Fertigungsmethode von Kleidung: Hand- oder Maschinenarbeit?

Das Prädikate "handgenäht" gelten bei Anzügen immer noch als hohe Auszeichnung
Das Prädikate "handgenäht" gelten bei Anzügen immer noch als hohe Auszeichnung

Die Technik macht auch vor der Mode nicht Halt. Trotzdem gilt Handarbeit noch immer als besonderes Prädikat. Wirklich zu Recht? Ein Vergleich von Handwerk und Industriefertigung

Maschinen und Technik sind aus der Modeindustrie seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken. Ganz auf sie zu verzichten hieße, das Rad um 200 Jahre zurückzudrehen. Trotzdem: Die Prädikate "handgenäht", "handmade" oder "fatto a mano" gelten bei Anzügen, Hemden, Krawatten und Schuhen immer noch als hohe Auszeichnung und Eintrittskarte in die VIP-Lounge der Klamottenmarken. Zu Recht? Oder zahlen wir für Nostalgie? Ist der Anzug aus der Schneiderwerkstatt besser als der aus der Fabrik? Leben handgemachte Schuhe länger? Und was heißt "handgemacht" eigentlich ganz genau? Die Antworten liefert der Vergleich von Hand- und Maschinenarbeit.

Anzug

"Hand tailored" bedeutet: Das Schnittmuster wird von Hand auf den Stoff gezeichnet (und nicht vom Plotter), die Einzelteile werden mit der Schere ausgeschnitten (und nicht mit dem computergesteuerten Elektromesser oder gar Laser), mit Nadel und Faden provisorisch geheftet, mit Maschine oder von Hand zusammengenäht und zwischendurch mit dem Bügeleisen geformt und geglättet.

Die Nadel schwingt der Schneider aus drei Gründen. Erstens: wenn eine besonders flexible und nachgiebige Naht gefragt ist, zum Beispiel an Schulter oder Gesäß (ein Maschinenfaden platzt bei Belastung schneller auf). Zweitens: um das Teil mit Handstichen zu verzieren, zum Beispiel an den vorderen Kanten, der Brusttasche oder den Seitennähten. Drittens: wenn eine Maschine die Handarbeit nicht genau nachahmen kann, zum Beispiel beim handgesäumten Knopfloch.

Vorteil Maschine: Die Maße des Kunden lassen sich mit Computer und Plotter Sekunden schnell in ein Schnittmuster umsetzen. Einfarbige Stoffe werden präziser und schneller zugeschnitten. Die Maschine kann in kürzerer Zeit ebenso gut oder sogar besser arbeiten, etwa beim Zeit raubenden Pikieren der Einlagen. Die Maschine liefert bei geraden Nähten das exaktere Ergebnis, etwa bei den seitlichen Hosennähten. Manche Bügelvorgänge kann die automatische Presse besser als der Schneider mit dem heißen Eisen.

Vorteil Handarbeit: Der Stoff kann so zugeschnitten werden, dass das Muster beim fertigen Teil perfekt über die Nähte weiterläuft. Das Kleidungsstück passt sich besser an den Körper des Trägers an, wenn es an bestimmten Stellen von Hand genäht wurde. Der Stoff kann durch das Bügeln von Hand präziser der Anatomie entsprechend geformt werden. Die Knopflöcher können viel feiner gestichelt werden. Das Kleidungsstück bekommt durch die leicht unregelmäßigen Handstiche eine besondere Aura.

Welcher Anzug ist besser? Der handgemachte Anzug trägt sich angenehmer und sitzt besser (wenn er passt!), ansonsten sind die Vorteile der Handarbeit eher ästhetisch und emotional.

Hemd

Handgenähte Hemden werden in größerem Umfang nur noch in Italien gefertigt. Das Etikett "cucito a mano" (handgenäht) oder "fatto a mano" (handgemacht) bedeutet: Der Stoff wurde von Hand zugeschnitten, die Ärmel wurden manuell in den Rumpf eingenäht, außerdem sind Schulterpasse, Kragen, Knopfleiste, Ärmelschlitz, Knopflöcher und der dreieckige Zwickel zwischen den Vorderteilen handgestichelt. Die Knöpfe werden nur noch ganz selten komplett von Hand angenäht, in der Regel übernimmt die Maschine die Hauptarbeit, und die Näherin versticht den Faden am Ende nur noch.

Vorteil Maschine: Wenn sie von Experten korrekt bedient werden, liefern Nähmaschinen exakte, schöne und äußerst dauerhafte Nähte. Das bedeutet: eine hohe Zeitersparnis bei der Produktion und dadurch erschwinglichere Preise. Außerdem sind Maschinenknopflöcher weicher und leichter zuzuknöpfen.

Vorteil Handarbeit: Das Zuschneiden des Stoffes ist sehr viel genauer, Streifen und Karos laufen ohne Unterbrechung über Nähte, Brusttasche und die Ärmelschlitze. Die flexibleren Handnähte können das Hemd bequemer machen, da sie geringfügig nachgeben und das Hemd sich dadurch besser dem Körper anpassen kann. Die Handknopflöcher haben einen unverwechselbaren Look, außerdem fransen sie nicht aus.

Welches Hemd ist besser? Jedes Hemd, das aus gutem Stoff und sorgfältig gefertigt wird, ist ein gutes Hemd, egal ob es von Hand oder mit der Maschine genäht wurde. Bei Handarbeit reizen den Fan die leicht unregelmäßige Optik des Handstichs und die spezielle Passform des Ärmels. Ob das aber objektive Vorteile sind, das sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Krawatte

Krawatten gibt es in drei Macharten. Bei der einfachsten wird der Stoffschlauch mit einer normalen Nähmaschine zusammengenäht. Der Nachteil bei diesem Verfahren: Die Naht aus Ober- und Unterfaden ist nur begrenzt flexibel, die Krawatte lässt sich deshalb schlecht binden. Methode zwei: Die Längsnaht wird mit einer Spezialmaschine geschlossen, die mit einem einzelnen Faden näht, die Krawatte muss dabei aber auf links gedreht und danach wieder gewendet werden. Drittens: Handarbeit. Die Krawatte wird von Hand zugeschnitten, in Form gelegt, mit Stecknadeln geheftet und mit Nadel und Faden genäht.

Vorteil Maschine: Hohe Zeitersparnis, denn die Maschine näht die Krawatte in wenigen Sekunden zusammen. Keine Qualitätsschwankungen, die Maschine näht immer gleich, unabhängig von Stimmung oder körperlicher Verfassung.

Vorteil Handarbeit: Dessins (zum Beispiel Rauten oder Punkte) werden beim Zuschnitt symmetrisch an der Spitze ausgerichtet, Streifenmuster enden an der Kante. Die Einlage passt exakt in den Stoffschlauch, da die Krawatte auf rechts genäht wird und nichts verrutschen kann. Nach dem Zusammennähen wird der Faden nicht verstochen, so verbleibt eine Fadenreserve. Beim Binden kann der Stoff der Krawatte auf dem Faden leicht hin und her rutschen, das schont das Material und erleichtert das Knoten.

Welche Krawatte ist besser? Die unterschiedlichen Fertigungstechniken sind hierbei nur die halbe Miete, fast genauso wichtig ist die Qualität des Krawattenstoffs, also Seide, Kaschmir, Wolle, Leinen etc. Die beste Krawatte ist deshalb ein sorgfältig von Hand genähter Schlips aus erlesenen Materialien.

Schuhe

Komplett handgemachte Schuhe sind sehr selten, denn die Einzelteile des Oberleders (oder Schafts) werden nach dem manuellen Zuschnitt auch bei den besten Maßschustern mit der Maschine zusammengenäht (Ausnahme: Mokassins). Der Rest sollte aber wirklich nur mit Ahle (damit werden die Löcher im Leder vorgestochen), Nadel, Faden, Messern, Raspeln und diversen Spezialwerkzeugen erledigt werden, ansonsten ist es keine echte Handarbeit, sondern industrielle Fertigung.

Vorteil Maschine: Zeitersparnis, zum Beispiel bei der Fertigung rahmengenähter Schuhe. Das Oberleder wird in Sekunden über den Leisten gezogen und in Form gepresst. Das Vernähen von Schaft, Brandsohle und Rahmen geht mit der Goodyear-Maschine viel schneller, ebenso das Vernähen von Laufsohle und Rahmen.


Vorteil Handarbeit: Der handeingestochene Schuh ist stabiler, da die alles verbindende Naht direkt durch Oberleder, Brandsohle und Rahmen geführt wird: Um Oberleder und Rahmen mit der Brandsohle (Innensohle) vernähen zu können, wird beim Fabrikschuh ein schmaler Lederstreifen, die Risslippe, von unten mit Klebeband an die Brandsohle angebracht. Durch die Risslippe geht dann die (beim fertigen Schuh unsichtbare) Naht, die den Schuh zusammenhält. Der Handwerker klebt die Risslippe nicht, er höhlt die Brandsohle von unten aus und lässt dabei den Rand etwas dicker. So entsteht der Einstechdamm, an dem Oberleder und Rahmen angenäht werden. Die Sohlennaht wird in einem schmalen Kanal versenkt, das macht sie unsichtbar und schützt sie. In Handarbeit lassen sich Reparaturen leichter ausführen: Beim Annähen einer neuen Sohle werden die ursprünglichen Löcher in Einstechdamm und Rahmen benutzt.

Welcher Schuh ist besser? Wenn man aus identischem Leder auf demselben Leisten zwei Paar rahmengenähte Schuhe gleichen Zuschnitts bauen ließe, einmal maschinell und einmal von Hand, wäre das Ergebnis und die Lebensdauer nahezu identisch.

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