Der Wahnsinns-Trail: Im Laufschritt durch die Sahara

Trailrunner Charlie Engle
Trailrunner Charlie Engle

Was bewegt einen ehemaligen Drogenabhängigen, quer durch die Sahara zu laufen? Die große Reportage

Wenn jemand 111 aufeinanderfolgende Tage damit verbringt, die Sahara im Laufschritt zu durchqueren, hat er viel Zeit zum Nachdenken. Sehr viel Zeit zum Nachdenken. Also dachte Charlie Engle nach. Er dachte an einen doppelten Cheeseburger, eine leckere Portion Pommes und einen Riesenbecher Pepsi-Cola. Er dachte an seine beiden Söhne, an seine Kindheit in North Carolina, an Johnny Cash, an das Footballteam der Tar Heels, an eine kalte Dusche, an ein sauberes Badezimmer, an einen lustigen Witz. Am meisten jedoch dachte er über die Stadt Wichita in Kansas nach. An einen Rinnstein, einen Drogensüchtigen in der Gosse und ein Leben, das zu 99,9 Prozent ruiniert war. Er dachte über sich selbst nach und darüber, was aus ihm geworden war. Darüber, was aus ihm hätte werden können. "Ganz im Ernst", sagt Engle, "ich dachte darüber nach, was für ein Glück ich hatte, dass ich diesem Elend entkommen bin und dass ich überhaupt noch lebe."

Den Rinnstein gibt es noch in Wichita, an der Ecke Kellogg Street und Broadway. Doch Engle (45) war schon 15 Jahre nicht mehr in der Stadt und seine Erinnerungen verblassen langsam. Über das Datum, den 23. Juli 1992, spricht er recht oft, doch nicht etwa mit einem Unterton, der Reue anklingen ließe, sondern eher mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der seine Motivation in der Vergangenheit sucht. "Das war der Tiefpunkt", erinnert er sich, "der Tag, an dem ich aufgewacht bin." Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Crackhead, ein Crack-Süchtiger. Und das hieß: stehlen, lügen, alles tun, um an die Droge zu kommen. Über zehn Jahre lang war er süchtig nach Alkohol und Drogen, und an jener Straßenecke fand seine Suchtkarriere ihren Tiefpunkt. Die Woche zuvor hatte er mit Prostituierten, Crack und billigem Schnaps in einem heruntergekommenen Motel verbracht. Die Tür seines Autos zierten daumendicke Einschusslöcher. Seine Frau lebte derweil mit seinem zweijährigen Sohn in North Carolina, doch das scherte ihn einen Dreck. Für ihn gab es nur eins: high werden – koste es, was es wolle. "Ich hasste mein Leben", sagt er heute, "doch ich konnte ihm nicht entkommen. Also fing ich an zu beten."

Die zurückgelegte Strecke durch die Sahara
Die zurückgelegte Strecke

Ultralangstreckenlauf: Die Motivation

Charlie Engle hatte schon viele lange Strecken gelaufen - und nie war der Schmerz mit den Entbehrungen vergleichbar, die er während seiner Sucht ertrug

Viele Ultralangstreckenläufer führen spirituelle Aspekte als Beweggründe für ihre Leidenschaft zum Extremlaufen an. Engle dagegen, der sich ganz und gar nicht als spirituell angehaucht oder gar religiös bezeichnen würde, meint: "Wohin hätte ich mich sonst orientieren sollen? Ich betete darum, dass meine Abhängigkeit aus meinem Körper verschwindet. An wen ich mein Gebet richtete, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich sehr innig betete." An diesen Moment dachte Charlie Engle zurück, als er mit seinen beiden Gefährten Ray Zahab (39) und Kevin Lin (31) die Sahara durchquerte.

Die drei waren die ersten Menschen, die dies im Laufschritt taten. Die Tour dauerte vom 2. November 2006 bis zum 20. Februar 2007 und erstreckte sich über 4500 Meilen (7200 Kilometer) und sechs Länder (Senegal, Mauretanien, Mali, Niger, Libyen und Ägypten). Es gab Mücken so groß wie Golfbälle, Krankheiten aller Art, unendlich viel Sand in den Schuhen und Fußpilz wie noch nie. Doch wer schon im Vorhof zur Hölle stand und die Flammen des Fegefeuers züngeln sah, für den ist die Durchquerung einer Wüste kaum respekteinflößender als eine Kletterwand.

"Alles, was ich in der Sahara, im Dschungel des Amazonas und in all den anderen Gegenden, in denen ich gelaufen bin, erlebt habe, war unmittelbare Folge einer ganz bewussten Entscheidung", sagt Engle, der schon den Badwater-Ultramarathon durch das Tal des Todes absolviert hat, die Eco-Challenge und den 155 Meilen langen Lauf durch die Wüste Gobi. Letzteren gewann er zusammen mit seinen Teampartnern Zahab und Lin 2006. "Ich habe all das gemacht, weil mir die Idee keine Ruhe gelassen hat und ich die finanziellen Möglichkeiten hatte, es zu versuchen. Doch nichts in der Welt lässt sich vergleichen mit meiner Sucht. Kein Schmerz beim Laufen ist auch nur annähernd mit dem zu vergleichen, was ich als Süchtiger erlebt habe." Er hält inne, kratzt sich am Kinn und sagt: "Das ist eine sehr starke Motivation, 111 Tage lang 45 Meilen am Tag zurückzulegen."

Trailrunner auf dem Weg durch die Wüste
Engle, Zahab und Lin auf ihrem Weg durch die Sahara

Lauf-Herausforderung: Die Idee

Drei Abenteuer-Junkies auf dem Weg durch die Wüste

Die Idee, die Sahara zu durchlaufen, kam Engles Laufpartner Zahab bei einem Lauf, genauer gesagt bei einem 200 Kilometer langen Etappenrennen in Brasilien, dem Dschungelmarathon, und vielleicht war es die Hitze des Dschungels, die ihn zu diesem Vorschlag inspirierte, als er zu Engle sagte: "Ich frage mich, ob wohl schon mal jemand durch die Sahara gelaufen ist?" Von da an stand die Frage im Raum – so faszinierend wie absurd, irreal und reizvoll zugleich.

Für zwei Abenteuer-Junkies, die auf nichts anderes aus sind als die nächste Herausforderung, ist ein solcher Gedanke natürlich verlockend. "In der Extremsportszene nimmst du dir die verrückteste Idee, spielst ein wenig damit herum, verwirfst sie wieder, und dann willst du wissen, ob es nicht doch geht", so Engle. "Wir haben ein wenig recherchiert, und es stellte sich heraus, dass noch nie jemand die Sahara im Laufschritt durchquert hatte. Also dachten wir: "Well, what the hell? Was soll’s – warum nicht?" Engle und Zahab sprachen Lin an, einen Abenteuerläufer aus Taiwan, von dem sie wussten, dass er auf demselben Trip war wie sie beide und zu jeder Schandtat bereit. "Ich wollte, dass wir zu dritt sind, denn damit eine solche Aktion als Erfolg gelten kann, muss wenigstens einer das Ziel erreichen", erklärt Engle. "Und wenn man zu dritt unterwegs ist, ist die Chance größer, dass einer durchkommt."

Doch die Sahara zu durchqueren ist nicht so einfach, wie eine Teilnahme am Boston-Marathon, den Engle dreimal absolviert hat. Daher suchte er sich eine vierköpfige Begleit-Crew zusammen, die die Läufer in zwei Geländewagen begleiten sollte. Die Crew bestand aus einem Arzt, einem Trainer, einem Masseur und einem ortskundigen Führer. Ein Wagen sollte vorausfahren, um die Strecke zu erkunden und geeignete Plätze zum Übernachten zu suchen, das andere Fahrzeug bei den Läufern bleiben. Engle: "Das war zu unserer eigenen Sicherheit unerlässlich. In der Sahara kannst du nicht einfach ein Paar Laufschuhe anziehen und loslaufen." Mit dabei war auch ein Filmteam. Die von Matt Damon produzierte Dokumentation "Der Lauf durch die Sahara" ("Running the Sahara") hatte im September 2007 auf dem internationalen Filmfest von Toronto Premiere.

Trailrunner Engle, Zahab und Lin auf afrikanischer Straße
Trailrunner Engle, Zahab und Lin auf afrikanischer Straße

Lauftempo: Die ersten zehn Tage

Ein Tagesschnitt von 50 bis 55 Meilen ist kein Spaziergang. Das musste auch Engle nach einer Woche in der Wüste erkennen

Ursprünglich war geplant, die Strecke bei einem Tagesschnitt von 50 bis 55 Meilen (80 bis 89 Kilometer) in 80 Tagen zurückzulegen. "Aber am ersten Tag liefen wir nur 22 Meilen (35 Kilometer)", erzählt Engle. "Am nächsten Morgen wachte ich auf, meine Beine schmerzten, ich fühlte mich schlapp und es ging mir einfach nur schlecht. Da wurde mir spätestens klar, dass dieser Trip alles andere als ein Spaziergang werden würde." Am Ende dauerte die Durchquerung 16 harte Wochen. In der ganzen Zeit gab es für das Läufertrio nur zweimal eine Dusche und nicht mehr als fünf Stunden Schlaf pro Nacht: Vier Uhr morgens war die Weckzeit, um halb zehn abends hörten sie auf zu laufen. Allein Engle konsumierte 1411 Liter Sportgetränke. Dazu kamen unzählige Pannen und Blessuren: vom Durchfall über Sehnenentzündungen und verstauchte Sprunggelenke bis hin zu geschwollenen Füßen und Händen sowie Blasen, Blasen und noch mehr Blasen.

"Nach den ersten zehn Tagen im Senegal und in Mauretanien glaubte keiner, dass wir es schaffen", erinnert sich Engle. "Wir hatten Schwierigkeiten, uns an das Klima zu gewöhnen. Doch am elften oder zwölften Tag kamen wir in einen Rhythmus, und von da an wurde es besser. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt." Die körperliche Anstrengung war zwar gewaltig, doch es war vor allem die psychische Belastung des endlos langen Laufens durch die immer gleiche Umgebung, die den Läufern zu schaffen machte. Die drei hatten Halluzinationen: Pflanzen, die als attraktive Frauen verkleidet waren, Sandflächen, die aussahen wie Seen. "Einmal hatte ich das Gefühl, einen ganzen Tag noch einmal zu erleben", erinnert sich Zahab. "Ein anderes Mal wollte ich ausprobieren, wie oft ich die Live-Version von Peter Framptons Hit ,Do You Feel Like We Do‘ auf meinem iPod hören kann." Dieser Song dauert 14 Minuten und 17 Sekunden. Zahab hörte ihn zwanzigmal hintereinander. "Ganz schön verrückt, was?", sagt er, "aber nur so kannst du da draußen bestehen: indem du dich auf kleine Dinge konzentrierst, die deinen Verstand beschäftigen." Die drei tauschten ihre iPods, probierten, sich an Songtexte zu erinnern, diskutierten über Laufstrategien und versuchten, die Grenzbeamten in Libyen dazu zu überreden, sie passieren zu lassen.

Die Trailrunner treffen auf afrikanische Einheimische
Die drei Trailrunner treffen auf Einheimische – eine willkommene Abwechslung

Wüstenernährung: Ab 5:30 Uhr im Laufschritt

Charlie Engle verlor in den ersten 35 Tagen trotz Nutella und Erdnussbutter 16 Kilogramm

Als sich abzeichnete, dass die Expedition deutlich länger als die geplanten 80 Tage dauern würde, kamen bei Engle und seinen Gefährten Zweifel auf. "Es gab Augenblicke, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich durchhalten würde", so Zahab. "Ich konnte mich buchstäblich nicht mehr riechen. Und jeden Morgen stand Charlie vor dem Zelt und schrie uns an, endlich in die Pötte zu kommen. Aber wir brauchten das einfach."

Jeden Tag um vier Uhr morgens wachte Engle instinktiv auf und weckte seine Gefährten, die in Schlafsäcken eingerollt auf Schaumstoffmatratzen lagen. Von vier bis fünf tranken die Männer Instantkaffee und aßen Brot mit Erdnussbutter, Marmelade oder Nutella. Um fünf Uhr wurden die Fahrzeuge beladen und die drei Läufer starteten zu ihrer Tagesetappe. In den ersten 20 Minuten gingen sie, um die Müdigkeit aus den Knochen zu bringen. "Ab 5:30 Uhr waren wir dann im Laufschritt", so Engle. "Unser Begleitfahrzeug fuhr zehn Kilometer voraus und wartete auf uns. Dort angekommen, tranken wir etwas, und in diesem Rhythmus ging es weiter." Um die Mittagszeit machte das Trio eine Pause, um etwas zu essen und ein wenig zu schlafen. "Es war, als würde man in einer Sauna schlafen." Von halb drei bis halb zehn wurde wieder gelaufen. "Das Abendessen war am schlimmsten", erzählt Engle, der in den ersten 35 Tagen 16 Kilogramm verlor. "Immer nur Couscous und Ziegenfleisch. Mir wird schlecht, wenn ich auch nur daran denke."

In der Wüste hatte Charlie Engle viel Zeit um über sein Leben nachzudenken
Wer 111 Tage damit verbringt, die Sahara im Laufschritt zu durchqueren, hat viel Zeit zum Nachdenken

Lebenslauf: Vom Problemkind zum Laufjunkie

Außergewöhnlicher Werdegang: Charlie Engle mutierte vom Junkie zum Marathonläufer

Charlie Engles Leben ist seit seiner Geburt außergewöhnlich. Er kam am 20. September 1962 als Sohn 20-jähriger Hippie-Studenten im US-Bundesstaat North Carolina auf die Welt. Als Junge marschierte er mit den Eltern auf Anti-Vietnam-Demos mit. "Meine Eltern waren sehr frei denkende Menschen", sagt Engle. "Sie ließen sich scheiden, als ich ein Jahr alt war. Als ich im Teenageralter war, eröffnete mir meine Mutter, sie sei lesbisch. So ging es bei uns zu." Neben einer gewissen Neigung zur Schrulligkeit war Engle aber auch sportlich veranlagt: Sein Vater hatte in der Schulauswahl Basketball gespielt, sein Großvater war ein bekannter Leichtathletiktrainer. Die Sportlichkeit wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. In der Highschool spielte er Football und bekam sogar Angebote von guten Collegeteams. "Wenn es beim Football hart zur Sache ging, mochte ich das nicht. Das Verausgaben beim Laufen gefiel mir besser", erinnert sich Engle. "Außerdem gefiel mir das Freie daran, das Individuelle. Schon als Teenager stand ich manchmal um halb sechs auf und rannte los. Ich spürte da einen richtigen Drang."

In der Highschool lief Engle die Meile in 4:40 Minuten – nicht schlecht, aber auch nicht gut genug für ein Sportstipendium. Als er ans College kam, verlagerte sich sein Interesse daher von langen Läufen zu langen Nächten. Über den Alkohol kam er in Berührung mit Kokain. "Ich hatte das Gefühl, dass ich das unter Kontrolle hätte. Ehrlich gesagt, habe ich das zehn Jahre lang geglaubt." Der Charlie Engle, der er einst war – vertrauenswürdig, ehrlich, engagiert –, den gab es bald nicht mehr. Eines Tages rief ein Kommilitone bei Engles Eltern an und bat dessen Vater, seinen Sohn abzuholen. Was dann folgte, war ein einziger Albtraum. Engle verließ das College und zog mit seinem Vater und seiner Stiefmutter nach Kalifornien, wo die beiden zwei Eiscafés betrieben. Sein Vater überließ Engle eins davon, nur um zu erleben, wie sich dieser mit dem Geld aus der Kasse Drogen besorgte und sich als Dealer verdingte. Danach versuchte Engle sich als Autohändler und machte schließlich eine Werkstatt auf, die sich auf Hagelschäden spezialisierte. 1990 beschäftigte er 100 Angestellte und verdiente 200.000 Dollar im Jahr. Er heiratete seine Freundin, die beiden bekamen ein Kind – doch seine Sucht wurde Engle nicht los.

Tagsüber war Engle ein zuverlässiger Chef, der seinen Betrieb leitete und den Papierkram bewältigte, abends war er ein treu sorgender Vater, der seinen Sohn ins Bett brachte, doch nachts mutierte Engle zum Junkie, zog sich Kokain rein oder rauchte Crack. Bemerkenswerterweise war er aber auch ein ambitionierter Freizeitläufer. 1989 lief er seinen ersten Marathon, den von Big Sur, und finishte in 3:22 Stunden. "Am nächsten Tag rief ich meinen Dealer an." Engle hatte Drogenphasen von ein paar Wochen, blieb dann eine Weile clean und trainierte für den nächsten Marathon. "Ich lief einen Marathon und war anschließend davon überzeugt, dass ich nie wieder drogenabhängig werden würde – und habe doch wieder Drogen genommen. Unglücklicherweise sagten mir sie genauso zu wie das Laufen."

Engle im Austausch mit einem Einheimischen
Engle im Kontakt mit einem Beduinen

Lebenswandel: Ende einer Drogenkarriere

Die Drogen brachten Engle den Tiefpunkt, der Sport holte ihn wieder raus

Dann kam Wichita. Er war dort seit sieben Monaten, um zu arbeiten. Seine Frau und sein Sohn hatten ihn übers Wochenende besucht. Er brachte die beiden zum Flughafen und fuhr von dort aus direkt in das heruntergekommenste Viertel der Stadt. Er besorgte sich Drogen und suchte sich ein Motelzimmer. Von dem Rinnstein an der Straßenecke, an der er in seiner Verzweiflung betete, ging er zurück in sein Motel. Noch am selben Tag besuchte er im Keller einer benachbarten Kirche eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker. Er blieb noch für zwei weitere Sitzungen, und am nächsten Tag ging er wieder zu dreien. Ebenso am nächsten Tag und am Tag darauf. "Schließlich begann etwas in mir zu erwachen."

15 Jahre sind vergangen, seit Charlie Engle seinen letzten Tropfen Alkohol getrunken und seine letzte Linie Koks geschnupft hat. Heute ist er nüchtern und lebt in Greensboro in North Carolina. "Doch seine Vergangenheit schlummert noch in ihm", gibt seine Freundin Lisa Trexler zu. "Viel von dem, was ihn heute antreibt, und von dem, was er ist, hat mit seiner Vergangenheit zu tun. Für mich ist es schwer nachvollziehbar, dass Charlie sich solche Quälereien zumutet, doch am Ende ist es gar nicht mal so schlimm. Er lebt eben für solche Quälereien, nur tut er es jetzt auf eine etwas gesündere Art." Als das Trio Engle, Zahab und Lin nach vielen Wochen den Strand des Roten Meeres erreichte und damit endlich am Ziel war, verlangte etwas in Charlie Engle nach Euphorie und Ekstase, nach einem High, wie man es mit Kokain oder hartem Alkohol erreichen kann. Doch der Rausch blieb aus.

"Die Highs, die Drogen einem verschaffen, sind sehr intensiv, aber substanzlos", so Engle, der als Nächstes einen Lauf quer durch die USA plant. "Sie geben Dir etwas, aber gleichzeitig nehmen sie dir sehr viel mehr. Als wir die Sahara durchquert hatten, war ich zu erschöpft, um überhaupt etwas zu empfinden. Aber ich wusste, dass wir etwas erreicht hatten, das noch keiner geschafft hatte. Drogen? Können Sie behalten. Mir sind andere Leistungen wichtiger."

Trailrunner Engle auf afrikanischem Berg
Engle auf einem Berg, mit Blick über die afrikanische Ebene

Hoch- und Tiefpunkte: Das Lauftagebuch

111 Tagen durch die Sahara – die besten und schlimmsten Ereignisse

Tag 1, Meile 0
Saint-Louis, Senegal; 02. November 2006
Charlie Engle, Kevin Lin und Ray -Zahab laufen nur 22 Meilen (35 Kilometer), um sich an die Hitze (über 50 Grad im Schatten), die Mücken, Skorpione, Sandkrabben, Klapperschlangen und Wild-schweine zu gewöhnen, denen sie auf ihrer Durchquerung begegnen.

Tag 25, Meile 600 (960 km)

Zahab bekommt erhebliche Magenprobleme. "Er war aschfahl und ich habe schon angefangen, mir Gedanken zu machen, wie wir seine Sachen unter uns aufteilen, denn ich dachte, es geht mit ihm zu Ende", witzelt Engle. "Bei Verletzungen haben wir angehalten, aber bei Krankheiten sind wir weitergelaufen." Zahab erholt sich wieder und macht weiter.

Tag 42, Meile 900 (1440 km)
Timbuktu, Mali; 12. Dezember 2006
Die Läufer können erstmals warm duschen. "In Wirklichkeit war es eher ein lauwarmes Gerinsel", so Engle. "Aber wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, schmutzig zu sein, lässt es sich problemlos aushalten."

Tag 54, Meile 1550 (2480 km)
Agadez, Niger; 24. Dezember 2006
Weihnachten! Zahabs Frau und die Freundinnen von Lin und Engle kommen per Flugzeug angereist. Dabei geht ihr Gepäck verloren. "Als wir sie am Flughafen umarmten, schweifte unser Blick zum Gepäckband, wo wir die Snacks erwarteten. Unter normalen Umständen hätten wir uns ein Bein ausgefreut, endlich wieder mit unseren Frauen zusammen sein zu können, doch wir waren so ausgehungert, dass wir nur ans Essen dachten."

Tag 79, Meile 2350 (3760 km)
Al Qautrun, Libyen; 18. Januar 2006
Harte Visa-Verhandlungen an der libyschen Grenze. Engle: "Die wollten uns nicht reinlassen – aber nicht mit mir!" Die Regierung gibt grünes Licht und das Trio läuft nach Al Quatrun, wo eine wunderbare Mahlzeit wartet.

Tag 111, Meile 4500 (7200 km)
El Sokhna, Ägypten; 20. Februar 2006
Die drei strecken die Füße ins Rote Meer. Engles Fazit: "Ich war total kaputt, aber trotzdem nicht besonders glücklich darüber, dass es vorbei war, sondern fast traurig, weil ich so etwas nicht noch einmal erleben werde."

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