Kräuterschnaps: Verdauungshilfe oder Suchtmittel?

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Kräuterschnaps im Fokus

Warum schwor Opa auf seinen Kräuterbitter? Unter uns: Weil er nicht nur geholfen, sondern auch verdammt gut geschmeckt hat

Getränke wie Underberg oder Jägermeister waren lange Zeit nur in „Hausapotheken“ unserer Eltern oder Großeltern zu finden. Bis irgendwann der Zeitgeist umschlug und Jägermeister zum Kult-Drink avancierte.

Und in der Folge entdeckte man, dass Kräuterspirituosen schmecken. Bitter zwar, aber immerhin. Und sie wirken, anders als andere Hochprozentige. Schließlich sind hier jede Menge Kräuter vereint, die, in ausgetüftelten Rezepturen zusammengemischt, auch den Zweck erfüllen, gut zu tun, insbesondere nach dem Essen.

Wobei ansonsten natürlich gilt: Die Kräuterspirituose, die mir am nächsten ist, ist auch die beste. Regionale Branntweine wie etwa der Eifel-Vulkan, ein „feiner Edelkräuterlikör zum Anzünden“ aus der Vulkaneifel, oder der Düsseldorfer Killepitsch sind handwerklich hergestellte Spezialitäten mit langer Tradition.

Aber kann eine auf Kräutern basierende Spirituose eigentlich nur zum Einsatz kommen, wenn einem zuvor zwischen Magen und Darm etwas liegen geblieben ist? „Nein, Kräuterspirituosen können ein echter Genuss sein“, sagte ein Mitglied unserer Redaktion, nachdem er in Budapest unlängst den Unikum entdeckt hatte. Gleichzeitig empfahl mir ein junger Saar-Winzer den luxemburgischen Bluff nicht als Medizin, sondern als vorzüglichen Digestif.

Medizin und mehr: Traditionsreiche Kräuter

Schon im Mittelalter wurden Kräuterspirituosen vielseitig verwendet, und das ist bis heute so. Doch was verbirgt sich hinter den geheimen Rezepturen?

Die zumeist kleinen Hersteller trutzen der Globalisierung, wenngleich auch sie ihre Kräuter längst nicht mehr in eigenen Gärten und umliegenden Wäldern pflücken, sondern als getrocknete und konservierte Ware bei großen pharmazeutischen Unternehmen kartonweise bestellen. Manche von ihnen stellen den Äthylalkohol, in dem die Kräuter ausgelaugt werden, noch selbst her – aus landwirtschaftlichen Rohstoffen wie Kartoffeln, Getreide oder Rüben. Andere, wie viele Klöster, sind allein für die Kräutermischungen verantwortlich. Diese werden in Säcken an einen Spirituosenhersteller gegeben, der sie dann mit Wasser und Zucker in reinem Alkohol tränkt, um die Wirk- und Geschmacksstoffe aus den Kräutern herauszulösen.

Die Schnaps-Bibel

Bis heute werden die mitunter über Jahrhunderte ausgefeilten Rezepturen der unzähligen Kräuterspirituosen dieser Welt streng geheim gehalten. Als Ausgangsstoffe für die Kräuterspirituosen können alle Teile einer Pflanze dienen: Wurzeln, Rinden, Blätter, Früchte oder Blüten.

Der "Wüstenfeld" („Trinkbranntweine und Liköre“, Berlin und Wien 1931), bis heute das Spirituosen-Standardwerk, berichtet detailliert über die Wirkungen der zur Erzeugung von Kräuterspirituosen verwendeten Kräuter und Drogen. Die Herausgeber unterscheiden so genannte ätherische Öldrogen von Bitterstoffen und abführenden Stoffen. 

Öldrogen, dazu zählen etwa Zitrusschalen, Kamille, Kümmel, Wachholder und Zimt, sind demnach unter anderem appetitanregend, verdauungsfördernd, Krampf und Schleim lösend sowie harn- und windtreibend. Auch den Bitterstoffen – Bitterkräutern und -hölzern sowie Rinden – wird eine appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung zugesprochen. Bei den abführenden Stoffen versteht sich die Wirkung von selbst.

Verdauungshilfe oder Suchtmittel?

Die Hersteller bewerben ihre Produkte als „bekömmlich“, „beruhigend“ oder „verdauungsfördernd“. Mit diesen bundesrepublikanisch-liberalen Zuständen könnte demnächst Schluss sein. Die EU-Kommission fordert nämlich, so Martin Kieffer, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure e.V. in Bonn, „dass alle gesundheits- und nährwertbezogenen Angaben bei Lebensmitteln einer Präventivgenehmigung bedürfen“. Aus Verbrauchersicht macht es Sinn, dass alles, was behauptet wird, auch wissenschaftlich belegbar sein muss.

Tatsächlich enthalten die ätherischen Öle vieler Pflanzen Bitterstoffe, die die Produktion von Magen- und Gallensäften anregen. Daher wird schweres Essen schneller verdaut. Ein Effekt übrigens, der sich auch „mit frischen Kräutern und Gewürzen wie beispielsweise Thymian, Zitronenmelisse oder Kümmel“ erreichen lässt, „wenn diese direkt dem Essen beigegeben werden“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Claudia Thienel. Sie spricht dem Alkohol eine weitaus bedeutendere Rolle bei der Verdauung zu als den Kräutern, weil er für eine vermehrte Salzsäureproduktion im Magen sorgt.

Lassen wir die Legenden außen vor, dann erfüllen Kräuterspirituosen, ob nun als Bitter (Spirituose mit vorherrschend bitterem Geschmack), Likör (Spirituose mit einem Mindestzuckergehalt von 100 g/l) oder Geist (Destillat von unvergoren in Äthylalkohol gemaischten Früchten), heute in erster Linie nur den einen Zweck, nämlich gut zu schmecken.

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