Workout für die Ohren: Hörprobleme vermeiden

Ohren: Die Hörorgane
Nicht nur Ihre Muskeln, sondern auch das Gehör können Sie trainieren

15 Millionen Deutsche haben Hörprobleme. Wir verraten Ihnen, wie Sie vermeiden, irgendwann dazuzugehören

Häää? Diese Sätze hören sich in der Tat nicht gut an: "Die Zerstörung des Innenohrs ist unaufhaltsam. Nur diejenigen, die umdenken und sich selbst schützen, werden davon verschont bleiben", sagt der Innenohr-Experte Dr. Lutz Wilden aus Bad Füssing. Die Grundlage der düsteren Vorhersage: Vor gut sechs Millionen Jahren, als unsere Vorfahren noch routinemäßig auf dem Speiseplan der Säbelzahntiger standen, hat sich das menschliche Gehör als sensibles Warnsystem gegen kaum wahrnehmbare Gefahren entwickelt. Hinter jedem noch so leisen Rascheln im Gras konnte sich eine tödliche Bestie verstecken.

Auf der Straße vorbeidonnernde 20-Tonner, kreischende Kreissägen und MP3-Player, die in einem Abstand von gerade mal zwei Zentimetern das Trommelfell mit rund 100 Dezibel bearbeiten, waren von der Evolution damals nicht eingeplant. Kaum verwunderlich, dass Hörschäden, die durch Lärm am Arbeitsplatz verursacht wurden, mittlerweile ganz weit oben auf der Liste der häufigsten Berufskrankheiten stehen.

Schon schwerhörig in jungen Jahren? Passen Sie auf, dass es nicht noch schlimmer wird!
Schon schwerhörig in jungen Jahren? Passen Sie auf, dass es nicht noch schlimmer wird!

Lauter als der Start eines Düsenjets

Immer höher ist auch die Zahl junger Menschen, die wegen Schwerhörigkeit beim HNO-Arzt landen. Kann es also sein, dass das menschliche Ohr den Erfordernissen von heute nicht gewachsen ist? „Nein, im Gegenteil. Schall ist gut für das Ohr“, sagt der Gehörspezialist Professor Gerald Fleischer von der Universität Göttingen. Entgegen der verbreiteten Meinung, man müsse sie so gut es nur geht vor Geräuschen schützen, spricht Fleischer sich für ein Training der Ohren aus. Grund dazu geben ihm Studien mit Menschen, die ganz ohne Lärmbelastungen leben.

In China wollten Forscher herausfinden, wie groß der Einfluss der Zivilisation auf die Hörfähigkeit der Menschen innerhalb eines Landes ist. Sie verglichen das Gehör moderner Städter mit dem der Landbevölkerung. Ergebnis: Menschen, die in sehr geräuscharmer Umgebung leben, hören nicht besser als Städter. Im Gegenteil, Ärzte fanden bei Ersteren zum Teil schwere Hörschäden. Grund: mangelndes Training beziehungsweise fehlende Gewöhnung des Gehörs, in Kombination mit der Vorliebe der Chinesen für selbst gebastelte Knallkörper: Beim Abfeuern sind die Ohren Belastungen von bis zu 170 Dezibel ausgesetzt. Das ist deutlich lauter, als den Start eines Düsenjets aus 25 Metern Entfernung mitzuerleben.

Ohren, die das ganze Jahr über nur Stille oder höchstens eine blökende Ziege kennen, sind von plötzlichen Knallen völlig überfordert. „Das ist vergleichbar mit einem Muskel. Wird der nicht benutzt, verkümmert er und versagt dann, wenn er mal gebraucht wird“, so Fleischer. Seine Schlussfolgerung: Das Ohr ist bis zu einem gewissen Grad trainierbar.

Bitte, nicht ganz so laut: Gefahren fürs Gehör

Nicht nur kurzfristige Extremlautstärken schädigen Ihr Ohr, sondern auch gemäßigte Dauerbelastungen. Während das menschliche Ohr von normalen Geräuschen und mäßigem Schalldruck profitiert, droht bei stärkeren Pegeln Gefahr. „Besonders gefährlich sind Schallimpulse von mehr als 120 Dezibel, wie sie eine Motorsäge erzeugt. Sie brauchen nur kurz einzuwirken, um Schaden anzurichten“, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen.

Ebenso belastend für die Ohren ist intensive Dauerberieselung. Müssen sie regelmäßig länger als acht Stunden mehr als 85 Dezibel ertragen (ein Wert, der an Hauptverkehrsstraßen durchaus üblich ist), können Schwerhörigkeit und Tinnitus die Folge sein.

Lange Arbeit mit dem Staubsauger kann den Ohren schaden
Lange Arbeit mit dem Staubsauger kann den Ohren schaden

Kein effektives Schutzsystem für das Ohr

Normalerweise ist unser Körper gut darin, uns vor Schäden zu bewahren. Fasst man etwa auf eine heiße Herdplatte, zuckt die Hand reflexartig zurück. Doch für das Ohr gibt es kein ähnlich effektives Schutzsystem. Sicher, Sie spüren Schmerz, wenn der Lärmpegel die 125 Dezibel übersteigt, aber Schaden entsteht schon viel früher.

„Auch vor 100 Jahren waren die Menschen Lärm ausgesetzt, arbeiteten in Fabriken, in denen es weder Lärmschutzbeauftragte noch Hörschutz gab. Doch gingen sie abends nach Hause, konnte sich das Gehör regenerieren“, sagt Experte Hesse. „Möglichkeiten, sich von Lärm zu erholen, gibt es immer weniger. Das ist sehr bedenklich.“

Ganzer Organismus betroffen: Lärm greift auch den Körper an

Dauerhafter Lärm greift den ganzen Körper an. Der Bluthochdruck ist bei Dauerbeschallten häufig doppelt so hoch wie bei unbelasteten Personen.

Ein plötzlicher Knall und Dauerlärm richten sowohl im Mittel- als auch im Innenohr Schäden an. Trifft es nur das Mittelohr, das sich direkt hinter dem Trommelfell befindet, helfen Medikamente. Sobald aber das Innenohr betroffen ist (also der am weitesten im Inneren des Kopfes gelegene Teil des Ohres), kann nur noch ein Hörgerät Besserung bringen.

Doch Lärm macht nicht nur den Ohren zu schaffen, der ganze Körper wird davon in Mitleidenschaft gezogen. In einer Langzeitstudie des Umweltbundesamtes stellte sich heraus, dass Menschen, die dauerhaft mehr als 55 Dezibel (entspricht etwa der durchschnittlichen TV-Lautstärke) ausgesetzt sind, doppelt so oft wegen Bluthochdruck behandelt werden wie andere. Speziell Männer, die im Schlafzimmer nächtlichen Verkehrslärm ertragen müssen, erleiden deutlich öfter einen Herzinfarkt.

Psychische Symptome: Dauerlärm verursacht Stress

Untersuchungen ergaben: Kinder, die in Flughafennähe aufwachsen, erleben weitaus mehr Stress. Zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen kamen US-Wissenschaftler der Cornell University in Ithaca. Nachdem in München 1992 der neue Flughafen eröffnet worden war, untersuchten diese Forscher zwei Jahre lang Viert- und Fünftklässler, die in seiner Nähe lebten. Die Hälfte der Kinder wohnte direkt unter der Einflugschneise, die andere Hälfte in ruhigeren Gebieten.

Ergebnis: Die Kinder in der Lärmgruppe, die langfristig einer Belastung zwischen 62 und 68 Dezibel ausgesetzt waren, hatten nicht nur einen erhöhten Blutdruck, sondern schütteten auch mehr Stresshormone aus. Die Kinder in der ruhigeren Gegend zeigten dagegen keinerlei messbare Veränderungen.

Einige Jahre später untersuchten die amerikanischen Hörforscher noch einmal eine Gruppe von Kindern, die zu jenem Zeitpunkt seit Jahren neben dem neuen Flughafen lebten. Die Kinder der Lärmgruppe konnten schlechter lesen und hatten ein schlechteres Langzeitgedächtnis als die der Vergleichsgruppe. Verantwortlich dafür waren Stresshormone, die zu schnellerer Erschöpfung führten.

Eine harte Probe für den Gehörgang
Konzerte: Für die Ohren ein gefährlicher Genuss

Zerrissene Lungen nach Rockkonzert

Die bislang größte Untersuchung in diese Richtung hat vor kurzem in der Kleinstadt Kokomo im US-Bundesstaat Indiana stattgefunden. Ein Großteil der dortigen Einwohner klagte über eben diese schwer zu fassenden Symptome und ein nervendes Hintergrundbrummen.

Im November 2002 engagierten die Stadtväter schließlich eine Spezialfirma für Akustikforschung, um dem so genannten Kokomo-Brummen auf die Spur zu kommen. Und tatsächlich, nach neun Monaten intensiver Suche fanden die Spezialisten in der Gegend zwei Industrieventilatoren, die niederfrequente Geräusche von sich gaben. Die Brummer wurden schließlich ruhiggestellt, was die Beschwerden zahlreicher Einwohner linderte. Viele Forscher bleiben skeptisch, was die Wirkungen von niederfrequentem Lärm betrifft.

Doch es existieren noch weitaus dramatischere Beispiele für die Folgen von Vibration auf den Körper: Ärzte der Universitätsklinik in Brüssel berichten von drei Männern, deren Lungen durch die Vibrationen lauter Musik zerrissen wurden. Zwei von ihnen hatten ein Rockkonzert besucht, der dritte hatte 1000-Watt-Boxen in sein Auto eingebaut.

Das Neandertaler-Problem

Auch wenn Menschen mittelstarken Lärm nicht als schlimm empfinden und sich ihm sogar freiwillig aussetzen, interpretiert das Gehirn laute Geräusche automatisch als Gefahr und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. In den Zeiten von Neandertalern und Höhlenbären unterstützte diese Reaktionsweise Menschen dabei, angemessener und schneller auf Gefahren zu reagieren.

Auch heutzutage mag dieser natürliche Schutzmechanismus in Ausnahmesituationen nützlich sein, etwa, wenn wir nachts in der Wohnung Geräusche hören. Doch als Dauereinrichtung stellt er für die Menschen heute mehr bedrohlichen Stress als irgendeinen Schutz dar. Bei andauernder Lärmeinwirkung schaden die Reaktionen auf Geräusche dem Organismus.

Leiser ist nicht immer besser: Gefahrenquelle niederfrequente Schallwellen

Überraschenderweise fanden portugiesische Wissenschaftler der Neuen Universität in Lissabon heraus, dass auch Lärm, den wir überhaupt nicht hören können, schädlich sein kann. Schuld sind niederfrequente Schallwellen, die wir höchstens als sanftes Vibrieren wahrnehmen. „Sie verursachen Verdickungen des Bindegewebes im Herzbeutel und in den Blutgefäßen“, sagt Dr. Mariana Alves-Pereira.

„Unsere Hypothese lautet, dass der menschliche Körper vermehrt Bindegewebe, so genanntes Kollagen, bildet, um sich gegen die vom Lärm verursachten Schwingungen zu stabilisieren. Das ist etwa so, als würden wir instinktiv versuchen, uns irgendwo festzuhalten, wenn wir durchgeschüttelt werden.“

Prävention fürs Gehör: So schützen Sie sich vor Lärm

In Extremsituationen sollten Sie Ihren Ohren eine Extra-Portion Schutz gönnen – ob beim Rockkonzert, im Fußballstadion oder bei Laubsägearbeiten mit der Motorsäge. Wichtig dabei: „Tragen Sie Ohrschutz nur in wirklich lauter Umgebung. Wenn Sie sich zu häufig und zu lange komplett von der Außenwelt abschotten, werden die inneren Filter der Ohren nur „schlechter, die Ohren immer empfindlicher.“

Schützen Sie Ihre Lauscher mit Ohrenstöpsel
Schützen Sie Ihre Lauscher mit Ohrenstöpsel

Ohrstöpsel gibt es in Drogerien, Baumärkten und Apotheken. Experte Hesse rät zu Stöpseln, die Schalleinwirkung um 15 bis 20 Dezibel senken. Gut geeignet für Konzert und Stadion ist laut Stiftung Warentest das Modell Music Safe von Alpine (zirka 25 Euro pro Paar). Die Stöpsel aus flexiblem Kunststoff haben zwei verschiedene Filtereinsätze für normale und starke Dämmung – optimal für laute Musik.

Der Bilsom 303 (zirka drei Euro für zehn Paar) zeichnet sich durch Schalldämmung im hohen Frequenzbereich aus, schützt Sie also vor schrillen Geräuschen beim Heimwerken. Falls Sie auf dem Weg zur Arbeit unerwartet an einem wummernden Presslufthammer vorbeikommen, nehmen Sie einfach die Stöpsel, die Sie garantiert immer dabei haben: Ihre Finger. Sieht lächerlich aus? Denken Sie einmal darüber nach, wie sexy Sie mit einem Hörgerät hinter den Lauschlappen aussehen würden. Um Ihre Ohren im Alltag zu entlasten, achten Sie auf die üblichen Störenfriede, etwa Computer, Staubsauger, Rasierapparat und Auto.

Workout-Tipps für die Ohren: 3 Effektive Übungen für das Gehör

Ohrstöpsel helfen zur Prävention. Darüber hinaus können Sie Ihre Ohren auch ganz einfach im Alltag trainieren. Die drei effektivsten Übungen:

  • Hören Sie täglich 30 Minuten entspannt, aber aufmerksam Musik. Wichtig: „Sie sollen die Musik mögen, dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich um Mozart oder Linkin Park handelt“, sagt HNO-Arzt Hesse.
  • Setzen Sie sich am Wochenende einmal für zehn Minuten auf eine Parkbank oder irgendwo in die Natur. Schließen Sie die Augen und versuchen Sie, sich mit den Ohren zu orientieren: Welche Geräusche kommen von rechts, welche von links? Ordnen Sie die Geräusche einer Quelle zu. Diese Übung ist besonders zur Regeneration des Gehörs geeignet. Ähnlich, wenn auch ein wenig stressiger, ist diese Übung im Zug, in der Tram, in der U- oder S-Bahn: Schließen Sie auf der Fahrt zur Arbeit die Augen und versuchen Sie, den Gesprächen der Menschen um Sie herum zu folgen.
  • In einer Studie der Universität Göttingen fanden Forscher heraus, dass die Piloten von Linienflugzeugen ein besonders gutes Hörvermögen haben. Professor Fleischer begründet dies mit dem oft schwer verständlichen Sprechfunk, dem die Piloten folgen müssen. Er trainiert Wahrnehmung und Spracherkennung. Also, legen Sie sich ein neues Hobby zu: Amateurfunk (Infos: www.darc.de).

Technische Neuentwicklungen: Lösungen gegen Lärm-Verschmutzung

Forscher arbeiten fieberhaft an Lösungsmöglichkeiten, der Lärmbelastung und Lärm-Verschmutzung Herr zu werden

Besonders in Großstädten ist die Problematik der Lärmbelastung und Lärm-Verschmutzung aktuell. Wissenschaftler am Institut für technische Akustik der Technischen Universität Berlin entwickeln Schallschutzfenster, die Lärm mit Lärm bekämpfen. In die Fensterecken bauen sie Mikrofone und Lautsprecher ein. Die Mikros nehmen von außen kommenden Verkehrslärm auf.

Ein Computer analysiert diese Schallwellen blitzschnell und erzeugt über Lautsprecher passende Gegenwellen. Dieser Antischall breitet sich nur im Hohlraum zwischen den Scheiben aus und neutralisiert den Verkehrslärm. Diese intelligenten Fenster können die Lärmbelastung in der Wohnung halbieren. Die Forscher hoffen, dass sie in zwei bis drei Jahren marktreif sind.

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