Unterwegs im Himalaya: Motorradreise durch Nepal

Motorradtour durch Nepal
Nepal lockt Alpinisten mit dem Höchsten, was der Himalaja zu bieten hat

Der Weg zum wahrhaft göttlichen Gipfelgenuss war noch nie einfach, sondern ist meist besonders steinig. Ein Reisebericht

Wie ein giftgrünes Ungeheuer füllt der Bus plötzlich die Spiegelflächen der Enfields aus. Das Stakkato der Hupe fährt uns in die Glieder. Abartig hohe Drehzahlen heulen in unseren Ohren. Wo sonst eine Windschutzscheibe glänzt, gähnt ein schwarzes Loch. Der Busfahrer verschwindet im gespenstischen Dunkel. Das Dröhnen der Maschine kommt näher, wie ein gefühlloser Transformer saugt sich der Bus Zentimeter um Zentimenter an die Hinterreifen der Enfields heran. Der Instinkt sagt klar: Flucht nach vorn. Doch die Vernunft bremst.

Die Passstraße von Mugling nach Kathmandu ist dicht. Im Schneckentempo hangeln sich asthmatisch rauchende Tata-Trucks durch die Spitzkehren nach oben. Was auf der eigenen Spur in Slow Motion abläuft, wird gegenüber in Fast Forward abgespult: Mit Karacho rauscht eine endlose Bus- und Lkw-Karawane den Berg herunter. Dem Typen hinter uns scheint das egal zu sein. Größer, stärker, passt schon –Vorwärtskommen wird auf Nepals Highways im Regelfall mit archaischem Recht erkauft.

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Das Hügelland in der Mitte Nepals gilt als die Kornkammer des Landes

Auf der Gegenfahrbahn staubt es schon wieder gewaltig

Endlich tut sich eine Lücke auf. Jetzt gilt’s: Wir pressen alles aus unseren 26-PS-Singles heraus und ziehen mit lautem Auspuffgeknatter an der Schlange vorbei. Am Kopf glänzt verheißungsvoll ein leer gefegtes Asphaltband, doch auf der Gegenfahrbahn staubt es schon wieder gewaltig. Im letzten Augenblick scheren die Enfields ein. Geschafft. Doch die Freude währt nur kurz. Nach wenigen schwungvoll genommenen Kurven beginnt das Spiel von vorn – und im Rückspiegel taucht schon wieder das grüne Ungeheuer auf …Eine kleine Ortschaft naht. Roadcaptain Peter beschließt, dem Remake von Spielbergs „Duell“ ein Ende zu setzen und fährt links ran. Teepause. Mit laut heulendem Motor und Fanfarengruß schießt der grüne Bus an unserem Reisetrupp vorbei.

In Rubinas Garküche brutzeln leckere Kartoffelbällchen im Ölsud, darüber trocknen kleine Speisefische aus dem nahe gelegenen Trisuli in der dieselgeschwängerten Luft. Pausenlos rauschen Busse, Trucks und Kleinlaster durch das Dorf. Die Ladeflächen und Dächer vollgestopft mit Menschen. Es ist der 11. November und damit Diwali-Zeit – das Lichterfest der Hindus, vergleichbar mit Weihnachten. Anlass, um sich auf den Weg nach Hause zur Familie zu machen, gemeinsam zu essen, zu feiern und sich zu beschenken.

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Wie eiskalte Kompassnadeln weisen uns die Achttausender den Weg

„Genau so habe ich mir Nepal nicht vorgestellt!“

Doch trotz Lichterzaubers herrscht in Nepal alles andere als heile Welt. Nicht wenigen Bus- und Lasterfahrern, die aus dem Süden in Richtung Kathmandu unterwegs sind, bläst der Fahrtwind direkt ins Gesicht. Die Volksgruppe der Madhesis hat in der Grenzregion zu Indien zum Aufstand und Streik aufgerufen – und eine Prämie für Kids ausgesetzt, die bei Streikbrechern die Scheiben einschlagen. Dass die Grenze zu Indien dicht ist und damit kaum noch Güter ins Land kommen, sieht man vor allem an den Tankstellen: zugeklebte Zapfsäulen, kilometerlange Schlangen abgestellter Fahrzeuge. Trotzdem rollt der Verkehr – dank des florierenden Schwarzmarkts, wo gepanschter Sprit für fünf US-Dollar pro Liter gehandelt wird.

Mitfahrer Markus nippt nachdenklich an seinem Masala Chai: „Genau so habe ich mir Nepal nicht vorgestellt!“ Genau eine Woche zuvor hatte der leidenschaftliche GS-Fahrer aus der Schweiz diesen Satz schon einmal vor sich hergebrummt. Wieder bei einer Teepause, diese allerdings in Beni am Eingang zum Kali Gandaki-Tal. Drei Tage lang ging es zuvor auf ähnlich verqualmten Asphaltverwerfungen von Nepals Hauptstadt Kathmandu Richtung Westen. Von den hohen Bergen des Himalajas weit und breit keine Spur. Der Blick in die grüne, aber komplett zersiedelte Landschaft macht eher betroffen. Männer hocken apathisch mit dicken Smartphones in der Hand vor windschiefen Wellblechhütten. Die Frauen hacken mit den Kindern im Schlepptau den Boden einer kleinen Parzelle auf oder tragen schwere Strohbündel auf dem Rücken von den Feldern nach Hause. Die Gräben links und rechts der Straße gleichen Müllhalden. Im subtropischen Süden, dem sogenannten Terai, zeigt das Dritte-Welt-Land Nepal seine ganze Armut.

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Klare Vorfahrtsregeln!

Reisegruppe hat Blut geleckt

Der eigentliche Reichtum von Nepal blitzt am frühen Morgen des zweiten Reisetages im Norden auf. Den Frühaufstehern strahlt bei Sonnenaufgang im pittoresken Bandipur einmal kurz die rund 60 Kilometer entfernte Gipfelkette des mächtigen Annapurna-Massivs entgegen, bevor sie schnell wieder in der dunstigen Dschungelluft verschwindet. Doch es reicht, die Reisegruppe hat Blut geleckt. Immer wieder sucht der Blick durchs Visier nun die majestätischen Gipfel des Himalaja. Mehr oder minder im Vorbeifahren werden nun touristische Highlights wie die alte Königsstadt Gorkha – einst Sitz der berühmten Gurkha-Kriegerkaste – mitgenommen.

Endlich ist es so weit: Im Phewa-See bei Pokhara, wuseliger Hotspot für die globale Trekking-Community, spiegeln sich die ersten schneebedeckten Gipfel. Passend dazu nimmt auch die Verkehrsdichte ab. Doch der Straßenzustand zwischen Baglung und Beni gibt einen leichten Vorgeschmack dessen, was dafür kommt: Immer wieder wird der Asphalt von Schotterpassagen unterbrochen, und schon bald fehlt die Teerdecke komplett. Wie die Spitze einer Kompassnadel gibt der knapp 7000 Meter hohe Gipfel des Nilgiri nun die Richtung vor. Markus ist inzwischen voll in seinem Element. Vergessen ist die nervenaufreibende Anfahrt. Elegant wie ein Trialkünstler balanciert der Alpen-Fan die 500er-Enfield über Stock und Stein.

Was anfangs noch Schotter war, wird plötzlich grobes Geröll. Oder schmieriger Matsch. Oder tief zerfurchter Staub. Und ein Ende ist nicht absehbar. Der Weg ins geheimnisumwitterte Mustang, einst das verbotene Königreich an der Grenze zu Tibet, windet sich unter bedrohlich wirkenden Felsüberhängen, zahllosen Wasserdurchfahrten, entlang an senkrechten Abhängen immer weiter Richtung Norden.

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Bridge over troubled water? So gesehen ist der reißende Fluss das geringste Problem

Kräfte schwinden selbst bei tapferen Piloten

Unsere Enfield Bullet ist alles andere als eine Hardenduro, aber das ist vielleicht auch gut so. Stoisch wie ein Lastentier zieht das Kultbike aus Indien seine Spur. Erster Gang, dann der zweite, ein wenig mit dem Gas spielen, das Spiel mit der Kupplung hingegen komplett vernachlässigen – schon hat man selbst ausweglos erscheinende Streckenabschnitte mit dem 500er-Einzylinder scheinbar mühelos gemeistert. Doch die Tagesetappen zeigen, dass der Weg wirklich steinig ist: 30 Kilometer an dem einen, 40 an dem anderen. Und noch immer geht es weiter bergauf. Selbst bei tapferen Piloten schwinden nun die Kräfte. Evelyn, immerhin 60, keinesfalls langsam und in den Alpen eine zähe Kilometerfresserin, steigt nach der x-ten glitschigen Wasserpassage erschöpft ins Begleitfahrzeug um.

Wir stoppen bei Patrick, der in Tukuche ein Guesthouse mit original holländischem Café betreibt. Vor 20 Jahren ist der Bergsteiger aus Hertogenbosch hier in Nepal hängengeblieben. Beim Feierabendbier auf seiner Terrasse verstehen wir warum. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen den von Wolkenfetzen umhüllten Nilgiri in goldenes Licht, dann nimmt uns die Einsamkeit gefangen. Bald prasselt in der guten Stube das Kaminfeuer, während das Thermometer vor der Tür rasant unter null fällt.

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Die Wasserstellen in Dörfern sind Waschküche und Badezimmer in einem

Das Ziel liegt auf 3900 Metern Höhe

Der tiefe, grün überwucherte Dschungel, durch den der Kali Gandaki talwärts rauscht, ist inzwischen einer rauen Bergwelt gewichen. Die aber alles andere als unwirtlich ist. Orangen, Zitronen und vor allem Äpfel, die im subtropischen Terai nicht wachsen, dort aber heiß begehrt sind, bilden den Reichtum vieler Bauernfamilien aus der Himalaja-Region. Den Anbau von Gerste, Kartoffeln und Gemüse hat man bis auf 4000 Meter hinauf kultiviert. Längst haben wir hinter Jomson die Baumgrenze passiert und peilen nun den Thorung an – dieser ist zwar nur 6201 Meter hoch, aber das Ziel ist, bis nach Muktinath auf 3900 Höhenmeter an die Gipfelspitze heranzufahren. Die Piste schraubt sich aus dem kilometerbreiten Flusstal in Serpentinen weiter in die Höhe.

Ausgewaschene Fahrrinnen fordern höchste Konzentration. Bis vor wenigen Jahren war der Weg nur für Wanderer passierbar – und zwei Traktoren, mit denen der Güterverkehr zwischen dem Flugplatz in Jomson und Muktinath abgewickelt wurde. Inzwischen ist die Piste auch für Jeeps freigegeben – bis die in Nepal allgegenwärtigen Busse zum Eingang des Königreichs von Mustang rollen, ist es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit.

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Reisedauer: 15 Tage; Gefahrene Strecke: 1350 Kilometer

Auf den Gipfeln hat Buddha das Sagen

Bunte Gebetsfahnen, die von beständigen Höhenwinden zerfasert werden, säumen den Weg. Anders als in den hinduistisch geprägten Südausläufern hat auf den Gipfeln Buddha das Sagen. In Muktinath lassen wir die Motorräder stehen und wandern die letzten 100 Meter zu Fuß zum Kloster. Nicht nur die sauerstoffarme Höhenluft ist atemberaubend.


Das 360-Grad-Panorama der „Annapurna Conservation Area“ tut sein Übriges. Gegenüber verschwinden die Zacken des 8165 Meter hohen Dhaulagiri in einer feuerroten Glut. Genau so haben wir uns Nepal vorgestellt.

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