Belgischer Modeschöpfer: Kris van Assche

Kris van Assche, Chefdesigner von Dior Homme im Interview
Kris van Assche ist Chefdesigner von Dior Homme

Wer sich in der Modewelt behaupten will, der braucht mehr als nur Talent – so wie Kris Van Assche. Der Modeschöpfer hatte eine Menge Mut, etwas Glück und eine tolle Oma

Der belgische Modemacher wurde 1976 in Londerzeel geboren. Nach seinem Abschluss in Fashion & Design an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen arbeitete er zunächst als Design-Assistent von Hedi Slimane bei Yves Saint Laurent. Zwei Jahre später wechselte er als Senior Assistent zu Dior Homme und gründete im September 2004 sein eigenes Label in Paris. Van Assche lenkt seit 2007 als Creative Director die Geschicke von Dior Homme und lancierte im Juni seine 17. Kollektion für das französische Luxus-Label.

Herr van Assche, Sie wurden in einem Dorf mit 20 000 Einwohnern geboren, gingen auf eine katholische Schule und wurden konser­vativ erzogen. Wie aufregend war Ihre Kindheit?
Überhaupt nicht! Ich habe die Schule nie gemocht. Ich erinnere mich daran, dass viele Leute meinten, ich sollte die Zeit genießen, denn es wäre die beste Zeit meines Lebens. Ich dachte nur, oh Gott, wenn das die beste Zeit meines Lebens sein soll ...

Hat diese Langeweile vielleicht gerade Ihre Krea­tivität entfacht und beflügelt?
Ja, natürlich. Ich glaube, die Langeweile stimuliert die Neugier. Und sie fördert den Willen, herauszufinden, was man gegen die Langeweile tun kann.

Was haben Sie getan?
Ich habe mir Modemagazine besorgt. Langeweile brachte mich dazu, zu träumen, zu fantasieren und mir vorzustellen, was in der Welt da draußen los ist.

 

Die Präsentation der aktuellen Dior Homme Kollektion
Während der Präsentation von Dior Hommes aktueller Kollektion untermalte das Paris Scoring Orchestra die Runway-Show

Sie haben mit sieben Jahren festgestellt, dass ­Kleidung nicht im Schrank wächst. War das der Moment, als Sie beschlossen, Designer zu werden?
Es war der Moment, in dem ich damit angefangen ­habe, Fragen zu stellen: Aus was besteht meine Kleidung? Warum ist mein Shirt gelb, wenn ich Gelb gar nicht so gern mag? So etwas in der Art. Erst wollte ich Maler werden, weil ich einfach gern gemalt habe.Dann aber habe ich festgestellt, dass Mode ein Beruf ist, ab da gab es dann keine Zweifel mehr.

Mit 18 sind Sie auf die Modeschule in Antwerpen gegangen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Meine Oma hat mir bei der Fertigstellung der Entwürfe geholfen. Das Handwerkliche wie zum Beispiel Nähen war nie wirklich mein größtes Talent. Darauf kam es damals auf der Akademie aber auch nicht an.

Worauf denn dann?
Dir wird beigebracht, deine eigenen Ideen zu präsentieren. Und wie du es schaffst, dich mit den richtigen Leuten zu treffen. Die Akademie ist also auch so etwas wie ein Realitäts-Check.

Können Sie das bitte genauer erklären?
Das bedeutet, dass ich nicht hier bin, um Kleidungsstücke herzustellen. Darin sind andere Leute talentierter. Die Hauptsache ist es, ganz genau zu wissen, wie ein Entwurf letztlich aussehen soll. Es geht nicht darum, alles zu können. Du musst herausbekommen, was du selbst am besten kannst, und dann die Leute finden, die das können, was dir fehlt. Ich habe auf der Akademie viel über das wahre Leben gelernt.

Was denn zum Beispiel?
Wenn du einen Traum hast, dann lebe ihn aus. Gehe immer weiter. Finde Leute, die dir beibringen, was du nicht kannst, oder Menschen, die diese Arbeit für dich übernehmen. Finde einen Fotografen, der deine Arbeiten fotografiert, finde einen Grafiker, der deine Layouts erstellt. Arbeite nach der Schule, um Geld zu verdienen – damit deine Entwürfe Realität werden.

Runway-Looks aus der Herbst-Winter-Kollektion 2016 von Dior Homme
Runway-Looks aus der Herbst-Winter-Kollektion 2016 von Dior Homme

Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger: Talent und Glück oder eher Motivation und Bestimmung?
Am besten wäre es, alle vier Eigenschaften zu besitzen. Es wäre vermessen zu behaupten, nur die Berufung würde reichen. Ebenso ist es mit dem Glück. Der Richtige muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Wenn es um Mode geht, ist Paris nicht der schlechteste Ort. Haben Sie die Stadt sofort gemocht?
Gar nicht. Paris war die einzige Stadt, in die ich nicht gehen wollte. Ich sprach kaum Französisch – weil ich im flämischen Teil Belgiens aufgewachsen bin. Ich war früher schon öfter hier, zum Beispiel um belgischen Designern backstage ein wenig unter die Arme zu greifen. Aber es fühlte sich für mich nicht richtig an.

Sie haben an der Akademie Damenmode studiert. Wie sind Sie zur Herrenmode gekommen?
Das war Zufall. Ich hatte bis dahin wenig darüber gewusst. Zu dieser Zeit gab es einen von 50 Studenten, der Herrenkonfektion studiert hat. Ich stand kurz vor meinem Abschluss und wollte einfach nur einen Job bekommen. Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben. Dann bekam ich die Chance als Praktikant im Bereich Männermode bei Yves Saint Laurent.

Hat Ihnen dieser Job gefallen?
Ich dachte, es würde langweilig werden. Aber obwohl ich dort Krawatten und Socken designen sollte, war es etwas, dass ich nicht einfach so abtun konnte. Und es war eine Möglichkeit, das eigene Netzwerk zu erweitern. Letzten Endes bin ich dann bei Dior gelandet.

Sie waren zunächst Assistent bei Dior, haben dann erfolgreich Ihr eigenes Label gegründet und sind anschließend als Creative Director zu Dior zurückgekehrt. Hand aufs Herz: Hatten Sie Angst, diesen Job bei Dior zu übernehmen?
Na klar! Natürlich war das angsteinflößend. Viele meiner Freunde haben mir davon abgeraten. Aber ich war nicht naiv und wusste, was auf mich zukommen würde. Auf der einen Seite wollte hier niemand, dass ich genauso weitermache wie bisher, weil ich dann nur kopieren würde. Auf der anderen Seite wollte aber auch niemand, dass ich etwas verändere, weil es erfolgreich lief. Letztlich ist aber auch klar, dass einem ein solcher Job nicht oft angeboten wird. Für mich hieß es also reinspringen und versuchen, nicht zu ertrinken.

Werden Sie eigentlich auf der Straße erkannt?
Das ist unterschiedlich. In China sind die Fashion-Kids so verrückt – die kommen nur zu den Shows, um mich zu sehen. In Paris ist es dagegen unterkühlter, da die Franzosen nicht so personenbezogen sind, wie ich finde. Dort gerate ich gar nicht erst in solche Situationen.

Haben Sie eigentlich einen Bodyguard?
Nein, ich brauche keinen. Das ist auch eine Frage, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert.

Stört es Sie, wenn Leute Sie ansprechen?
Wenn ich in Japan oder China bin oder eine Show in Paris zeige, dann bin ich auch in der Stimmung und für jeden verfügbar. Wenn ich jedoch beim privaten Mittagessen darauf angesprochen werde, wie man mir am besten einen Lebenslauf zukommen lassen kann, dann reagiere ich nicht immer unbedingt angemessen.

Können Sie auch mal richtig aus der Haut fahren?
Sicher, na klar!

Was treibt Sie denn in den Wahnsinn?
Böse Überraschungen. Ich bin ein Organisationstalent und sehe mich als ständig verfügbar an, wenn es Probleme gibt. Wenn also meine Assistentin Probleme mit der Produktion hat oder Fabrikate zu spät geliefert werden, dann bin ich dafür da, um eine Lösung zu finden. Geht aber etwas schief und ich wurde zu spät informiert, dann drehe ich durch. Denn ich mag es nicht, wenn ich keinen Handlungsspielraum mehr habe. Ich habe keine Angst vor Problemen, aber ich muss in der Lage sein, Lösungen finden zu können. Gibt es diese Möglichkeit nicht, ist es schlecht um mich bestellt.

Gibt es etwas, das Sie dann runterbringt?
Mein Privatleben. Und mein Team hilft mir natürlich auch die meiste Zeit dabei, nicht auszuflippen.

 

Die neue Dior-Homme-Boutique in Düsseldorf ist deutschlandweit der ertse Monolabel-Store
Die neue Dior-Homme-Boutique in Düsseldorf ist deutschlandweit der ertse Monolabel-Store

Was bedeutet Reichtum für Sie?
Freiheit! Die Freiheit der Wahl. Die Wahl, das zu tun, was ich möchte. Dort zu sein, wo ich sein will. Das Arbeiten in der Luxusartikel-Branche ist ein Privileg. Vor allem in harten Zeiten finde ich es wichtig, dass wir ­eine andere Version der Welt gezeigt bekommen. Das gibt den jungen Menschen Anlass zu träumen, das stimuliert und prägt einen. Ich bin das beste Beispiel.

Also kann Mode einem Menschen Hoffnung geben?
Es klingt vielleicht ein wenig kitschig, aber ich denke, dass es so ist. In ähnlicher Weise wie es Kino, Musik oder die Kunst allgemein tun.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Kollektion vor?
Für mich beginnt jede neue mit der vorangegangenen Kollektion. Sommer folgt auf Winter – das ist der natürliche Lauf bei Dior Homme. Ich überlege, was mir an der Winter-Kollektion gefallen hat und was weniger. Was ich wieder so machen würde und was eher nicht. Ich nehme mir nach jeder Show ein paar Tage, um die Anmerkungen und Kritiken, die ich gehört habe, zu verarbeiten. Ich verschwinde dann aus Paris und schaue, was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist. Es kommt vor, dass ich eine Farbe oder eine Silhouette im Kopf habe, von der ich nachhaltig begeistert bin. Das ist alles rein intuitiv, ich weiß nicht, woher das kommt. Erst danach beginnt für gewöhnlich meine eigentliche Forschung, indem ich Bücher lese und mir Bilder und Filme anschaue. Daraus wachsen dann die Ideen.

Forschen Sie nicht im Internet?
Was das betrifft, bin ich sehr altmodisch und möchte die Bücher in den Händen halten. Meine Assistenten sind dagegen eher digital eingestellt.

Sie sprachen davon, Kritiken zu verarbeiten. Welche Art des Lobes wollen Sie gerne hören?
Wenn mir jemand schreiend erklärt, wie umwerfend er dieses oder jenes findet, dann nehme ich das nicht sehr ernst. Ich mag Anmerkungen, von denen ich auch etwas lernen kann. Das gilt übrigens auch für Kritiken.

Versuchen Sie manchmal, sich in einem stillen Moment in Monsieur Dior hineinzuversetzen?
Nicht auf spirituelle Weise. Ich habe aber jedes Buch, das über ihn geschrieben wurde, mehrmals gelesen. Es geht für mich darum, in respektvoller Art und Weise zu versuchen, seine Ästhetik aufzugreifen. Denn ich finde, dass Mode viel aus einem Menschen macht.

Erläutern Sie uns das bitte.
Wer besser aussieht, fühlt sich besser, präsentiert sich besser, findet vielleicht einen besseren Job und vielleicht einen tolleren Partner. Ich mache keine Mode für Männer, die sich verkleiden wollen, um sich als jemand zu präsentieren, der sie gar nicht sind.

Wenn Sie Christian Dior heutzutage eine Frage stellen könnten, welche wäre das?
Ich würde wohl fragen: „Ist es okay, was ich mache?“

Seite 3 von 4

Sponsored SectionAnzeige