Nachgefragt: Moritz Bleibtreu: "Ich nehme noch keinen Kajal"

Moritz Bleibtreu im Interview
"Jeder sollte sich sehen, wie er ist, nicht das, was er nicht ist", so Schauspieler Moritz Bleibtreu

Der Schauspieler Moritz Bleibtreu über männliche Schönheit, Outfits für 100 Euro und ein tief sitzendes Altkleider-Trauma aus seinen Kindertagen

Sie sind kürzlich 40 geworden.
Ja, leider (lacht).

Danke, das war eigentlich schon die Antwort! Versöhnt mit dem – Zitat von Ihnen – "zurückgehenden Zahnfleisch, dem ausdünnenden Haar und dem Bauchansatz?"
Ja, total. Das gehört dazu. Ich finde, ganz egal, was im Leben passiert, man sollte sich nicht gehen lassen. Auf der anderen Seite finde ich es aber genauso blöd, dem entgegenzuwirken, was das Alter und die Natur nun mal leider mit sich bringen.

Ein Mann muss nicht schön sein. Stimmt’s?
Bei Männern geht es mehr darum, was einer schafft, was einer kann und wie sich einer gibt. Aber Schönheit ist total relativ. Das hat unheimlich viel mit Ausgeglichenheit zu tun. Es gibt viele Leute, die auf Teufel komm raus versuchen, gut auszusehen, denen aber jedes Profil fehlt. Die können so toll aussehen, wie sie wollen, und werden doch nie schön sein.

Ein Mann steht vorm Spiegel. Was sollte er darin sehen?
Jeder sollte sich sehen, wie er ist, nicht das, was er nicht ist. Und nicht stundenlang vorm Spiegel stehen. Wir Männer müssen uns zum Glück ja nicht schminken. Im Bad sollte ein Mann nicht länger als 10 Minuten brauchen. Haare, rasieren und fertig. Also, ich nehme noch keinen Kajal.

Macht einen die Dauersitzerei in der Film-Maske nicht ohnehin zu einem Bad-Muffel?
Nö, eigentlich nicht. Als Mann sitzt du ja meist nicht viel länger als 5 Minuten in der Maske. Wenn dir deine Super-Maskenbildnerin dann noch eine Kopfmassage verpasst, sind es 10.

Wo darf ein Mann Haare haben? Wo sollte er keine haben?
Persönliche Geschmackssache. Im Gesicht bin ich gern rasiert, und das nicht nur, weil ich gerade Model für Braun bin. Das fühlt sich einfach gut an, glatt rasiert zu sein. Ich könnte mir aber niemals vorstellen, meine Arme, meine Beine oder meine Brust zu rasieren. Das hängt natürlich auch von der Masse an Körperhaaren entscheidend ab.

So schön mit heißem Wachs – einmal ratsch, und ab sind sie.
Oh, Gott! Wenn man das bei ein paar Freunden von mir machen würde, müssten die ins Krankenhaus, so viele Haare haben die.

Ziehen wir uns mal was an. Könnten Sie sich von Kopf bis Fuß für 100 Euro einkleiden?
Natürlich. Klar.

Discounter oder Secondhandladen?
Es gibt einschlägig bekannte Läden, wo du für 100 Euro gut angezogen wieder rauskommst.

Kein Secondhand?
Nee, da bin ich picky. Ich bin als Kind nur in Rotkreuzklamotten rumgelaufen, für 8 Mark das Kilo. Meiner Mutter war es zu blöd, mir neue Klamotten zu kaufen. Ich mag auch diesen dachbodenmäßigen Geruch nicht – alle meine Klamotten haben immer so gerochen. Das kriegst du nie wieder weg. Und wenn du auch nur ein Teil hast, das so riecht, und du legst es in den Schrank, dann riecht hinterher alles so.

Also lieber Gentleman-Style?
Absolut. Wobei: Gentleman, das ist nicht nur eine Frage der Kleidung. Ein moderner Gentleman kann auch in zerrissener Jeans und Flipflops daherkommen. Das ist einfach jemand, der sich in seiner Haut wohlfühlt und aufmerksam ist. Dabei geht’s für mich nicht um gesellschaftliche Regeln, sondern vielmehr um echtes Interesse am Gegenüber. Er weiß, was die Umstände von ihm verlangen – er weiß aber trotzdem immer auch, wer er ist, und bleibt deshalb authentisch.

Übertriebenes Styling wirkt lächerlich. Kann zu viel Mode der Authentizität schaden?
Nein. Gucken Sie sich Vivienne Westwood an. Oder Karl Lagerfeld. Was heißt da lächerlich? Mode hat für einige Menschen eine riesengroße Bedeutung. Die fühlen sich wohl dabei, ihre Befindlichkeit über ihre Klamotten nach außen zu tragen. Ich finde das super. Das kann man in jedem Alter machen.

Also machen Sie sich auch schon mal schrill zurecht?
Ich stehe auf schillernde Persönlichkeiten, bin aber selbst nicht so. Meine Mutter hatte eine Phase in ihrer freischaffenden Theaterzeit, etwa 1983, da ist sie mit einem Irokesenhaarschnitt und zwei verschiedenfarbigen Pumps auf die Straße gegangen, in Neongrün und Neongelb. Das war eine Ansage! Und heute? Wie will man noch wirklich schockieren? Da muss einer schon nackt gehen und sich sein Ding rot anmalen.

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