Mode-Expertin: Jil Sander im Interview

T-Shirt übers Hemd
Sein individueller Stil warf seine Schatten weit voraus...

Ein Gespräch mit der Designerin Jil Sander (63) über die Erlernbarkeit von Individualismus

MH: Wie hat sich das Verhältnis der deutschen Männer zur Mode verändert?
Sander: Den Männern von heute ist Ihr Aussehen wichtig. Sie sind feinfühlig geworden. Und sie können unterscheiden. Zwischen guter und schlechter Qualität. Zwischen Neuem und Herkömmlichem.

MH: Zufrieden klingen Sie noch nicht.
Sander: Na ja, Männer brauchen immer noch ein bisschen mehr Hilfe. Vor allem beim Einkaufen. Das verstehe ich als eine meiner zentralen Aufgaben: eine gute Beratung beim Verkauf. Aber aufgeschlossen sind die Männer inzwischen genug.

MH: Wie war es, als Sie 1997 Ihre erste Herrenkollektion entwarfen?
Sander: Damals glaubten Männer, sie seien gut angezogen, wenn sie einen Dresscode erfüllten. Das hat mich nie interessiert. Ich habe mir von Anfang an die Proportionen vorgenommen, eher skulptural, plastisch gedacht. Wie viele Männer sehen aus wie zugehängt in ihren Anzügen!

MH: Warum ist der Anzug so entlarvend? Warum ist er zugleich die größte Uniformierung und die beste Ausdrucksmöglichkeit für Individualität?
Sander: Männer lieben eher die überlieferten Regeln, und das ist ihr Fehler. Schauen Sie nur in die Sitzreihen eines Geschäftsfliegers von Hamburg nach Frankfurt. Alle sehen gleich aus. Aber wenn dort ein Mann in einem meiner Anzüge sitzt, werden Sie ihn sofort erkennen. Er wird zum Individuum in der Masse.

Jil Sander: Pure

Jil Sanders neuer Herrenduft:
"Pure" for Man

MH: Warum tun sich deutsche Männer so schwer mit Individualität?
Sander: Das hat viele Gründe. Aber vielleicht sollten wir in Deutschland die Schuluniform einführen. Dann würde eine größere Lust an einer persönlichen Note entstehen. Schauen Sie nach England. Dort sind die Männer viel persönlicher gekleidet.

MH: Was fehlt den Männern noch?
Sander: Die richtige Hilfe, Treffsicherheit. Was ist cool und modern und hat gleichzeitig Klasse? Wie demonstriert sich guter Geschmack? Wie sieht persönlicher Ausdruck aus? Männer sind diese Fragen nicht gewohnt. Schauen Sie sich die alten Gentleman-Regeln an. Alles ist Gesetz, nichts ist frei.

MH: Wie erklären Sie den Männern ihre neue Freiheit?
Sander: Wir können nur demonstrieren. Wir haben dann unsere Chance, wenn ein Mann unsere Anzüge anprobiert: Dann merkt er selbst, wie er damit sein Ich betonen kann.

MH: Merkt das jeder sofort?
Sander: Vielleicht nicht sofort, kaufen ist ja schwierig. Der Kunde muss aus einer Vielzahl von Dingen wählen. Richtig ist, wenn er sich vor dem Kauf fragt: „Was will ich mit meiner Mode eigentlich sagen?“ Das ist die zentrale Frage der Mode heute.

Wo bekommt ein Mann bei Ihnen etwas völlig anderes?
Sander: Da gibt es viele Beispiele. Erinnern Sie sich nur an den Trend zu immer dünneren Oberstoffen bei Anzügen. Dabei standen vielen Männern die dünnen Stoffe gar nicht. Ich bin die Stoff-Frage anders angegangen. Für meine ersten Anzüge habe ich damals 50 Prozent dünnere Einlagen entwickelt. Durch die dünnen Einlagen konnte ich schwere Oberstoffe verwenden. Dennoch waren die Anzüge genauso leicht und bequem.

MH: Finden Sie denn immer wieder solche Ideen-Lücken?
Sander: Das ist unsere Arbeit. Der Name Jil Sander steht für etwas Bestimmtes. Wir müssen mit jeder Kollektion der Zeit sowie dem Einzelnen und seinen Bedürfnissen gerecht werden.

MH: Bleibt denn nichts gleich?
Sander: Doch. Das permanente Ziel heißt: Leidenschaft und cooles, elegantes Design. Alles muss unangestrengt aussehen.

ZUR PERSON
Die Karriere von Heidemarie Jiline Sander beginnt 1967 nach einem Textilingenieurstudium mit einem Geschäft in Hamburg. Heute werden unter dem Namen Jil Sander Damen- und Herren-Kollektionen, Accessoires und Pflegeprodukte weltweit verkauft. Markenzeichen der Designerin: Understatement und Schlichtheit.

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