Motivation: Halten Sie durch!

Er war hochmotiviert
Mit jedem Schritt ging es bergauf

Jahresanfang. Viele Vorsätze, viele Fallen. Nichts ist schwieriger, als sich selbst zu motivieren. Fünf Experten verraten ihr persönliches Rezept zum Durchhalten

„Vielleicht gehe ich auch noch weiter, wenn ich schon im Jenseits bin.”

Kurt Diemberger (72), Bergsteiger, ist der einzige noch Lebende, der gleich zwei Erstbesteigungen von 8000ern schaffte (Broad Peak, 1957, und Dhaulagiri, 1960). Durchhalten ist sein Job.

Verraten Sie uns: Welches war Ihr schönstes Durchhalte-Erlebnis?
Als meine damalige Ehefrau Tona an der Aiguille Noire vom Blitz getroffen wurde. Er schlug in ihren Helm ein, streifte das Gesicht und trat an der Ferse wieder aus. Kurze Zeit war sie gelähmt, dann stiegen wir weiter. Nach fünf Tagen und acht Gewittern erreichten wir das Tal – Tona lachte.

Ihrem Kletterpartner Hermann Buhl zuliebe sind Sie an einem Tag zweimal auf den Gipfel des Broad Peak gestiegen. Das war kein Zuckerschlecken, oder?
Ja, das macht sonst niemand. An jenem Tag war ich in Top-Form, es machte mir nichts aus, in 8000 Meter Höhe hin und her zu laufen.

Reinhold Messner sagt, Sie sind der einzige Mensch, der alle Epochen des Achttausenderbergsteigens überlebt hat. Mit welchem Erfolgsrezept?
Ich folge meiner inneren Stimme. Nicht nur eine, es ist ein ganzes Parlament von Stimmen. Die einen drängen vorwärts, die anderen halten mich zurück. Außerdem beherzige ich den Bergführerspruch: Wer langsam geht, geht gut, und wer gut geht, geht weit.

Bei einer der größten Katastrophen der Bergsteigergeschichte waren Sie 1986 am K2 mit sechs Bergsteigern sechs Tage lang auf 8000 Meter im Schneesturm eingeschlossen. Was passierte?
Unser Zelt war im Sturm eingestürzt. Von Schnee eingestäubt, zog ich die Kleidung aus, quetschte mich in ein anderes Zelt. Das Essen ging aus, wir hatten kein Gas mehr. Wir aßen Schnee, obwohl er dem Körper Mineralien entzieht.

Hatten Sie in der Situation Todesangst oder waren Sie sicher, dass Sie ins Basislager zurückkehren?
Todesangst hatte ich nie. Mein Kopf ist wie ein mathematischer Zähler, der sagt: „Kurt, einen Tag hältst du es noch aus.“ Und so war es. Ich glaube an das Schicksal, aber es gibt immer die Möglichkeit, aus eigenem Entschluss das Schicksal zu verändern.

Zwei Menschen starben im Zelt, drei beim Versuch abzusteigen. Nur Willi Bauer und Sie überlebten. Woher nahmen Sie die Kraft?
Mein Vater sagte mal zu mir: „Buar, wenn’s gar nimmer weitergeht, setz dich und denk nach – irgendeinen Ausweg gibt’s immer.“ Beim Abstieg vom K2 habe ich oft den Kopf an den Fels gelehnt, bin für 10 Minuten in eine andere Welt eingetaucht. Danach war ich wieder der Alte. Vielleicht gehe ich auch noch weiter, wenn ich schon im Jenseits bin.

Ist die Lebensgefahr für Sie ein Ansporn?
Die Gefahr ist interessant, aber zwei andere Dinge sind meine Haupttriebfedern: der Drang, etwas Neues zu entdecken, und die Herausforderung, den Gipfel zu erreichen.

sitzen
Pfahlsitzen? Sie hatte sich eine gemütlichere Sitzdisziplin ausgedacht

Motivation: Der Pfahlsitzer

Hermann Kümmerlehn, Vizeweltmeister im Pfahlsitzen, saß zwischen 1997 und 2003 insgesamt 590 Tage auf einem Pfahl, einmal sogar 156 Tage am Stück

„Wenn Sie immer nur an Ihre Sorgen denken, halten Sie das nicht durch.”

Wie motiviert man sich, fünf Monate auf einem Pfahl zu hocken, nur unterbrochen von kurzen Pausen alle zwei Stunden?
Pfahlsitzen ist eine Sportart so hart wie ein Triathlon, da müssen Sie Durchhaltewillen haben. Und Sie müssen sich die Zeit einteilen. Sehen Sie erst nur diesen Tag, dann den nächsten. So schaffen Sie jede weitere Woche. Es bringt nichts, an die nächsten 100 Tage zu denken. Grübeln ist ganz falsch. Wenn Sie immer nur an Ihre Sorgen denken, dann halten Sie das nicht durch. Träumen ist besser.

Muss man als Pfahlsitzer stur sein?
Sie brauchen ein dickes Fell, denn da gibt es immer einige, die versuchen, Sie wegzumobben. Man darf nicht aufgeben. Ich habe sogar weiter gemacht, als während der Zeit mein Vater starb. Auch ein Blitzeinschlag nebenan hat mich nicht kleingekriegt.

Was hilft einem mehr beim Durchhalten: Verbissenheit oder Gelassenheit?
Sie brauchen beides. An Tagen, wo es nicht so gut geht, müssen Sie sich festbeißen, da müssen Sie sehen, wo Ihre Grenzen sind. Je mehr Sie das schaffen, desto gelassener werden Sie – und mit dieser Gelassenheit kommen Sie in anderen Situationen weiter.

Was hat Sie auf den Pfahl gebracht?
Es war eine Gelegenheit, eine Zeit lang von allem wegzukommen, nachzudenken. Ich will immer Neues ausprobieren, meinen Horizont erweitern. Ich habe Elektriker gelernt, als Fotoreporter gearbeitet. Wenn es nicht so läuft, mache ich auch einen 400-Euro-Job.

Gibt es noch ein großes Ziel für Sie?
Ich möchte gern die erste Weltmeisterschaft im Teebeutel-Weitwurf ausrichten. Und ich warte immer noch darauf, mich ins Goldene Buch der Stadt Leer eintragen zu dürfen.

Wasserkraft
Eisern kämpfte er gegen Langeweile an

Motivation: Der Ironman

Normann Stadler (31), Sieger IronMan Hawaii 2004, kam beim Wettbewerb mit 10 Minuten Vorsprung ins Ziel. Sein Erfolg war das Ergebnis jahrelangen Trainings

„Ich gebe der Langeweile keine Chance, probiere neue Sportarten.“

Lohnt es sich eigentlich, sein Leben einem einzigen Ziel unterzuordnen?
Wenn Sie an den Erfolg glauben und Siegeswillen besitzen, geht diese Investition auf. Der Sieg auf Hawaii war der schönste Tag in meinem Leben. Ich habe allerdings auch acht Jahre diszipliniert darauf hingearbeitet.

Wer auf Hawaii gewinnt, der ist Ironman-Weltmeister. Wie erreicht man so ein Ziel?
Da gewinnt keiner beim ersten Start. Hawaii ist der härteste Wettkampf überhaupt. Ich habe meine positive Energie mit kleinen Erfolgen bei anderen Wettkämpfen gesteigert. Dann kommt man Schritt für Schritt weiter.

Mit welchem Geheimrezept absolvieren Sie Ihr monotones Ausdauertraining?
Ich gebe der Langeweile keine Chance. Körper und Kopf brauchen ständig neue Reize, um Höchstleistungen zu bringen. Ich probiere neue Sportarten aus, etwa Aquajogging. Ich kann jedem Triathleten nur empfehlen, gelegentlich mit Rennradfahrern zu trainieren. Das bringt Tempohärte und neue Einblicke.

Sie haben Ihren Lebenstraum verwirklicht. Wie motivieren Sie sich nun neu?
Jetzt bin ich der Gejagte. Alle wollen mich, den Champion, schlagen. Das ist Motivation genug, um auch weiterhin hart zu arbeiten.

Ein Ironman geht über rund acht Stunden. Gibt es da auch Momente des Zweifels?
Wer gut trainiert hat, macht sich kaum Gedanken. Nach sechs Wochen Trainingslager wusste ich, dass es für eine Top-Platzierung reicht. Beim Rennen fürchte ich eher äußere Einflüsse, etwa Technik-Defekte. Auch da gilt: ruhig bleiben, an die eigene Stärke glauben.

Klippe von Vila Depispo
Nur wer sich was traut, findet das Paradies

Motivation: Der Einhandsegler

Wilfried Erdmann (64) segelte von August 2000 bis Juli 2001 allein, nonstop, und gegen den Wind einmal um die Welt

„Man darf sich nicht hinlegen, auch wenn man übermüdet ist.”

Welche Voraussetzungen braucht man, um für eine Weltumseglung geeignet zu sein?
Wichtig ist, es wirklich zu wollen. Sich immer wieder anzutreiben, das ist die Kunst, auch bei Reparaturen an Bord. Und sich zu freuen, wenn es gut läuft. Sich zu waschen, andere Kleidung anzuziehen, gut zu essen – und zu sagen: „Das ist mein Tag!“

Woran denken Sie bei Flaute? Fällt einem da nicht oft die Kojendecke auf den Kopf?
Das kann schon langwierig werden. Aber man muss immer voll konzentriert bleiben und auch nachts um drei Uhr schnellstens die Segel wechseln, wenn es erforderlich ist.

Haben Sie jemals daran gedacht, alles hinzuschmeißen und einen Hafen anzulaufen?
Bei diesem Törn nicht. Ich war voll bei der Sache, nicht mitleidig wie früher. Außerdem ist man weit von sicheren Häfen entfernt. Da hat man mehrere Tage Zeit zum Überlegen.

Wie wichtig ist gutes Essen an Bord?
Man braucht viel Kraft für die Segelarbeiten und deshalb viel zu essen. Ich hatte nicht genug an Bord. Es war nur für 310 Tage berechnet, ich musste rationieren. Das fällt schwer, wenn man allein ist. Denn Essen ist gut um zu kompensieren. Es hilft beim Alleinsein.

Wovor haben Sie mehr Angst: vor Stürmen oder vor Kollisionen mit anderen Schiffen?
Ich bin sehr sorgsam, nicht tollkühn. Was den Schiffsverkehr betrifft, war es in den neun Tagen von Cuxhaven bis zur Biskaya am gefährlichsten. Da darf man sich nicht hinlegen, auch wenn man übermüdet ist.

Was war die schlimmste Situation an Bord?
Im Südpazifik hatte ich vier schwere Stürme in sieben Tagen. Ich musste zwei Tage lang in die entgegen gesetzte Richtung fahren, da das Ankreuzen gegen den Sturm zu gefährlich wurde. Vor Südafrika gab’s eine sehr steile See, man konnte Gräben im Wasser sehen, sechs bis sieben Meter tief. Das Schiff fällt da rein, es knallt und rüttelt. Die Schläge waren so hart, als würde das Boot immer wieder von einem Kran abgeworfen. In der Kajüte flogen mir Konserven wie Geschosse um die Ohren.

Der Tanz um den Ball
Er ließ sich weder von seinen Ängsten noch seinen Gegnern bremsen

Interview mit einem Motivator: Der Trainer

Jürgen Lohr weiß in der Regel, woran es hakt, wenn es nicht mehr läuft. „Die meisten scheitern an der Angst vor den Konsequenzen.“ Ein Interview mit einem Movations-Coach

 

Was sind die wichtigsten Komponenten für eine gesunde Selbstmotivation?
Wichtig sind Einstellung und Bewusstsein auf der einen, die richtigen Techniken und Methoden auf der anderen Seite. Hilfreich ist eine Einstellung wie diese: „Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich das auch durch.“ Sie sind zum Scheitern verurteilt, wenn Sie von vornherein denken: „Na, ob ich das wohl hinkriege?“

Wie schaffe ich eine Grundmotivation?
Sie brauchen eine leistungsfördernde Haltung bezüglich Ihrer eigenen Fähigkeiten. Glaubenssätze wie „Ich kann alles schaffen“ helfen. Die meisten Menschen scheitern nicht am Vorhaben, sondern an der Angst vor den möglichen Konsequenzen. Sie müssen kapieren, dass Sie alles tun können, was im Rahmen physikalischer Gesetze möglich ist, sich aber auch realistisch die Folgen vor Augen führen.

Was sind die größten Motivationsfallen?
Alle leistungsmindernden Einstellungen. Etwa der Spruch: „Das geht sowieso wieder schief.“ Darin steckt der Keim des Scheiterns. Auch falsche Zielvorgaben wie die, erst mal weniger zu rauchen, bringen nichts. Motivation über Angst oder Belohnung – etwa Geld, Anerkennung, Macht – sind fremdbestimmte Formen der Motivation, die nicht glücklich machen.

Muss ich immer hart gegen mich sein oder sind kleine, absichtliche Ausrutscher okay?
Wer sofort zurück in die alte Gewohnheit fällt, wenn er sich einen Ausrutscher zugesteht, darf ihn sich nicht erlauben. Andere empfinden Abweichungen vom Plan als Belohnung, die sie motiviert. Wichtig: Genießen Sie es! Und belohnen Sie sich nie, ohne die Leistung erbracht zu haben.

Sollte ich mich für Teilerfolge belohnen?
Machen Sie sich die Teilerfolge bewusst, das fördert das Selbstvertrauen. Nehmen Sie Niederlagen stets als Ansporn zum Lernen.

Wie mache ich nach Niederlagen weiter?
Machen Sie sich bewusst, dass sie die Voraussetzungen sind, um zu einem späteren Zeitpunkt Erfolge erleben zu können.

Sollte ich die Möglichkeit zu scheitern von vornherein in mein Denken einbeziehen?
Ja, dann haben Sie nämlich weniger Angst zu versagen. Je angstfreier eine Situation, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihr Leistungspotenzial entfalten. Angst nimmt Ihnen die Leichtigkeit. Veränderungen sind nur dann von Dauer, wenn sie leicht fallen.

Jürgen Lohr (46) coacht und berät neben diversen Geschäftsleuten auch eine Reihe von Fußballern aus der Bundesliga und Spieler der Deutschen Nationalmannschaft
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