Anti-Raucher-Spritze: Impfung gegen Rauchen?

Die allerletzte
Die Kollegen nannten ihn "Nebelmaschine"

Zwei Firmen entwickeln zurzeit Impfstoffe gegen das Nikotin. Nicht nur für unseren Autor Eddie Dean die letzte Hoffnung?

Die Statistik spricht gegen mich. Umfragen zufolge möchte die Hälfte aller Raucher am liebsten sofort aufhören, doch nur lächerliche zwei Prozent sind erfolgreich, wenn sie’s wirklich versuchen. Neulich habe ich sogar gelesen, dass Sucht-Experten es für schwerer halten von Nikotin loszukommen als von Heroin.

Das hat mich keineswegs überrascht. Die meisten meiner Leidensgenossen haben wie ich schon alles ausprobiert: Nikotin-Pflaster, Nikotin-Kaugummi, Nikotin-Lolli …

Der Wille zählt

Obwohl ich zusehen musste, wie meine Mutter, die ihr ganzes Leben lang geraucht hatte, mit 57 Jahren von Kehlkopfkrebs dahingerafft wurde, bringe ich nicht die gleiche Willenskraft auf wie mein Dad. Der war vier Jahrzente lang ein starker Raucher und hat von einem Tag auf den anderen damit aufgehört, als er von der Erkrankung meiner Mutter erfuhr.

Vielleicht gibt es bald etwas Neues für mich.

Eingeräuchert
Sie wünschte, er würde sich in Rauch auflösen

Entzugsmittel: Anti-Nikotin-Körper

Zwei Firmen arbeiten an einem Impfstoff, der den Klammergriff des Nikotins auf das Gehirn neutralisieren soll – indem er das Zeug gar nicht erst dorthin gelangen lässt

Das Rauchen würde dadurch stinklangweilig, da es keinen Kick mehr gäbe. Die Impfstoffe sollen die Bildung von Antikörpern stimulieren, die das Nikotin abfangen. Auf die Weise wird verhindert, dass es als geballte Dosis ins Gehirn gelangt und dort seine Wirkung entfaltet. Dann würden Zigaretten kein High auslösen, die Gier nicht mehr befriedigen.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein – besonders in den Ohren eines skeptischen, kettenrauchenden Journalisten. Also fahre ich zu den Forschungs- und Entwicklungslaboren von Nabi Biopharmaceuticals in Rockville/Maryland, die mit dem Impfstoff namens Nic Vax inzwischen bei Phase 2 der klinischen Studien angelangt sind.

„Wir versuchen, das durch Nikotin ausgelöste High zu blockieren, damit der Raucher das Wohlgefühl verliert, das ihm Zigaretten sonst geben“, erklärt Dr. Henrik Rasmussen, ein Kardiologe und bei Nabi Vizepräsident für klinische, medizinische und Verwaltungs-Angelegenheiten.

Aber was für mich viel wichtiger ist: Er ist Ex-Raucher. „Ich komme aus Dänemark, da raucht jeder“, erzählt der 45-Jährige. „Ich habe mit 17 angefangen, etwa zehn Jahre lang geraucht, aber nie viel. Vielleicht hat mir auch das geholfen aufzuhören.“

Süchtig nach dem Rausch

Ich gestehe, dass ich zu jenen Rauchern gehöre, die schon aus dem reinen Gefühl des Rauchens sehr viel Genuss ziehen. Er verzieht das Gesicht wie jemand, der meine Qualen kennt. „Warum rauchen Sie? Sie wissen, dass es teuer und schlecht für Sie ist. Sie wollen aufhören. Warum tun Sie es dann nicht?“ Er antwortet für mich: „Ob Sie nun eine oder 20 Zigaretten am Tag rauchen, das Problem ist dasselbe: Sie wollen den Rausch. Ist nicht die erste Zigarette am Morgen die beste des ganzen Tages?“

Durch Nic Vax soll damit Schluss sein. Acht Spritzen in zwölf Monaten sollen den Patienten ein Jahr lang schützen. Gerade das erste Jahr ist besonders kritisch. Rasmussen: „Studien zeigen: Die Chancen, dauerhaft rauchfrei zu bleiben, sind sehr gut, wenn man ein Jahr lang durchgehalten hat.“

Gib' dem Affen Zunder ...
Dem Affen stank das Ganze gewaltig

Entzugsmittel: Stinkende Langeweile

Das Ganze klingt für mich zu theoretisch und viel zu optimistisch

Raucher sind ein sturer Haufen, und Laborratten sehen sich niemals der Versuchung einer Zigarette zu einem Glas Bier ausgesetzt. Ich verlasse Nabi ohne überzeugt zu sein.

Immerhin: Das Nationale Institut gegen Drogenmissbrauch (NIDA) der US-Regierung hat Nabi eine kräftige Geldspritze für klinische Versuchsreihen an drei US-Universitäten gegeben.

„Wenn jemand einen Rückfall hat und sich dann eine Zigarette anzündet, hat er mit Nic Vax nicht mehr den Effekt des Rauchens, denn der Impfstoff blockiert die Nikotinspitze“, sagt Dr. Francis Rocci, NIDA-Forscher für Nikotin-Abhängigkeit. „Es ist nämlich dieses High, dass einen nach zwei Zigaretten auf einer Party am Morgen eine ganze Packung kaufen lässt.“

Weniger ist mehr

Wie auch immer: Der Beweis, ob ein Anti-Rauch-Medikament funktioniert, liegt letzendlich darin, ob es aus Rauchern wirklich Nichtraucher macht. Gerade publizierten, NIDA-finanzierten Studien zufolge hat ein Drittel jener Raucher, die die höchste Dosis Nic Vax erhalten haben, mindestens einen Monat lang von den Glimmstängeln die Finger gelassen.

Und wer nicht ganz ohne Zigaretten auskam, hat immerhin deutlich weniger geraucht als ohne das Nic Vax. „Ich bin von 30 Zigaretten pro Tag auf zehn heruntergekommen“, sagt Phil, ein 56-jähriger Vorarbeiter, der von seiner vier Jahrzehnte dauernden Sucht loskommen wollte. „Dann bin ich eine Zeit lang bei zwei Zigaretten pro Tag hängen geblieben, dabei brachte es mir gar nichts mehr. Schließlich habe ich ganz aufgehört.“

Seine Raucherlunge bremste ihn aus

Entzugsmittel: Exraucher werden oder bleiben?

Ich brauche jetzt die Meinung von jemandem, der die Anziehungskraft einer Zigarette wirklich kennt und gesunde Skepsis gegenüber Wundermitteln hat

Also rufe ich Dr. Kathleen Kantak an. Sie ist Psychologie-Professorin an der Bostoner Universität und Expertin für Kokain- und Nikotin-Abhängigkeit. Während ich mir eine Zigarette nach der anderen anzünde, kaut sie auf einem Nikotin-Kaugummi herum.

Obwohl sie seit Jahren nicht mehr raucht, braucht sie ihre tägliche Dosis, sogar nach der Entwöhnung von Nikotin-Pflastern. „Rein theoretisch sollten diese Impfstoffe funktionieren, sie werden jedoch weniger das Aufhören erleichtern als Ex-Raucher davor bewahren rückfällig zu werden“, meint sie.

„Wenn das Verlangen kommt, und die Person gibt ihm nach und raucht eine, erlebt aber nicht den Effekt der Zigarette, würde das den Rückfall wohl verhindern.“ So ähnlich sieht das auch David Oxlade, Geschäftsführer des britischen Pharma-Unternehmens Xenova, das den vergleichbaren Impfstoff Ta-Nic entwickelt.

Ohne Willenskraft läuft nichts

Ergebnis der gerade beendeten Phase-1-Studien: Fast 50 Prozent der Teilnehmer waren sechs Wochen nach Beginn der Studien rauchfrei oder sie berichteten davon, weniger Spaß am Rauchen zu haben.

Oxlade: „Ein Impfstoff wird zwar das High verhindern, jedoch nicht das Verlangen stillen.“ Das heißt wohl: Ohne Willenskraft wird es auch künftig nicht gehen. Übrigens ist auch Oxlade einer der Ex-Raucher, die es ohne irgendwelche Hilfsmittel geschafft haben.

zigaretten
Sie rauchten so stark, dass sie schwarz-weiß wurden

Entzugsmittel: Jetzt ist Schluss!

Einige Tage darauf besuche ich meine Großeltern. Beide gehen auf die 90 zu, sie sind gesund und haben nie geraucht

Als wir einen kleinen Hügel in der Nähe ihres Hauses hinaufgehen, beschämt mich mein Großvater: Ich bin derjenige, der anschließend nach Luft ringt. Später warte ich, bis es dunkel ist, und rauche dann draußen hinter dem Haus. Ich wollte nicht riskieren, dass sie mich mit dem Zeug ertappen, das ihnen die älteste Tochter geraubt hat.

Dieser Tag bei meinen Großeltern, eine weitere Bronchitis und der Gedanke an meine Frau und meine beiden Kinder überzeugen mich: Jetzt ist Schluss, ich will aufhören!

Die Impfungen kann ich leider nicht testen – es wird noch einige Jahre dauern, bis sie auf den Markt kommen.Ich probiere es mit Zyban, dessen Wirkstoff Buproprion die Entwöhnungssymptome lindert – dieses nagende Unwohlsein und die Angst, die jeden Raucher beschleicht, der aufhören will. Darüber hinaus bevorzuge ich den kalten Entzug ohne irgendwelchen Nikotin-Ersatz.

Die ersten Tage geht es ganz gut. Sicher, es gibt da einige Momente, in denen es mich überkommt, vor allem nachts und nach dem Essen. Aber genau da hilft Zyban: Es unterdrückt das Gefühl, sofort unbedingt eine Zigarette rauchen zu müssen. Es ist nur eine kleine Verschiebung im Denken – und doch ein absoluter Durchbruch. Ich möchte eine Zigarette – Teufel, ja, ich will eine! –, aber ich brauche sie nicht.

Der Schwachpunkt

Am fünften Tag gebe ich schließlich doch nach und zünde mir wieder eine an. Es ist kurz vor Redaktionsschluss, und da ist dieser Artikel hier, der noch fertig werden muss. Ich wünschte, ich könnte Ihnen ein triumphaleres Ende anbieten und einen vollen Erfolg verkünden.

Stattdessen kann ich nur sagen, dass ich es an manchen Tagen ohne Zigaretten schaffe, an anderen aber nicht. Immerhin komme ich jetzt mit einer Schachtel Zigaretten eine Woche aus. Zyban ist eben auch nur eine Krücke, wie alle Hilfsmittel. Aber derzeit sind sie alles, was wir haben.

Und die Willensstärke, die meinem Vater und anderen geholfen hat, nach Jahrzehnten des Rauchens von einem Tag auf den anderen aufzuhören. Ihre Siege lassen mich hoffen. Es gibt einfach zu viele gute Gründe aufzuhören. Vor allem möchte auch ich eines Tages gemeinsam mit meinem Enkel einen Hügel erklimmen. Die Reise zurück aus dem Land des blauen Dunstes ist verdammt lang, aber ich bin auf dem Weg. Vielleicht treffen wir uns ja unterwegs.

Räuchermännchen ade!: Medikamentöse Hilfe beim Nikotinentzug

Medikamentöse Hilfe beim Nikotinentzug gibt es schon jetzt. Sie haben die Auswahl zwischen den folgenden Hilfsmitteln

PFLASTER FÜR DEN NIKOTINENTZUG
So wirkt´s: Auf die Haut geklebt, gibt es kontinuierlich Nikotin ins Blut und entkoppelt auf diese Weise die Nikotin-Zu-fuhr und den Griff zur Zigarette. 3 Stärken ersetzen 10, 20 oder 30 Zigaretten täglich.p>

Wem hilft´s? Allen Personen, die gleichmäßig über den Tag verteilt rauchen.

Nachteile: Hilft nicht bei plötzlichem Verlangen – dann ist zusätzlich ein schneller wirksames Mittel (etwa Kaugummi) nötig.

KAUGUMMI
So wirkt´s: Nikotin wird über die Mundschleimhaut rasch aufgenommen, in 15 bis 30 Minuten baut sich ein wirksamer Blutspiegel auf. Die Obergrenze liegt bei 16 Stück pro Tag.

Wem hilft´s? Rauchern, die vor allem in bestimmten Situationen nach Zigaretten jiepern.

Nachteile: Kann in seltenen Fällen zu Abhängigkeit führen; muss vorsichtig gekaut und in der Wange deponiert werden.

LUTSCHTABLETTE
So wirkt´s: Wirkt ähnlich wie der Kaugummi, jedoch werden höhere Blutspiegel erreicht. Man darf nicht mehr als 15 pro Tag lutschen.

Wem hilft´s? Kaugummi-Hassern, die in ihren Wangen nichts parken wollen.
Nachteile: Erkenntnisse über das Abhängigkeitspotenzial fehlen noch; rezeptpflichtig.

NASENSPRAY
So wirkt´s: Es bringt das Nikotin rasch und in hoher Dosierung ins Blut. Kann 1- bis 2-mal pro Stunde angewendet werden. Diese Dosis soll dann über 8 bis 12 Wochen langsam verringert werden.

Wem hilft´s? Rauchern mit einem sehr starken Tabakkonsum, bei extremer Nikotin-Abhängigkeit.

Nachteile: Recht hohes Abhängigkeitspotenzial; rezeptpflichtig und ausschließlich über internationale Apotheken erhältlich.

INHALER
So wirkt´s: Zigarettenförmiges Gerät, durch das man Nikotindämpfe einatmen kann. Nach 20 Minuten beträgt die Dosis 4 Milligramm. Man kann 6 Monate lang bis zu 16-mal pro Tag inhalieren.

Wem hilft´s? Nikotin-Abhängigen, die permanent etwas in der Hand oder im Mund haben müssen.

Nachteile: Kann die Sucht, sich dauernd etwas in den Mund stecken zu müssen, verlängern; rezeptpflichtig

BUPROPRION
So wirkt´s: Der Wirkstoff mindert Entzugssymptome. Man beginnnt dabei mit 1 Tablette am Tag, steigert diese Dosis in der zweiten Woche auf 2 Stück und hört erst dann ganz mit der Qualmerei auf.

Wem hilft´s? Aussteigern, denen Nikotin-Ersatz nicht hilft oder die anfällig für Depressionen sind.

Nachteile: Mögliche Nebenwirkungen: Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Unruhe, Schlaflosigkeit, hoher Blutdruck; rezeptpflichtig.

Entzug vom Rauchen
Bald soll es eine Pille geben, die für einen Entzug vom Rauchen sorgen soll

Entzugsmittel: Die Pille für den Entzug vom Rauchen

Zu schön, um wahr zu sein? Ab 2006 soll es eine Pille geben, die nicht nur den Entzug erleichtert, sondern auch das Abnehmen

Rimonabant heißt der Wirkstoff, der dieses Wunder vollbringen und darüber hinaus die Blutfettwerte deutlich verbessern soll. Zyniker sprechen schon von der Gegen-alles-Pille.

Die Verheißungen des Pillen-Herstellers
Rimonabant hemmt das endocannabioide System, das die Energiebilanz und das Verlangen nach dem Nikotin reguliert, durch die Blockade eines Rezeptors. Hersteller Sanofi-Aventis präsentierte im Rahmen e-nes Kongresses Ergebnisse mehrerer Studien, wonach mit 20 Milligramm Rimonabant täglich 36 Prozent der Probanden mindestens 10 Wochen rauchfrei blieben, in der Placebo-Gruppe waren es nur 21 Prozent.

In einer Studie mit Dicken verlor die Hälfte der Probanden mit 20 Milligramm Rimonabant und einer Diät 10 Prozent ihres Gewichts (im Schnitt 8,6 Kilo). Die Placebo-Gruppe schaffte lediglich 2,4 Kilo. Zugleich besserte sich das Blutfettprofil deutlich. Aufgetretene Nebenwirkungen seien mild und gingen vorüber.

Die Warnungen des Arzneimittel-Experten
„Vorläufig handelt es sich lediglich um Verlautbarungen des Herstellers“, sagt Wolfgang Becker-Brüser von dem unabhängigen In-formationsdienst „Arznei-Telegramm“. „Solange diese Studien nicht publiziert sind – und damit ist vor der Markteinführung nicht zu rechnen –, haben Experten keine Möglichkeiten, deren Qualität zu überprüfen.“

Er hält es für vermessen zu glauben, man könne in ein so komplexes System eingreifen, ohne dass es zu Nebenwirkungen kommt. „Die Probanden solcher Zulassungsstudien sind typischerweise männlich, mittleren Alters und haben keine Begleiterkrankungen.

Der große Feldversuch erfolgt, wenn ein Medikament von der Normalbevölkerung genutzt wird.“ Er rät, sich nicht gleich nach Markteinführung auf die neue zu Pille stürzen.

Das sagt die Expertin für Tabak-Entzug
Von den Ergebnissen der Studien nicht beeindruckt ist Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

„Mit intensiver Beratung und Unterstützung durch Nikotin-Ersatzpräparate – Pflaster, Kaugummi oder Tablette – ist bereits heute eine Erfolgsquote von 30 bis 40 Prozent möglich.“

Diese Präparate dämpfen auch das Hungergefühl. Hilfe bekommt man beim Rauchertelefon (0 62 21 / 42 42 00) oder im Netz (www.tabakkontrolle.de).

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