Psychologie: Macht positives Denken krank?

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Positives Denken kann unter Umständen krank machen

Erfolg, Gesundheit und Reichtum – alles nur eine Frage der Einstellung, glauben immer mehr Menschen. Ein gefährlicher Irrtum, meint dieser Psychotherapeut

Ob die Kündigung ins Haus flattert oder ob es Streit mit der Freundin gibt – die landläufige Trostdevise heißt: Denken Sie positiv! Es gibt nur wenige Fragen, bei denen sich vom Teeny bis zum Opa, von der Verkäuferin bis zum Manager alle einig sind: Positives Denken ist richtig, macht glücklich – und wer’s nicht kann, ist ein kranker, bemitleidenswerter Zeitgenosse.

Dies ist eine gefährliche Entwicklung, sagt Psychotherapeut Dr. Günter Scheich. Er behauptet: „Positives Denken macht krank.“ Wir haben ihn nach seinen Gründen gefragt.

Dale Carnegie’s „Sorge dich nicht – lebe!“, die Bibel des positiven Denkens, verkaufte sich allein in Deutschland zweieinhalb Millionen Mal. Die Botschaft ist also populär – aber ist sie auch wahr?

Scheich: Das Versprechen, das in Büchern wie diesem liegt, ist verführerisch: Mit wenig Aufwand kann man alles erreichen. Wer nur fest genug an sein Ziel glaubt, der wird es erreichen. Und diesen Zielen ist kein Limit gesetzt: Ob Reichtum, Karriere oder Heilung von Krebs – laut Carnegie & Co. ist mit den richtigen Gedanken alles möglich.

Bezweifeln Sie, dass positiv denkende Menschen erfolgreicher und glücklicher sind?
Ja. Zu beruflichem und privatem Erfolg gehören immer auch Flexibilität, Lernvermögen und die realistisch-kritische Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt. Wer meint, positives Denken allein reiche dafür aus, so wie es Carnegie oder Joseph Murphy versprechen, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt.

Okay, aber was ist schädlich am positiven Denken?
Die Vorbeter des positiven Denkens gehen davon aus, dass man allein durch eine Umstellung des Denkens seine Psyche beeinflussen kann und damit auch sein Schicksal. Das ist nicht nur unwissenschaftlicher Humbug. Es verführt auch zu maßlosen, unreifen Wunschvorstellungen, Verdrängung von Tatsachen, unrealistischem Handeln und, wenn sich die Wünsche trotz intensiven positiven Denkens nicht einstellen, zu Versagensgefühlen oder gar schweren Depressionen.

Positives Denken kann also richtig krank machen?
Bei manchen meiner Patienten mit Depressionen, Ängsten oder psychosomatischen Krankheiten hat sich in der Therapie herausgestellt, dass mit verursachend und aufrechterhaltend für ihre Krankheit die allzu intensive Beschäftigung mit dem positiven Denken war. Negative Gedanken sind wichtig für die Psychohygiene. Wut und Ärger sind absolut notwendige Dinge, um sich selbst zu behaupten und die Seele zu entlasten.

Können Sie uns dafür mal ein Beispiel beschreiben?
Ein 47-jähriger, ehrgeiziger und erfolgreicher Industriemanager wurde zu mir überwiesen. Trotz langwieriger Behandlung wurden seine Panikattacken, Depressionen und seine chronische Bronchitis immer schlimmer. Es stellte sich heraus, dass er häufig an Seminaren über positives Denken teilnahm und viel darüber las. Die darin geforderte Grundhaltung „Alles ist machbar“ und „Du musst deine Gedanken immer kontrollieren“ hatten ihm regelrecht die Luft abgedrückt. Und dass nicht jede Situation eine Bewährungsprobe ist, man sich auch mal gehen lassen muss, das musste er erst wieder lernen. Damit besserten sich dann seine Symptome.Autoren wie Dale Carnegie beschreiben aber viele Erfolgsfälle.

Alles Lügengeschichten?
Diese Autoren führen nur Einzelfälle an, die immer nach demselben Schema konstruiert sind. Würden Wissenschaftler so vorgehen, lebten wir heute noch in der Steinzeit. Und Misserfolge kommen bei den Positivdenkern überhaupt nicht vor. Aus diesem Grund gehören Ihre Theorien ins Reich der Märchen.

Aber brauchen die Menschen nicht Optimismus?
Sicher, Menschen mit einer optimistischen Grundhaltung haben eine höhere Chance auf ein psychisch gesünderes, zufriedeneres Leben. Aber diese Haltung kann man nicht einfach so überstülpen wie einen Hut. Labilen Menschen, die generell eher zu solchen Büchern greifen, droht eine Identitätskrise bis hin zur Persönlichkeitsspaltung.

Wie viel Selbsthilfe ist denn überhaupt möglich?
Selbsthilfe ist nicht generell unmöglich, allerdings bedeutet es Arbeit. Eine realistische Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Stärken und Schwächen sowie seiner Umwelt kostet Zeit und ist häufig nicht schmerzfrei. Oftmals ist die Hilfe eines professionellen Psychotherapeuten notwendig. Beruflich, aber auch privat sind viele Leute heutzutage eher über- als untermotiviert. Lernpsychologische Studien beweisen, dass die mittelstark motivierten Mitarbeiter einer Firma die erfolgreichsten sind. Wer sich auch mal mit dem zufrieden geben kann, was er hat, ist einer positiven Lebenseinstellung näher als so manch dogmatischer Positivdenker.

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