Trekken auf dem Harkerville-Trail in Südfrika

Naturgewalt pur: Küste bei Knysna

Vater und Sohn wagen sich zusammen auf den Harkerville-Trail in Südafrika. Dort stoßen sie nicht nur an ihre Grenzen, sondern auch auf ungewohnte Gefühle

Naturgewalt pur: Küste bei Knysna
Naturgewalt pur: Die Küste von Knysna in Südafrika

Er hat Angst. Mein Vater sitzt am Rand einer Klippe auf der obersten Stufe einer Holztreppe, die für ihn so Vertrauen erweckend aussieht, als hätte er sie selbst gebaut. 96 Stufen liegen vor ihm. Schwer einzuschätzen, wie viele Meter es steil abwärts geht. Vielleicht 150. Vielleicht mehr.

Wir befinden uns in Südafrika zwischen Knysna und Plettenberg Bay, um den 24 Kilometer langen Harkerville-Trail zu bezwingen. Es ist für uns eine Gelegenheit, dass wir uns wieder näher kommen, nachdem ich vor einem Jahr nach Hamburg zog. Bereits im Vorfeld haben wir über die Reise geredet. Mit etwas hatten wir uns allerdings nicht beschäftigt: Angst.

Mutprobe mit Vater
Björn und Christian Krause vor ihrem Marsch über den Harkerville-Trail – 24 Kilometer, die es in sich haben

Woher hätte ich denn auch wissen sollen, dass mein Vater Höhenangst hat? Haben Väter überhaupt vor irgendetwas Angst? „Ich gehe da nicht runter“, sagt er, während er sich mit der rechten Hand fest an einen der Holzpfosten krallt.

Bis hierher waren die letzten zehn Kilometer durchs Sinclair-Natur-Reservat ein Spaziergang. Mal bergauf, dann wieder bergab. Das Knacken brechender Äste und das Rascheln durchkämmter Büsche ist wie Musik, komponiert von Mutter Natur.

Tour über den Harkerville-Trail: 49 Stufen der Angst

Dass dieser Trail einer der härtesten Afrikas ist, konnte auf der ersten Teilstrecke keiner glauben. Auch nicht der Fotograf Obie Oberholzer und sein Sohn Jesse, die uns begleiten. Und jetzt?

Jetzt sieht es so aus, als würde unser Abenteuer schon früh ein Ende finden. Doch dann setzt sich der bis eben erstarrte Körper meines Vaters in Bewegung – wie ferngesteuert. Sein sitzender Körper ist weit nach vorn gebeugt, die Hand ausgestreckt in Richtung Geländer. Unsicher sucht seine Fußspitze die nächste Stufe, dann rutscht sein Po dem Körper hinterher.

Sprosse für Sprosse derselbe automatisierte Vorgang. Nicht spektakulär, aber funktionell. Hand, Fuß, Po, immer wieder – 49 Stufen. Bis das Buschwerk den Abgrund verdeckt und er die verbleibenden 47 Stufen aufrecht absteigen kann und sein Fluchen im Donnern der Brandung untergeht.

Klippe
Steil geht es bergab zu den Küstenfelsen

Nicht alleine auf den Harkerville-Trail

Die danach folgende Küstenstrecke mit ihren Kletterpassagen macht den Harkerville-Trail zu etwas Besonderem. Maximal zwölf Personen dürfen jeden Tag auf diese Strecke. Alleine sollte man allerdings nicht unterwegs sein. Schon ein gebrochenes Bein kann hier unten zu einem schwerwiegenden Problem werden. Unerfahrene Hiker sollten sich in jedem Fall an einen Guide wenden. Der weiß auch, wie es mit den Gezeiten aussieht.

Das Folgende wird mein Vater nie vergessen: Direkt nach dem Abstieg über die Höllentreppe können wir das Blitzen der im Fels verankerten Kette erkennen. Ich weiß, das ist nichts für meinen Vater. Er weiß es auch. Mit hängendem Kopf, gefalteten Händen und schlurfendem Schritt nähert er sich dem kühlen Metall.

Was geht in einem Menschen vor, der trotz Höhenangst, nur durch die Kraft der eigenen Hände und der zitternden Beine gesichert, zirka 20 Meter steil nach unten schaut? Und unten ist da, wo der Ozean mit Kraft gegen die scharfkantigen Felsen drischt.

Pro Kilometer fast eine Stunde

Verkrampft zieht er an der Kette, als wäre am anderen Ende eine Kirchturmglocke, mit der er Alarm schlägt. Nur ungefähr 15 Meter weiter sinkt er total verausgabt, mit schwerem Atem und übersäuerten Muskeln wie ein angeschlagener Boxer zu Boden. Er hat es geschafft, und ich bin verdammt stolz auf ihn.

Die folgenden drei Kilometer verlaufen entlang der Küste über wackelige Steine. Hier zeigt sich, dass wir die falsche Schuhwahl getroffen haben. Immer wieder knicken wir in den halbhohen Wanderschuhen um und kämpfen mit dem Gleichgewicht. Pro Kilometer benötigen wir fast eine Stunde.

Gefährlicher Pfad
Höchstens 15 Kilo Gepäck, aber das richtige – das erleichtert den Weg

Aufstieg zur Sinclair-Hütte

„Was mache ich hier eigentlich“, höre ich meinen Vater sagen, als er wieder eine Kletterpassage hinter sich hat und vor der nächsten, einen Kilometer langen Herausforderung steht

Es handelt sich um den Aufstieg zur Sinclair-Hütte, in der wir die heutige Nacht verbringen werden. „Ich muss verrückt sein. Mit 52 bin ich immer noch nicht vernünftig geworden. Ich will kein Abenteuer, ich will noch 25 Jahre leben!“

Ich gehe voran. Links und rechts vom Trail scheint man selbst mit schwerster Forstarbeiter-Artillerie keinen Meter voranzukommen. Am Gipfel angekommen, marschieren wir träge wie Elefanten in der Mittagssonne hintereinander auf einem schmalen Pfad, der sich zwischen Dickicht und Felsvorsprüngen dahinschlängelt. Und dann endlich: die Hütte.

Langsam wird klar, was ein auf das Nötigste reduziertes Leben bedeutet. Erst gestern machten wir uns bei einem Vier-Gänge-Menü in einer der Lodges Südafrikas Gedanken über Benimmregeln. Jetzt saufen wir Regenwasser, als ob wir tagelang Wüstenstaub geatmet hätten. Damit heute Abend nicht nur die Oberschenkel brennen, ist noch Holzhacken angesagt. Die Nacht verbringen wir in Stockbetten, die gerade mal groß genug sind, um darauf Platz zu finden. „Ich schlafe unten“, schreit mein Vater, während er sich hinlegt.

Und nur wenige Sekunden später schnarcht er, als wolle er alle Holztreppen dieser Welt zersägen. Nächster Morgen, 7 Uhr: aufstehen. Müde Muskeln, knackende Knochen, strapazierte Seele. Und schlechte Nachrichten. Mein Vater hat gestern seine Grenze erreicht und traut sich keinen weiteren Tag auf dem Trail zu.

Der erste Mann scheidet aus
Die erste Etappe wirkt wie ein geruhsamer Marsch durch den Dschungel

Der 1. Vater steigt aus

Obwohl ich damit gerechnet habe, bin ich im ersten Moment enttäuscht. Zwei Erkenntnisse helfen mir aber darüber hinweg. 1. So ist es sicherer für ihn. 2. Er kann auf der zirka sechs Kilometer langen Notroute zum Start meinen Schlafsack und ein paar Kleinigkeiten mitnehmen. Rucksäcke sollten aus Sicherheitsgründen maximal 15 Kilogramm wiegen. Und meiner war bis eben viel schwerer, ehrlich.

Der zweite Tag beginnt mit einem zirka halbstündigen Abstieg, an dessen Fuß sich zwei kleinere Seen gebildet haben. Durch Baumwurzeln hat sich das Wasser weinrot gefärbt. Blutrot hätte sich wohl die folgende Küstenpassage gefärbt, hätte mein Vater nicht die richtige Entscheidung getroffen.

Denn die Kletterparts werden immer schwieriger und gefährlicher. Holzbrücken führen mit weit auseinander liegenden Sprossen über Felsformationen, zwischen denen sich Abgründe auftun. Plötzlich taucht in 40 Metern Entfernung ein Wal auf. Die Luft wird erfüllt von glitzernden Wassertropfen, die er schnaufend aus seinen Atemwegen bläst. Zum Abschied zeichnet er mit seiner Finne einen Bogen in die Luft. Das Meer peitscht seine Wellen brutal gegen die Klippen und läuft über den Horizont sanft in Richtung Unendlichkeit aus. Hier ist alles wild und harmonisch zugleich. Es kommt darauf an, wie man die Dinge sehen will. Wie im Leben. Vielleicht ist es nur meine Skepsis, welche die konservative und pessimistische Lebensweise meines Vaters in den Vordergrund stellt.

Nächtliches Südafrika
Nicht nur die Küste, auch die Riesenbäume im Harkerville Forrest belohnen den Hiker

Tour über den Harkerville-Trail: Reise-Tipps

Sie wollen sich mit Ihrem Vater der gleichen Mutprobe stellen? Hier erfahren Sie, was Sie wissen müssen

Der Weg zum Harkerville-Trail
Es gibt zwei Hütten am Trail, eine in Harkerville und eine in Sinclair. Pro Tag werden nur zwölf Personen auf dem Trail zugelassen. Anmeldung über das Forestry Office in Knysna unter Telefon 0027/44/3825466.

Anreise South African Airways (www.flysaa.com) fliegen täglich von Frankfurt nach Johannesburg, von dort weiter per Inlandsflug nach Port Elizabeth. Retour-Tickets gibt’s ab zirka 880 Euro. Von Port Elizabeth geht es im Mietwagen weiter auf der N2 nach Knysna (ungefähr 260 Kilometer; www.visitknysna.com).

Beste Reisezeit ist von September bis April – also während des südafrikanischen Sommers.

Impfungen sind nicht zwingend vorgeschrieben, empfohlen werden die folgenden: Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis A und B, Typhus.

Info South African Tourism, A.d.Hauptwache 11, 60313 Frankfurt, Telefon 069/9291290, www.southafricantourism.de

Hog Hollow Country Lodge
Es gibt gemütlichere Orte als den Harkerville-Trail

Tour über den Harkerville-Trail: Um den Trail herum

Wer fliegt nach Südafrika, nur um zwei Tage an der Küste langzukraxeln? Die Bezwingung des Harkerville-Trails verlangt nach Belohnungen! Zum Beispiel den folgenden

Hog Hollow Country Lodge Umrahmt von den Tsitsikamma-Bergen liegt die luxuriöse und zugleich bodenständige Lodge an der N2 nahe Plettenberg Bay. Zwölf individuelle Suiten, ein Swimmingpool und die exzellente Küche (alle Gäste essen gemeinsam an einem großen Tisch, hoher Kontaktfaktor!) bieten Entspannung vor oder nach Klettertouren. DZ ungefähr 200 Euro (Tel. 0027/44/5348879, www.hog-hollow.com).

Knysna Wem diese Klettertour nicht aufregend genug war, kann in Knysna noch weitere Abenteuer buchen, zum Beispiel einen Bungee-Jump von der 216 Meter hohen Bloukrans-Brücke. Knysna ist auch idealer Ausgangspunkt für Mountainbike-Touren durch den Harkerville Forest (www.visitknysna.com).

Buffalo Hills Game Reserve Nashörner, Giraffen und natürlich auch Büffel (Achtung, der mit dem Namen „Sexy“ bespringt gerne Autos!) – dort kann man sie bestaunen. Das 35 Kilometer von Knysna entfernte Reservat im Bitou River Valley bietet ein komfortables Camp in umgebauten Zelten – DZ mit VP ab zirka 160 Euro (www.buffalohills.co.za).

Plettenberg Bay Einer der beliebtesten Badeorte an der Garden Route mit schönen, weiten Stränden. Dort kann man schwimmen, Seekajak fahren oder auch Wale beobachten (www.plettenbergbay.co.za).

Apartheid-Museum Johannesburg Beim Zwischenstopp ist dieses auch von der Architektur her einzigartige Museum in Soweto ein Muss. Nirgendwo sonst lässt sich die jüngste Geschichte Südafrikas derart beeindruckend erleben (www.apartheidmuseum.org).

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