Triathlon-Tipps: Interview mit Weltmeister Sebastian Kienle

Sein Sieg beim Ironman Hawaii hat Sebastian Kienle endgültig zu einem ganz Großen im Triathlonsport gemacht. Im Interview spricht der Eisenmann exklusiv über seinen Triumph, neue Ziele und warum er sich gerne 8 Stunden lang quält
Sebastian Kienle im Men's Health-Videointerview

Sein Sieg beim Ironman Hawaii hat Sebastian Kienle endgültig zu einem ganz Großen im Triathlonsport gemacht. Im Interview spricht der Eisenmann exklusiv über seinen Triumph, neue Ziele und warum er sich gerne 8 Stunden lang quält

Herr Kienle, wer den Ironman auf Hawaii gewinnt, gilt als bester Triathlet der Welt. War Ihnen direkt im Ziel bewusst, was Sie gerade Großes erreicht haben?

Nicht wirklich. Mir sind wahnsinnig viele Dinge durch den Kopf gegangen, ein ziemlich wirrer Gedankenbrei, à la: geschafft, krass, gewonnen, sofort hinlegen, Füße hoch. Wenn ich zurückblicke, fällt es mir sehr schwer zu beschreiben, was ich in dem Augenblick gefühlt habe.

Einen weiteren Versuch wäre es aber wert...

Okay. Meine Freundin hat mir verboten, diesen Moment mit der Geburt eines Kindes zu vergleichen, allein schon, weil ich da keine Erfahrungswerte vorweisen kann. Also versuche ich es anders: Es fällt eine große Last von einem ab, die Schmerzen verschwinden, sie werden vom Gefühl totaler Euphorie überlagert. Diese Euphorie hält nicht nur Minuten oder Stunden, sondern auch mal eine Woche oder länger an. Dazu kommt dann noch das Gefühl des Sieges über sich selbst und über andere. Auf dieses Ziel, den Hawaii-Sieg, habe ich 20 Jahre lang hingearbeitet - es dann wirklich zu schaffen, ist einfach unbeschreiblich.

Können Sie das Rennen, diesen 8 Stunden dauernden Kampf, auf 3 entscheidende Moment reduzieren?

In so einem Rennen auf Weltklasseniveau entscheiden letztendlich wohl 1000 Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage. Aber ja, es gab sie schon, diese 3 Momente, die mir ganz besonders in Erinnerung geblieben sind. Als Erstes sicher der Ausstieg aus dem Wasser. Da habe ich zum ersten Mal geglaubt, an diesem Tag tatsächlich in den Kampf um den Sieg eingreifen zu können. 

Warum gerade in diesem Moment?

Weil ich da erfuhr, dass ich knapp 4 Minuten hinter der Spitze lag. Mir war klar: Das kann ich aufholen. Der zweite wichtige Augenblick war dann, als ich nach knapp 70 Kilometern auf dem Rad die Führung übernommen habe. Der dritte, vielleicht alles entscheidende: als ich auf der Laufstrecke nach dem Wendepunkt den mir entgegenkommenden Verfolgern in die Gesichter schauen konnte.

Was genau haben Sie da gesehen?

Erschöpfung! Frederik Van Lierde zum Beispiel, ein extrem starker Läufer, schien platt, ausgelaugt, stark mit sich selbst beschäftigt. Gleiches galt für Jan Frodeno, auch einer, der mir beim Laufen überlegen sein kann. Man darf ein Rennen zwar nie abhaken oder glauben, dass man sicher gewonnen hat. Aber in diesem Moment, als ich die Erschöpfung in ihren Augen gesehen habe, wusste ich: Heute kann ich wirklich Weltmeister werden.

Jetzt sind Sie Weltmeister, also nicht mehr Jäger, sondern Gejagter. Was hat sich dadurch verändert?

Es ist schon etwas anderes, den Titel zu verteidigen als ihn zu jagen. Vor allem, weil die Vorbereitung auf den Ironman Hawaii ja nicht nur 3 Wochen dauert und ich mich nur in diesem Zeitraum gedanklich mit der Rolle des Gejagten auseinandersetze. Die Vorbereitung auf Hawaii 2015 hatte bereits mit dem Zieleinlauf und dem Titelgewinn im letzten Jahr begonnen. Seitdem bestand und besteht die Kunst für mich darin, einerseits jeden einzelnen Tag zu nutzen, andererseits darin, mich nicht verrückt zu machen beziehungsweise machen zu lassen.

So wie es Ihrem Sportkollegen Pete Jacobs passiert ist, der nach seinem Hawaii-Sieg 2012 eingebrochen ist und nie wieder zur alten Stärke zurückgefunden hat?

Genau, so etwas gilt es zu vermeiden. Ich weiß aber auch, dass die Titelverteidigung alles andere als ein Selbstläufer wird. Denn die Triathlon-Elite besteht aus Jungs, die alle genauso viel oder gar mehr Talent haben als ich - und die ebenso hart trainieren. Deshalb ist es keine Schande, gegen einen Besseren zu verlieren. Mir wäre es dann nur wichtig zu wissen, dass ich auf den Wettkampf optimal vorbereitet war und alles gegeben habe. Dann, aber auch wirklich nur dann, kann ich eine Niederlage akzeptieren.

Triathleten gelten auf Grund ihrer Vielseitigkeit als die perfekten Ausdauersportler. Könnten Sie auch bei den Spezialisten, etwa bei den Marathonläufern, mithalten?

Nein. Gegen Sportler, die sich auf eine einzige Disziplin konzentrieren, haben wir null Chance. Als männliche Triathleten können wir uns gerade so mit Spezialisten bei den Frauen messen. Aber selbst da bin ich nur auf dem Rad besser, die schnellste Schwimmerin schwimmt schneller, die schnellste Läuferin läuft schneller als ich. 

Hätten Sie denn als Radprofi eine Chance?

Vielleicht - aber nur dann, wenn ich mich schon vor 10 oder 12 Jahren für diesen Weg entschieden hätte. Heute hätte ich da keine Chance! Gut, beim Zeitfahren auf der Tour de France würde ich zumindest nicht untergehen. Aber das auch nur, weil sich ein Großteil der Fahrer da schont, weil sie eh keine Chancen auf den Sieg haben. 

Damit Sie auch in diesem Jahr wieder Chancen auf den Hawaii-Sieg haben, trainieren Sie 30 bis 45 Stunden die Woche. Stellt sich Ihnen da auch mal die Sinnfrage?

Ja, oft sogar. Denn wenn ich das im Rennen tun würde - nach dem Motto: Mann, was tue ich mir hier eigentlich an?-, würde ich das Rennen nicht durchstehen. Deshalb hinterfrage ich schon immer wieder mal im Training mein Tun. Und es kommt auch vor, dass ich in manchen Trainingsheinheiten keine Antwort darauf weiß und dann einfach abbreche. Meist hilft's mir dann, mir Bilder von schönen, erfolgreichen Momenten vor Augen zu führen. 

Kommen Ihnen im Rennen denn nie Zweifel?

Doch, natürlich. Wichtig ist dann, dass die Konkurrenz nicht mitbekommt, wie schlecht es mir in dem Moment geht. In diesem Zusammenhang hat mir ein Trainer mal gesagt: Attackiere, wenn du am Limit bist, dann sind die anderen es auch. Dahinter steckt: man muss versuchen, beim Gegner einen mentalen Schaden zu hinterlassen.

Das müssen Sie kurz konkretisieren.

Na ja, wenn ich ein bisschen schneller als nötig an den Konkurrenten vorbeifahre oder ihnen selbstbewusst und Stärke ausstrahlend in die Augen schaue - dann entstehen bei den anderen Zweifel. Diese Spielchen sind nicht neu, aber sie funktionieren doch immer wieder.

Und wie reagieren Sie darauf, wenn jemand Sie überholt und auf diese Weise seine Stärke demonstrieren will?

Dann versuche ich, das so gut es geht zu ignorieren und mich stattdessen an die Glücksgefühle an der Ziellinie zu erinnern. Daran, wie es sich anfühlen wird, wenn ich gewinne, wenn die Schmerzen nachlassen - und an den Blueberry Lavender Mojito, den ich mir später gönne.

Wie bitte? Woran?

Haben Sie vielleicht gedacht, dass ich als Triathlet wie ein Asket lebe und mir wohlverdiente Belohnung nicht gönne? Von wegen! Da kommt mir übrigens wieder Ihre Einstiegsfrage in den Kopf: Auch wenn ich mich nicht mehr ganz genau an jedes Detail nach dem Zieleinlauf erinnere, aber den Geschmack des köstlichen Cocktails, den ich mir einen Tag später am Hotelpool gegönnt habe, werde ich niemals vergessen! Und allein schon, um mich ein weiteres Mal auf diese Art und Weise belohnen zu können, muss ich auch dieses Jahr den Titel gewinnen. 

Ironman-Weltmeister Sebastian Kienle
Sebastian Kienle ist amtierender Ironman-Weltmeister
Name: Sebastian Kienle
Alter: 31 Jahre
Größe: 1,80 Meter
Gewicht: 73 Kilo
Wohnort: Mühlacker
Erfolge: Bereits als 12-Jähriger beganne rmit dem Triathlonsport, feiert schnell Erfolge, Kienle ist mehrfacher Deutscher Meister, Ironman-70,3-Weltmeister (2012, 2013), sowie amtierender Ironman-Weltmeister. Am 10. Oktober will er auf Hawaii seinen Titel verteidigen.
Infos:sebastiankienle.de
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