Viel Nähe im Job ist angebracht: Korrekter Umgang mit den Kollegen

Verhältnis zu Kollegen am wichtigsten

Kollegen werden zu Freunden, Freunde vielleicht zu Feinden. Lesen Sie hier, wann wie viel Nähe im Job angebracht ist.

Kollege oder Freund? Manchmal sind die Grenzen fließend. Wie viel Nähe im Job ist gut und karrierefördernd? Von welchem Zeitpunkt an kann Ihnen fehlende Distanz zum Verhängnis werden?

So ein Zufall! Mit Ihrem Chef verbindet Sie nicht nur das Engagement für die Firma, sondern auch die Leidenschaft für den Golfsport. Kein Wunder also, dass Sie an einigen Tagen mehr Zeit mit ihm als mit Ihrer Freundin verbringen. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup haben ungefähr 60 Prozent der deutschen Arbeitnehmer einen Freund innerhalb der Firma, den sie auch privat treffen. „Es gibt sogar Studien, die belegen, dass viele Männer lieber in der Firma als zu Hause sind“, erklärt Dr. Mirjam Gollenia, Management-Coach aus Hamburg.

Zudem spielen gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle: Waren Männer früher in soziale Netze wie Familie und Vereine eingebunden, definieren sie sich bei steigenden Scheidungsraten und zunehmender Individualisierung immer häufiger hauptsächlich über ihren Beruf. Die Folge: Arbeitskollegen werden in zunehmendem Maße auch für Freunde gehalten. „Ein Irrtum“, sagt Gollenia. „Echte Vertraute gibt’s im Job nicht, zumindest nicht auf einer Hierarchie-Ebene. Denn ein Kollege kann nur mein Freund sein, wenn er mir beruflich nicht gefährlich werden kann“, so die Psychologin.

Tipp: Verwechseln Sie Zusammenarbeit nicht mit Freundschaft. Sich zu duzen ist heute oft Standard, kein besonderer Vertrauensbeweis.

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Wer Nähe im Beruf gar nicht zulässt, der kann die Karriere abhaken. Denn der Grundpfeiler beruflichen Erfolges, die Kommunikation, läuft fachlich und emotional ab. Ist ein Mitarbeiter auf dem Emotions-Ohr taub, hat das Folgen: „Dieser Mensch wird vom Flur-Funk ausgeschlossen und nur die nötigsten Informationen erhalten. Wichtige Netzwerke bleiben für ihn unzugänglich“, sagt Gollenia.

Es kann sogar noch schlimmer kommen: Wer lieber teamuntaugliche Arbeitskraft als arbeitskräftiges Team-Mitglied ist, hat dauerhaft keine Chance in einer Firma. „Kollegen und Mitarbeiter symbolisieren die Unternehmenskultur. Und wer sich in einer Kultur nicht wohl fühlt, wird oder muss langfristig einen Wechsel in Kauf nehmen. Es zählt also das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz.“

Tipp: Werden Sie Team-Player, aber meiden Sie Body-Checks. Erzählen Sie das Notwendigste aus dem Privatbereich (Familienstand, beruflicher Werdegang), um nicht zum Mysterium zu werden. Meiden Sie aber Details, ziehen Sie klare Grenzen. Wer (zu) oft aus dem Privatleben erzählt, macht sich angreifbar.

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Wie weit sollte das Vertauen zu den Kollegen also gehen? Und wie finden Firmen-Neulinge den goldenen Weg?

„Wichtig ist, vom ersten Tag an offen zu sein. Jedoch sollte jeder selbst überprüfen, wie viel Nähe er eigentlich zulassen möchte“, so die Diplom-Psychologin. Die Probezeit ist ein guter Zeitpunkt, sich mit den Geflogen-heiten auch in puncto Nähe vertraut zu machen. „Der größte Fehler ist oft, zu schnell Nähe erzwingen zu wollen. Manche Kollegen brauchen eine Gewöhnungs-phase, könnten sich bedrängt fühlen. Andere interpretieren zu viel Vertrautheit möglicherweise als Oberflächlichkeit“, warnt Gollenia.

Doch es muss nicht unbedingt zu Problemen kommen. Männer halten häufig intuitiv die richtige Distanz zu Kollegen und Vorgesetzten. Laut Gollenia verdanken sie dies ihrer Erziehung und Teamsportarten, in denen sie vor allem zwei Dinge lernen: Der Torwart ist genauso wichtig wie der Stürmer. Aus diesem Grund neigen Männer auch seltener zu Selbstzweifeln als Frauen. Sie tragen ihren Teil zum Resultat bei und werten die Leistungen nicht unterschiedlich.

Und zweitens: Nicht jeder in der Mannschaft muss mein bester Freund sein. Natürlich möchten auch Männer beliebt sein, sie sehen es allerdings nicht als persönliche Niederlage an, wenn Sie mit dem einen oder anderen Kollegen nicht klarkommen.

Tipp: Eine Golfpartie mit dem Chef ist kein Problem, solange sich die Gespräche tatsächlich nur um den Beruf und das Hobby drehen. Ihr Vorgesetzter wird die Distanz zu schätzen wissen, denn für ihn bedeutet ein vertrautes Verhältnis zu einem Mitarbeiter erschwerte Gehalts- und Beurteilungsgespräche. Sollte er Sie also zu einer Golfpartie einladen, nehmen Sie dankend, halten allerdings in jeder Beziehung stets eine Schlägerlänge Distanz.

Nähe im Leid

Sie haben private Sorgen. Wohin damit?

Sie leiden unter der Trennung von Ihrer Ex, Ihre Arbeitsleistungen sinken rapide. „Private Probleme gehören grundsätzlich nicht in die Firma. Ausnahmen sind Trennungen, Scheidung und Tod. In diesen Fällen ist eine kurze Information ratsam, Diskussionen aber sind tabu“, so Gollenia.

Wenn Sie einem Kollegen mehr erzählt haben, als Ihnen im Nachhinein lieb ist, kehren Sie sofort zur Normalität zurück. Sollte der Kollege Ihnen weitere Unterstützung anbieten, danken Sie ihm und erklären, dass alles okay ist. „Frauen würden dieses Verhalten als Zurückweisung empfinden und es eventuell übel nehmen. Männer können mit dieser Situation gut umgehen.“

Tipp: Sie haben ein ernsthaftes privates Problem? Dann geben Sie Ihrem direkten Kollegen eine kurze Information. So können Sie auch kurzfristige Leistungsabfälle erklären.

Nahverkehr

Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert. Aber jetzt. Sie haben sich in Ihre Kollegin verliebt.

„Über die Konsequenzen einer Firmen-Affäre muss man sich genau im Klaren sein, denn oft bleibt ein schlechter Nachgeschmack. Die Kollegen grinsen, und die Vorgesetzten wittern Unruhe“, sagt Gollenia.

Anders sieht die Sache aus, wenn sich eine ernsthafte Beziehung anbahnt. Testen Sie das aber erst mal in aller Diskretion aus. Sobald Sie ganz sicher sind, bekennen Sie sich zueinander, um der Gerüchteküche den Garaus zu machen. Damit zeigen Sie auch in diesem Bereich, wo Sie die Grenze ziehen, und machen sich gegenüber den Kollegen nicht angreifbar.

Tipp: Auch wenn es spießig klingt: Mit dem Grundsatz „Sex tabu – Ehe nicht ausgeschlossen“ sind Sie im Berufsleben auf der sicheren Seite. Auch für feste Beziehungen gilt: Privates gehört ausschließlich in den privaten Bereich. Also weder küssen in der Kantine noch fummeln im Fahrstuhl. Denn selbst wenn Sie miteinander verheiratet sind, sehen Kollegen und Chefs Intimitäten nicht so gern – zumindest nicht vor 17 Uhr.

Testen Sie sich selbst

Kennen Sie eines der folgenden Szenarien? Dann sind Ihnen Ihre Kollegen bereits zu nah.

  1. Ihr Freundeskreis besteht fast ausschließlich aus Arbeitskollegen.
    Gefahr: Bei einem Jobwechsel verlieren Sie Ihr gesamtes soziales Umfeld.
  2. In Ihrer Partnerschaft kriselt es, weil Sie sehr viel Zeit bei der Arbeit und mit den Kollegen verbringen.
    Gefahr: Ihre Partnerin fühlt sich vernachlässigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich in eine Kollegin verlieben, steigt.
  3. Sie kennen Ihre Kollegen besser als Ihre Freunde. Auch private Probleme besprechen Sie mit Arbeitskollegen.
    Gefahr: Durch Ihr Vertrauen können Sie jederzeit zum Spielball der Kollegen werden.
  4. Die Angst den Job zu verlieren ist für Sie mehr eine Angst vor der Einsamkeit als vor der Arbeitslosigkeit.
    Gefahr: Mit dem Job verlieren Sie die einzige Möglichkeit, sich zu identifizieren.
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