Endspurt: Lachen oder weinen?

Ankommen ist alles
Ein einziger Gedanke bahnt sich ins Bewusstsein: Nur noch drei Kilometer

Auf den letzten Kilometern fällt die Entscheidung. Durchhalten und Zähne zusammenbeißen

Die 30-Kilometer-Marke rückt näher. Auch bei Oliver und Dirk zwickt es jetzt in den Beinen. Angst macht sich breit. Es ist schwer einzuschätzen: Ist es nur Ermüdung oder kündigen sich etwa Krämpfe an? Bis Kilometer 32 hält Oliver mit Dirk mit, dann lässt er sich an einer Steigung zurückfallen. Nur kein Risiko eingehen, jetzt, da er schon so weit gekommen ist.

Auf den letzten sieben Kilometern wird es schwer, es geht stetig bergauf. Viele Läufer stehen am Rand, stützen sich erschöpft auf ihre Oberschenkel. Dirk stöhnt: "Mein Gott, Essen liegt doch nicht in den Alpen!" Inzwischen ist Kai dem Gipfelerlebnis schon nah, im Blick den Teufelslappen, der den letzten Kilometer ankündigt. Seine Zielmarke von 3 Stunden ist hier schon abgelaufen. Aber er ärgert sich nicht, als er schließlich in 3:09:55 Stunden finisht: "Ich habe mir ein schönes Geburtstagsgeschenk gemacht, bin die beste Zeit seit zwölf Jahren gelaufen."

Als Kai den Kopf senkt, um sich die Medaille um den Hals hängen zu lassen, kämpft Oliver noch immer gegen Steigungen, Schmerzen und Schweinehund. Bei Kilometer 35 schießt es ihm durch den Kopf: So weit bin ich im Training gelaufen, jetzt beschreite ich Neuland. Er hangelt sich von Kilometer zu Kilometer, versucht das Tempo anzuziehen. Vergeblich, die Beine lassen sich nicht mehr kontrollieren. Dann Kilometer 39. Der Erschöpfungszustand macht ihn fertig, doch ein einziger Gedanke bahnt sich den Weg in sein Bewusstsein: Nur noch drei Kilometer! Was sind drei Kilometer, wenn man das 13-fache schon gelaufen ist? "Drei gehen immer", sagt er keuchend.

Die Formel wirkt wie eine Droge, sie blendet alle Schmerzen aus. Und dann kommt es, das Ziel, das Gejohle der Zuschauer, die anfeuernden Worte des Einlauf-Sprechers. "Ich kann bis heute nicht beschreiben, wie mir da zu Mute war", sagt Oliver. "Sollte ich lachen oder weinen?" Er macht beides gleichzeitig, reißt beim Zieleinlauf die Arme hoch. Sein Blick geht hinauf zu der digitalen Zeitanzeige unter dem Zieltorbogen: in 3:31:28 Stunden von Dortmund nach Essen.

Stolz und Schmerz

Aus der Masse löst sich ein vertrautes Gesicht: Dirk, der rund fünf Minuten vor Oliver die finale Zeitmessmatte überquert hat – nach 3:26:11 Stunden. Eine kurze Umarmung, dann werden Prioritäten gesetzt: jetzt erst mal ein alkoholfreies Weizenbier. Die beiden reihen sich in die Schlange ein, dann stößt Kai mit einem leeren Becher in der Hand dazu: "Auf einem Bein kann man nicht stehen", sagt er und grinst. Sein Fazit: "Ein toller Lauf, vom Erlebniswert her irgendwo zwischen dem New-York-Marathon und dem Rennsteiglauf."

Was hat der Mann schon alles erreicht, und trotzdem ist er ein bisschen neidisch auf Oliver und Dirk, als sie auf seinen Geburtstag anstoßen: "Denkt dran, Leute, euren ersten Marathon werdet ihr niemals vergessen – die Schmerzen gehen vorbei, doch der Stolz bleibt."

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