Gefahr durch Tabletten: Mehr Vitamine – mehr Risiken?

Pillen-Fans gehen Risiken ein
Für jeden Nährstoff gibt es Pillen

Zusätzliche Vitaminpillen sind nicht unbedingt ratsam. Im Übermaß eingenommen, drohen Gesundheitsrisiken

Den ersten Schock verpasste den Pillen-Fans das Beta-Karotin. Während der in Fachkreisen renommierten Finnland-Studie zeigte sich zum Entsetzen der Forscher, dass die Tabletten Raucher nicht vor Lungenkrebs schützten. Ganz im Gegenteil: Bei den Tabletten schluckenden Rauchern traten 18 Prozent mehr Lungenkrebsfälle auf als in der Kontrollgruppe.

Auch Vitamin-E-Pillen hielten für die Mediziner böse Überraschungen bereit. Im Rahmen der bekannten HOPE-Studie untersuchte man, ob sie bei Herzkranken eine Verringerung der Infarktrate bewirken. Fehlanzeige! Stattdessen war das Risiko einer Herzschwäche bei den Pillenschluckern 13 Prozent höher. Weitere erschreckende Resultate: Hoch dosierte B-Vitamine plus Folsäure erhöhten die Rate von Herz-Kreislauf- Komplikationen bei Infarktpatienten um 20 Prozent. Bei Gesunden können sie Nervenschäden verursachen.

Zu viel Vitamin D lässt Organe verkalken und entzieht Knochen Calcium. Auch ein Übermaß einzelner Mineralien kann ernste Folgen haben: Inzwischen weiß man, dass ein niedriger Eisenwert weniger gefährlich ist als ein hoher (siehe Kasten, unten).

Auch Vitamin C ist keineswegs harmlos. Wer ständig sehr hohe Dosen nimmt, erhöht sein Risiko für Nierensteine, Herzinfarkt oder Schlaganfall. „Auch zur Vorbeugung von Krebs oder als Therapie-Unterstützung sollte man es keinesfalls schlucken“, warnt Professor Gudrun Zürcher, Ernährungsmedizinerin an der Uni Freiburg. „Manche Tumorarten lieben Vitamin C!“ Viele dieser Ergebnisse erklären sich damit, dass die Vitamine A, C und E zwar potente Radikalfänger sind, im Übermaß aber selbst zu Radikalen werden und genau die Schäden verursachen, die sie verhindern sollen.

Ab welcher Dosis Vitamine und Mineralien gefährlich werden, ist individuell und für jede Substanz unterschiedlich. Oft ist aber auch gar nicht bekannt, ab wann es heikel wird. Täglich ein Multi-Produkt zu nehmen (das meistens den empfohlenen Tagesbedarf an Vitaminen und Mineralien enthält) wird von den meisten Experten derzeit als unbedenklich angesehen. „Viele nehmen aber zusätzlich Einzelsubstanzen und landen dann bei Werten weit über ihrem Bedarf“, sagt Gudrun Zürcher. Mediziner Frank bestätigt: „Vor allem Sportler werfen viel ein.“ Hinzu kommen Produkte wie Frühstücksflocken, Jogurts und Säfte, die künstlich aufgemotzt sind, um sie als gesund anzupreisen. Vitamin C ist zudem als Säuerungs- und Konservierungsmittel verbreitet, Beta-Karotin ein beliebter Farbstoff. „Die Leute haben keinen Überblick, wie viel Vitamine und Mineralien sie schlucken“, ist Expertin Zürcher überzeugt.

Trügerische Sicherheit
Gefährlich sein kann auch die Illusion, nur mit den Pillen allein schon etwas für die Gesundheit getan zu haben und sich so weitere Gedanken über gesunde Ernährung sparen zu können. Die Pillen enthalten nämlich nicht alles, was echte Nahrungsmittel bieten. So ist zum Beispiel Beta-Karotin nicht etwa das beste der 650 Karotinoide, sondern nur jenes, das sich zufällig gut herstellen lässt. Auch Vitamin E ist eine ganze Substanzengruppe, nicht nur das Alpha-Tocopherol, das in den meisten Pillen steckt. Und was ist mit den sekundären Pflanzenstoffen, gesunden Fettsäuren, Ballast- und Bitterstoffen? Sie alle haben Wirkungen, beeinflussen sich und Vitamine in so komplexer Weise, dass man es wohl niemals bis ins letzte Detail durchblicken und schon gar nicht nachbauen kann.

„Der Nährstoffgehalt der Nahrung ist bei den meisten besser, als sie denken“, sagt Gudrun Zürcher. Auch die These, Getreide und Gemüse enthielten heute weniger Nährstoffe als früher, entbehrt jeder Grundlage. Aber Vitamin- und Mineralstoffpillen sind nicht grundsätzlich überflüssig. So lassen sich der hier zu Lande verbreitete Jodmangel und die B12-Unterversorgung bei vielen Veganern kaum anders verhindern als durch Pillen. Von Prävention und Therapie im Alleingang rät Ernährungs-Expertin Zürcher ab: „Lassen Sie die Finger davon!“

Wenn Sie auf Nummer sicher gehen möchten und noch Fragen zu Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln haben, wird Ihnen www.nutriinfo.de eine große Hilfe sein.

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