Stimminterpretaion: Krankheiten am Klang erkennen

Schnupfen
Ihre Stimme gibt oft frühzeitig Aufschluss über Ihre Krankheit

Wer auf den Sound seiner Stimme ebenso aufmerksam achtet wie auf den seines Autos, weiß immer, ob er krank ist

Wie es um Ihren Hals steht, kann man oft schon an der Stimme erkennen – die meisten Halskrankheiten haben nämlich ihren ganz eigenen Klang. Man muss lediglich lernen, die Töne richtig zu deuten, das Gehör zu schärfen. Also haben wir einen Crashkurs entwickelt: Fragen Sie sich, nach wem Ihre Stimme am ehesten klingt. Mit der Antwort kommen Sie der Diagnose näher.

Sie klingen wie Ernie Reinhard als Sex-Beraterin Lilo Wanders
Was Ihnen fehlt: Wenn sich Ihre Stimme bei Halsschmerzen sehr nasal anhört, haben Sie vermutlich eine durch Viren ausgelöste Halsentzündung. Der nasale Klang beweist, dass Ihre Nase nun einen Schnupfen ausbrütet.

So sieht es in Ihrem Hals aus: Der gesamte Rachenraum hinter Ihrem Zäpfchen ist gerötet.
So fühlt es sich an: Trocken und kratzig. Es kann zu einem periodisch auftretenden, stechenden Schmerz kommen.
Gegenmaßnahmen: „Zunächst sollten Sie es mit Omas Hausmittelchen probieren“, erklärt Professor Henning Hildmann, HNO-Spezialist aus Bochum. „Also einen warmen Schal umlegen und Tee trinken.“ Manche empfinden auch kalte Getränke oder Eis als angenehm. Wenn Sie wegen des Schnupfens viel durch den Mund atmen, trocknen die Schleimhäute aus und verschlimmern dadurch noch die Lage. „Besonders nachts kann man dann auch mal ein Nasenspray benutzen“, sagt Hildmann.

Und Lutschtabletten? „Wenn man das Gefühl hat, dass sie helfen, dann sollte man sie ruhig nehmen.“ Bei massiven Symptomen können Sie laut Hildmann zwei Tage lang Tabletten mit den entzündungshemmenden Wirkstoffen Paracetamol oder Diclofenac nehmen. Die Gefahr von Nebenwirkungen ist bei kurzer Einnahmezeit nicht so groß; Sie sollten trotzdem abwägen, ob die Tabletten tatsächlich nötig sind. Antibiotika helfen bei viralen Infektionen nicht.

Sie klingen wie Joe Cocker, wenn er „Sail away“ röhrt
Was Ihnen fehlt: Sie haben eine Laryngitis – Ihr Kehlkopf ist entzündet. Die Ursache könnte eine Reflux-Krankheit sein. Wenn der Magen zu viel Säure produziert oder sein Eingang nicht richtig schließt, kann vor allem im Liegen ätzender Mageninhalt in die Speiseröhre laufen. Zehn Prozent der Betroffenen haben dennoch kein Sodbrennen, bei ihnen ist Heiserkeit das einzige Symptom. Die Ursache könnte aber auch eine Infektion sein.
So sieht es in Ihrem Hals aus: Ziemlich normal, möglicherweise ist der Rachen weit hinten ein bisschen gerötet.
So fühlt es sich an: In den meisten Fällen haben Sie dabei kaum Beschwerden.
Gegenmaßnahmen: Sie müssen das Grundproblem Reflux beheben, Entzündung und Halsschmerz heilen dann von selber aus. Der Arzt kann Protonenpumpenhemmer verschreiben, die die Säureproduktion im Magen hemmen. Das beeinträchtigt Ihre Verdauung allerdings nicht, denn die Säure ist zum Abtöten eingedrungener Erreger da. Bei der heutigen Lebensmittelqualität kommen Sie aber auch mit weniger Magensäure aus. Wenn Erreger an der Halsentzündung schuld sind, lassen Sie heißes Wasser verdampfen – feuchtwarme Luft beruhigt die Stimmbänder. Sie sollten wenig sprechen, nicht flüstern. Dauert die Heiserkeit länger als vier Wochen, müssen Sie unbedingt zum Arzt.

Sie klingen wie das Krümelmonster: „Ich will Keeeeekse“
Was Ihnen fehlt: Für die extrem tiefe und rauhe Stimme können Knötchen auf den Stimmbändern verantwortlich sein. Derartige Wucherungen stammen oft von einer Überbeanspruchung der Stimme, dauerhaft unökonomischer Sprechweise oder einer Entzündung.
So sieht es in Ihrem Hals aus: Wie Sie sehen, sehen Sie gar nichts – Ihr Arzt schon. Unter lokaler Betäubung des Rachens untersucht er Kehlkopf und Stimmbänder mit einem gebogenen Spiegel.
So fühlt es sich an: Wie immer, Sie merken von all dem kaum etwas.
Gegenmaßnahmen: Einige der Knötchen bilden sich nach einer Stimmschulung beim Logopäden von selbst wieder zurück, andere dagegen müssen operativ entfernt werden. Wenn Sie jedes Mal nach längerem Reden heiser werden, ist das ein Zeichen für falsche Stimmnutzung, die Sie für die Knötchen anfällig macht. Müssen Sie beruflich singen oder viel reden, sollten Sie ganz bewusst auf Gesprächspausen achten, viel trinken und Kaugummi kauen, um den Hals stets feucht zu halten. Meiden Sie möglichst Klimaanlagen.

Sie klingen wie Herbert Grönemeyer, wenn er singt
Was Ihnen fehlt: Haben Sie einen Kloß verschluckt? Ursache kann das Pfeiffer-Drüsenfieber (auch „Kuss-Krankheit“) sein. Auslöser ist das Epstein-Barr-Virus, das durch Speichel übertragen wird und lymphatisches Gewebe im gesamten Körper angreifen kann.
So sieht es in Ihrem Hals aus: Alles ist knallrot. Die Mandeln sind stark geschwollen und darüber hinaus mit flächigen, hellgrauen Belägen überzogen.
So fühlt es sich an: Ihr Rachen ist wund, und das Schlucken tut sehr weh. Sie haben Fieber und fühlen sich richtig krank. Die Lymphdrüsen am Hals (direkt unter dem Unterkieferknochen) sind geschwollen, die in den Achselhöhlen und in der Leistengegend vermutlich auch. Weil beim Pfeiffer-Drüsenfieber in vielen Fällen auch Leber und Milz geschwollen sind, kann der Bauch sehr druckempfindlich sein.
Gegenmaßnahmen: Weil Bakterien häufig die geschwächte Abwehr nutzen und die Mandeln angreifen (Superinfektion), werden meistens Antibiotika verschrieben, obwohl es sich um eine Virusinfektion handelt. Ampicillin ist allerdings tabu, weil es beim Pfeiffer-Drüsenfieber oft einen schweren Hautausschlag auslöst. Das Lutschen von Eis und entzündungshemmende Schmerzmittel verschaffen Linderung. Solange die Milz geschwollen ist, sollten Sie sich vor Stürzen in Acht nehmen, weil es dabei zum Milzriss kommen kann. Wenn Sie die akute Infektion überstanden haben, sind Sie gegen weitere Infektionen immun.

Sie klingen so wie sonst auch
Was Ihnen fehlt: Bei starkem Halsschmerz ohne auffällige Stimmveränderung könnte es sich um eine Mandelentzündung handeln. Wenn Viren die Ursache sind, kommt in vielen Fällen dann noch eine Superinfektion (eitrige Mandelentzündung) hinzu. Und wenn Sie Ihre Mandeln nicht mehr haben, infizieren sich die Seitenstränge, also das lymphatische Gewebe hinter den Mandeln.
So sieht es in Ihrem Hals aus: Die Mandeln sind stark gerötet, häufig vergrößert und weisen weiß-gelbe Stippen auf.
So fühlt es sich an: Das Schlucken tut sehr weh, Sie haben Fieber und fühlen sich ziemlich elend. Bei starker Schwellung der Mandeln kann es zu einem Engegefühl im Hals kommen.
Gegenmaßnahmen: Heiße Getränke und entzündungshemmende Medikamente helfen. Ist die Entzündung nach zwei Tagen noch nicht abgeklungen, sollten Sie zum Arzt gehen, er wird Antibiotika verschreiben. Gönnen Sie sich Ruhe. Wenn eine eitrige Mandelentzündung nicht richtig ausheilt, kann es zu Komplikationen kommen – zum Beispiel Abszesse an den Mandeln, die im ungünstigsten Fall zu einer tödlichen Blutvergiftung führen können. Relativ häufig kommt es zu einer nachfolgenden Nierenentzündung, darum sollten Sie zwei Wochen nach Absetzen der Antibiotika Ihren Urin untersuchen lassen. Entfernt werden Mandeln bei Erwachsenen nur dann, wenn über Jahre hinweg mindestens zweimal im Jahr eine Entzündung auftritt.

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