Mit Schneeschuhen unterwegs: Schneewandern in den Alpen

Wandern mit Schneeschuhen
Schneewandern im Winter: Schneeschuhe schützen vorm Einsinken

Wer die Alpen im Winter pur – abseits überfüllter Skipisten – erleben möchte, der sollte das Schneewandern unbedingt ausprobieren! Rufus Rieder kam begeistert zurück. Eine Schneeschuh-Reportage

Heute Abend will die Raupe keine Nahrung zu sich nehmen. Äußerst ungewöhnlich, denn sie ist dafür bekannt, dass sie in jedem Restaurant eine doppelte Erwachsenenportion verdrückt. Die Raupe hört eigentlich auf den Namen Rainer und ist heute die erste Etappe unserer Schneeschuhtour mitgelaufen.

Rainer ist jetzt ein bisschen erschöpft. Ich muss gestehen, auch ich hatte Probleme beim Anstieg von La Veduta (2200 Meter) auf die knackige Scharte namens Fuorcla d’Agnel (2984 Meter).

Auf der Agnel-Scharte mussten wir eine halbe Stunde warten, bis die Raupe herangerobbt war. Geschafft, der höchste Punkt des Tages war erreicht! Jetzt konnte es nur noch bergab gehen. Unser Ziel heute, die Hütte Chamanna Jenatsch auf 2652 Meter, schien greifbar nahe zu sein.

Doch Rainer und ich, beide Schneeschuh-Novizen, unterschätzten die stundenlange, Kräfte zehrende Stapferei erheblich. Am Ende musste sich die erschöpfte Raupe fast übergeben. Mit letzten Kräften erreichte sie kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Hütte.

Riskante Schlappheit

So in den Abend hinein zu marschieren, ist nicht im Sinne unseres Bergführers Michael Aerni: „Um 9 oder um 10 Uhr morgens loszugehen und gegen 18 Uhr die Hütte zu erreichen, ist ein Riesenfehler.“

Aus vier Gründen: Erstens ist am Spätnachmittag die Lawinengefahr besonders hoch. Zweitens bleibt im Unglücksfall keine Zeit für eine Bergrettung bei Tageslicht. Drittens braucht der Körper abends Erholungszeit. Und viertens ist der Magen unmittelbar nach einer solchen Schinderei überhaupt nicht zur Nahrungsaufnahme in der Lage.

Vor uns auf dem Tisch dampft ein Teller voller Pizzoccheri. Diese Buchweizennudeln gelten als ausgesprochen köstliche Spezialität der rätoromanischen Schweiz. Doch es fällt auch mir gar nicht so leicht, nach dieser körperlichen Anstrengung die Nudeln so richtig zu genießen.

Aber klar ist: Morgen werden wir jede einzelne dieser Kalorien dringend benötigen. Morgen ist Gipfeltag. Sind die Energiespeicher am Start nicht prall gefüllt, droht der Körper beim Aufstieg gnadenlos zu verklappen. Um 21 Uhr fallen wir hundemüde ins Bett. Vorteil: Je müder man ist, desto weniger stören die schnarchenden Lagergenossen.

Grundsätzlich braucht man sich auf Berghütten außerdem keine zeitraubenden Gedanken über Körpergerüche zu machen. Die Klamotten lässt man ganz einfach drei Tage an. Mit dieser Strategie sparen Profis überflüssiges Unterwäsche-Gepäck. Was Sie außerdem zu Hause lassen sollten: Föhn, ein großes Badehandtuch, Clogs oder Pantoffeln (die gibt’s auf der Hütte).

Biber statt Riegel

Nach dem Frühstück um sechs Uhr morgens begebe ich mich in den Umkleidebereich, wo alle Gäste ihre Stiefel deponiert haben.

Der Geruch meiner frisch gefetteten Meindl Perfekt weckt in mir Erinnerungen an große Bergtouren in den Anden. Diesen Winter stecken die Stiefel zum ersten Mal in Schneeschuhen. Und ich bin überrascht, wie unproblematisch das funktioniert: einfach die Stiefel reinstecken und festzurren – fertig!

Vorm Start füllen wir unsere Getränkeflaschen mit Marschtee. Was den Zwischenproviant betrifft, fahre ich am Gipfeltag eine vollkommen neue Strategie. Keine Riegel, nur die Geheimsnacks der Einheimischen: Vollkornbrot mit Pastete aus der Tube, Salsiz (das ist Bündner Dauerwurst) und Biber (nicht das Nagetier, sondern eine Appenzeller Backwaren-Spezialität mit Mandeln und Honig).

Draußen in der Morgensonne begutachtet Michael die umgebenden Gipfel – und findet die besten Schneebedingungen auf der Tschima da Flix (3300 Meter). Der Himmel ist strahlend blau, der Pulverschnee knirscht unter den Schneeschuhen, ansonsten ist es wunderbar ruhig.

Ein Gespür für Schnee
Lawinengefahr besteht dennoch immer. „Man muss den Schnee lesen können, um die Risiken zu erkennen“, erklärt unser Bergführer. Leichter gesagt als getan, denke ich. Der Schnee ist doch überall absolut gleich weiß.

„Nordhänge sind am gefährlichsten, weil sich der Schnee dort nicht umwandeln kann.“ An Südhängen taut die Sonne den Schnee auf. Nachts gefriert er wieder, und so entsteht eine besonders feste Schneedecke. Gefährlich sind außerdem Schneeverwehungen. „Der Wind ist der Vater der Lawine“, so sagen die Berg-Profis. Erreicht eine Verwehung die kritische Masse, bricht der ganze Haufen los und rast ins Tal.

Vorsicht, Erlen!

Schneeschuhe gelten leider auch als potenzielle Lawinenauslöser. „Die punktuelle Belastung ist viel höher als etwa beim Ski“, erklärt Michael.

Während Skier über den Schnee hinweggleiten, dringen Schneeschuhe viel tiefer ein und bringen dadurch häufig die Schneedecke in Bewegung.

In tieferen Lagen gelten Erlen als besonders hinterhältig. Die elastischen Bäume biegen sich unter der Schneelast und liegen völlig zugeschneit platt am Boden. Wenn ein Wanderer über eine solche botanische Tretmine geht, saust die Erle in Sekundenschnelle nach oben und löst so oft eine Lawine aus.

Kristallpeitsche

Auf dem Plateau zwischen Tschima da Flix und dem Nachbarberg wirbelt eine steife Brise Eiskristalle auf, die uns dann wie winzige neunschwänzige Katzen ins Gesicht peitschen – sogar durch den Hosenstoff stechen sie

Als wir den Gipfelgrat der Tschima da Flix erreichen, liegen nur noch 100 Meter blanker Fels vor uns. Es ist Zeit, die Schneeschuhe abzuschnallen. Keine leichte Übung bei diesen Bedingungen. Eine Sturmböe pustet uns beinahe vom Grat.

Horsts Mütze fliegt mit hoher Geschwindigkeit waagerecht in Richtung St. Moritz. Glücklicherweise befindet sich noch eine Kapuze an seiner Jacke, denn ganz ohne Kopfbedeckung müsste er hier um seine Ohren bangen. Alles, was ungeschützt vom Körper absteht, friert schnell ein.

Noch gefährlicher ist es, beim Abschnallen der Schneeschuhe einen Handschuh zu verlieren. Rainer achtet mit Argusaugen auf seine Handschuhe, nestelt aber zu lange mit bloßen Händen an der Ausrüstung herum. Auf dem Gipfel weint er vor Schmerz, als die eingefrorenen Finger unter heftigen Handschuhschlägen auftauen.

Meine Freude über den erfolgreichen Aufstieg ist riesig. Aber auch ich bereue es, keine Fäustlinge mitgebracht zu haben. Noch eine Woche später fühlten sich meine Fingerkuppen taub an.

Wenn dieser Dreitausender schon so saukalt ist, wie muss es erst auf einem Himalaja-Berg sein? „Nicht unbedingt so viel kälter“, sagt Michael. Die gefühlte Kälte hängt stark von der Luftfeuchtigkeit ab. In trockener Höhenluft lässt es sicht ganz gut aushalten. Richtig ungemütlich ist es dagegen bei wassergesättigter Luft.

Die Spur der Schneehühner

An diesem Tag halten wir den Sicherheitszeitplan ein und kehren um die Mittagszeit zur Chamanna Jenatsch zurück

Der Abstieg geht flott vonstatten. An einigen steilen Gletscherpassagen mit geringer Lawinen- und Spaltengefahr erlaubt es unser Bergführer sogar, dass wir auf den Schneeschuhen ins Tal surfen. Das geht zwar nicht ganz so flott wie auf dem Snowboard, ist jedoch ähnlich erholsam.

Die Marschverpflegung aus Salsiz und Bibern hat sich bewährt. Selbst die am Vorabend noch so erschöpfte Raupe hat heute wieder zu alter Stärke (und altem Hunger) zurückgefunden. Diesmal bleibt vom Abendessen nicht ein einziger Krümel übrig.

Wo Fuchs und Hase gute Nacht sagen
Der Abstieg durch das Val Bever am dritten und letzten Tag unserer Tour ist ein Genuss. Wir folgen den Windungen des Baches, überqueren ihn an einigen Stellen auf Baumstammbrücken und entdecken in der verschneiten Märchenlandschaft Fährten von Füchsen und Hasen, Eichhörnchen und Schneehühnern.

Bis zur Eisenbahnstation in Bever ist es noch ein weiter Weg. Aber das macht überhaupt nichts, denn auf unseren Schneeschuhen bewegen wir uns in einer Art Symbiose mit der Wildnis. Ein starkes Gefühl!

Eines habe ich mir inzwischen fest vorgenommen: Sobald zu Hause der erste Schnee gefallen ist, werde ich die Schneeschuhe anschnallen und das Abenteuer vor meiner Haustür suchen.

Gut zu Fuß

Der Yeti mag vielleicht ohne Schneeschuhe auskommen. Sie nicht. Hier erfahren Sie die Vor- und Nachteile verschiedener Materialien

Holzrahmen aus Esche So laufen die Menschen in Kanada den Yukon entlang – und das schon seit mehr als 100 Jahren. Starke Optik, edle Rohhautbespannung, riesige Auflagefläche. Optimal für Tiefschnee geeignet.

Alurahmen gehören mittlerweile auch schon zu den Klassikern. Die Modelle zeichnen sich durch ihr geringes Gewicht aus. Ein Paar bringt nur um die 1,5 Kilo auf die Waage. Gute Allrounder, sind nur in steilem Gelände den meisten Plastikmodellen unterlegen.

Plastikrahmen rutschen selbst im hochalpinen Gelände und bei Querungen kaum weg. Dafür sehen sie nicht so elegant aus wie die Konkurrenz. Ideal als Aufstiegshilfe für Snowboarder.

Richtig runter

Schnee zu sehen ist wunderbar, Schnee zu begehen auch. Zumindest, wenn Sie die folgenden Tipps beherzigen

Mit Schneeschuhen einen steilen Hang hinunterzulaufen ist schwieriger als hinauf. Wichtig: Körper nach vorne beugen, mit den Stöcken abstützen

Das ist falsch:
Wer sich ängstlich nach hinten neigt, riskiert, dass ein Schneeschuh senkrecht stecken bleibt. Ein Sturz ist dann unvermeidlich

Extrem steile Passagen nicht hinunterlaufen, sondern mit gebeugtem Kniegelenk (vorn) rutschen, der hintere Fuß steuert während der Abfahrt.

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