Tickt diese Zeitbombe in Ihrem Körper?: Herzinfarkt-Risiko-Faktor C-reaktives Protein

Herzinfarkt-Risiko-Faktor C-reaktives Protein
Herzinfarkte treffen auch gesunde Männer mit völlig normalen Cholesterinwerten

Cholesterin okay, alles okay – das gilt nicht mehr. In Dachen Herzinfarkt könnte in Ihren Blutbahnen ein weiterer Killer lauern: das C-reaktive Protein

Der Arzt hat Ihnen zu Ihrem niedrigen Cholesterinspiegel gratuliert? Freuen Sie sich nicht zu früh. Die Verurteilung der Blutfette als Hauptursache des Herzinfarktes hat sich als falsch herausgestellt. Noch während Sie diesen Text lesen, könnten Sie tot umfallen: Herzinfarkt.

Und es wäre kein Einzelfall. "Die Hälfte aller Herzinfarkte trifft gesunde Männer im mittleren Alter mit völlig normalem Cholesterinspiegel", sagt Paul Ridker, Direktor des Zentrums für die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen von der Harvard Medical School. Günstige Blutfettwerte zu haben, bedeutet also nicht, dass auch das Infarkt-Risiko gering ist.

Tatsächlich kann es trotz eines Muster-Cholesterinspiegels recht hoch sein. Ob dies so ist, lässt sich an einer Substanz ablesen, die sich als neuer Schurke in die Bande der Risikofaktoren eingereiht hat: am C-reaktiven Protein, kurz CRP. Ein erhöhter Wert zeigt, ob im Körper eine Entzündung vorliegt.

"Mindestens 15 große Langzeitstudien haben bewiesen, dass bei erhöhtem CRP-Wert im Blut das Risiko für einen Infarkt um bis zu 300 Prozent erhöht ist", sagt der Kardiologe Professor Wolfgang Koenig von der Universitätsklinik Ulm.

Die Entdeckung der Arteriosklerose als entzündlicher Vorgang ist ein Meilenstein in der Herz-Kreislauf-Forschung. Es erklärt vieles, was Wissenschaftlern zuvor Kopfzerbrechen machte.

So hat sich die Vorstellung als überwiegend falsch herausgestellt, die Arterien würden durch Fettablagerungen langsam zuwuchern und undurchlässig – wie Wasserleitungen, die verkalken. Tatsächlich ist das lediglich bei 15 Prozent aller Herzinfarkte der Fall. Viel häufiger sind Ablagerungen (Plaques), die gar nicht so weit in die Arterie hineinragen. Oft fließt das Blut jahrelang daran vorbei, ohne besonders behindert zu werden. Die Plaques können aber aufreißen, der fettige Inhalt kommt in Kontakt mit dem Blut, und innerhalb kürzester Zeit bildet sich ein Blutgerinnsel.

Ein Gerinnsel kann sich zwar wieder auflösen, und die gerissene Plaquekappe kann sich auch schließen, doch die Verletzung der Arterie ist danach größer, narbig und fragiler. Vieles spricht dafür, dass sich der Prozess über die Jahre aufschaukelt. Löst sich ein Gerinnsel jedoch nicht wieder auf, kann es die Arterie verschließen und so zum Beispiel Herz oder Hirn den Sauerstoffhahn zudrehen.

Fast alle Menschen haben zumindest ein paar von diesen Plaques – warum reißen sie aber bei manchen auf, bei anderen nicht? Des Rätsels Lösung sind die bei einer Entzündung ausgeschütteten Botenstoffe. Sie machen die Plaquekappe viel anfälliger für Risse, zu denen es vor allem dann kommt, wenn die Ablagerung zu schnell wächst – also weiter Fett einlagert –, oder durch die mechanische Belastung der Arterie durch zu hohen Blutdruck.

Inzwischen weiß man, dass auch chronische Entzündungen mit anderen Ursachen (zum Beispiel rheumatische Arthritis) nicht nur das Risiko einer Arteriosklerose vergrößern, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung tödlich endet. Das alles erklärt, warum auch jemand mit guten Blutfettwerten und wenigen, kleinen Plaques ein hohes Infarkt-Risiko hat, wenn zugleich ständig viele Entzündungsstoffe im Blut kreisen.

 

Ob eine Entzündung im Körper herrscht, kann mit einem einfachen Test festgestellt werden, der die Menge des C-reaktiven Proteins im Blut misst. Werte unter 1 Milligramm pro Liter gelten als hervorragend, Werte ab 3 Milligramm sind bedenklich. Bei einer akuten Entzündung wie einer Stirnhöhlenvereiterung schnellen die Werte auf mehr als 10 Milligramm pro Liter Blut, bei schweren Infektionen sogar auf mehrere 100 Milligramm pro Liter.

Das ist normal und klingt wieder ab, sobald die Infektion überstanden ist. "Gefährlich für das Herz-Kreislauf-System sind dauerhaft leicht erhöhte Werte von mehr als 3 Milligramm pro Liter", so Wolfgang Koenig. "Das sind Mengen, die man lange als gesundheitlich völlig irrelevant betrachtet hat."

Infarktrisiko Cholesterin und CRP:

 Wertevergleich: Die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden, wächst mit zwei Werten: Je größer die Zahl ist, die sich durch das Verhältnis von Gesamt- zu HDL-Cholesterin ergibt (Säulen von rechts nach links), desto höher ist das relative Risiko. Dies gilt auch für steigende CRP-Werte. Sind beide Parameter hoch, ist das Risiko am größten.

 

Die Arterienwand setzt sich aus drei Schichten zusammen. Arteriosklerose spielt sich in der innersten ab, die begrenzt wird vom Endothel, einer Schicht Zellen, die Arterien wie eine Tapete auskleiden.

1. Ursache der Ablagerungen
Zu viel LDL ("schlechtes" Cholesterin), wenig Obst und Gemüse, Stress sowieRauchen begünstigen eine Fehlfunktion des Endothels, wodurch vermehrt LDL in die Arterienwand einwandert und oxidiert wird (also ranzig wird). Zugleich fängt das Endothel Immunzellen aus dem Blut ab und bringt sie durch Signalstoffe dazu, auch in die Arterienwand zu wandern und sich zu Fresszellen (Makrophagen) zu entwickeln. Sie machen schädliche Dinge im Körper unschädlich, indem sie diese in sich aufnehmen.

2. Fettige Wunde 
In der Arterienwand nehmen die Fresszellen überflüssige LDL-Partikel auf, bis sie randvoll sind. Diese fettige Wunde nennen Experten Lipidläsion. Die Entzündung schreitet auf mehreren Wegen fort (CRP ist an all diesen Reaktionsketten beteiligt) und führt zur Einwanderung von Muskelzellen aus der Mitte der Aderwand in Richtung Inneres, wo sie Kollagen produzieren.

3. Plaque 
Die Fresszellen sterben und lassen einen Fettkern zurück. Kollagen bildet eine faserige Haut über der Wunde, die jetzt Plaque genannt wird. Entzündungsstoffe können das Kollagen abbauen und dessen Neubildung hemmen. Je mehr von den Stoffen das Häutchen ausgesetzt ist, desto schneller kann es einreißen.

4. Gerinnsel 
Die Plaque wird nicht nur durch Entzündungsstoffe instabil, auch durch schnelles Wachstum und mechanische Belastung. Reißt die Haut, wird das Blut dort zur Verklumpung angeregt; ein Gerinnsel bildet sich. Es verschließt die Arterie, unterbricht die Versorgung des dahinter liegenden Gewebes (etwa des Herzens). Die Folge: Infarkt.

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