Darf man das?: Ist das Sünde? Pater Hagenkord gibt Antwort

Wolllust oder Trägheit - Dies sind die schlimmsten Sünden
Was gilt anno 2007 als Sünde?

Men’s Health fragt Jesuitenpater Bernd Hagenkord nach ewigen und moderne Sünden

Pater Bernd Hagenkord, 38, ist seit 1992 Mitglied im Jesuiten-Orden Gesellschaft Jesu. Der Jugendseelsorger und geistliche Leiter der Katholischen Studierenden Jugend Hamburg lebt seit 2002 in der Hansestadt.

Was ist die größte Sünde?
Hagenkord: Das hat mit der Lebenssituation zu tun. Generell glaube ich, dass Hochmut die Ursünde ist. Etwas, das nicht Gott ist, an Gottes Stelle zu setzen. Sich selber, aber auch etwas oder jemand anderen. Der Apostel Paulus sagt: den Schöpfer mit dem Geschöpf verwechseln.

Haben Sie ein aktuelles Beispiel?
Einige, die das Klonen verteidigen, die sagen, es gibt keinen Gott, wir können machen, was wir wollen. Auch Diktaturen sind ein Beispiel. Die für sich beanspruchen, über das Leben anderer zu bestimmen, weil sie es besser wissen. Selbst wenn dies aus ihrer Überzeugung heraus geschieht, wirklich das Beste für die Menschen zu wollen.

Was sind Ihrer Ansicht nach denn die häufigsten Sünden?
Das meiste mir Gebeichtete spielt sich in der Familie ab. Auch der Umgang mit Wahrheit spielt eine Rolle. Mal ist es Lüge, oft wird die Wahrheit umschifft. Dazu kommen Sünden in Bezug auf fremdes Eigentum. Nicht nur Diebstahl, auch rücksichtsloser, nachlässiger Umgang damit. Im Allgemeinen fallen mir viele Wertesünden auf, vor allem Neid und Wollust. Menschen neiden anderen das Gute, sie sind unfähig, es bei sich selbst zu suchen. Wollust ist nicht nur im sexuellen Sinne gemeint. Vor allem bedeutet es, den anderen meinen Bedürfnissen zu unterwerfen, ihm seinen Wert als Mensch abzuerkennen. Das gibt es auch im Kleinen: wenn jemand wütend ist und sich an anderen abreagiert.

Beispiel Computerspiel: Ist einer, der virtuell tötet, ein Sünder?
Ich persönlich finde es widerlich. Aber ob der Spieler gleich ein Sünder ist? Man fragt sich, wes Geistes Kind jemand ist, der daran Spaß hat. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und vielleicht der Intelligenz – und philosophisch die nach dem Wert menschlichen Lebens. Letztlich geht es um Konsequenz: Wenn ich glaube, dass Leben schützenswert ist, darf ich damit nicht spielen und es auf dem PC zum Abschuss freigeben. Aber auch der Rückschluss ist unzulässig, jemand, der „Counter-Strike“ spielt, habe keinen Respekt vor menschlichem Leben.

Welche modernen Sünden gibt es, von denen im Mittelalter niemand etwas ahnen konnte?
Die einzige Sündenart, die mir einfällt, die es früher nicht gab, ist die strukturelle Sünde, etwa die Ausbeutung der Dritten Welt. Wenn Sie Turnschuhe kaufen, die in China hergestellt wurden, beteiligen Sie sich an der Ausbeutung – auch wenn Sie das nicht wollen. Wenn Sie bei Discountern einkaufen, ist es genauso. Sie haben Anteil an der Ausbeutung. Das sind Sünden, an denen der Mensch nicht willentlich teilhat, in die er aber wegen der bestehenden Strukturen fast automatisch verstrickt wird.

Muss ich jetzt immer zur Beichte, wenn ich neue Schuhe kaufe?
Der Punkt ist, dass ich das mir im Leben Mögliche versuche, um die Ausbeutung zu verhindern. Na-türlich kann ich die Welt nicht von heute auf morgen ändern, schon gar nicht ich alleine. Es heißt: wo keine Freiheit, da keine Sünde. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, etwas dagegen zu tun, also auch nicht die Verantwortung trage, kann man mich auch nicht schuldig sprechen. Die Verwicklung darin, die Tatsache, dass ich in eine solche Position hineingeboren werde, gibt mir Verantwortung. Aber es ist eher eine theoretische Frage, wie ich mein 100-Millionstel dieser Schuld abtrage. Schuldig macht sich jemand, der bewusst überhaupt nichts dagegen tun will, der durch die Welt geht und sagt: „Ist mir egal, wie’s denen in China geht.“

Ein Mensch, der nicht anderen, aber sich selbst schadet, etwa durch Rauchen und Trinken – sehen Sie den auch als Sünder?
Selbstverständlich. Der Körper ist nicht nur ein Anhängsel oder Gefäß, in dem wir wohnen. Er gehört zu uns und ist daher pfleglich zu behandeln. Wenn ich meinem Körper etwas Gutes tue, mal joggen gehe, kann das im weitesten Sinne etwas Besinnliches, Betendes sein.

Kann ich durch Joggen für eine durchzechte Nacht Buße tun?
Nein, das ist kein Konto, das man beliebig leeren und wieder füllen kann. Aufrechnen funktioniert nicht.

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