Berlin vom Wasser aus: Mit dem Kajak über die Spree

Mit dem Kajak über die Spree
Kurs über die Spree

Sie kennen Berlin? Glauben wir nicht! Denn aus unserer Sicht haben erst ganz wenige die Metropole entdeckt: per Kajak

Die„Heiterkeit“ schlägt hohe Wellen. So heißt das Schiff – und auch das Programm: Auf dem Oberdeck jenes Ausflugsdampfers steht ein Alleinunterhalter, wechselt zwischen Zoten und Gesang. Jetzt gerade singt er, schnarrt aus den Bordlautsprechern über die Spree.

Doch sein Publikum ist abgelenkt. In den Kielwellen des Schiffs kämpfen die Besatzungen zweier Kajaks ums Gleichgewicht. Wir haben es wieder einmal verpeilt. Nicht daran gedacht, dass dies die hochamtliche „Wasserstraße Spree – Dahme“ ist und, hirnlos in ihrer Mitte dümpelnd, den Stadtplan nach Restaurants mit Landesteg zerforscht.

Jetzt walzen die Bugwellen der „Heiterkeit“ auf uns zu. Ausgleichsbewegungen, Spritzer auf der Spritzdecke und: ganz locker durchatmen. Das Risiko, auf offener Spree zu kentern, ist auch für Anfänger nicht allzu groß. Der Schrecken und die „Heiterkeit“ sind bald vorbei. Und bis zum nährenden Steg sind es nur noch wenige Paddelschläge.

Auf der Terrasse des „Freischwimmer“ speist das hippe Berlin aller Steuerklassen sehr relaxt Reis mit irgendwas Buntem, Scharfem. Nur 20 Zentimeter über dem grünbraunen Wasser einer Kanal-Sackgasse. „Willkommen in Berlins langsamer Parallelwelt!“, scheint das Wasser unter den Dielen zu glucksen. „Willkommen auf seiner anderen Seite, willkommen auf den nassen Schleichwegen ins Herz der Hauptstadt!“

Wannsee
Strandleben am Wannsee

Bootstrip: Der Weg ist das Ziel

Mit dem Kajak durch Berlin? Ein Bekannter einer Freundin hatte davon auf einer Party gefaselt, im bekannten Man-müsste-mal-Stil. Nur ausprobiert hat er es nicht.

In dieser Situation ist der beste Plan ein Stadtplan. Und siehe: Es gibt viel Blau in Berlin, mit bekannten Namen: Wannsee, Spree, Müggelsee. Und dazwischen Kanäle! Ein sauberes Dreieck mit – grob geschätzt – etwa 100 Kilometer Kantenlänge. Links oben: Spandau. Links unten: Wannsee. Rechts oben: Köpenick. Der lange Ost-West-Schenkel läuft mitten durch die City und das Regierungsviertel. Kanzler, ich komme! Nein, das doch nicht: Ein Anruf bei der Wasserschutzpolizei stellt klar, dass die Spree im Innenstadtbereich für Sportboote tabu ist.

Die Ausweichroute führt durch den Landwehrkanal. Dahin, wo der Reis mit scharfen Brocken inzwischen alle ist. Allgegenwärtig und insgesamt 200 Kilometer lang ist das befahrbare Adernetz Berlins. Und doch liegt es jenseits der alltäglichen Wahrnehmung. Wie unsichtbar ist Berlins Wasserfront vom Oberflächenberlin mit seiner Hektik und Hundekacke. Ihr da oben, wir hier unten.

Das Wasserberlin überrascht selbst den, der Asphaltberlin kennt. Mit froher, spießiger Niedlichkeit an seinem Rand. „Havelfreude“ und „Einigkeit“ heißen da die Kleingarten-
anlagen, „Bürgerablage“ ein Badestrand. Im Schatten selbst gezimmerter Bootsstege reicht der Blick durch das Wasser bis zum Grund und erfasst dort Teichmuscheln. Segelboote mit entspannten Menschen fauchen vorbei und bauen winzige Wellen. Deren blassgrün-transparente Kämme lassen den Gedanken an eine Kenterung eher reizvoll als erschreckend erscheinen – Spree und Havel haben in Berlin Badequalität.

Und dann das vornehme Berlin, südlich vom Wannsee und auf Inseln mittendrin. Grundstücke, bis zur Wasserkante bedeckt mit feinstem Golfrasen. Gartenhäuser in Wohnhausgröße vor Wohnhäusern in Palastgröße. Von der Straße aus sieht man vermutlich nur eine hohe weiße Mauer und ein Messing-Klingelschild mit der Gravur „Hausmeister“.

Zelten an der Spree
Romantik an der Spree

Bootstrip: Auf Quartiersuche

Es wird Abend an Berlins Goldküste, und es ist kein Land in Sicht, das armen Paddlern Zuflucht gewährt. Was tun?

Auf einem kleinen, erdigen Grundstück im Schatten einer Trauerweide grillt der DLRG-Posten. Er kratzt sich auf unsere Frage nach einem Zeltplatz in der Nachbarschaft ausführlich den Nacken: „Hier in Wannsee? Je reicher, desto bornierter“, erwidert er.

Das Vereinsheim des noblen Ruderclubs gegenüber wirkt so monströs wie ein Schwarzwaldhäuschen auf Anabolika. Nach unseren ersten 30 Paddelkilometern schleicht sich der Verdacht ein, dass auch Wassersportler die feinen Unterschiede pflegen. So wie Skifahrer und Snowboarder. Jedenfalls so, dass Paddler von Ruderern nicht gegrüßt werden. Dort fragen? Danke.

Anders als die meisten Ruderer benutzen Paddler ihr Boot oft als Reisevehikel. Und haben darum eine wunderbare Idee umgesetzt: Kanustationen. Wer Mitglied in einem Paddelclub ist, kann für ein paar Euro auf dem Gelände anderer Clubs zelten und findet da auch Waschgelegenheiten und Toiletten. Und für ein paar Euro mehr sind dort meistens auch Nichtmitglieder willkommen. Dummerweise sind die Kanustationen auf dem südlichen Teil unserer Route dünn gesät.

Etwa einen Kilometer südlich des Ruderpalastes finden es die Pächter einer Motorboot-Anlegestelle nicht einmal seltsam, nach ein paar Quadratmetern Zeltplatz gefragt zu werden. „Ick find dat jut, wat ihr da macht“, sagt der Opa vor seinem Wohnwagen. Das Zelt steht, und die letzten Enten wackeln zur Nachtruhe ans Ufer. Mag sein, dass in den Szeneläden in Berlin-Mitte gerade jetzt die Post abgeht. Ja, das mag sein.

Ausflugsschiff
Ausflugsschiffe - die natürlichen Feinde der Paddler

Bootstrip: Bonjour, Tristesse!

Der Trip um die Hauptstadt hat nur einen einzigen Engpass, aber der ist 38 Kilometer lang, heißt Teltowkanal und verspricht wenig Spaß

Keine möwenbeschriene Weite wie auf Wann- und Müggelsee. Keine sonnigen Wasserkneipen wie an den breiten Flüssen. Keine Innenansichten der Innenstadt. Aber die einzige direkte Ost-West-Route, und damit zwingender Teil der Stadtrundfahrt.

Nach ein paar Kanalkilometern taucht links der Campingplatz Dreilinden auf. Als Grenzübergang war das die Stelle, wo Dutzende von Anhaltern auf ihren Transit-Lift warteten – vorbei seit 15 Jahren. Ein DDR-Wachturm hat eine gelbe Markise bekommen und heißt jetzt „Café Caravan“. Jungs stehen mit Angeln an der Oberkante einer Spundwand, Mädels werfen Kiesel nach einer Ente. Tristesse wie in einem russischen Spielfilm.

Weiter, immer geradeaus. Sport in seiner destillierten Form: Bewegung um ihrer selbst wil-len. So spannend wie tausend Höhenmeter auf dem Stepper im Fitness-Club. Aber vielleicht muss es auch so sein, um einen Kontrast zu setzen zum Sinnenwirbel der City-Durchfahrt.

Aus dem Osthafen ragen drei Blechkerle. 30 Meter hoch, perforiert und aus Aluminium. „Molecule Man“ heißt das Ensemble, und irgendetwas will der amerikanische Künstler Jonathan Borofsky damit sagen. Mir sagt die Skulptur zunächst mal: „Blonk!“ Und es gibt einen Ruck im Boot, das gerade mit der Spitze einen der molekularen Männer gerammt hat.

Man kann zwischen ihnen hindurchpaddeln. Aber dann sollte man nicht ständig fasziniert nach oben starren. Touristen auf der Aussichtsplattform knipsen dankbar den kleinen Paddler im roten Boot als Vergleichsmaßstab zur Skulptur.

Café Kreuzberg
Entspannung im Café "Freischwimmer" in Kreuzberg

Bootstrip: Einfach treiben lassen

Knapp über der Wasserlinie, aber trotzdem wie mit einem U-Boot durch Berlin: überall dort auftauchen, wo es sich lohnt, umsehen und dann unbemerkt weiterpaddeln auf den flüssigen Schleichwegen.

Wie in Trance durch die gleichmäßige Ruhe des Paddelschlages. Offenen Sinnes und mit dem Bug voran nach Kreuzberg, wo Berlin zu Zeiten der Mauer für Westler am berlinerischsten war. Da, wo der Landwehrkanal als blauer Streifen mit grünen Randstreifen über den Stadtplan zieht.

Seltsame Fadenalgen treiben senkrecht im Wasser, von Zeit zu Zeit ein aufgeblähter
Rattenkadaver. Am Ufer sonnt sich feinstes Kreuzberger Grillgut im Slip und fühlt sich unbeobachtet. Der Gentleman schweigt, genießt und paddelt weiter. Bekiffte Bongo-Dilettanten trommeln sich am Urbanhafen die Knöchel dick, und keiner murrt. Käsbeinige Freaks wirbeln schlurfend Staub auf.

Nirgendwo, so scheint es, ist Berlin so entspannt wie am und auf dem Wasser. „Was willst du denn in Berlin treiben?“, hatten mich Bekannte vor der Abreise gefragt. Treiben? Zunächst mal nichts. Die Schultern schmerzen, der Nachmittag verglüht. Ich lasse treiben. Mich.

Auf dem Wasser durch die Hauptstadt
Kajak-Touren quer durch Berlin

Bootstrip: Berlin by Boat

Sie wollen die Hauptstadt mit dem Kajak erkunden? Hier verraten wir Ihnen, was Sie dazu wissen müssen

Die Route
Schon die kurze Variante (über 100 Kilometer) ist ein 4-Tages-Unternehmen. Wo man beginnt, ist eigentlich egal. Am meisten Spaß macht es aber, die Tour mit einer Nacht in der City abzuschließen.

Die Eckpunkte der kurzen Runde: Spandau (S-Bahnhof) – Havel südwärts – Gatow - Schwanenwerder (links vorbei) – Strandbad Wannsee – Großer Wannsee – Kleiner Wannsee – Pohle-see – Stölpchensee – Kohlhasenbrück – Teltowkanal (38 km) – Köpenick – Treptower Park – Osthafen – Landwehrkanal (durch die City!) – Charlottenburg – Einmündung Spree – Charlottenburger Schleuse – Spandau.

Genießer hängen für die schöne Strecke über Langen See, Seddinsee und Müggelsee mindestens einen Tag dran.

Allgemeine Infos
Touristen-Information, Tel. 030 - 25 00 23 33 (Ortstarif, Mobilfunk abweichend); visitberlin.de

Bootsverleihe:

  • Globetrotter Berlin, Tel. 0 30 / 8 50 89 20, www.globetrotter.de
  • Kanu-Connection, Tel. 0 30 / 6 12 26 86
  • Kanu-Club Köpenick, Tel. 0 30 / 5 35 01 03


Tipp: Faltboote erleichtern die Logistik ungemein. Wer im Starrboot den Teltower Kanal abkürzen will, muss einen Kleintransporteur bemühen – und bezahlen!

 

Übernachtung
In den Naherholungsgebieten Havel, Spree, Wannsee und Müggelsee gibt es Campingplätze. Soweit vorhanden, sind die Kanustationen des Deutschen Kanuverbandes (www.kanu.de) preiswerter und geeigneter. Ein Zelt ist Pflicht.
In der Stadtmitte:

  • Grand Hotel Esplanade, Lützowufer 15, Tel. 0 30 / 25 47 80, www.esplanade.de
    5-Sterne-Hotel, EZ ab 170 Euro, direkte Nähe zum Potsdamer Platz, eigener Bootssteg
  • Fjord Hotel, Bissingzeile 13, Tel. 0 30 / 25 47 20, Fjord Hotel Ein paar Meter weiter weg vom Wasser, EZ ab 85 Euro
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