Jeans-Innovationen: Zu Gast im Denim-Wunderlabor

Ein Blick hinter die Kulissen bei Levi's

Wie entstehen neue Jeans-Kreationen und woher kommen die Inspirationen dazu? Zu Besuch im Levi’s Eureka Innovation Lab

In einer 2500 Quadratmeter großen, ehemaligen Getreidemühle treffen wir auf Bart Sights, den Leiter des Levi‘s Eureka Innovation Labs. Mit seinem 27-köpfigen Team entwickelt und testet Sights neuartige Stoffe, experimentiert, feilt an Jeans-Waschungen und kreiert die Trends von morgen. Dabei ist der Denim-Chefkoch ständig auf der Suche nach innovativen, neuen Jeans-Rezepten und nachhaltigen Herstellungsverfahren.

Jeans-Geschichte: Woher kommt das Blau?

In einem stattlichen Topf schwimmt eine dunkle Flüssigkeit und verströmt einen stechenden, süßlich-fauligen Geruch. „Das ist natürliches, fermentiertes Indigo" erklärt uns Sights. „Damit wurden die Jeans der ersten Stunde gefärbt, als sie noch als Waist Overalls bezeichnet wurden." Wärmelampen halten das Gebräu, die sogenannte Küpe, auf Temperatur.

Sights demonstriert anhand einer Jeans wie das Einfärben durchgeführt wird. Der 51-¬jährige Leiter der Entwicklung zieht eine Jeans aus dem Farbgefäß. Das Beinkleid hat vom Tauchbad eine fast neongelbe Färbung angenommen, um dann in einen strahlenden, kryptonitartigen Grünton zu wechseln, der sich schließlich während des Trocknens in das charakteristische Jeansblau verwandelt. „Indigopflanzen enthalten das sogenannte Indican, eine farblose Verbindung, die durch Gärung in Indoxyl umgewandelt wird. An der Luft oxidiert das ursprünglich gelbe Indoxyl dann, und es entsteht der tiefblaue Indigoton", klärt Sights uns auf.

Obwohl diese Methode heutzutage als ineffizient gilt, setzen die Eureka-Experten sie nach wie vor für ihre Farbforschung, zum Überfärben bestimmter Modelle und vor allem als Inspirationsquelle ein.

Sight führt uns aus dem Färbetrakt heraus, vorbei an Apparaten zum Testen von Reißfestigkeit und Haltbarkeit der Kleidungsstücke. In einer Reihe großer Industrie-Waschmaschinen drehen sich Trommeln, gefüllt mit bleichenden Enzymlösungen und Bimssteinen.

Wie wird eine Jeans traditionell hergestellt?

Die Jeans werden direkt an Mannequins genäht
Die Jeans werden direkt an Mannequins genäht

Auf einem großen Tisch wird eine Stoffbahn ausgebreitet. Eine junge Kollegin schneidet anhand von Schnittvorlagen die rund 20 Einzelteile einer Jeans zu, die dann wenige Meter weiter in der Näherei zur fertigen Hose zusammengenäht werden. „Das Eureka Lab ist eine Miniaturversion unserer großen Fabriken", sagt Sights. „Hier haben wir alles, um dir schnell ein komplettes Outfit von Kopf bis Fuß zu verpassen." So entsteht in nur wenigen Tagen oder, in besonders dringenden Fällen, auch schon mal in ein paar Stunden aus einer Idee eine fertige Jeans.

Sogar kleine Capsule-Kollektionen und Kooperationen wie mit den Online-Sstores Mr. Porter oder Unionmade werden im 2013 eingerichteten Backsteinbau von Hand hergestellt und teilweise direkt an den Kunden verschickt.

Wie entstehen die verschiedenen Jeans-Looks?

Um den begehrten Used-Look einer Jeans zu erhalten, muss man ihn sich erarbeiten – in zweierlei Hinsicht. Zum einen dauert es mehrere Monate, bis sich beim Raw-Denim, also dem jungfräulichen, steifen und ungewaschenen Jeansstoff, die ersten Tragespuren bilden, die der ehemaligen Workwear-Hose Charakter und eine faszinierende Farbtiefe verleihen. Zum anderen braucht es sehr viel Sachverstand und Erfahrung, um diese Effekte künstlich nachzuahmen.

Sights überreicht uns eine Jeans, an welcher der Zahn der Zeit auf wundervolle Weise genagt hat. Helle Stellen an den Knien deuten an, dass ihr Besitzer viel Zeit auf dem Boden verbracht haben muss. Feine Streifen an den Oberschenkeln, Whiskers genannt, kleine Risse und ausgebleichte Stellen haben ein Muster auf der Hose hinterlassen, das so einzigartig ist wie ein Fingerabdruck. „Die habe ich fünf Jahre lang getragen, ohne sie zu waschen", erzählt Sights. Denn „Je länger man Raw-Denim trägt, ohne ihn zu reinigen, desto mehr Indigo wird an den beanspruchten Stellen abgerieben und desto stärker fällt der Used-Look aus.
Auch wenn es sich vielleicht eklig anhört, eine Jeans muss nicht oft gewaschen werden – regelmäßiges Lüften reicht vollkommen. Das schont obendrein die Umwelt", fügt er hinzu

>>> Mit diesen Tipps waschen Sie Ihre Lieblings-Jeans richtig <<<

In Denim-blauem Reih und Glied
In Denim-blauem Reih und Glied

Jeans-Trends: So entsteht eine Jeans im Used-Look

Um ein abgetragenes Muster zu imitieren, benutzt Sights ungetragene, neue Jeans und stülpt diese über eine Art Gummibein. Auf einer hüfthohen Vorrichtung daneben, wird das getragene Modell platziert. Dessen Patina soll als Vorbild für das Finishing dienen.

„Wir lassen uns oft von alten Stücken aus dem Levi’s-Archiv oder von selbst getragenen Teilen inspirieren", sagt Sights. Es wird ein nahezu identischer Klon kreiert, indem die neue Jeans mit Schleifpapier, selbst gebauten Werkzeugen und routinierten Handgriffen bearbeitet wird.

Gefällt der Style, legen die Mitarbeiter dem Kleidungsstück ein detailliertes Rezept bei. Wie in einem Kochbuch ist darin minutiös dokumentiert, auf welche Weise das Aussehen der Jeans erzeugt und mit welchen Mitteln, Mengen und Temperaturen gearbeitet wurde.

Videos aus GoPro-Kameras, welche die Handarbeiten beim Schleifen und Veredeln aufzeichnen, dienen später in den großen Produktionsstätten als Anleitung für die Massenfertigung. Auf diese Weise werden pro Saison rund 1000 solcher Finishes in den unterschiedlichsten Waschungen und Used-Stufen im Eureka Innovation Lab hergestellt. Seine schönsten Waschungen und die eigens eingetragenen Modelle behält Sights. Sie hängen zu Hunderten unter der rustikalen, alten Holzbalkendecke entlang der Balustraden und werden immer noch eingesetzt.

Wenn Jeans-Geschichte zur Technologie wird

In einem kleinen, unscheinbaren Zimmer des nächsten Traktes wird deutlich, dass sich in diesem Gebäude traditionelle Handarbeit und moderne Forschung die Hand geben. Vor uns steht ein Hightech-Laser, der in James Bond-Manier sein Opfer (klar, eine Jeans) bearbeitet steht. Mit bloßem Auge erkennt man wenig, genau genommen nur, wie eine kleine Rauchwand am Bein einer Jeans entlangfegt. Mit diesem Präzisionslaser lassen sich nicht nur Tragespuren bis auf den Millimeter genau reproduzieren, sondern auch Logos, Fotos und Muster abbilden. Wenn gewünscht, kann Sights durch Hell-Dunkel-Schattierungen und gezielt gesetzte Linien dem Beinkleid einen Figur schmeichelnden Effekt mit auf den Weg geben.

„Die Lasertechnologie hat viele Vorteile. Sie erzielt auch bei modernen Denim-Mischungen mit einem hohen Stretchanteil absolut authentische Ergebnisse und belastet Mensch und Umwelt weitaus weniger als andere Verfahren“, betont Sights. Aus diesem Grund werden die Denims des „Water < Less“ Programms von Levi’s mit Ozongas in riesigen raumschiffähnlichen Maschinen aufgehellt. Diese Prozedur spart im Vergleich zu herkömmlichen Bleichmethoden bis zu 96 Prozent Wasser und jede Menge Energie und Chemikalien. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Veredelungsmethoden und Stoffen, die Ressourcen einsparen und den Bedürfnissen des Kunden entsprechen", betont Sights. So ist wasserfester und atmungsaktiver Denim schon lange ein fester Bestandteil der speziell für Radfahrer entwickelten Commuter-Linie.

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Wie sieht die Jeans der Zukunft aus?

Sights neuester Wurf sind Jeans-Modelle aus Dyneema, der stärksten weltweit verfügbaren Performance-Faser, welche die Haltbarkeit verdoppelt. Im Herbst 2017 wird Levi’s so richtig die Zukunft einläuten. In Kooperation mit Google hat das Jeanslabel den ersten interaktiven Denim am Start. Der Clou dabei: Das intelligente Textilgewebe erkennt Berührungen, Druck und die Position der Hand. So wird der Benutzer mit seiner Jacke das Smartphone bedienen können, um Anrufe entgegenzunehmen oder das Musikstück zu wechseln.

Auf dem Boden ausgebreitet entfaltet sich die Kreativität
Auf dem Boden ausgebreitet entfaltet sich die Kreativität

Beim Hinausgehen fallen uns ein paar Jeans auf, die auf dem Boden ausgelegt sind. Sie sind schmal geschnitten, im Used-Look gehalten und teilweise mit zerfetzten Knien. Ob da auch etwas Besonderes drinsteckt, wollen wir wissen. „Ohja: Rock’n’Roll!", erwidert Sights und setzt zu einem smarten Grinsen an: „Das ist die 505 C, eine überarbeitete und modernisierte Version der rebellischen 505."

Die wurde in den 1970ern von Punk-Ikonen wie den Ramones getragen und verhüllte Großes auf dem Cover des berühmten Albums „Sticky Fingers" der Rolling Stones. „Mich bei der auszutoben hat echt Spaß gemacht!", sagt Sights und verabschiedet sich damit von uns, um sich weiteren Ideen zu widmen, die Gold wert sind.

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