Working Dads: Interview mit Teilzeitvater Thomas

Money Teilzeit
Thomas Stucki mit seinen Kindern und bei seiner Arbeit

Thomas Stucki (46) kommt aus Luzern (Schweiz). Er hat drei Söhne und arbeitet für den Verein ALS Schweiz als Kommunikationsbeauftragter. Sein Teilzeitmodell: 25,5 Stunden pro Woche (60 %), den Rest kann er sich frei einteilen.

Welche Gründe sprachen für Sie dafür, sich für Teilzeit zu entscheiden?

Ich bin ein alter Hase, was Teilzeitarbeit betrifft. Als 1991 mein erster Sohn zur Welt kam, wollten meine damalige Partnerin und ich uns von Beginn an die Betreuung teilen. Grund dafür war wohl unsere Lebenseinstellung; eine Überzeugung, dass das eigentlich normal sein sollte. Was es aber nicht ist. Damals nicht und heute auch nicht.
Nach der Gründung meiner zweiten Familie war es wiederum ganz selbstverständlich, sich die Betreuung zu teilen. Diesmal aber war der Entscheid ein anderer: Ich wusste, wie anstrengend diese Aufgabe ist und wollte meine Frau nicht allein damit lassen. Wir waren zu dem Zeitpunkt bereits etliche Jahre als Paar zusammen und unterstützten uns in allen Lebenslagen. So reduzierte ich nach der Geburt meines mittleren Sohnes (2007) mein Arbeitspensum auf 80 Prozent. Später kam ein dritter Junge dazu (2009) und seit Ende 2014 arbeite ich noch 60 Prozent unter Vertrag.

Inwiefern profitiert Ihr Kind davon, dass Sie in Teilzeit arbeiten?
-Wie erleben Sie die gemeinsame Zeit?

Meine beiden jüngsten Söhne leben seit ihrer Geburt damit, dass es feste Papi- und Mami-Tage gibt. Von daher kann ich nicht sagen, wie sich unsere Beziehung verändert hat.
Sie erleben mich im ganz normalen Alltag; als Vater, der kocht, putzt, aufräumt, mit ihnen zum Arzt geht, sie zum Schwimmen begleitet, einkauft, für sie da ist, wenn sie von der Schule kommen etc. Und als Vater, der arbeiten geht. Es sind dieselben Tätigkeiten, die sie auch bei meiner Frau sehen. Ich erlebe sehr viele schöne Momente mit meinen Jungs. Außer, wenn es mir nicht gelingt, sie und mich zu führen. Das merken sie sofort und reagieren unmittelbar. Sie füllen die „Führungslücke“ mit Lautstärke, als ob sie mich damit an meine Rolle erinnern wollten. Aber solange ich in Beziehung mit ihnen bin, ist es ein Geben und Nehmen. Kinder reagieren sehr direkt und verlässlich auf Atmosphäre, Emotion, Interaktion: Wenn ich klar für sie da bin, funktioniert das Zusammenspiel. Obwohl es anstrengend ist, weil es kaum Pausen gibt, sie einen sehr vereinnahmen. Ich muss mich bewusst darauf einstellen, das ist manchmal die Krux, wenn man selber Tausend Projekte und Ideen im Kopf hat. Aber die Kinder sind zum Glück nicht nachtragend. Wenn mir ein Tag mit ihnen nicht gelingt, fangen sie am nächsten Morgen wieder mit vollem Vertrauen an. Manchmal denke ich, es wäre einfacher, es nicht so zu machen. Aber es ist ein Einsatz für meine Jungs und für mich. Und: Es ist ein „Return-on-Emotion“; was ich gebe, kommt in jedem Fall zu mindestens hundert Prozent zurück. Diese Beziehungen sind unhinterfragt und darum etwas ganz Besonderes.

Gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Immer dann, wenn sich in der beruflichen Situation meiner Frau oder mir etwas veränderte. Wenn zum Beispiel eine Wochensitzung auf einen anderen Tag gelegt werden sollte. Dann brachte das Schwierigkeiten mit sich, weil unsere beruflichen und familiären Abläufe aufeinander abgestimmt sein müssen. Tage schieben geht da eigentlich nicht, oder nur mit einiger Planung. Es kam auch schon vor, dass eine Betreuungsperson kurzfristig ausfiel, zum Beispiel wegen Krankheit. Dann fällt der Tag erstmal in sich zusammen, bzw. muss ganz auf die Schnelle neu organisiert werden.

Merken Sie einen Unterschied im Alltag?
-was klappt gut, was weniger?

Es braucht meiner Erfahrung nach genau fixierte Zeiten und Zuständigkeiten. Also zum Beispiel so, dass klar definiert ist, wer an welchem Wochentag die Kinder auf den Weg bringt am Morgen, wer zuhause ist am Mittag und kocht, wer die Kinder wieder in Empfang nimmt nach der Schule. Das ist ein zentrales Element, das überhaupt erst möglich macht, zu planen und Termine abzumachen. Berufliche und private. Als große Herausforderung und gleichzeitig als großes Geschenk im Alltag mit den Kindern sehe ich die Fokussierung auf Beziehung. Manchmal würde ich gern an etwas eigenem dranbleiben, eine Idee weiterverfolgen, ein Projekt skizzieren, aber das geht nicht mit ihnen. Man muss in Beziehung mit ihnen treten, muss ganz bewusst den Kontakt zu ihnen machen. Den Kindern ist wichtig, was jetzt gerade läuft, und das kann auch mal etwas für uns Erwachsene „Unwichtiges“ sein, ein Detail, etwas, wo wir sagen, nun komm‘ schon, das spielt doch keine Rolle. Spielt es aber für die Kinder doch. Die Fokussierung auf Beziehung ist ein Geschenk, weil die Kinder immer dazu bereit sind, in Beziehung mit einem zu sein.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert? (Arbeitgeber, Kollegen, Freunde)

Bisher hatte ich bzgl. Teilzeitarbeit immer großes Glück mit meinen Arbeitgebern. Vielleicht liegt’s an der Branche – ich arbeite für Nonprofitorganisationen im Behindertenbereich. Also etwa Stiftungen und Vereine, die sich für Menschen mit einer Behinderung einsetzen. Manchmal sind bei solchen Organisationen Teilzeitstellen geradezu willkommen. Als Kommunikationsbeauftragter kann ich gewisse Arbeiten von zuhause aus machen. Außerdem erlauben mir die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten, erreichbar zu sein, wenn ich nicht im Büro bin. Anders sieht’s aus, wenn ein Kind krank ist, da wurde ich schon ganz unverblümt gefragt, ob denn nicht meine Frau zuhause bleiben könne anstatt mir. Dass wir uns Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung teilen und meine Frau nicht einfach zuhause am Bügeln ist, sondern ebenfalls berufliche Termine und Verpflichtungen wahrzunehmen hat, wurde nicht verstanden. Überhaupt ist die gesellschaftliche Veränderung bezüglich den Gestaltungsmöglichkeiten des Familienlebens noch in ihren Anfängen. Bei Männern und in bestimmten Branchen mag es inzwischen zum guten Ton gehören, einen Tag pro Woche für die Kinder zuständig zu sein, weniger ist nicht gern gesehen. Bei Frauen läuft der Zähler hingegen von unten her: berufstätige Mütter sind okay, aber das Verständnis für diesen Lebensentwurf hört bei ungefähr vierzig, fünfzig Prozent auf. Arbeitet sie mehr, ist sie eine Rabenmutter.

Hatten Sie Bedenken bezüglich der eigenen Karriere?

Anfang zwanzig dachte ich nicht an eine Karriere. Inzwischen bin ich seit so manchem Jahr in Teilzeit tätig, dass ich auf diese Freiheit nicht mehr verzichten möchte. Jedenfalls nicht um einer Karriere willen. Beruflicher Erfolg war mir in späteren Jahren schon wichtig, ich hatte mehrmals leitende Funktionen inne und engagierte mich in Aufsichtsgremien. Aber das war alles trotz Teilzeitarbeit möglich.

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