Ahoi, Dalmatien!

Sagena Motorsegler
Auf großer Fahrt an der Ostadria – mit der Sagena

Gehen Sie mit uns auf Kreuzfahrt – mit nostalgischen Motorseglern an der kroatischen Ostadria.

Die Sonne hat mich geweckt. Sternklare, milde Sommernächte sind viel zu schade, Dalmatien in der Koje zu verschlafen. Um mich herum ist das Deck der „Sagena" noch quatschnass vom Tau. Kein Wölkchen steht am Himmel. Kein Wind haucht über die blaue Adria. Das schroffe Küstengebirge in der Ferne, das Dalmatiens mediterranen Uferstreifen wie eine mächtige Wand vom rauen Balkanklima abschottet, liegt noch im silbrigen Morgendunst. Das garantiert wieder einen heißen, sonnigen Sommertag.

Montag – oder schon Dienstag? Egal. Vertraute Empfindungen für Zeit und Raum zerfließen an Bord der „Sagena" wie Butter im Backofen. Weltnachrichten erreichen uns nun auch nicht mehr, seit Hans sich von seinem plärrenden Radio verabschiedet hat. Zur Freude aller 26 Passagiere. Die bunt zusammengewürfelte Truppe lässt sich einfach davon treiben. Manövriert von Ivo und Teo, den beiden jungen Kapitänen ohne Goldknöpfe und Bordüren an der Livree. Auf ihrem klassischen Zweimast-Motorsegler, wo überflüssiger Luxus die zwanglose Gemütlichkeit nur unnötig stören würde, dringen wir täglich ein Stück tiefer ein in die Dalmatinische Inselwelt. Sigrid ist schon zum vierten Mal mit der „Sagena" auf Tour, und jedes mal hat sie weniger Gepäck mitgebracht. Nicht nur, weil die 13 ziemlich engen Kabinen keinen Raum für große Abendroben lassen. Zum Versinken in legere Urlaubstage reichen T-Shirt, Shorts, Sonnenhut und Badeanzug völlig aus. Das Sonnendeck des hölzernen „Oldtimers" ist dafür mit 100 qm umso großzügiger gestaltet. Nach alten Plänen wurde die modern ausgestattete „Sagena" erst 1991 gebaut.

Wenn die Schiffsglocke läutet, wird es wohl halb Eins sein. Mittagessen im Salon vor Anker in der Wildnis einer unbewohnten, namenlosen Felsenbucht von Brac, Mljet, Hvar oder Korcula. Mit seiner Pasticada (mariniertes Rindfleisch in Pflaumensoße) übertrifft Ante sich selbst. Frühmorgens sieht man den ambitionierten Kochkünstler Taschen voller Obst und Gemüse vom Markt in die winzige Kombüse schleppen. Dalmatiens kulinarischen Genüsse kommen stets frisch aus heimischen Gärten und Meer. Nur der Wein, die köstlichen Salzsardellen, zarter Dalmatinischer Rohschinken und der pikante Schafskäse brauchen Zeit zum Reifen. Es ist leicht abzusehen, dass ich braungebrannt und kugelrund aber glücklich von Bord gehen werde.

Bewegung tut gut, und Schwimmen erfrischt. Schwärme von bunten Jungfischen ziehen durch das glasklare, warme Wasser. An ockerfarbenen Steinen haften schwarze Seeigel, Muscheln und violette Schnecken. Hummer und Krebse halten sich in den dunklen Felsspalten und Höhlen verborgen. Ich schnorchle über einem versunkenen Gebirge, dessen poröse Karstgipfel über 1000 zerklüftete Inseln und Riffe aus dem Wasser ragen.

Vom Nachmittag bis zum nächsten Morgen hat die Zivilisation uns wieder. An uralten Kulturstätten, von gewaltigen Festungsmauern gesäumt, flanieren wir auf blankem Kopfsteinpflaster durch die engen Gassen von Trogir, Split, Makarska, Bol und Hvar, trinken hausgemachten Wein vor der Kulisse schmucker Renaissance-Paläste, prunkvoller Kirchen und einfacher Fischerhäuser aus weißem Kalkgestein. Seit der Antike haben sich viele Eroberer an dieser Küste eingerichtet. Die Griechen brachten ihr die ersten Rebstöcke und die Olivenbäume, von denen sich Römer, Byzantiner, Venezianer und Österreichern bedienten. Dalmatien war nie ein Ort, der Weltgeschichte schrieb. Wer diese Küste besaß, nutzte sie als Militärstützpunkt, Handelsplatz und Garten. Aristokraten, Kriegshelden und Kirchenfürsten ließen sich feudale Sommersitze in lauschige Buchten bauen. Hotels und Ferienhäuser sind ihre neuen Nachbarn. Unzählige malerische Buchten, menschenleer, ohne Straße und ohne Weg, sind nur vom Wasser her erreichbar. An Deck der „Sagena" erleben wir Dalmatien so von seiner ursprünglichen Seite. Die sah vor 500 Jahren wohl nicht viel anders aus, als hier noch die schwer beladenen Koggen venezianischer Kaufleute mit kostbaren Waren aus dem Orient vorbeizogen, immer auf der Hut vor Piraten.

Seit vier Jahrzehnten sind die Kreuzfahrten auf nostalgischen Motorseglern, die einst Oliven und Wein bis nach Triest und Venedig brachten, ein beliebtes Ferienangebot an der Ostadria. Wie leicht verderblich die Ware Tourismus ist, bekamen auch die dalmatinischen Schiffseigner, kleine private Familienbetriebe, ab 1991 mit dem Zerfall Jugoslawiens bitter zu spüren. Heute ist Dalmatien mit seinen Regierungsbezirke, Zadar, Sibenik-Knin, Split-Dalmatien und Dubrovnik-Neretva in den kroatischen Staat integiert. Dessen Grenzen sind seit dem Friedensabkommen von 1995 sicher, und damit kehren nun jedes Jahr mehr Urlauber an ihre alten Stammplätze zurück.
Erstaunlich, wieviel hier inzwischen für die Verbesserung der Infrastruktur getan wurde. Überall konkurrieren nun renovierte Hotels und Ferienanlagen, neue Läden, Restaurants, Cafébars und Sportangebote aller Art. Auch die Eigner der kleinen Kreuzfahrtschiffe haben ihre „Oldtimer" flott gemacht, aufwendig modernisiert und verschönert. Die „Sagena" ist zur Freude von Ivo und Teo jetzt wieder die ganze Saison über fast ausgebucht. Dalmatien darf aufatmen, es geht voran.

Gedanken am Morgen im Hafen von Korcula. Es wird Zeit, mich aus dem Schlafsack zu schälen. Im pittoresken Inselstädtchen, das sich als Geburtsort des Asienreisenden Marco Polo (1254-1324) rühmt, sind die Leute schon früh auf den Beinen. Dalmatiner begrüßen den neuen Tag mit Espresso und Plausch in der Cafébar. Dort verrät Aljosa mir auch eine alte Volksweisheit: „Wenn du den Finger ins Meer tauchst, bist du mit der ganzen Welt verbunden." Nichts könnte treffender die in leidenschaftlicher Liebe zur Heimat verankerte Weltoffenheit der Dalmatiner beschreiben.

Auf der „Sagena" haben Mile und Borac bereits die Leinen eingeholt. Unser nächstes Ziel ist die Insel Mljet. Kommst du nach Mljet, wirst du dich verlieben, heißt es. In ihrem Herzen birgt die Nationalpark-Insel ein kleines Naturwunder. Zwei von dichten Pinienwäldern eingerahmte Seen schlummern tags im monotonen Konzert der Zikaden. Nach Sonnenuntergang meldet sich die Nachtigall zu Wort. Glühwürmchen schwirren lautlos durch die Dunkelheit. Mit dem Pendelboote setzen wir über zur Klosterinsel im größeren Veliko jezero. Die Bendiktiner haben sie längst verlassen. Ihr Geist haftet aber noch immer im wehrhaften Gemäuer aus den 12. Jh. Jetzt lassen sich Urlauber an diesem Platz bezirzen. Nur war es nicht Circe sondern die Nymphe Kalypso, die sich in Odysseus verliebte und ihn über lange Zeit in ihrem Zauberbann in einer Felsenhöhle an der Küste von Mljet festhielt. So hat es der griechische Dichter Homer geschrieben.

Auf unserer letzten Etappe nach Trogir ziehen die ersten dunklen Wolken mit einem frischen Wind über der Adria auf. Endlich stellt die "Sagena" ihre ganze stolze Pracht unter vollen Segeln zur Schau. Am liebsten wäre ich noch eine Weile an Bord geblieben und mit gen Norden, ins Kornaten-Archipel gefahren. Kalypsos Liebeszauber wirkt wohl noch immer in ganz Dalmatien.

Autor: Susanne Sachau

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