Reportage: Lastenräder im Test

Lastenräder für Kinder im Fahrtest
Lastenräder Bullit, BAKFIETS.NL und Cargoo im Fahrtest

Lastenräder werden immer häufiger als Transportmittel für Kinder eingesetzt. Doch was können sie und wie fahren sie sich? Unser Mitarbeiter Pablo hat 3 Modelle gefahren. Eine Reportage

Lastenräder sind derzeit auch abseits von Hamburger Schanze und Berliner Prenzlberg hipp – und das aus guten Gründen. Sie sind vor allem mit Elektroantrieb eine Alternative zum Auto in der Stadt. Zwar sind sie mit Preisen zwischen 1000 bis 5000 Euro deutlich teurer als herkömmliche Fahrräder. Doch der hohe Anschaffungspreis ist angesichts hoher Spritkosten schnell rausgefahren. Und der ausbleibende Stress der täglichen Parkplatzsuche: Unbezahlbar!

Auch der Umweltaspekt kann sich sehen lassen: Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fand heraus, dass ein Lastenrad, das täglich 20 Kilometer im Cityverkehr genutzt wird im Vergleich zu einem kleinen Auto bis zu 800 Kilogramm CO2 im Jahr einsparen kann.

Die Lasträder im Test

Ein sonniger Samstagmorgen: Ideal, um mich als Lastenradanfänger zu outen. Ich bin mit Lars Wichmann von Velogold in Hannover, einem Händler für so genannte Cargobikes, verabredet. Mit von der Partie: meine beiden Töchter Ella (4 Jahre) und Sophie (8 Monate), die als Versuchskinder herhalten.

Lars empfängt uns gut gelaunt und führt durch seinen Laden und die Werkstatt, in der er ausschließlich an Lastenrädern tüftelt. Er erklärt uns die grundlegenden Unterschiede zwischen den zwei- und dreirädrigen Modellen. Dazu später mehr…

Zunächst juckt es mich in den Füßen: Ich will aufs Rad und mich selbst von Familien-)Alltagstauglichkeit und Spaßfaktor der Lastenräder überzeugen.

Lastenrad für Kinder: das Bullit
Der Sportwagen unter den Lastenrädern: Der Bullit

Der Bullit

Ich entscheide mich also als erstes für den Bullit-Flitzer und nehme Platz im Sattel. „Der Sportwagen unter den Lastenrädern“, wie Lars es ausdrückt. Sieht schick aus. Dann geht es endlich los. Die Anfahrt gestaltet sich ziemlich wackelig und die ersten Meter sind eine Herausforderung. Relativ schnell macht’s  laut „klick“ in meinem Kopf und es ist tatsächlich so, wie Lars gesagt hat: „Ein zweirädriges fährt sich wie ein normales Fahrrad“. Die erste Runde um den Block ist viel zu schnell vorbei, also häng ich eine zweite dran – diesmal mit meiner Tochter Ella vorne in der Transportbox. Auch mit einem Kind dabei lässt sich das Rad noch gut beherrschen und ich fühle mich fast wie auf meinem geliebten Rennrad. Die Schaltung läuft sanft und rund. Schon nach wenigen Metern feuert mich Ella an: „Los Papa, gib mal Gas!“ Sie ist offenbar auf Anhieb überzeugt.

Lastenräder für Kinder im Fahrtest: Backfiets.nl
Das E-Bike unter den Lastenrädern: Das Backfiets.nl

Das BAKFIETS.NL

Als nächstes wird das BAKFIETS.NL  mit E-Antrieb unter die Füße genommen. Optisch erinnert mich der tiefe Einstieg an das Hollandrad meiner Frau. Ich bin skeptisch und nehme Platz. Ella wird auf der kleinen Sitzbank in der Transportkiste angeschnallt und dank der optionalen Babyschalen-Halterung kann ich auch Sophie bequem mitnehmen. Ab geht die – schnelle – Fahrt. Schnell, weil der 250Watt-Vorderradmotor sofort anzieht, nach bequemer Betätigung über den Daumenregler. Dadurch wird die Anfahrt erheblich erleichtert, weil man rasch genug Schwung hat und gar nicht erst wie bei solch schweren Rädern üblich ins Schlingern gerät. Das Bakfiets.nl fährt sich sehr entspannt und gleitet dank E-Antrieb quasi mühelos über dem Asphalt. Insgesamt überzeugt mich das Fahrrad.

„Kein anderes Fahrzeug ist im Alltag eine so tolle Erleichterung wie ein Lastenrad. Erst recht, wenn es motorisiert ist. Man fährt viel häufiger und weiter, als man sich je vorstellen konnte – ganz sicher“, meint Lars. „Auch nach einem Jahr noch bekommen wir Schnappschüsse aus dem Alltag unserer Kunden mit Lastenrädern“.

Lastenräder für Kinder im Fahrtest: Cargoo
Das Dreirad unter den Lastenrädern: Das Cargoo

Das Cargoo

Der Dritte im Bunde ist das dreirädrige Lastenbike namens „Cargoo“ der Marke „Winther“. Es wirkt schon optisch sperriger als die beiden anderen Räder und das macht sich auch beim Fahren bemerkbar: Die Anfahrt ist abenteuerlich, ich komme keinen einzigen Meter voran. Die Transportkiste schlägt nach links und rechts aus und ich bin fast davor aufzugeben. Immerhin, einen Vorteil hat der Cargoo beim Anfahren: Die drei Räder halten das „Cargoo“ sicher am Boden, umkippen ist also nicht. Schließlich nehme ich doch noch Fahrt auf. Es geht langsam voran und das Fahrgefühl ist ungewohnt.

Da meine Tochter vorne ,,im Gepäck“ dabei ist, fühle ich mich auf offener Straße etwas unsicher. Gerade wenn viel Verkehr ist, kann das zu einem wackligen Fahrstil führen, zumindest bei ungeübten Lastenradlern. Es klappt nach der ersten Runde um den Block zwar schon deutlich besser und auch dieses Lastenrad lässt sich mit ein bisschen Übung (relativ) schnell und entspannt beherrschen – aber mir reicht die eine Runde auf dem „Dreirad“.

Mein persönliches Fazit: Ich entscheide mich persönlich für die Familienkutsche von Bakfiets.nl. Es war nicht nur bequem, sondern auch schnell und wendig – ideal für den Wochenendeinkauf oder einen spontanen Ausflug zum Spielplatz. Es fährt sich nach ein- bis zwei Runden wie ein ganz normales Fahrrad. Pluspunkt: Der E-Antrieb vereinfacht die Anfahrt auch für Ungeübte und die elektrische Unterstützung macht sich gerade bei Steigungen und dem Gewicht von zwei Kindern als „Last“ schnell bemerkbar. Zwar kann das Bullit mit einer unschlagbaren Optik punkten, fährt sich akkurat und lässt sich gut kontrollieren. Die (leicht) nach vorne gebeugte Körperhaltung ist mir auf Dauer allerdings etwas zu sportlich, gerade mit voller Transportbox.

Das dreirädrige „Cargoo“ landet für mich auf dem letzten Platz. Die Anfahrt ist nichts für unsichere Anfänger – das Fahrgefühl war mir zu ungewohnt und der benötigte Körpereinsatz erheblich. Auch das langsame Vorwärtskommen überzeugt mich nicht. Das große Beförderungsvolumen kann aber der entscheidend Pluspunkt sein, falls häufig schwere Lasten oder mehr als ein Kind zu transportieren sind.

Die getesteten Modelle im Überblick

1. Das zweirädrige BAKFIETS.NL „Cargobike classic“ mit E-Antrieb

Bak(Kiste) + Fiets  (Fahrrad)= Bakfiets.nl, das Volksrad aus Holland. Lars: „Ein Klassiker in bester Verarbeitungsqualität für den rauen Alltag in der Stadt!“

  • Rahmen: Chrom-Molybdän Legierung, 3-fach pulverbeschichtet, in Belgien gefertigt und direkt bei bakfiets.nl in den Niederlanden produziert.
  • Schaltungsoptionen: 7-Gang Shimano Nabenschaltung serienmäßig / 8-Gang Shimano Nabenschaltung, NUVINCI 380 stufenloses Planetengetriebe
  • Bremsen:  Shimano Rollenbremsen IM81, vorne optional hydr. MAGURA
  • Beleuchtung: Shimano Nabendynamo, LED-Frontlicht, Rücklicht mit Standlichtfunktion

2. Das zweirädrige Bullit

Vorbild ist der Long John, Urvater aller Cargobikes auf 2 Rädern. Das Konzept aus den 30er Jahren wurde aufgegriffen und neu interpretiert. Leichtigkeit, HighTech-Konstruktionsdetails und qualitativ bestmögliche Komponenten gepaart mit einer ordentlichen Portion Style, kennzeichnen alle BULLITT® Modelle.

  • Rahmen: gehärtetes Aluminium
  • Gewicht: ab 24 kg
  • Maße: 2430 mm x 466 mm
  • max. Zuladung: 180 kg (inkl. Fahrer/in)
  • Felgen: Downhillfelgen mit 24mm Maulweite
  • Bremsen: SHIMANO / TEKTRO
  • Naben: SHIMANO / NOVATEC
  • Reifen: SCHWALBE Marathon / Marathon Supreme

3. Ein dreirädriges Lastenbike namens „Cargoo“, Marke „Winther“

1932 gegründet, gehört die Marke „Winther“ zu den ältesten Fahrradherstellern aus dem Mekka des Lastenrads - Dänemark. Angefangen hat die Firmengeschichte bei Schmied Anders Winther, der aus purem Spaß Lastendreiräder baute und dabei so erfolgreich wurde, dass er seine Leidenschaft zum Beruf machte.
Die Fahrräder von dem familiengeführten Unternehmen zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus: Sicherheit, Qualität und Design. „Unter den Dreirädern sind WINTHER und CHRISTIANIA absolute Premiummarken“, erklärt Lars.

  • Rahmen: Heck Aluminium, Front Stahl
  • Cargoobox: stoßfester, UV-beständiger ABS-Kunststoff
  • Schaltung: Nexus 7 / Alfine 8 / 8-Gang Kette  
  • Bremsen: vorne hydraulische Scheibenbremsen, hinten Rücktrittbremse (Nexus 7) / hydraulische Scheibenbremse
  • Bereifung: SCHWALBE Marathon 20"+26"
  • Sonstiges: Sattelschnellspannhebel  

Lastenräder ausprobieren

Die Frage, die sich idealerweise vor (!) dem Kauf eines Lastenrads stellt, ist die nach der Anzahl der Räder. So gibt es die sogenannten einspurigen (2 Räder) und die dreirädrigen Modelle. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Letztlich bleibt es wohl auch Geschmackssache.

Lastenräder probeweise ausleihen 

Es gibt in Deutschland schon mehr als ein Dutzend Städte, wo ein bis acht (Spitzenreiter Hannover mit acht Rädern) Lastenräder ausgeliehen werden können. Hier eine Übersicht mit allen Standorten

  • Einen praktischen Service bietet die Seite velogistics.net. Hier können Sie sich bundesweit und sogar über die Landesgrenzen hinaus Lastenräder ausleihen, die Konditionen müssen dabei mit dem jeweiligen Verfasser des Inserats besprochen werden. Die Nutzung der Seite ist bislang kostenlos.  Vorteil: Hier können Sie sich schnell einen Überblick über einzelne Modelle verschaffen und Ihren Favoriten zwecks Probefahrt leihen.
  • Bei kasimir-lastenrad.de kann ein Lastenrad sogar kostenlos geliehen werden, allerdings gibt es den Service bisher nur in der Stadt Köln.
  • Sie sind in Hannover unterwegs? Dann schauen Sie doch mal auf hannah-lastenrad.de vorbei. Bei der Initiative vom ADFC und dem Transportbikespezialist Velogold, können an derzeit 8 wechselnden Stationen, kostenfrei Lastenräder geliehen werden.

2 Räder vs. 3 Räder: Vor- und Nachteile

2 Räder:

+ schnell & flott
+ dynamisches Fahrverhalten
+ auch für längere Ausflüge gut
+ Verhältnis zwischen Ladefläche und Gesamtgröße
+ Gesamtbreite vielseitiger (z.B. Hoftore)
+ keine Kippgefahr in Kurven
+ sicherer Stand auf stabilem Ständer

- Es muss ein Ständer bedient werden
- bei Langsamfahrt wackeliger (wie normales Rad)
- etwas geringere Zuladung
- größerer Wendekreis

3 Räder:

+ sehr großes Ladevolumen
+ höhere Gewichtszuladung
+ bleibt selbstständig stehen
+ gemütliches, eher langsameres Fahren

- "mitschwimmen" im Verkehr nur bedingt möglich
- kann in Kurven umkippen
- aktiver Körpereinsatz nötig
- eher sperriges Fahrverhalten
- langsamer / höherer Energiebedarf
- breiter (Achtung z.B. in der Tordurchfahrt)
- meist schwerer als zweirädrige Modelle

Übrigens: Dänemark und Holland gelten als Hochburgen des Transportbikes und das zeigt sich auch in der Modellauswahl, denn „die qualitativ besten, meist ausgereiftesten Lastenräder kommen von unseren Nachbarn“, sagt Lars. Da der Lastenräder-Trend in Deutschland noch relativ neu ist, ist der Gebrauchtmarkt zumindest hierzulande noch überschaubar.

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