Balance auf der Slackline: Interview mit Slackliner Reinhard Kleindl

Slacklinen im Gebirge
Über den Wolken: Slackliner Reinhard Kleindl in umwehter Höhe

Seiltanz für Kerle: Slacklining-Profi Reinhard Kleindl sagt, wie es geht – und wann er weiche Knie bekommt

Sie balancieren in 500 Meter Höhe über tiefe Schluchten. Warum tun Sie so etwas Irres? 

Weil es wirklich das Coolste und Extremste ist, was ein Slackliner machen kann. Es fehlen jegliche Orientierungspunkte, etwa die Bäume oder der Boden. Hinzu kommt noch die blanke Angst, die man hat, wenn man da oben mitten im Leerraum steht. Jeder bekommt dann weiche Knie, ob er will oder nicht. Man lernt aber mit der Zeit, damit umzugehen. Diesen Stress zu beherrschen, ist ein unglaubliches tolles Gefühl.

Stress?! Das klingt doch eher, als wäre es lebensgefährlich?

Wenn Fehler beim Aufbau der Line gemacht werden, wird es tatsächlich gefährlich. Deshalb sollten sich ans Highlinen auch nur erfahrene Slackliner wagen, die zusätzlich Kletter-Erfahrung haben. Die Sicherungstechniken selbst sind ausgereift, und dabei gehe ich null Kompromisse ein.

Es gibt jedoch Jungs, die sich ohne Sicherung auf Highlines trauen. Wäre das was für Sie?

Free Solo, also ganz alleine und ohne Sicherung, bin ich bereits geklettert. Das hat schon seinen Reiz. Für das Slacklinen ohne Sicherung brauchst du jedoch einen speziellen Charakterzug, eine gewisse Grundsicherheit – und die habe ich nicht. Wenn du mit zu viel Respekt oder Angst auf die Line gehst, hat es keinen Sinn, es ohne doppelten Boden zu tun. Das bisschen Ruhm wäre mir das hohe Risiko nicht wert.

Ein Draufgänger muss man also nicht sein. Gibt es denn sonst irgendwelche Anforderungen? 

Nein. Ich vergleiche Slacklining gerne mit Radfahren: Mit dem nötigen Ehrgeiz und Spaß kann das jeder erlernen – und verlernt es dann nicht mehr. Wenn man Slacklining intensiv betreibt, ist ein stabiler Rumpf sinnvoll, um einem Hohlkreuz vorzubeugen.

Und wie intensiv muss man beim Slacklining trainieren?

Es ist schon sinnvoll, häufiger kurze Einheiten zu absolvieren, die aber voll konzentriert und intensiv. Solange Sie sich dabei gut fühlen, ist alles in Ordnung. Wenn Sie zu lange trainieren, werden Sie irgendwann müde – die Konzentration schwindet, und wenn Sie dann nur kleinste Fehler begehen, kommt es leicht dazu, dass Sie sich verletzen.

Ist Slacklining ein eigener Sport oder eher eine Ergänzung?

Es ist eine eigenständige Sportart, ganz eindeutig. Ich halte es allerdings auch für ein hervorragendes Mentaltraining, weil man dabei unter konstanter Anspannung auf den Punkt genau absolut konzentriert sein muss.

Was ist Ihnen wichtiger: die Freiheit auf der Line oder der Druck bei einem Wettkampf?

Lässige Fotos und Videos von schönen Aktionen auf dem Seil zu machen, ist eine Sache. Aber unter Wettkampfbedingungen zu zeigen, dass man es draufhat, ist noch mal was ganz anderes.

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