Mit dem Geländewagen durch die Sahara

Mit dem Geländewagen durch die Sahara

Von oben die Sonne und von unten der Sand. Unser Autor Jan Spielhagen über seinen Weg durch die Sahara

Tag 1: Rein ins Vergnügen

Unser Teamgeist war von Anfang an gefragt. Wir hatten uns gerade vorgestellt, als Jürgen aus Stuttgart erklärte, er habe seinen Pass zu Hause vergessen und beschlossen, wider den Empfehlungen der marokkanischen Behörden trotzdem die Einreise nach Nordafrika zu wagen. „Ich komme schon durch“, hatte er gesagt und war in den Flieger gestiegen. Bei der Passkontrolle in Marrakesch haben wir ihn in unsere Mitte genommen und vorbeigemogelt an den bewaffneten Beamten. Es hat geklappt.

Der Reisepass ist nicht das einzige Dokument, das eigentlich Voraussetzung ist für diese Tour. Man braucht auch einen Führerschein. Wir sind nämlich zum Autofahren hier. Genauer gesagt wollen wir in einer Karawane mit acht VW Touareg auf einem Rundkurs tief in die Sahara vordringen. Die Fans nennen diese Art des Autofahrens Offroad, was frei übersetzt Staubschlucken bedeutet.

Wenn man sich nicht auskennt, ist die Karte unerlässlich

Tag 2: An Marrakesch vorbei Richtung Atlasgebirge

Der Touareg, den Arne und ich bekommen, ist von außen silber, von innen bequem und sieht mehr nach einer Familienschüssel aus als nach der motorisierten Alternative zum Kamel. CD-Wechsler, Freisprechanlage, Airconditioning, im Kofferraum Feldbetten, Ersatzrad, ein 20-Liter-Kanister Wasser.

Als Extra gibt’s die harschen Instruktionen vom Tourleiter Matthias, fortan Sergeant Matthias. Über Funk lotst er uns an Marrakesch vorbei Richtung Atlasgebirge. Nach zwei Kilometern döst links der Route ein Dromedar.

Die Straßen durch den Atlas führen in engen Serpentinen zu den bis 4000 Meter hoch gelegenen Pässen hinauf. Es gibt keine Leitplanken, keine Fahrbahn-Markierungen, dafür Schlaglöcher und Abhänge. In den größeren Kurven stehen Souvenirverkäufer mit bunten Halsketten, gefälschten Mineralien und Fossilien aus Gips. Wer anhält, wird in Beschlag genommen. Jenseits des Passes sind die Touristenjäger plötzlich verschwunden. So weit kommt normalerweise kein Tourist – aber wir.

Von oben sieht der Atlas aus wie eine alte Indianerin. Rot, faltig und geheimnisvoll. Jenseits ihres Hauptes leuchtet uns zum ersten Mal die Sahara an. Wir biegen von der Straße ab auf eine Steinpiste. Im zweiten, dritten Gang drängelt sich die Kolonne an den Bergen entlang durchs Land. Die Sonne steht schräg, jeder Busch bekommt einen unwirklich langen Schatten, die Sonne gleißt durch die Scheibe in die Augen, bis die Nacht sie verscheucht.

Nach acht Stunden Fahrt und 277 Kilometern erreichen wir den Ort Kissane. In der Kasbah Teluet, einer Lehmburg aus dem 15. Jahrhundert, in der die Berber früher Schutz vor Feinden fanden und mit Tuaregs, Juden und Nomaden Handel trieben, essen wir zu Abend. Eine Gruppe weiß gekleideter Männer musiziert für uns. Es ist Ramadan, Fastenzeit der Moslems. Zeit der inneren Einkehr. Es gibt Gemüse und Lamm aus dem Steintopf.

Eine Dusche tut auch dem Wagen manchmal gut

Tag 3: Camp an der algerischen Grenze

Eben haben wir die letzte Dusche für mehrere Tage genossen. Es ist Punkt acht, und nach einem Fladenbrot und Pfefferminztee sitzen wir im Auto. Heute warten 180 Kilometer Piste auf uns. Die breiten Geländereifen schlagen souverän über die schwach sichtbaren Spuren längst vergessener Fahrzeuge. Es wird schnell heiß, und zum ersten Mal versiegt das Gespräch im Wagen. Aus dem Radio rauscht arabische Musik. Die Fenster sind hinuntergefahren, die Klimaanlage ist aus. Der Filter ist längst dicht, die Lüftung bläst nur noch roten Staub. Nach einem kurzen Tankstopp bekommen wir die Koordinaten unseres ersten Wüsten-Camps. Wir geben die Längen- und Breitengrad-Angaben ins Navigationssystem ein.

Ziel ist es, hier im Gelände eine befahrbare Route zu finden, auf der wir das Camp erreichen. Keine leichte Aufgabe. Immer wieder versiegen unsere Wege an unüberwindbaren Stellen. Mal an einem Fels, der uns den Weg versperrt, mal im Nichts. Vor uns in der Mittagssonne rekelt sich eine Hügelkette. Wir bewegen uns parallel, suchen ein Nadelöhr, um sie überqueren zu können. Seit drei Stunden fahre ich. Die Ausläufer der Hügelsenken sind von tiefen Furchen durchzogen. Vor jeder Furche muss ich das Tempo drosseln, runterschalten. Längst fahren wir mit der Geländeuntersetzung, den Wagen angehoben auf 240 Millimeter Abstand zwischen Blech und Boden.

Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Camp an der algerischen Grenze. Feuer flackert, ein paar sind schon da. Wer in der Nacht Licht und Wärme haben will, muss jedes Stück Holz einsammeln, das er sieht. Georg aus Hannover hat gleich den ganzen Stumpf einer Palme mit dem Bergungsseil abgeschleppt, was ihm den Namen Holz-Schorschi einbringt und unsere Stimmung löst.

Es gibt Nudeln, Rotwein, leise Gespräche über den Tag und die magische Kraftder Wüste. Dann kriecht uns die Kälte in die Knochen und die Müdigkeit in die Augen. Wir verschwinden in den Schlafsäcken. Hilde aus Hamburg, eine von drei Frauen im Team, ist die kalte Nacht nicht geheuer. Sie legt sich zwischen Arne und mich auf ihre Liege und zieht sich die Mütze über den Kopf. Schnell ist es still im Camp. Ich höre das Blut in meinen Adern. Und noch etwas. Hildchen schnarcht. Aber ganz leise.

Schatten-Spiele im Sand

Tag 4. Sandwüste

Endlich erreichen wir die Sandwüste. Keine Landschaft der Welt entspricht mehr ihrem Klischee. Beigefarbene Wellen aus Sand, dem der Wind symmetrische Muster aufgemalt hat. Ab und zu ein Busch, selten eine Palme. Hier kann man nur fahren, wenn man weiß, wie. Sergeant Matthias pfeift uns zusammen: „Sandfahren ist Kunst. Alles bis hierher könnt ihr vergessen. Und merkt euch: Wer durch den Sand kachelt, ist nicht mutig, sondern dumm.“

Wir reduzieren den Luftdruck in den Reifen von 3 auf 1,2 Bar, schalten das ESP aus, heben den Wagenboden auf die Maximalhöhe von 300 Millimetern, sperren Zentral- und Hinterachs-Differenzial. Im Sand müssen sich die Räder drehen. Immer.

Beim direkten Überfahren einer Dünenkante kann man viel falsch machen. Wer zu wenig Schwung mitnimmt, der bleibt auf der Kante sitzen. Die Vorderräder jenseits des Dünenrandes, die Hinterräder davor, das Bodenblech auf Sand: Dann muss dich ein anderes Team mit seinem Wagen bergen. Wer mit zu viel Schwung über die Kante stößt, sieht nur noch den Himmel, bis die Wagenspitze kippt, wieder in den Sand kracht und der Fahrer mit Wucht in seinen Gurt fällt.

Aber wer das Dünenfahren beherrscht, der landet mit dem Gewicht knapp jenseits der Kante, wo sich die Wagenspitze vornehm verneigt, sanft in den Sand taucht und die Fahrt weitergeht. Nach ein, zwei Stunden wissen die meisten, wie es geht. Und plötzlich tanzen acht Autos ihren metallischen Walzer durch die Dünen. Allein dafür lohnt sich die Reise.

Lebensart im Sand: Tee ist immer dabei

Tag 5: Besuch zwischen den Dünen

Wir werden von der Sonne geweckt. Nicht von ihrem Licht, von ihrer Wärme. Sobald sie sich am Himmel zeigt, steigt die Temperatur von nahe null auf zehn Grad. Dann wird es in den Schlafsäcken zu warm. Die Ersten schälen sich aus Baumwollmasken, Mützen und Schals, recken sich, bis jeder wieder weiß, wo er ist. Auf der nächsten Düne stehen drei Dromedare und glotzen mich genauso blöde an wie ich sie.

Die Tiere gehören einer Berberfamilie. Ein dunkelhäutiger Mann im bunten Rock mit Kopftuch, seine Frau im Wickelkleid, ein kleines Mädchen. Wir schenken der Familie Trinkwasser, dem Kind Bonbons. Sie revanchieren sich mit ihrer für uns so ungewohnten Anwesenheit, einigen Antworten auf Französisch und der Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen.

All das um halb sieben in der Frühe. Einer setzt Kaffeewasser auf, viele packen ihre Sachen, immer wieder sieht man jemanden mit der Schaufel in den Dünen verschwinden. Morgentoilette. „Kannst du mir den Kanister halten, ich will mir die Haare waschen.“ Natürlich kann ich. Hier in der Wüste bist du auf die anderen angewiesen, und sie auf dich. Aus Fremden werden Freunde für fünf Tage. Vielleicht für länger.

Das Frühstück besteht aus Brot, Käse, scharfer Salami. Dann kommen Sergeant Matthias und sein Briefing. Heute werden wir noch ein paar Stunden Sandfahren, später die Dünen verlassen. Wir steigen in die Autos, die uns längst so vertraut sind wie unsere Wohnzimmer. Jeder Griff sitzt. Und dann wieder Wüste. Für weitere 150 Kilometer.

Früh los, damit man vor der Mittagshitze angekommen ist

Tag 6: Der Anti-Atlas

Je mehr wir uns dem Anti-Atlas nähern, dem westlicheren Teil des Gebirges, der uns von Marrakesch trennt, desto mehr Menschen begegnen uns. Vor allem Kinder. Wo auch immer unsere Wagenschlange mit Staub und Lärm ihr Kommen ankündigt, rennen sie uns entgegen. „Monsieur, un stylo!“, rufen sie, oder: „Un bonbon!“ Einen Kugelschreiber, wenigstens ein Bonbon – das sind die Trophäen dieser Kinder, die uns barfuß und die kleineren Geschwister auf dem Rücken tragend am Wegesrand anstaunen.

Sie haben kupferfarbene Haut, tiefdunkle Augen und kurze Locken, tragen zerschlissene Kleidung. Neben den Pisten stehen die Häuser ihrer Eltern. Einfache Steinbauten oder Lehmhütten, häufig ohne Dach. Die Inneneinrichtung besteht aus einer Kochnische und Teppichen, auf denen gegessen und geschlafen wird.

Und dann sehen wir wieder Marrakesch. Eine Stadt wie ein Ameisenhaufen. Voll, undurchsichtig, geschäftig, mit einem schwer zu verstehenden System aus Märkten, Gassen, Plätzen und Verhaltensweisen. Wir lassen die Autos stehen. Auf dem Weg durch die berühmten orientalischen Märkte, die Suqs, orientieren wir uns mit der Kompassuhr. Schuhe, Teppiche, Kaftane, Gewürze, falsche Uhren, Blechhandwerk und bunter Schmuck sollen die Touristen locken.

Wer tiefer in das Marktlabyrinth dringt, sieht auch, um was die Marokkaner feilschen: Gemüse, Obst, Brot, süßes Gebäck, Handwerkszeug. Hühner, die vor Ort von Kindern geschlachtet werden. Fleisch, das in der Sonne an Haken hängt. Teppiche, Kleidung, Kaftane, Teegläser und -kannen. Und dann ist die Reise plötzlich zu Ende. Nach 1200 Kilometern Wüste und noch mehr Eindrücken. Jedes Team räumt sein Auto aus. Das Gepäck ist paniert vom Staub, die Kleidung verdreckt.

Im Hotel erwartet jeden eine Dusche. Mit dem roten Staub werden wir uns auch wieder unsere Gemeinsamkeiten abwaschen. Unseren Teamgeist, unsere Nähe. Jetzt kommen wir alle wieder alleine klar. Jürgen, Holz-Schorschi, Hildchen und Arne. Aber vergessen werde ich sie nicht.

Wüste Strecke: Hier ging es lang

Wüsteninfos

Wie bereiten Sie sich bestmöglich auf das Abenteuer Sahara vor? Nutzen Sie diese Tipps und Informationen für sich.

Stecken geblieben: Buddeln Sie die Spur vor allen Rädern frei. Legen Sie die Anfahrbleche vor die Vorderräder. Bei einer Drehzahl von 3000/min Kupplung im 2. Gang der Geländeuntersetzung springen lassen. Der Wagen hüpft aufs Blech, mit Tempo runterfahren

Kältedämmung: In der Wüste wird es nachts kalt, im Winter deutlich unter null Grad. Weil mehr als 30 Prozent der Körperwärme über den Kopf verloren gehen, sollten Sie Mütze oder Motorradmaske tragen

Anfahrhilfe: Das Bergeseil verbindet die Autos über Schrauben in der Karosserie und Karabiner. Der ziehende Wagen setzt das Seil erst unter Spannung und zieht dann bei vollem Gas im 2. Geländegang

Vorsichtsmaßnahme: Wer seine Stiefel am Morgen nicht mit einem Skorpion teilen will, der hängt sie besser auf. Wüstenstiefel sind leicht, atmungsaktiv, skorpionstichfest, hell.

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