Interview mit Arved Fuchs Teil 2: Klimawandel am Südpol

Die Entdeckung des Südpols ist zwei Abenteurern zu verdanken

Forscher und Abenteurer Arved Fuchs über Klimawandel und die Faszination des ewigen Eises

Gegenwärtig dienen die meisten Antarktisreisen der Forschung, beispielsweise im Bereich der Klimaforschung. Wissenschaftler können darüber hinaus tiefgehendere Einblicke in verschiedene naturwissenschaftliche Forschungsbereiche erhalten.

Hat sich der berühmte „arktische Winter“ durch den Klimawandel verändert?
Auch heute noch ist der arktische Winter kalt. Vielleicht liegt auch gerade darin das Verständnisproblem für Außenstehende. Entscheidender ist aber, dass während des Sommers inzwischen mehr Eis abtaut als im Winter nachwachsen kann. Und je weniger Eis vorhanden ist, desto schneller erwärmt sich die Region. Hinzu kommt, dass die strenge Kälte später einsetzt und offenbar früher abnimmt. Die Auswirkungen sind gravierend.

Die Entdeckung des Südpols ist zwei Abenteurern zu verdanken
"Im gesamten arktischen Raum lassen sich die Klimaveränderungen nahezu überall ablesen"

Amundsen setzte bei seiner Expedition zum Südpol Skier und Schlittenhunde ein, Scott zählte auf motorisierte Schlitten und Ponys. Welche Fortbewegungsmittel werden heutzutage bei einer Südpolexpedition eingesetzt?
Man muss zwischen wissenschaftlichen und sportlich orientierten Expeditionen unterscheiden. Erstgenannte setzen auf modernste Technologie, als da sind Motorschlitten, Pistenbullys, Flugzeuge, Eisbrecher etc. Die anderen versuchen dagegen meist mit einem Minimum an Technik auszukommen. Deshalb sind sie nicht weniger professionell. Die Philosophie ist völlig unterschiedlich. Mit Ski und Hundeschlitten unterwegs zu sein, ist die beste Art, mit der polaren Landschaft zu verschmelzen. Zuviel Technik schafft Distanzen und das trügerische Gefühl der Beherrschbarkeit. Aber wissenschaftliche Expeditionen haben ja auch eine andere Mission zu erfüllen. Hunde sind heute übrigens aus Gründen des Naturschutzes in der Antarktis nicht mehr gestattet.

Welche technischen Orientierungshilfen standen Scott und Amundsen damals zur Verfügung und welche Hilfsmittel nutzen Sie für Ihre Expeditionen?
Die frühen Polarexpeditionen haben sich mittels Kompass, Sextant und künstlichem Horizont orientiert. Gemessen wird der Winkel eines Gestirns zum vermeintlichen Horizont. Mit diesem Wert und der genauen Uhrzeit geht man in Tabellenwerke und muss schließlich rechnen. Bis Ende der achtziger Jahre war das auch die einzige verlässliche Möglichkeit, seine Position zu bestimmen. Das Verfahren ist nicht ganz einfach, erfordert navigatorisches Verständnis und Erfahrung. Ich selbst habe noch während meiner Nordpol- und Südpol-Expedition auf dieser Art und Weise navigiert. Bei der Südpol-Expedition hatte ich das erste mobile GPS-Gerät dabei. Es waren aber noch nicht alle Satelliten verfügbar, somit war das Verfahren noch mit großer Unsicherheit behaftet. Heute nutzen alle Expedition GPS, wodurch leider aber auch die Navigation zur Banalität verkommt.

Doku-Serie auf Discovery Geschichte: „Im Wettlauf mit Scott und Amundsen“
Ohne Schutzkleidung hätte man keine Überlebenschance

Es wird unterschieden zwischen dem geografischen Südpol, dem magnetischen Südpol und dem Pol der Unzulänglichkeit. Scott und Amundsen erreichten den geografischen Pol. Worin liegt der Unterschied zwischen den drei Kategorien?
Wenn wir vom Nordpol oder Südpol sprechen. meinen wir meist den geografischen Pol. Es ist der Punkt, an dem alle Längengrade zusammenlaufen und an dem es nur eine Himmelsrichtung (beim Nordpol Süden) sowie eine Tageszeit (mittags) gibt. Die Sonne beschreibt hier in 24 Stunden einen Bogen, ohne dabei ihre Höhe zu verändern. Der magnetische Pol hingegen ist einer ständigen Wanderung unterzogen, d.h. er verändert seine Position. Nach ihm richten sich die Kompasse aus und deshalb wird seine Position auch immer wieder neu bestimmt. Dieses Magnetfeld ist sogar täglichen Schwankungen unterworfen. An ihm beträgt die Inklination (das Abwärtszeigen) der Kompassnadel 90°. Unter dem Pol der relativen Unzugänglichkeit versteht man den Punkt, der von den Randgebieten am weitesten entfernt liegt.

Woher wussten beide, an welchem der Pole sie sich befanden? Existierten anfangs des 20. Jahrhunderts bereits präzise Landkarten vom Südpol?
Amundsen hatte mit immer neuen astronomischen Standortbestimmungen sichergestellt, dass sie sich wirklich auf 90° südlicher Breite befanden. Seine Messungen sind sehr präzise durchgeführt worden. Scott, der etwa vier Wochen nach Amundsen am Südpol ankam, fand ein Zelt mit einer Nachricht von Amundsen am Pol vor. Er hat den Weg dorthin mit der gleichen navigatorischen Sorgfalt gefunden wie sein norwegischer Kontrahent. Die Positionsbestimmung am Südpol konnte er sich theoretisch sparen – die Arbeit hatte ihm Amundsen abgenommen.

Wie lange kann es ein Mensch ohne den Schutz eines Gebäudes am Südpol aushalten?
Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Er braucht Schutzkleidung, ein Zelt, einen Schlafsack, ausreichend Nahrung, Brennstoff sowie Erfahrung. Wir haben bei unserer Antarktisdurchquerung 92 Tage ohne großen Probleme im Freien gelebt. Aber ohne Schutzkleidung etc. hätte man keine Überlebenschance.

Worin liegt Ihre persönliche Faszination am Südpol und am „ewigen Eis“?
Für meine Begriffe ist es eine unglaublich ästhetische und schöne Landschaft. Wenn man gelernt hat, mit der Kälte umzugehen und seinen Frieden mit ihr gemacht hat, dann öffnet sich der Blick für das Wesentliche. Ich empfinde weder die Landschaften im hohen Norden noch im Süden als Bedrohung – ich fühle mich dort zu Hause. In gewisser Weise wohne ich dort.

Discovery Geschichte zeigt ab Sonntag, dem 27. Mai 2007 jeweils sonntags um 21.10 Uhr die fünfteilige Dokumentarserie „Im Wettlauf mit Scott und Amundsen“. Die Reihe zeigt, wie britische und norwegische Polarforscher auf den Spuren Scotts und Amundsens zu einem Wettlauf durch das ewige Eis des Südpols aufbrechen.

Die fünfteilige Dokumentarserie „Im Wettlauf mit Scott und Amundsen“ auf Discovery Geschichte
„Im Wettlauf mit Scott und Amundsen“ ab 27. Mai auf Discovery Geschichte
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