinen Schlafsack, kein Zelt, kein Geschirr. Diesmal will ich es mir gut gehen lassen. Von Avignon aus möchte ich unserer alten Route durchs provencalische Hinterland nach Cannes folgen. Nur schneller muss es gehen als damals.

Viel hat sich verändert, aber der Brunnen plätschert noch
Viel hat sich verändert, aber der Brunnen plätschert noch.

Erinnerung und Gegenwart

Und nun sitze ich also auf dem Marktplatz von Gordes und lausche dem Plätschern des Brunnens, in dem wir uns damals gewaschen haben.

Da kommt der Ober mit meiner Bestellung. 10 Euro für einen Milchkaffee und ein Fläschchen Mineralwasser! So ist das heute. Ich bummle durch die Gassen, steige Treppen auf und ab und bin enttäuscht. In meiner Erinnerung war Gordes ein mythischer Ort: mittelalterliche Mauern, Mädchen in Miniröcken und Künstler, die Farbeimer in ihre R4 packten. Es hatte wie überall in der Provence nach Lavendel, Thymian und Rosmarin gerochen, die Grillen waren hier viel lauter als bei uns zu Hause. So wie es im Süden eben ist.

Aber nicht nur meine Wahrnehmung hat sich verändert. In den letzten zwanzig Jahren wurden die Bürgersteige begradigt, Verkehrsinseln gebaut, verlassene Höfe in Luxushotels umgewandelt. Heute sehe ich niederländische Touristen und provencalische Aquarelle mit dem Charme von Lavendel-Raumspray.

„In einer Schlucht Camping. Feuergemacht, Würstchen gebraten
„In einer Schlucht Campen. Feuergemacht, Würstchen gebraten"

Croissants ersetzen Cornflakes

Früher kam das Abendessen vom Camping-Kocher, heute bereiten es die Köche im Luxushotel. Die Umgebung hingegen ist die gleiche geblieben.

Also aufsitzen und weiterfahren. Rauf und runter, daran hat sich nichts verändert. Eine zerknitterte Landschaft mit Dörfern, die aussehen, als seien sie lediglich gebaut worden, um einige Jahrhunderte später von britischen Frührentnern in Öl gepinselt zu werden.

Man radelt von einer Postkarte in die nächste und freut sich über die Schmiere an der Wade und den leichten Schmerz in den Oberschenkeln, die einen daran erinnern, dass dies alles echt ist und man sich nicht in einem Prospekt für exklusive Gartenmöbel befindet.

Apropos Schmerzen: Auf der gegenüber liegenden Talseite bröckelt das malerische Schloss des Marquis de Sade vor sich hin. Wir haben es schon damals rechts liegen lassen. An diese lange, steile Gerade nach Bonnieux hinauf kann ich mich noch erinnern. „Fiese Steigung“, steht im knapp gehaltenen Tagebuch, das zur Hälfte aus den Ergebnislisten endloser Skatrunden besteht. Und ein paar Zeilen weiter: „In einer Schlucht Camping. Feuer gemacht, Würstchen gebraten. Regen.“

Jetzt sieht mein Programm anders aus. Oberhalb von Bonnieux steht ein altes Gutshaus mit Pool, duftender Olivenölseife und wunderbaren Menüs. Zum Frühstück gibt’s eingelegte Birne und hausgemachte Croissants – welche Alternative zu Cornflakes auf Milchpulver! Das Erwachsensein hat seine Vorzüge.

Im Luberon-Gebirge
In den Tiefen des Luberon-Gebirges

Nostalgie reist mit

Beim ersten Trip verwickelten einen noch Hunger oder der Wunsch nach einer Dusche in Gespräche. Heute sind die einzigen Gesprächspartner die Hoteliers. Luxus kann also auch einsam machen.

Ich mache mich auf den Weg nach Fort Buoux, einer Festungsruine, die sich angeberisch auf einer Kalksteinklippe räkelt. Am Himmel ziehen Falken ihre Kreise. Hier in den Tiefen des Luberon-Gebirges ist es immer noch so einsam wie damals. Ich steige in der prallen Sonne durch die Ruinen und wundere mich darüber, wie sehr die alten Steine meine Fantasie bis heute anregen.

Die Provence war für uns 16-Jährige eine abenteuerliche Mixtur aus Bergpässen, Nacktbaden und Mirabellenklauen. Und etlichen Pannen! Gerissene Ketten und zerriebene Lager hielten uns auf Trab, einmal gingen uns die Francs aus, ein andermal das Essen. Schüchtern hin oder her, wir mussten mit den Leuten kommunizieren, und die Provencalen waren unschlagbar hilfsbereit. So haben wir in fremden Badezimmern geduscht, wurden beglückwünscht, ermutigt, chauffiert und bekocht. Nur eines wurden wir zu unserem großen Bedauern nie: geküsst. Begegnungen mit „zärtlichen Cousinen“, in David Hamiltons Film so real, blieben fiktiv.

Einsame Nächte

Jahre später ist alles beim Alten. Auch heute liegt keine Dorfschönheit in meinem Hotelbett, aber das hat natürlich andere Gründe. Ich bin inzwischen verheiratet, mit einer Französin. Sie muss zu Hause in München arbeiten, während ich mir in der Provence meine Jungsträume erfülle – in einer Burg übernachten, zum Beispiel. Hoch oben über dem Städtchen Meyrargues thront mein Château, 16 Prozent Steigung, pünktlich vorm Abendessen.

Mangels Unterhaltung ziehe ich mich nach dem Espresso auf mein Zimmer zurück. Die Tapete unter den fünf Meter hohen Decken sieht aus wie das Geschenkpapier in einer altmodischen Confiserie, und bald komme ich mir selber vor wie eine Praline. Eine einsame Praline obendrein. Was würde ich darum geben, jetzt mit den alten Kumpels ein paar Runden Skat klopfen zu können!

Das Topmodel unter den Dörfern: Moustiers-Sainte-Marie in der Provence
Das Topmodel unter den Dörfern: Moustiers-Sainte-Marie in der Provence

Das Topmodel unter den Dörfern

Das Ziel meiner nächsten Etappe ist das Bergdorf Moustiers-Sainte-Marie. Es ist also Zeit, wieder aufs Rad zu steigen und einige Kilometer auf der Landstraße zu kurbeln.

Man begebe sich dabei in eine meditative Stimmung und genieße den Blick in die Weiten des Durance-Tals. An diese Dinge kann ich mich noch genau erinnern: den Luftzug, wenn die Sattelschlepper an mir vorbeidonnerten, das gleichmäßige Treten und den Geruch von Eukalyptusbäumen. Nach einigen Stunden biege ich ab, um allmählich wieder an Höhe zu gewinnen. Die Nacht verbringe ich in Moustiers-Sainte-Marie, der Laetitia Casta unter all den provencalischen Bergdörfern – ländlich, schlicht, vollkommen.

Keine Zeit für Melancholie

„Höchste Stelle der Tour: 1300 Meter, steile Abfahrt, Bremsen brennen“, heißt es in dem DIN-A5-Tagebuch über unsere Fahrt durch die Gorges du Verdon. Die Straße durch die Schluchten gehört zum Aufregendsten, was man auf einer Radtour erleben kann. Wenn man die 800 Höhenmeter vom Stausee aus erst mal geschafft hat, tut sich der schönste Abgrund Europas auf. Diese südfranzösische Hyper-Schlucht haut einen um, nach wie vor.Drei Tage lang kurvten wir damals am Grat entlang, stiegen in die Schlucht hinab und schrumpften im kalten Wasser des Verdon. Dazu fehlt diesmal die Zeit. Umso mehr genieße ich die majestätischen Kurven der Route Departemental 71. Meine Königsetappe. Es geht weiter Richtung Süden, über Bargemon, wo Teenager durch das Dorf ziehen, um sich langsam auf den Samstagabend einzustimmen. Wo geht’s denn nach Callas? Die jungen Leute verziehen keine Miene. Nur die Bäckerin lächelt freundlich und weist mir den Weg.

Auch nach 20 Jahren kalt: Das Wasser an der Côte d’Azur
Auch nach 20 Jahren kalt: Das Wasser an der Côte d’Azur

Luxus macht doch glücklich

Am nächsten Tag erreiche ich mein Ziel bereits am frühen Nachmittag. Das Meer – endlich! Weiße Villen, Pinien. Gischt spritzt über die rötlichen Felsen.

Damals machte die Côte d’Azur uns Schülern schwer zu schaffen. Zu teuer, zu voll, zu viele Autos mitten in der Hauptsaison. Am Ende verzogen wir uns an eine abgelegene Stelle der Steilküste. Dösten drei Tage lang vor uns hin. Sprangen einmal die Stunde von der Klippe ins Meer, mampften Baguette. „Schlafsack fällt zum zweiten Mal ins Meer. Hinter uns Typen mit Gitarren.“ Von Cannes haben wir außer dem Bahnhof nichts gesehen, wir konnten die bepackten Räder nicht stehen lassen. Der Blitzbesuch liest sich so: „Hasch angeboten bekommen, im HBF auf dem Boden gepennt, Skat gespielt.“

Nicht noch mal, habe ich mir geschworen und ein Zimmer an der Croisette gebucht. Der Portier nimmt mein Velo mit einer Selbstverständlichkeit entgegen, als hätte ich ihm gerade die Schlüssel eines Lamborghini in die Hand gedrückt. 6. Stock, Meeresblick – hier werde ich mich wohl fühlen. Ich verstaue das 22 Jahre alte Schulheft und die jugendlichen Abenteuer im Gepäck. Jetzt ein Bummel am Strand, ein Aperitif in der Altstadt und ein kleines Menü mit Meeresfrüchten. Auch Radtouren ändern mit dem Alter ihr Gesicht, und dieses hier gefällt mir eigentlich ganz gut.

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