Interview mit Ursula von der Leyen: "Ihr verpasst zu viel und merkt es nicht!"

Familienminsterin Ursula von der Leyen im Interview
Familienministerin Ursula von der Leyen erklärt, warum eine Männerquote überflüssig ist

Warum Väter besser im Job sind, was Frauen uns alles vorenthalten: Familienministerin Ursula von der Leyen klärt auf

Sie sind Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Senioren – sind wir als Männer-Magazin bei Ihnen überhaupt richtig?
Mit Sicherheit. Denn bei den Themen Jugend, Senioren und Familie geht es natürlich auch um Männer. Das Wort „Frauen“ ist im Namen des Ministeriums so explizit hervorgehoben, weil es historisch der Ursprung für das Thema der Gleichstellung von Männern und Frauen war. Aber ich vertrete als Ministerin Männer in allen Lebenslagen.

Was spricht dann dagegen, uns Männer explizit in den Namen aufzunehmen?
Ministerien haben Traditionen, ihre Namen bestimmte Hintergründe. Dass wir uns intensiv mit dem Gleichstellungsthema befassen, hat für die Männer übrigens enorme Vorteile: Je mehr die Frauen in die klassischen Bereiche der Männer vordringen, desto mehr können sich auch die Männer in die typisch weiblichen Domänen bewegen.

Familienleben
Vaterrolle eher der Wunsch der Frauen oder der Männer?

Was ist für Sie typisch weiblich?
Elternschaft und Kindeserziehung sind traditionell eher weiblich belegt. Inzwischen aber gibt’s 2 Entwicklungen: Frauen nehmen stärker am Erwerbsleben teil und steigen in Führungspositionen auf. Dazu kommt, dass die klassische männliche Berufsbiografie als Familienernährer schwindet. Männer stehen nicht mehr in einem Dauer-Arbeitsverhältnis mit einem stetig steigenden Einkommen. Dafür wollen viele die Rolle des Vaters anders wahrnehmen: mit ausgewogenen Rechten und Pflichten. Ich nenne das die Rolle des aktiven Vaters.

Ist diese neue Vaterrolle eher ein Wunsch der Frauen oder der Männer?
Untersuchungen belegen, dass die meisten jüngeren Männer die aktive Vaterrolle möchten. Noch scheitert das jedoch oft an der gesellschaftlichen Akzeptanz. Es fehlt zum Beispiel Einkommen, wenn Männer Elternzeit nehmen wollen. Das soll nun ab 2007 das Elterngeld ändern, das ein Einkommen während der Elternzeit sichert.

Interview 2. Teil: Sind Väter die besseren Mitarbeiter?

 

Das Einkommen der Männer ist aber nicht die einzige Hürde, oder?
Natürlich nicht. Da spielt auch die Scheu eine Rolle, im Berufsalltag die Vaterrolle zu thematisieren. Aus Sorge, als Weichei zu gelten. Es gibt unterschwellig eine Verächtlichkeit in der Arbeitswelt dem aktiven Vater gegenüber. Im Ausland ist das längst anders. Gerade im angelsächsischen und skandinavischen Raum ist Vaterschaft ein Qualitätssiegel. Volvo zum Beispiel schreibt Stellen aus, in denen Erziehungserfahrung explizit erwünscht ist – bei Mann und Frau.

Ich möchte den jungen Vätern den Rücken stärken
"Die Männer müssen sich dafür einsetzen, dass man sie als Väter auch ernst nimmt"

Sind Väter die besseren Mitarbeiter?
Firmen, die Väter bevorzugt einstellen, sagen: Die sind flexibler, gehen ökonomischer mit ihrer Zeit um, mobilisieren mehr Ressourcen und sind unglaublich pragmatisch.

Wiegt eine Vaterschaft bei einer Einstellung bald mehr als Auslandserfahrung?
Sie wird ein wichtiges Kriterium sein. Im Ausland heißt es ja heute schon: „Und was machen Sie neben dem Job?“ Gefragt sind ehrenamtliches Engagement und Familien-Aktivitäten. Beides schult soziale und emotionale Kompetenz, die man nicht im Betrieb lernen kann, die der Betrieb aber braucht.

Können Männer diese Vater-Fähigkeiten nicht auch in Seminaren erwerben?
In der Familie erlernen sie Dinge wie Verantwortung, Belastbarkeit, Organisationsfähigkeit, wenn der Tag mit den Kindern wieder mal ganz anders läuft, als sie geplant hatten. Dazu kommen Kommunikations- und Durch-setzungsfähigkeit, aber auch das Nachgeben an der richtigen Stelle. Natürlich gibt es für diese Führungsqualitäten Wochenend-Crash-kurse, nachhaltig ist das allerdings nicht.

Wir Männer profitieren von der Vaterrolle, die Unternehmen auch. Wieso wehren sich dann so viele gegen das neue Elterngeld, das volle 12 Monate nur gezahlt wird, wenn der Vater mindestens 2 Monate Elternzeit nimmt?
Die heftigen Reaktionen haben mich in der Tat überrascht. Aber rückblickend ist es gut, dass wir diese Diskussion führen. Denn die Reaktionen zeigen tiefe Verachtung gegenüber der Vateraufgabe und rückwärtsgewandtes Rollendenken bei Sätzen wie „Zwang zur Windel“. Ich möchte den jungen Vätern den Rücken stärken, denn über die Hälfte möchte Elternzeit nehmen, wenn sie ein Einkommen in der Zeit haben. Sie sind die Trendsetter.

Sind die Vatermonate auch gut für sie?

Interview 3. Teil: Woher kommt die Angst der Männer?

 

Sind wir Männer schon so weit?
Entscheidend ist, was die jüngere Generation sich wünscht: Kinder und Karriere. Wir werden in Zukunft nur Kinder in diesem Land haben, wenn Männer wie Frauen Raum und Zeit für Kinder in der Arbeitswelt schaffen. Das bedeutet, dass Männer sich auch dafür einsetzen müssen, in der Vaterrolle ernst
genommen zu werden.

Bringen uns die zwei Vatermonate da einen entscheidenden Schritt voran?
Die Politik allein kann nicht alles ändern. Die Vatermonate sind aber ein starkes Signal der Gesellschaft, dass es nicht gleichgültig ist, wenn junge Menschen sich für Kinder entscheiden. Die Erfahrung anderer zeigt: Alle Länder, die das Elterngeld eingeführt haben, weiten die Vatermonate jetzt sogar sukzessive aus. Weil es der Wirtschaft und den Kindern gut tut.

Und den Männern? Sind die Vatermonate auch gut für sie?
In Deutschland schließen mehr Männer als Frauen aus, eine Familie zu gründen. Viele junge Männer wissen nicht, wie sie die Vaterrolle ausüben können in der heutigen Welt. Zwei Drittel geben an, kein Vatervorbild zu haben. Sie möchten ein guter Vater sein, haben aber Angst, dass es nicht funktionieren wird. Aus diesem Grund tun die Vatermonate natürlich auch den Männern gut – auch wenn sie kein Allheilmittel sind, aber ein wichtiger Baustein am Anfang.

Woher kommt die Angst der Männer?
Junge Frauen haben in Wissen, Ausbildungs- und Karrierechancen gleichgezogen. Aber umgekehrt haben wir den Männern nicht die Tür geöffnet für die zweite spannende Do-mäne im Privatleben. Das ist auch eine Frage des Loslassens durch die Frauen. Sie müssen bereit sein, den starken Vater, der sich im Alltag einmischt, an ihrer Seite zu akzeptieren.

Sind die Frauen dazu wirklich bereit?
Wenn die Frauen stärker das Thema Beruf einfordern und den Spagat zwischen Beruf und Familie nicht alleine schultern wollen, werden sie Partner suchen müssen. Raum für den Vater freizugeben ist eine Bereicherung ihres Lebens, gut für die Kinder und die Ehe. Das klassische Rollenmodell – der Mann als alleiniger Ernährer, die Frau kümmert sich um die Hausarbeit und die Kinder – will Umfragen zufolge die große Mehrheit der jungen Generation nicht mehr.

Was passiert, wenn die Gesellschaft an der klassischen Rollenaufteilung festhält?
Die jungen Menschen reagieren doch heute schon darauf – wir sind das Land mit der höchsten Zahl kinderloser Menschen. Wenn sich eine modernere Art von Zusammenleben in Deutschland nicht verwirklichen lässt, verzichten sie eben auf Kinder oder wandern aus. Dadurch vergeben wir uns ganz viele Chancen! Im Ausland betrachtet man uns eher mit Mitleid und sagt: Ihr verpasst zu viel, ihr merkt es nur gar nicht.

Frauen haben ihre Situation vor allem gemeinsam, als starke Bewegung ver- » bessert. Können Männer daraus lernen?
Es gibt inzwischen schon sehr starke Männerbünde. Männer haben eine hohe Fähigkeit, sich zu vernetzen und sich gegenseitig zu stärken, was ich positiv sehe. Daraus können eher die Frauen lernen.

Bislang nutzen Männer ihre Bünde doch nur für andere Themen.
Ja, da geht es um Beruf und Macht. Aber die Arbeitswelt wird nicht so bleiben, wie sie ist, sie wird sich verändern.

Sind die Männer in Deutschland dafür überhaupt schon bereit?
Zum Teil sind sie hochmodern, gerade, was das Thema Gleichstellung der Geschlechter angeht. Zum Teil sind sie aber auch sehr abwehrend gegen Veränderung. Wenn Sie unsere Männer etwa mit denen in nordeuropäischen Ländern oder anderen westlichen Industrienationen vergleichen, dann gibt es da schon noch großen Nachholbedarf.

Welche drei Dinge würden Sie gerne an uns Männern ändern?
Ändern, das Wort mag ich nicht. Weiterentwickeln. Der Mann soll ein leidenschaftlicher, aktiver Vater sein, der sein Kind und dessen Bedürfnisse auch nach außen hin verteidigt – in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft. Zweitens wünschte ich mir, dass Männer stärker eine Vorbildfunktion für junge Menschen übernehmen, sich einmischen. Ohne starke Männer wird’s nicht gehen. Der dritte Punkt betrifft den Zusammenhalt der Generationen: Gerade ältere Männer sollten erkennen, dass sie noch viel geben und zurückbekommen können, indem sie sich stärker ehrenamtlich engagieren, auf Gebieten, wo sie stark sind.

Männer sind Präventionsmuffel
Von der Leyen: Falsche Mechanismen in der Medizin aufzubrechen

Interview 4. Teil: "Nicht jedes Problem kann durch ein Gesetz gelöst werden"

 

Was hält die Männer bislang davon ab, sich ehrenamtlich zu betätigen?
Überspitzt formuliert: Es ist eben nicht jedermanns Sache, beim Basar Kuchen zu verkaufen. Man muss die Menschen da abholen, wo sie gerne etwas einsetzen. Zum Beispiel den Rentner, der sich in der handwerklichen Ausbildung sozial benachteiligter Jugendlicher ohne Schulabschluss engagiert, weil er das früher in seinem Handwerksbetrieb gemacht hat. Oder den Mann, der am Freitagnachmittag drei Stunden mit einer Truppe kleiner Jungs Fußball spielt. Da gibt es ganz spezifische, männliche Angebote.

Männliche Vorbilder fehlen auch in staatlichen Institutionen wie Kindergärten und Grundschulen. Brauchen wir die Männerquote?
Ich bin nicht der Meinung, dass jedes zwischenmenschliche Problem nur durch ein Gesetz gelöst werden kann. Wenn wir über den Beruf des Grundschullehrers und des Erziehers sprechen, geht es grundsätzlich um die Frage: Wie hoch werten wir Bildung und wie bezahlen wir diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten. Das ist nun wirklich kein geschlechtsspezifisches Thema.

Demnach brauchen wir auch keinen Männerbeauftragten, den es ja in einigen anderen Ländern bereits gibt?
Ich würde mir stattdessen wünschen, die Gleichstellung derart voranzutreiben, dass
wir weder Männer- noch Frauenbeauftragte brauchen. Das ist mein Ziel.

Kann man ihm vertrauen?
"Ja, Männer sind Präventionsmuffel"

Wenn Gleichstellung das Ziel ist, warum gibt es dann aus Ihrem Ministerium
einen Frauengesundheitsbericht, aber kein männliches Pendant?

Die Medizin orientiert sich klassischerweise in vielen Bereichen zunächst mal am Mann. Der Herzinfarkt zum Beispiel wird grundsätzlich Männern zugeordnet. Und deshalb sterben häufiger Frauen an Herzinfarkt, weil deren Symptome einfach nicht rechtzeitig erkannt werden. Solche Mechanismen in der Medizin aufzubrechen, das ist das Bestreben des Frauengesundheitsberichtes.

Auf der anderen Seite haben Männer ja gerade im Bereich Gesundheit großen Nachholbedarf. Sie gehen seltener zum Arzt, schwänzen Vorsorgetermine …
Ja, Männer sind Präventionsmuffel, und das muss man sicherlich stärker thematisieren. Aber ich würde das Bild nicht so düster zeichnen, als wäre dort nichts geschehen. Diese Dinge sind schon in Bewegung und werden auch stärker beachtet.

Men’s Health feiert in diesem Monat 10. Geburtstag. Was hat sich nach Ihrer Meinung an uns Männern in den letzten 10 Jahren positiv entwickelt?
Vor zehn Jahren bin ich gerade mit meiner Familie aus den USA zurückgekommen.
Wir hatten Deutschland mit drei Kindern hoch frustriert verlassen, weil es hier vorne und hinten nicht mehr ging. Mein Mann war vollkommen überlastet, und mir wurde der Spagat zwischen Beruf und Familie zu viel. Wir lebten dann in einem Land, in dem wir plötzlich anerkannt waren, alleine dadurch, dass wir Kinder haben und unseren Beruf engagiert ausüben. Einem Land, in dem der aktive Vater hoch angesehen ist, von Unternehmen, aber auch von der Gesellschaft insgesamt. Das hat uns viel Kraft gegeben, Mut und Zuversicht. Inzwischen hat sich in Deutschland eine ganze Menge verändert, weiterentwickelt – inklusive der deutschen Männer. Langsam setzt sich auch bei ihnen das Bewusstsein durch: Wir Männer verpassen etwas, wenn wir unsere weichen, „weiblichen“ Seiten ignorieren, beispielsweise das Thema Vaterschaft ausblenden. Da gehen uns ganz viele emotionale Facetten verloren.

Doch diese neue Lust am Vatersein hat offenbar noch keine Auswirkung auf die Geburtenstatistik.
Nein. Aber die Thematisierung ist der erste wichtige Schritt zur Veränderung. Dass man den Finger in die Wunde legt und anspricht, was einen daran hindert. Und dass man aus dieser Erkenntnis heraus handelt.

Wird sich das denn in 10 Jahren ausgezahlt haben?
Ich kann nicht sagen, ob die Umbruchphase, in der wir uns gerade befinden, dann schon abgeschlossen ist. Aber wir werden einen gewaltigen Schritt vorangekommen sein, wenn es uns gelingt, innerhalb der nächsten 10 Jahre die Geburtenrate zu stabilisieren und vielleicht gar eine Trendwende zu erreichen. Wenn wir in der Folge das gesamte Thema Erziehung von Kindern sowie die Vater- und Mutterrolle modernisiert haben. Wenn wir es möglich gemacht haben, traditionelle Werte auch in der modernen, komplexen Arbeitswelt zu leben. Dieser mutige Schritt ist allerdings auch längst überfällig, denn die demografische Entwicklung wartet nicht.

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